Kategorie-Archiv: but it refuses to shine

Whatever happened to Baby Glam (so far)

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, hallo vernachlässigte Leserinnen und Leser!

zunächst einmal ganz lieben Dank für den Gutschein, den ich gestern erhielt. Anbei eine kurze (!) Zusammenfassung, was alles so geschah und weshalb ich so lange ausfalle

In der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag wachte ich mit einem heftigen Hustenanfall auf, hatte das Gefühl, das jemand mein Herz fest in der Faust hält und ein paar Mal tüchtig zuquetscht, das ganze ein paar Sekunden hintereinander, bis zum nächsten Anfall ein paar Minuten später. Als ich aufstand, um irgendwas zu tun, sei es nur, um Bodenhaftung zu bekommen, blieb mir der Atem weg. Dann bekam ich Schüttelfrost. Ich konnte nicht mehr einschlafen, wusste aber, dass ein Bekannter von mir diese Nacht im Krankenhaus arbeitete. Er empfahl mir, sofort zu kommen, aber ich wollte erst einmal den nächsten Morgen abwarten. Als sich herausstellte, dass sich an der Symptomatik nichts geändert hatte, begab ich mich nicht ins Auto zu meiner Weihnachtsschicht, sondern in die nächstgelegene Notaufnahme. Hier diagnostizierte man mir nach ein paar Stunden des Untersuchens den Verdacht auf eine Bronchitis, sowie eine Panikattacke (ich hatte blöderweise angegeben, dass ich regelmäßig Citalopram nehme, ein Medikament gegen Panikattacken. ) Was man an dieser Stelle übersah – meine CRP Werte (oder CPR?) (Normalwert liegt bei 1, ein Warnwert ist erreicht bei 5) lagen zu diesem Zeitpunkt bei 34.

Kurze Unterbrechung, 31.1.17: soeben kommt die Krankenschwester in mein Zimmer und sagt mir, dass die gestrige Isolationsverordnung (der Zimmergenosse, wurde evakuiert, ich nur noch mit einer Pinzette angefasst, die in Fausthandschuhen steckte, ich erntete angewiderte Blicke), auf Basis einer veralteten Vorgehenswieise aufgehoben werden kann, sofern ich dusche und frische Kleidung anziehe. „Tja, das tut mir nun Leid, meine frische Kleidung kommt erst im Lauf des Tages.“ Wenn es so einfach ist, für ein paar Stunden ein Einzelzimmer zu bekommen… Und allein für die Demütigung gestern. Aber ich greife vorweg.

Den zweiten Feiertag verbrachte ich im Bett, auch in den folgenden Tagen war an eine Rückkehr nach Berlin nicht zu denken. Am 2. Januar hatte ein ich einen Arzttermin für den ich dann nach B. zurückreiste. Ergebnis war, dass meine Hausärztin mich aus feuchten Augen anschaute. „Herr Ludewig, ich möchte Sie ungern in Ihre Wohnung zurücklassen. Ich weiß nicht, wie Sie die 5 Treppen schaffen wollen“. Tatsächlich hatte mir Atemnot das Treppensteigen schwer gemacht, ich schob das aber immer noch auf eine schwere Erkältung, vielleicht Grippe. Meine CRP-Werte zu diesem Zeitpunkt: 220. Sofortverordnung Antibiotika, Krankschreibung bis Ende Januar. „Herr Ludewig, Sie sind ein schwer kranker Mann.“ Noch immer Ungläubigkeit aber auch leise Panik. Ich bin nicht drauf eingestellt, krank zu sein, geschweige denn schwer krank.

Nächster Zwischenstop, eine Radiologie im Ärztehaus Bergmannstraße, weiter in die Pneumologiepraxis im selben Bezirk, wo meine Hausärztin mir einen Notfalltermin gezaubert hat. Der CT zeigt untypische Entzündungsherde in der Lunge. Für mich siehts aus wie planetäre Umlaufbahnen, so saturnringelig. Atypische Lungenentzündung hab ich also, und sollte gar nicht auf den Beinen sein, aber irgendwie muss ich ja von Praxis zu Praxis. Atypisch sind diese Gebilde, später ist von Embolien die Rede. Sowohl Form als auch Platzierung in der Lunge sind ungewöhnlich. Frau T. hätte gern eine Bronchoskopie, sie verschafft mir noch in der gleichen Woche einen Termin in einer Klinik im Friedrichshain. Eine Donnerstagmorgens betrachtet der Oberarzt der Pneumologie die CTs und Bilder, die Berichte, und bestellt mich für den nächsten Morgen zum TEE – dem Schallecho, einer Prozdeur, bei der man einen Schlauch schluckt, der die Aktivitäten der Herzklappen filmt. Des Arztes Instinkt trügt ihn nicht. Die Lungenentzündung ist verursacht von einer Entzündung der rechten Herzklappe.

