Kategorie-Archiv: Dann sind sie Helden

The Killing

Nicht nur tauchte vor ein paar Tagen die Elbmarie auf, ein ganz und gar liebenswerter Mensch, den ich aus den Augen verloren hatte in dem turmoil der early Berlin war ca 1990; gestern ein Profil auf den blauen Seiten, could it be TK? And I write “Könntest Du TK sein?” Und er schreibt “Hast Du nicht über der Bäckerei gewohnt?”, und fast dreißig Jahre (!!!) verspätet haben wir endlich Sex. Und Spaß, und, nein, es schließt sich kein Kreis, aber ich wache auf und stelle fest, dass ich vermutlich auf meinem Füllfederhalter eingeschlafen bin, ich hab grüne Markierungen. Es ist Tinte, kein Schimmel, dafür ist es zu grün. Und, mal ganz banal, diesen Schwanz im Mund gehabt zu haben IST besonders. Ich hatte nicht gewartet, 28 Jahre, aber es war eine Ankunft und eine Versöhnung. Und auch, wenn seine schönen schwarzen Haare history sind. TK und ich. Sex. After all.

Army Dreamers

Jetzt wäre eigentlich der Zeitraum to form an informed opinion bezüglich Israel. Aber nee. Ich mag den Menschen, so wie er ist, auch wenn er Soldat war, was bei mir früher so etwas von Ressentiments ausgelöst hätte. In diesem Stecknadelkopf-der-Existenz-die-mein-Leben-ist werde ich keinen Weltfrieden schaffen oder den Nahen Osten klären. Es ist die Melodie der Menschen, auf die ich höre. Und die kann sich manchmal verbergen hinter frühmorgendlichem High Energy Disco House, wo auch schamlos schief mitgesungen wird. Opinionation ging vielleicht bis 40. Ich hätte ja auch die beiden südafrikanischen schwulen christlichen Couchsurfer aufgenommen, obwohl die ganz furchtbar gottesfürchtig waren. Das sind alles Klangfarben, die ihre Berechtigung haben, und es fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich feststelle, ich muss die Welt nicht retten. “Er ist Philosoph,” sagt Galyna aus der Ukraine, “das ist gut, dann ist er nicht religiös.” So muss man das sehen. Und seinem heterosexuellen Yoga-Gott-Philosophen-Kumpel gebe ich etwas zu denken, als ich erzähle, dass es etwas anderes ist, eine Kuh zu mieten, in Dänemark oder in Deutschland, beim Thema günstige Busreisen.

Brooklyn

Um 3 aufgewacht mit Heißhunger. Gefrühfrühstückt, vier Folgen “Modern Family”, dann wieder geschlafen. Eigentlich habe ich heute eine Art Date, ein netter Mensch mit unglaublich gutem Humor will Fußreflexzonenmassage an mir üben. Dazu müsste ich aber durch die ganze Stadt, und ich weiß nicht, und dazu sehe ich mich heute nicht imstande. Die Trauer rockt immer wieder rein ins Alltägliche. Gespräch mit meiner Mum, Tränen. Die Bürokratie, die in einem Todesfall anfällt, ist wunderbar – sie hält einen beschäftigt, aber dann ist plötzlich Sonntag und man sitzt allein am Frühstückstisch. Ich bin das ja gewohnt, sie nicht. In den vergangenen Wochen hat sich mein Geschmackssinn vertausendfacht. Ich trinke ein Ginger Ale, einen Saft, esse den selbst zubereiteten, zur Perfektion gereiften Kartoffelkloß mit Rotkohl und Sauce und es ist überwältigend. Wir hatten dieses eine Mittagessen, wenige Tage nach dem Tod meines Vaters, und haben uns ungläubig angeschaut, wie froh wir über das Essen waren, und wie sehr es uns schmeckte.

Der Tod ist ja mal das logischste aller Ereignisse, neben der Geburt und der Steuer. So eine empirische Anleitung zum Umgang damit gibt es nicht, und wenn, dann greift sie nicht auf das individuelle Erleben. Und er ist nicht nur ein Satzzeichen, ein Punkt oder Semikolon für die Lebenden, er ist ein Schachtelsatz, der zum Motiv wird.

