JUD SÜßSAUER

Nach mehrwöchiger Beschäftigung mit Jud Süß war ich sehr neugierig auf Oskar Roehlers Blick auf die Geschichte. Sein Jud Süß: Film ohne Gewissen kommt auf den ersten Blick als solide gemacht daher, verliert allerdings, wenn man die Überhöhungen und Dramatisierungen feststellt, die bei einer Geschichte dieser Dramatik keinesfalls nötig gewesen wären. Ich will nicht spoilern, denn betrachtenswert ist der Film allemal.

Was die Rezeption allerdings schwer beeinträchtig ist das unkontrollierte Überchargieren Moritz Bleibtreus in der Rolle des Joseph Goebbels. In seinen Szenen reißt Bleibtreu einen aus dem Film heraus, weil er seinen Goebbels wie einen Comedy-Act inszeniert. Es wirkt, als habe er den Goebbels an Mr Burns an gelegt. Sein Goebbels brüllt und faucht, kann sich für keinen Dialekt entscheiden, und wenn er mal laufen muss, dann vergisst er auch mal eben seinen Klumpfuß, den er sonst so überdramatisch vorführt, als sei eines seiner Beine 30cm kürzer als das andere. Hier griff die Regie ebensowenig ein, wie bei der Inszenierung von Massenszenen. Dies wird dann besonders schmerzhaft bewusst, wenn Szenen des Films nachgespielt werden – Harlan war ein Komponist, Roehler ist in seinem Film überfordert. Einzig die Szene, in der Harlans Film in einem Zelt voller Frontsoldaten aufgeführt wird, man die Reaktionen der Soldaten sieht, an denen die Wirkmacht vor Harlans Film augenscheinlich wird, lässt erahnen, wie viel Potential hier verschwendet wurde. Der Rest des Films hat tv-movie-of-the-week-Qualität, was das production design, Schauspielführung und Drehbuch angeht. Die unsaturierten Farben sind ein Gimmick ohne Sinn, aeinzig ein Effekt, der von TV-Ästhetik ablenken soll, stattdessen aber nur das Artifizielle verstärkt, anstatt dem Zuschauer zu verdeutlichen, dass hier keine Fiktion, sondern eine quasi-wahre Geschichte erzählt wird. Ein Fehlgriff. Die paar wenigen Schocker-Szenen (Landgrebes Bomben-Sex beispielweise) tragen Roehlers Schriftzug, aber ein Mann für´s Feine ist er, wie auch Moritz Bleibtreu, in diesem Film nicht. Darstellerisch herausragend ist Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian, der die Rolle des Jud Süß in Harlans Film spielen muss. Sein Dilemma ist in jeder Sekunde spürbar, sein Spiel authentisch und differenziert. Er begreift das Potential der Rolle und füllt es mit allen Mitteln seines Fachs subtil auf. Gleichzeitig spielt er im Film im Film den Jud Süß mit einer Suggestivkraft, die der des echten Marian in nichts nachsteht.

Ich war ein paar Mal an Fassbinders Regie-Arbeit erinnert – allerdings einerseits an die (frühen) Filme, die er durch Tempo verhuschte, andererseits die Nachkriegs-Trilogie (Maria Braun, Lilli Marleeen, Veronika Voß) in der er vormacht, wie man große Geschichten in Filmbilder umsetzt – das also, was Roehler in diesem Fall nicht gelang.

Alles in allem ein Film, für den die Messlatte hoch lag, aber unter ihr vorbeigeschrappt wurde. (Und dennoch sehenswert, ein wenig Beschäftigung mit der wahren Geschichte vorausgesetzt.)

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