Eingestellt auf eine, vielleicht zwei Krankenhausübernachtungen, ändert sich die Dauer des Aufenthalts auf unbestimmt. Ich bekomme morgens, mittags, abends Antibiotika und werde sogar nachts um 4 für einen Tropf geweckt. Ich schlafe selten mehr als drei Stunden am Stück, die Krankenhausstation erinnert, was Lärm und Aktivität angeht, an eine Notaufnahme nach einem Zugunglück. Aber dennoch, vielleicht deswegen, hier ist ganz deutlich spürbar – hier wird sich um die Patienten gekümmert. (Und wer es unbedingt wissen will, und mittlerweile verstehe ich die Wichtigkeit der Information: das Essen ist passabel.) Es klingelt, fiept, brubbelt (Sauerstoffversorgung), manchmal wird gekrischen oder geschrien, oft aber auch gelacht. Schuhe quietschen auf Linoleum. Das ist Berlin-Brandenburg hier, incl. Mutterwitz und Galgenhumor. Eine Schwester verrät mir sogar die heimliche Raucherecke, nicht ganz legal, aber besser als „den Kerl mit drei Infusionen nach unten zu schicken und nachher kippt der mir um, weess ick, wie der dit Zeuch verträcht.“ –es heißt ja nicht umsonst Anti und Bio. Gefragt, ob ich den ganzen Quatsch nicht oral und zu Hause nehmen kann: „Denn wärnse innerlich tapeziert mit Geschwüre und Pilze.“ Yum.

Für Abwechslung sorgt das Bett neben mir (ich bin in einem Zweibettzimmer mit Klo und Dusche übern Gang untergebracht. Aber duschen tut außer mir offenbar eh keiner, die Männer zumindest nicht, die scheinen selbstreinigend zu sein. Ich habe auch fast keinen Mann mit einer Zahnbürste in der Hand erspäht. Ich muss ein Weichei sein, das Millionen in Zahnpasta verschwendet hat. Ich könnte vermutlich privatversichert sein!) In 14 Tagen kommen ich auf 11 Zimmernachbarn, von allem ist was dabei. Fast alle kommen zum Herzkatheter, danach müssen sie 6 Stunden ruhen und können derweil sonst keinen Unfug anrichten. Die Station findet, dass das zu mir passt. Tatsächlich liegen hier ein paar Längerfristige, mit denen ich nur ungern das Zimmer teilen würde. Die Fraktion, die im Schlüpfer durch die Gänge grast und die jüngeren Pflegerinnen als „mein Mädchen“ bezeichnet. Bein stellen nutzt auch nichts, dann bleiben die noch länger…

Bei den Visiten werde ich langsam darauf vorbereitet, was mich erwartet. Sofern die Antibiose erfolgreich ist, wird sie vier bis sechs Wochen durchgezogen. Sofern nicht, und das wird der nächste TEE-Schlauchschluck erweisen: „Dann müssen wir die Herzklappe ersetzen Herr Ludewig. Aber das ist mittlerweile eine Routine-OP.“ Der Ernst der Lage wird mir erst hier bewusst. Es wundert mich nicht, dass das Schweineherz es noch nicht in die Popkultur geschafft hat. Nichts für Katy Perry. Aber Sia? (Die hat immerhin schon ein „Elastic Heart“!) Persönlich finde ich die Vorstellung von Ersatzteilen etwas krank und vorzeitig. Aber vielleicht ist das der Tribut aller Schweine, die ich nie gegessen habe. Sie opfern mir eine Klappe der Ihren! (Cue Julio Eglesias: „To all the pigs I never ate before….“ Gut, dass es nicht Puten sind, die darüber entscheiden müssen, da wäre meine Bilanz weniger vertrauensbildend.)