“Du hast ja ein schönes Cap!” Sagt die Lieblingsbuchhändlerin. (Das, das mein Patenkind aus New York für ihn mitgebracht hat, Aufschrift Brooklyn.)
“Ist von meinem Papa.”
Und zur Bestattung trug ich seine schwarze Schurwollkrawatte, original Sixties, und wenn es kalt war, die Gucci-Mütze, die ich ihm mal vor Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte.

Fire with Fire

Berührungsangst vorm eigenen Blog. Es ist zuviel passiert. Die Herzkrankheit habe ich noch gar nicht zu Ende erzählt – ist sie auch noch nicht, aber ich komme erzählend nicht mehr hinterher. Muss ich ja auch nicht. Ist ja mein Blog.

Seit Mai letzten Jahres, wenn nicht schon beginnend mit Bowies Tod im Januar, eine nicht enden wollende Abwärtsspirale. Man könnte es als Depression bezeichnen, aber eher ist es eine Reaktion auf Lebensumstände, Verluste. Der größte vor zwei Wochen. Mein Vater. Für ihn eine Erlösung – er hatte in den vergangenen Monaten abgebaut. In den Erinnerungen der Meisten ist er ein Hüne, dabei war er kein zwei-Meter-Mann, aber nichtsdestotrotz ein Koloss der Stärke. Seine Hände kamen immer wieder ins Gespräch in den zwei Wochen, Schmiedemeisterhände.

Seit ich fortgezogen bin, vor fast 30 Jahren, hatte ich nicht so viel Zeit verbracht in meinem Heimatort wie in den letzten vier Monaten. Das hatte mit seiner Krankheit zu tun, einer Erkrankung meiner Mutter, dann meiner. Ich bin endlos dankbar, so viel Zeit in der Familie gehabt zu haben. Selbst die eine Rüge, die ich von ihm erhalten habe, es waren praktisch gar keine, über die Jahre, bleibt in schöner Erinnerung. “Du bist schon wie Deine Mutter!” Als ich ihm gesagt habe “Schlafenszeit, Papa”, weil er wieder vorm laufenden Fernseher eingeschlafen war, wie er überhaupt die letzten Wochen meist schlafend verbracht hatte und sich mit der Traumwelt so auseinandersetzte wie mit dem Wachzustand, das verwischte alles ineinander.

Auf dem Weg zum Auto, es stand ein Arztbesuch an, ist er auf dem eigenen Hof zusammengeklappt. Sein letzter Blick war auf sein Hab und Gut. Die Notärzte haben ihn, wie sie das tun müssen, noch einmal zurück geholt, damit weitere Ärzte ihn ins künstliche Koma versetzen konnten, aus dem er nicht mehr erwachte. Zwischen halb 12 und kurz vor 17.00 Uhr, heute vor zwei Wochen, am 1. März 2017, war seine Seele noch irgendwo unterwegs in dieser Welt, gegen fünf ist sie dann weitergezogen, ich kam zu spät. “Die haben ihm die Hände zugedeckt, das geht doch gar nicht” dachte ich als Erstes als ich vor ihm stand. Ich drückte ihm den Unterarm, der war noch warm, wieder warm, nach der Koma-Unterkühlung.

Auf seinem Schreibtisch ein Lehrbuch für Schmiede-Gesellen aus den 50er Jahren. Die erste Aufgabe des jungen Schmiedelehrlings ist es, die Esse am Brennen zu halten. Während er sich um das Feuer kümmert, möge er achtsam die Arbeitsabläufe der Mitarbeiter studieren.

Come what may

Je länger sich die Ereignisse hinziehen, desto schwieriger, die richtigen Worte zu finden. Zeitnah war es nicht möglich, dh ich war unwillig, Blogbeiträge auf dem Handy zu schreiben, denn nur das hatte ich bei mir, in den letzten Wochen im Harz.