Bei TEE 2 bin ich schon Profi. Zunächst wird der Rachen mit einer örtlichen Betäubung ausgesprüht, dann wird Michael Jacksons Lieblingsmedikament, Propofol, an den Zugang gekoppelt und in Würgmomenten die Venen hochgejagt. Danach ist man fit und kann sofort die Ergebnisse der Aufnahme besprechen. Und bei der richtigen Dosierung Propofol spürt man von der Prozedur rein gar nichts. Nein, der zu schluckende Schlauch ist nicht so breit wie ein Strohhalm, eher wie ein sehr sehr langer Vibrator, nur dass er nicht vibriert, sondern filmt.

Die Ergebnisse sind so, dass die Schweine vor Freude mit den Klauen klatschen: Die Antibiose war erfolgreich, das 1,4cm was-auch-immer, das sich da an meiner rechten Herzklappe zu schaffen gemacht hat, hat sich unter dem chemischen Bombardement zurück gebildet. Keine neue Klappe erforderlich.

Bei allem Behandlungserfolg macht mir die Situation zu schaffen: der Schlafentzug, das enge Zimmer mit den ewig wechselnden Bettnachbarn, die Abwesenheit von Rückzugsmöglichkeiten, das Klo übern Gang. Zwei Wochen kann man das mal machen, aber vier bis sechs? Hinzukommt die Koordination des eigenen Lebens, was sein Vorhandensein außerhalb des Krankenhauses anbelangt. Zwei Wochen lang haben sich Freunde gekümmert – Wäsche gewaschen, Post geholt, Fanta und Cola (und auch mal ne Flasche Wein) mitgebracht. Meine Eltern (75 und 82) würden mich gern besuchen, trauen sich aber die Fahrt nach Berlin nicht mehr zu. Wenn die Familie also nicht zu mir kommen kann, vielleicht ich dann zu ihr, zumindest in die Nähe? Meine Ärzte stimmen zu – die Antibiose kann eigentlich an jedem Krankenhaus verabreicht werden. Sie unterstützen eine Verlegung. Sie empfehlen, die Antibiose vier bis fünf Wochen fortzusetzen. (Selbst nach einer Klappen-Transplantation sind sechs Wochen Antibiose üblich). Das meinen Eltern nächstgelegene Krankenhaus (außer dem, in dem mein Entzündungsstatus übersehen wurde) liegt im Harz, außerdem arbeitet dort auch noch mein „Bekannter“, d.h. meine Harz-Romanze, dem ich nicht einmal übel nehme, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat. Er war damit (fast) von Anfang an offen und ich habe nicht vor, seine Familie zu zerstören, ich bin da für die andere Seite seiner bisexuellen Identität. Und Fazil, so stellt sich zu meiner großen Überraschung heraus, arbeitet nicht etwa in der Notaufnahme, sondern – auf der Kardio! Er ist begeistert von der Idee, dass ich auf seine Station komme, meine Eltern erleichtert, dass ich 10 und nicht 250 km entfernt bin. Die Kardio in Berlin, dass ein Bett frei wird. Alle glücklich. Ich auch. Wäre da nicht…

Fortsetzung folgt

/

Was ein gut gemeinter Plan zweier Freunde war, hat zwar einesteils das bewirkt, was es sollte. Die Räder rotieren. Auf der anderen Seite war es auch ein Tritt in die Kniekehle und Magenkuhle. Das Verletzendste: warum zu solch heftigen Mitteln greifen, anstatt mich direkt anzusprechen. Warum über mich reden und nicht mit mir? Dies auszusprechen, traf auf blankes Entsetzen. Hatte ich nicht begriffen? Meine Kritik an der Methodik hatte nun zur Folge, dass wir keinen Kontakt mehr haben. Dumm gelaufen.

Marchons, marchons… ou… Le Coeur gros comme un Tango

Ich erfahre davon, als ich Facebook checke und lese, dass meine Nichte in Sicherheit ist (obwohl es Sicherheit natürlich nicht gibt). Erst dann fange ich an zu lesen, fahre nochmal den Mac hoch, weil die Bandbreite zu groß ist für´s Handy. Im Zehnten ist das alles geschehen, Patenkind lebt im 11., wollte eigentlich zum Spiel, blieb dann aber im Wohnheim, weil eine Freundin krank war. Am Samstag dann permanent alle Nachrichtensender abgesurft, immer wieder Tränen, dann diese Gedanken – Oh mein Gott, was wird das für Auswirkungen auf meinen Refugee-Roomie und seine Fellows haben. Und das, wo diese Situation in Paris in Damaskus Tagesordnung ist und der Grund für die Flucht.

Tatsächlich trotz allem geschrieben, passenderweise zum Thema Terror. Noch passenderweise Terror unter Kindern. Und diese selbstsicheren Attentäter, die immer wieder durchgeladen und neu gefeuert haben waren offenbar um die Zwanzig. Kein besseres Alter als das Kindesalter, um Leute abzufucken und zu Mordmaschinen zu verkrüppeln. Die irre Vorstellung, wie viele Kinder so infiltriert wurden und werden und die Unvorstellbarkeit, mit einem Kriegsakt dagegen anzukommen. Wenn den Attentätern das eigene Leben nichts wert ist, weil im Jenseits 100 Jungrauen auf sie warten. Religiöse Jenseits-Versprechungen, allein die Vorstellung, dass nach dem Tod etwas kommt sollten endlich wissenschaftlich ent-täuscht werden. GET. REAL. Tot ist tot. Töter gibt´s nicht.

Taxes

Der Tag, an dem ich hoffentlich erfahren werde, warum der Angestellte des Steuerbüros meine Einkommenssteuererklärung zwar angefertigt, aber nicht beim Finanzamt eingereicht hat, weshalb mir vorgestern vom Finanzamt 4000 Euro vom Konto gepfändet wurden, die ich gar nicht habe, was mich ziemlich zahlungsunfähig macht und zur Folge hat, dass Lastschriften und Daueraufträge platzen, was wiederum mit Kosten verbunden ist, die zu den Prozenten des zerschossenen Dispos hinzu kommen. Wie kommt es, dass das Finanzamt über meinen Dispo hinaus Geld bekommt, ich aber nicht? One of these days. (Das alles ohne jede Anmahnung oder Aufforderung, einfach so zack abgebucht – hier nehme ich mal das Finanzamt in Schutz, die Anmahnungen wird es gegeben haben, und die befinden sich vermutlich in der Schublade des besagten Angestellten. Und für richtig blöd werden Sie mich halten, wenn ich sage, dass dies nicht das erste Mal der Fall ist.)

Beten Sie mal ruhig für mich, dass die Steuerbüro-Chefin das alles wieder gerade rückt.

MADEN IN GERMANY

Gerade so eine unbändige Wut in mir – es ist alles geschrieben und gesagt zum hässlichen Deutschen, über Ungarn reingemacht for the milk & honey, nun aber hetzen, als ob ein Flüchtling ihm was wegnehmen würde. Menschen bewegen sich nun mal, und aus triftigem Grund. Wir haben alle einen Migrationshintergrund. Beim hässlichen Deutschen reicht der so weit zurück und ist gleichzeitig so kurz – bis zum Affen in irgendeinem Urwald möchte man sagen, aber Affen haben wenigstens Sozialkompetenz. Die Geiz ist geil-Gesellschaft auf dem Höhepunkt ihrer Kleinlichkeit. Eine der Ironien – in Berlin gibt es zu viele unbesetzte Stellen in den Ämtern um die Asylanträge zeitnah zu bearbeiten. Man freut sich über Initiativbewerbungen und selbst Quereinsteigern lockt Verbeamtung. Ist aber natürlich einfacher, auf der anderen Seite vom Schalter zu bleiben und die Hand aufzuhalten. Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken, schaute mir die Ausschreibungen an, aber in so einem System zu versuchen, einer der Guten zu bleiben, dürfte schwer sein. Es droht eine Karriere als Zyniker und Menschenhasser. Und ich hab ja nen Job. Wir kriegen es gerade so um die Ohren gehauen, dass Deutschland nicht ARD ist, sondern RTL2. Mediamarkt und nicht etwa Mercedes. Wenn es Deutschland, von außen betrachtet, so gut geht – wie kommt es dann, dass der politische Apparat so derart schwerfällig ist, nichts mehr mit der Geschwindigkeit des Lebens zu tun hat – einfach nur machtlos dasteht. Wenn Privatmenschen das übernehmen, was eigentlich die Regierung in unserem Auftrag in den Griff bekommen müsste? Helfen. Da sehe ich keine Kompetenz, da sehe ich nur eine apathische Frau, deren Mundwinkel auf die Knie weisen. Die angeblich so mächtig sein soll, weltpolitisch betrachtet, aber innenpolitisch nur in Floskeln spricht – wie sie es in der DDR gelernt hat. Bloß nichts falsches sagen, am Besten immer rundrum um das Thema, nie rein. Rede-Zeit verfließt.