Ein Krankheitsfall in der Familie führte mich ins heimische Gebirge. Wohnung und Vater hüten und Krankenhausbesuche aus dem Vorharz in den richtigen Harz. Landstraßen, in gleißend blendendes Morgensonnenlicht getaucht, raubereifte Waldlandschaften. Das Krankenhaus, in dem meine Mutter gut aufgehoben ist. Ins Familienleben eingebunden reift in mir immer eine kleine Rebellion, ich muss mir einen eigenen Bereich schaffen und sehr gut geht das mit Sex. So finde ich mich eines Winternachmittags in einem Wald mit einem jungen Mann, der sich als wirklich sehr jung herausstellt, er ist als Au Pair in der Gegend, ein Nieselregen steht an, es wird auch schon dunkel und Sex im Wald im Dezember ist nicht wirklich mein Ding, stellt sich heraus. Auf der Fahrt nach Hause ärgere ich mich, dass ich kein Fuck Pad in der Gegend habe. Und eine Sekunde später würde ich die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn diese nicht das Lenkrad hielten. Was spricht dagegen, jemanden nach Hause einzuladen? Die Tatsache, dass mein ehemaliges Zimmer eine Art Abstellraum geworden ist, in dem nur zufällig noch mein Jugendbett steht. Unsexy. Außerdem, stelle ich mir die Frage, wie kann ich einen Mann mit nach Hause nehmen, wenn ein Vater da ist. Einen schwulen Sohn zu haben ist eines, einen schwulen Sohn zu haben, der unter den eigenen vier Wänden Sex hat, etwas ganz anderes? Oder? Dann fällt mir ein, wie ich als Teenager mit dem Rauchen angefangen habe, bzw wie ich es durchgesetzt habe. Ich tat es einfach. Irgendwann kam nicht mehr der Spruch “Hör mit dem Rauchen auf”, stattdessen bat meine Mutter “leere wenigstens den Aschenbecher!”

Eine Tag lang sortiere ich im ehemaligen Kinderzimmer umher, suche aus dem üppigen Hausbestand Bilder, Dekomaterial, und schaffe mir einen Wohlfühlbereich. Am Abend bereise ich die blauen Seiten und werde bei einem ziemlich anonymen Profil fündig. Der immer noch junge, aber nicht Au Pair Junge schickt mir Fotos, und mir fällt die Kinnlade runter. Wenn er in Wirklichkeit nur annähernd so gut aussieht… Er sieht in Wirklichkeit sogar noch besser aus, wie ich am Folgetag feststellen soll.

“Papa, heut bekomme ich Männerbesuch.” Kündige ich an und mein Vater zuckt mit keiner Wimper. Kurz vor dem Besuch setzt er sich im Jogginganzug an den Abendbrotstisch. “Kann ich mich den so sehen lassen?” will er wissen. “Ah Papa, lass mal. Ich stell Euch vielleicht später mal vor.” Und kann die ganze Zeit gar nicht glauben, wie simpel das alles vonstatten geht. Ich stelle fest, dass eine verinnerlichte projizierte Homophobie gar keinen Berechtigungsgrund mehr hat. Mit Ende 40! These things take time.

Und dann kommt M. Ziemlich unbefangen reden wir, rauchen eine, lassen uns nieder, küssen uns. Und jede Minute unseres Tuns und Fühlens falle ich tiefer, strebe ich höher und ein ungemein tiefes, warmes Gefühl steigt in mir auf und breitet sich aus. Noch lange nach dem Sex liegen wir vergrätscht im schmalen Bett und lassen einander nicht los. Er sagt die richtigsten Sachen, es würde mir fast Angst machen, wäre da nicht dieses weit ausgebreitete warme Glücksgefühl, auf dem ich mit ihm schwebe. “Glam, wenn Du nur hier wärest…” und ein liebender Blick, ich kann ihn anders nicht beschreiben, aus seinen braunen Augen. “Aber das bin ich doch.” Jetzt. Noch. Was weiter wird, werden wir sehen.

Ich bin nicht gerade verwöhnt, was glückliche Beziehungen angeht, die Skepsis ist immer nah an der Oberfläche. Was in einem Augenblick ganz wunderbar scheint, kann tags darauf verdampft sein. Spucke im Feuer. Aber M. macht alles richtig, schickt mir liebevolle Worte aufs Handy. Macht mir Mut, als es Komplikationen bei der OP meiner Mutter gibt, die sich nur langsam erholt, was ihren Krankenhausaufenthalt und meinen im Harz verlängert. Die ersten Tage, die sie aus dem Krankenhaus zurück ist, bleibe ich noch, um ihr Arbeit abzunehmen, und weil sich das so gehört. Unser Date am Vorabend meiner Abreise sagt M. kurzfristig ab. Angst vor der eigenen Courage diagnostiziere ich und liege richtig. Ich lass das nicht auf mir sitzen. Ich könnte versuchen, es als kurze Affäre ad acta zu legen und ihn schnell zu vergessen, aber ich entscheide mich dagegen. Konfrontiere ihn. Und wir sortieren es aus. Er erzählt mir etwas zuvor Verschwiegenes, von dem er annahm, dass es unser Aus bedeuten würde. Ich kann ihn beruhigen. Der befürchtete Schocker schockiert keineswegs, ein weiteres Puzzle-Teil in unserer Aufstellung. Das kriegen wir hin. Auch nach wie vor leise Skepsis, aber die gehört zu meiner Grundausstattung. Momentan tun wir beide einander das Beste, was wir können. Fernbeziehungen haben Vorteile. Und wir müssen nicht nach irgendeinem Entwurf leben, wir können uns das so gestalten, wie es für uns gut ist. Ich habe lange nicht daran geglaubt, dass ich so etwas noch einmal erleben würde. Siehe da!

Moulin Rouge – Come What May (Ewan McGregor & Nicole Kidman from Joanne Mannies on Vimeo.

Das sind jetzt alles nur Bruchstücke des Erlebten, ich habe die Musik nicht erwähnt. Before the Dawn und Lazarus liefen derweil, im Auto, im umfunktionierten Kinderzimmer. Unsere Messages hin und her. Berg- und Talfahrten, aber immer eingefassen in Zuversicht. Sehnen, aber nicht diese frustrierende Sehnsucht, sondern ein Band zwischen uns und Worte, die uns halten und bestärken.

Like a Virchow

8.45 Uhr Zahnarzt. Der erste in einer Reihe von Terminen, die ich seit dem Horror-Sommer aufgeschoben hatte. Viertel vor Neun ist ne gute Zeit, da habe ich wenig Gelegenheit, Horror-Szenarien auszuweiten, trotzdem sitze ich im Zahnarztstuhl und schlottere. Dann tritt in Erscheinung eine hochattraktive schwarzhaarige Elfe mit Mundschutz, ich sag ihr, bitte spritzen, ich nehm alles an Betäubung, was Sie haben, und sie macht. Und eine halbe Stunde später bin ich raus, zwei weitere Termine in Aussicht, mit der Gewissheit, dass ich nach über zwanzig Jahren, nie wieder von der Chefin, sondern in Zukunft nur noch von der Elfe behandelt werden möchte. Die Zeit bis zum Arbeitsbeginn sinnvoll nutzen, beschließe ich und suche meine Ärztin auf, eigentlich nur ein kurzes Gespräch mit der Sprechstundenhilfe. Ein Abszess vor dem Ohr ist in den vergangenen Tagen spontan gewachsen und ich will mich erkundigen, wie ich mich am Wochenende verhalten soll, falls er weiter wächst oder sonstwelchen Ärger verursacht. “Da sprechen Sie doch lieber mit Frau Doktor, in 20 Minuten hätte sie Zeit. Die Praxis kennt mich und fügt hinzu – gehen Sie doch in der Zwischenzeit nenn Kaffee trinken.
Die Ärztin betrachtet, tastet und schreibt mir eine Überweisung zum Chirurgen. Das müsse sofort gemacht werden. Die Sprechstundenhilfen benachrichtigen eine Praxis im Bergmannkiez und ich fahre los.
“Sprechzeiten sind aber heute vorbei.”
“Aber meine Ärztin hat-”
Die Kollegin tritt hinzu. “Ist okay. Die Praxis hat angerufen.”
Das dritte Wartezimmer des Tages, nach zwanzig Minuten, begrüßt mich der Arzt, schaut sich den Abszess an und schüttelt den Kopf. “Das kann ich nicht mit örtlicher Betäubung machen, in der Region liegen zu viele Nervenenden, das geht nur mit Vollnarkose. Ich schreibe Ihnen eine Überweisung für den Notarzt.” Notarzt??? “Und empfehle das St. XY-Krankenhaus.”

Ich fahre erst einmal nach Hause, in der Hoffnung, dass die neue SIM-Card angekommen ist, sodass ich mein neues Handy endlich in Betrieb nehmen kann. Ins Krankenhaus ohne schnelle Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt fühlt sich bedrohlich an. Weil ich so zittrig bin – seit 6 auf den Beinen und noch nichts gegessen, mittlerweile ist es halb Eins – hilft mir der Mitbewohner mit dem Handy, das mit der neuen Karte die alte Fehlermeldung gibt: nur Notfälle. So what? If ever there was one…