Nicht wirklich Themawechsel: Zwei dumme, kranke Männer, geldgeil, entführen derweil eine 17jährige und sind in ihrer Kriminalität inkompetent genug, sich nach knapp 5 Tagen schnappen zu lassen. Das kostet ein Menschenleben. Auf verblendetste Art und Weise selbstüberschätzt, gierig, skrupellos und menschenverachtend. Ich sehe da einen Bezug.

Secrets and Lies, Guilt and Shame

Dieses Wetter nagt an mir. Es ist Ende Juni und wir waren noch kein einziges Mal auf dem See. In der Wohnung sind es 16°. Der See ist so ein essentieller Bestandteil des Berliner Sommers – wenn man mir den wegnimmt, dann stirbt etwas in mir. Einziger Trost ist meine Terrasse, die noch nie so schön beplanzt war wie dieses Jahr und auf der es sich unterm Dach der Hollywoodschaukel und mit Sonnenschirm auch im Nieselregen gut aushalten lässt.

Es liegen noch ein paar unbetrachtete Serien neben dem Fernseher, aber meine Aufmerksamkeitsspanne ist gerade auf standby. Ich kann mich auf Carthage konzentrieren, aber danach fällt es mir schwer, mich auf andere Erlebniswelten einzulassen. Passend also das Treffen mit dem Serben, mit dem man die kulturellen Auswirkungen von Kriegsverbrechen erörtern kann (die ein großes Thema in Oates´ Roman sind).
“Wie war denn der Serbe?” fragt die N.
“Na ja. Serbe halt.”
Und das meine ich nicht despektierlich, aber ich konstatiere eine Trockenheit und Abgeklärtheit, die anders ist als die Abgeklärtheit andere 20somethings weltweit. Charaktere, die aus Bitterkeit, Resignation und dem Wunsch nach Rebellion geformt wurden. Denen nach Aufbruch und Ausbruch ist; wenn sie Glück haben, gelingt er ihnen. Manchen gelingt eine Abspaltung des Erlebten oder jüngst tradierten. But. You can take the boy out of Serbia… (Das ist kein privates Vorurteil, aber mein individuelles Urteil.) Kulturen, in denen Geheimhaltung, Lüge und Diffamierung bis vor historisch Kurzem zum Überleben gehörten – ich kann mir das anhören, ich kann versuchen, es zu verstehen, aber ich weiß, wie schwer es ist, eine gemeinsame Ebene zu finden und habe zu oft im Umfeld erlebt, dass diese Ebene nur ein wackliges Konstrukt ist.

Ich könnte jetzt noch weiter schreiben zum Thema posttraumatische Stress-Syndrome bei Kriegsheimkehrern, aber Sie könne auch einfach das Buch der Oates lesen – treffender werden Sie den mindset des Wiederkehrers nicht beschrieben bekommen. Und das betrifft nicht nur die “Kriegshelden” im Irak, sondern jeden Soldaten, der von Kampfhandlungen zurückkehrt und wieder ein Leben aufnimmt, in dem Mord, Folter, Schändung, Gruppenzwang, Testosteronkoller, Autoritätshörigkeit, Nationalstolz und Vergewaltigung keine erwähnenswerte Rolle mehr spielen. Jene Details jedes Krieges also, über die man im Nachhinein kein Wort mehr verliert. Oder was hat Ihr Großvater so vom Krieg erzählt?

So definiert Waldorf “Inklusion”

Nicht in eigener Sache, sondern in der einer guten Freundin, Tanja.