Strike redet mir ins Gewissen, die Sache sofort in Angriff zu nehmen – ich war zu der Entscheidung gekommen, am Samstag vormittag einzuchecken, in der Hoffnung, das Krankenhaus ohne dortige Übernachtung wieder verlassen zu können, jetzt ist es nämlich schon 13 Uhr. Und da ich gar keine Krankenhauserfahrung habe rufe ich dort erst mal an, um zu fragen, was ich denn alles mitbringen muss. Ich werde mit der Rettungsaufnahme des XY verbunden, schildere meine Krankheit. “Oh. Oh oh. Nee. Das können wir hier nicht machen. Da gehnse besser ans Virchow, die haben nen Jesichtschirurgen.” Virchow. Wedding. Freitagmittag Rush hour. Da brauch ich ne Stunde. Fuck. Ich pack ein paar Sachen, das alte Handy, auf dem ich, falls Wlan, immerhin noch texten kann. Das Neue ist seit dem Sim-Card-Tausch nun gar nicht mehr erreichbar und schaltet auf die Voicemail, die ich nicht mehr abhören kann. Immer noch ohne Nahrung, mit einer Coke light lemon, dem neuen TC Boyle und ein paar Übernachtungssachen mach ich mich auf den Weg.

Das Gelände ist weitläufig aber überschaubar. Ein Dorf in der Stadt, mit Straßennamen und allem. Ich finde die richtige Station, mit Horrorvorstellungen, was da auf mich zukommt, aber tatsächlich gibt es keine Wartezeit, ich werde aufgenommen, erkläre meine auffällige Nervosität mit “Panikpatient”, woraufhin der aufnehmende Pfleger lächelt und sagt “Jut, dass Sie´s sagen. Merkt man schon, wie angespannt Sie sind. Die anderen, die damit nich klarkommen, die werden im nächsten Leben als Darmbakteriern wiedergeboren.”Er jagt mir mehrere Spritzen zur Blutabnahme rein und das erste Mal in meinem Leben schaue ich nicht weg, sondern zu und finde es bemerkenswert, weshalb ich es hier aufschreibe. Dann Warteraum zwei. Zunächst allein, ich versuche zu lesen. Aber keine Ruhe. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Ich schaue mir die Pfleger, Ärzte und die Patienten an, die da in ihren Krankenhausbetten verschoben werden und mir wird es flauer. Ich demnächst auch – bewusstlos durch die zugigen Gänge? Dann erscheint ein Mutter-Tochter-Team, das mitwartet und sich auffällig besonnen unterhält. Die Tochter fragt mich wie lange ich schon warte. “Ich hab extra nicht auf die Uhr geschaut, weil es mich sonst stressen würde.” Die beiden werden aufgerufen. Als nächstes ein Teenie-Pärchen, er mit Basecap, sie mit schwarzem Pferdeschwanz und dem Grund ihrer Anwesenheit ebenfalls im Gesicht. Da ist was mit dem Lippen aufspritzen schiefgegangen, sie hat so ein blaues Kühlungspad in der Hand und drückt es immer wieder auf die Aufgespritzten. Die Teenies spielen “Wer bin ich” und ich erfahre, dass es immer noch Rihanna und Beyoncé sind, die den größten Bekanntheitsgrad haben, aber auch die Stichworte Snapchat und Pro 7 (!) fallen.

Nach zwei Stunden holt mich mein Arzt ab, strahlt, Handschlag, ich lande direkt im Behandungsraum, zwei Schwestern Mitte 20 lächeln mich freundlich an und ohne großes Gedöns erklärt er mir, wie er das Abszess nun unter lokaler Betäbung (YESSSSSS!!!) absaugen wird. KEINE Nacht im Krankenhaus! Abszess weg und ab nach Hause! Während er spritzt, die Wunde öffnet und mit der Pussuction beginnt macht er Witze über meinen Hipsterbart, “Hipsterbart gibts aber nicht in weiß” entgegne ich, woraufhin die Schwestern, der Arzt und ich Hipster diskutieren, während er mit einem Gerät an meinem Gesicht rumsaugt. “Boah! Das hat aber ordentlich gestreut! Wahnsinn!” Und knallt die erste abgezapfte Phiole auf das nierenförmige Entsorgungsbehältnis. “Ah – da ist es ja” Das Athrom, das den ganzen Schlamassel verursacht hat. “Ich schau mal ob ich es rauskriege. Wenn nicht machen wir das demnächst, das macht man wirklich besser unter Vollnarkose, ist nicht so angenehm.” Und das merke ich, während er mit einer Pinzette an einem etwas in meinem Kopf zieht und zieht und ich spüre es und sehe es Splatter-comic-artig vor mir – er zieht und zieht, aber das Ding ist hartnäckig. Es scheint fast “Plong” zu machen, als es in mein Gesicht zurückspringt.

Freitag, kurz vor 5. Er legt mir einen Verband an, der weite Teile des Gesichts bedeckt. “Na heute is wohl nichts mit Ausgehen?” “Ich bin in Kreuzberg, da sehen viele so aus.” Wir lachen alle ein bisschen und verabschieden uns mit doppeltem Handschlag. Ein Tag voller Horror-Erlebnisse, die sich komplett wunderbar auflösten. Ungefähr neunzig Mal habe ich Gott gedankt. Und als er dann auch noch macht, dass ich die verlegene Handy-Rechnung für den heutigen Umtausch finde, sage ich ihm, “Aber nicht dass Du denkst, dass ich wieder in die Kirche eintrete. Ich glaub wir sind uns einig, oder?”

Nennen wir ihn Karli. Caught in a bad Bromance!

Eine Nacht der Unvernunft, wo der anzunehmend-eigentlich vernünftige Mann sich als Wagnis darstellt und zum Freund wird. Inklusive Synchronpinkeln. (Ich kann prinzipell nicht pinkeln, wenn jemand neben mir pinkelt, umso höher meine Wertschätzung für Karli.) Ich mochte ihn schon vorher, aber such are the nights that bromance is made of. So inklusive !”Oh! ist mein Handy noch da!-und-was-ist-in-meinem-Portemonnaie?-Na-nüschte-wat-denksten-Du? Und er hat mich nach Hause gefahren, obwohl es wirklich walking distance war. Eine Berlin-Nacht, wie es die tatsächlich immer noch giebt – mit dem Rilke-Extra-E.

<3

Eine Woche lang in den Schlaf gekuschelt worden. Arm in Arm gelaufen oder Händchen haltend. Zwischendurch ein kurzer Flash, ob es nicht besser wäre, das zum Ende zu bringen, weil ich die Abschiede immer so schwer verkrafte. Das dann aber ganz schnell für ganz blöd befunden. Und jetzt ist er wieder auf der Reise, mein Faerie-Bro-Nomade, und anstatt mich zu ärgern, dass er weg ist, freu ich mich auf den Tag, an dem er wieder da ist. Unsere Beziehung ist in meinem Leben sprichwörtlich einzigartig.

Wenn´s in diesem Land so weitergeht, dann wäre Kanada eh eine Option.

True Colors shining through

Mit dem Miggi durch die Stadt im britischen Saab, zunächst zum Autorenfest, das dieses Jahr nicht am See sondern in den Agenturräumen stattfindet, dort Treffen mit alten Bekannten und neuen Schriftstellern, die spannende Veröffentlichungen präsentieren. Das Buch wollte ich stehlen, aber es war seine Erstausgabe, sowas ist heilig, nun freu ich mich auf den 11.7.

Weiter zum Brandenburger Tor, das mit knapp einwöchiger Verspätung, und auch nur auf Privatinitiative, in den Regenbogenfarben angeleuchtet wird. Ein unglaubliches Wir-Gefühl mit vielen Tränen aber auch einer enormen Wirkmacht. Auf Regierungen, Ämter und Politik ist kein Verlass, man muss die Dinge selber in die Hand nehmen. Und mit ein paar Tausend anderen gemeinsam “Somewhere over the rainbow” singen. Für die gefallenen Brüder und Schwestern in Orlando. 40% der Deutschen wären sehr angewidert gewesen, von der großen Welle der gleichgeschlechtlichen aber übergreifenden Liebe, die da pulsierte. Habe ich schon erwähnt, dass ich mein Land nicht mehr mag? Aber meine Leute:

Mit zweien meiner Leute über den Flowmarkt, einen Kaffee auf dem Bordstein, einen Wein am PL-Ufer. Nachmittagssschlaf, aus dem ich erwache, als der Miggi sich zu mir legt. Er durfte dann auch sein Kapitel in meinem Buch lesen.

Von der Schwester bekam ich ein Wunder zum Geburtstag geschenkt. Angesichts dessen flossen noch mehr Tränen, aber schöne Tränen.

And here you can spot the Dick.