“Einer meiner Söhne ist Inklusionkind und hat Anspruch auf Nachteilsausgleich in der Schule. Bis zur 6. Klasse wurde er von seiner Klassenlehrerin an einer Waldorfschule toll gefördert, ab der Mittelstufe gab es Probleme. Die Schule weigerte sich, natürlich nicht offiziell, aber durch fiese Tricks, meinen Sohn inklusiv zu beschulen. Sehr überraschend wurde dann für ihn ein Platz an der Waldorfschule R.straße frei (durch das Betreiben der alten Schule). Es hieß, es seien Inklusionsplätze frei geworden. Es gab gute pädagogische und psychologische Gründe, ihn im Waldorfsystem zu lassen, deshalb wechselten wir. Dann mauerten die Lehrer, es gab keine Gespräche, keine Förderstunden, und ich fand heraus, dass mein Sohn schon das 8. Inklusionskind in der Klasse war. Vor ein paar Tagen wurde ich zu einem dringenden Gespräch in die Schule gebeten, wo man mir mitteilte, dass mein Sohn sich nicht bemüht hätte und deshalb die Probezeit nicht bestanden hätte. Netter Weise würden sie ihn noch bis Weihnachten beschulen. Damit erlischt sein rechtlicher Anspruch an einer Waldorfschule inklusiv beschult zu werden. Jetzt brauchen wir jede Info zu einer professionell arbeitenden Inklusionsschule, 30 Minuten Fahrzeit von Kreuzberg sind ok. Kennst sich jemand aus im Schulrechtlabyrinth? Ich warte noch auf ein Antwortschreiben von der Schule, wenn es ausfällt wie ich es befürchte, möchte ich an die Presse gehen. Hat jemand Kontakte? Danke fürs Lesen und jede Info! Tanja”

Der Schüler habe sich nicht bemüht! Ganz offenbar sind es doch die Lehrer, die ihrer pädagogischen Fähigkeiten nicht ausüben wollten oder konnten. Ein wenig mehr “Bemühung” von dieser Seite wäre das Geringste gewesen. An einer staatlichen Schule wäre ein solcher Rausschmiss nicht möglich, eine Privatschule darf offenbar tun was sie will, wenn Pädagogen vor ihrer Verpflichtung auf die Knie gehen. Ein Kind mit Lernschwierigkeiten zu inkludieren, um es dann deswegen vor die Tür zu setzen. Geht´s noch???

Wenn jemand Schul-Tipps/ Presse-Kontakte hat, bitte mail an glamourdick at aol dott com, ich leite dann an Tanja weiter.

NOT PROUD

Beim Bravko eine Nusskaramel-Käse-Tarte kaufen. Blick aus der Tür: eine Gruppe Homosexueller auf dem Weg zur Ubahn, ganz süße Enddreißiger, aber einer dabei, Typ Sitges, Glatze, braungebrannt, kurze schwarze Lederhose, schwarzes Tank, schwarze Lederleine, daran ein Schwarzer mit Opernmaske und sonst eigentlich wenig. Die haben garantiert die Regenbogenfabrik gebucht, weil sie die fürn Homo-Hostel gehalten haben. Son Och-nö-Moment und die Entscheidung die Neubrandenburger und Garmisch Partenkirchener Perückenträger unter sich feiern zu lassen. Fremdschämen kann ich auch vorm TV.

(Dieses ganze Sklaven-Ding: liefern die sich aus, weil sie ihre Sexualität abgeben möchten, aus Angst vor ihr? I mean, das sind Leute Anfang Mitte 20. Soooo weit sind wir offenbar nicht gekommen.)

facing the facts

Die Laune so vergiftet, dass ich schon um 5.30 aufwache. Der Fernseher schaltet sich tatsächlich von selbst ein, um zu sagen, dass ich mich besser mit Fiktion infiltrieren soll als mich um die Fragen zu kümmern, die schon vorsortiert auf einem Tisch liegen, der in einem Zimmer steht, für das ich die Schlüssel weggeschmissen habe. Schau ich also Carrie und Brody zu, dramaturgisch denkend natürlich wissend, dass das kein Happy End geben wird. Und dann legt sich die große Bewunderung vom Schauspiel über das emotionale Gift, das gerade durch die Seelenvenen saust, für ein paar Minuten, aber, facing it, denk ich wie Brody – “Fuck me.” Oder “das ist jetzt aber wirklich richtig richtig schlimm”. So die Tage halt, wo das ganze positive Denken, die Selbstverarschung der Verhaltenstherapie mal in die Fresse kriegt, das Maul gestopft, weil, ja. Richtig richtig schlimm.