Kategorie-Archiv: Glam gruebelt

In der Limastraße beim Bootsaufpumpen humpelt eine gepflegte Zehlendorferin Anfang Mitte 60 an Krücken auf dem krunkeligen Bürgersteig, dessen Pflastersteine von den Wurzeln der die Straße säumenden Bäume in alle nach oben möglichen Richtungen gedrückt und verschoben sind. Schon ohne Gehbehinderung eine Herausforderung.
“Bei mir war´s das Knie”, ruf ich ihr zu.
“Bei mir die Hüfte”, antwortet sie.
“Wann war denn die OP?”
“Vor fünf Wochen. Schrecklich!”
“Aber dafür laufen Sie doch schon wieder recht gut!”
Wir winken uns zum Abschied zu.

Nachdem mich zwei Stunden später ein Regen vom See verscheucht hat und ich anlegen möchte, fällt mir auf, dass das mit dem Boot zu Wasser lassen zwar recht prima verlief, dass das Aussteigen und Hochwuchten von Boot, Paddeln, Anker und Proviant-Rucksack mit einem nicht 100% belastbaren Knie eine viel komplexere Geschichte ist. Mich Ach und ohne Krach gelingt es mir schließlich und ich denke, wie Scheiße das doch ist, allein und vom Leben versehrt zu sein. Die Erleichterung darüber, es geschafft zu haben, wiegt die Anstrengung, die dafür nötig war, nicht auf.

Auf der Geburtstagsparty der geschätzten Kollegin schau ich mir die Leute an und finde es bemerkenswert, dass unsere Generation so anders aussieht, als die unserer Eltern, als die um die 50 waren. Ich fühle mich fast ein bisschen außen vor, ohne Tattoo und/ oder Piercing. Und dann spielt eine Band und es herrscht ausgelassene Fröhlichkeit und mir graut ein bisschen vor meinem bevorstehenden runden Geburtstag. Ohne Party, ohne Band, allein im Harz. Na ja – nicht ganz allein – das Skailight reist an. Thanks for that!

Dass ich mal Billy Idol poste hätte ich mir nie träumen lassen

In den Monaten im Harz, chez ma mère, war das schon immer sehr schräg, wenn wir zwei gemeinsam unterwegs waren, wir hinkten synchron. Rechts raus, links kurz. Mittsiebzigerin und Endvierziger – total identifizierbar als Mutter/Sohn-Team. Wünschte, es hätte uns jemand gefilmt, dann könnte ich das schön im Zeitraffer demonstrieren. Nun hat sie rechte Hüfte, ich linkes Knie – gespannt, wie wir hoppeln werden.

Den 50. Geburtstag mal verschoben – ich kann nicht in Berlin feiern, wenn die Mutter im Harz im Krankenhaus liegt. Gefeiert wird sicherlich dennoch, maybe a little im Harz – ich bau drauf, dass ein paar Liebe den Weg auf sich nehmen werden. Und die Berlin-Party wird nachgeholt. Einstweilen:

The bride wore Givenchy, und ein Mops kam in die Küche.

…und es brach mir vor Freude das Herz (das mit der Braut in Givenchy, zum Mops später). Die beiden Jungs, die die ganze Welt als Mutter hatten, weil Diana nicht mehr da war – beide unterm Hut. In Brexit/ Trump-Zeit machen zwei Menschen, Harry und Meghan, alles richtig, was ihre Länder falsch machen. Eine schönere Liaison könnte ich mir nicht vorstellen. Gospel-Chor, Liebe-predigender Prediger, “Stand by me”-Gospel, Elton´s “Your song”. Da haben sich ein paar royale Augenbrauen gehoben, Nasen gekräuselt – für Diana wäre es das Fest aller Feste gewesen. Legacy. Ätsch! Und ja, Diana hat der Monarchie etwas beigebracht, was sich wunderschön fortpflanzt, ich bin sehr bewegt.

Währenddessen in Berlin-Kreuzberg ein Mops in die Küche kommt – vielleicht der hässlichste Hund, den ich je gesehen habe. Seine Puppenaugen sehen aus wie oben drauf montiert, Speckrollen zieren seinen drallen Körper, der auch ein quergelegter Baumstumpf sein könnte. Und er lächelt mich an, so dass er eine Portion Parmesan bekommt, weil ich gerade an Pasta Alfredo arbeite. Entzückende encounters, ohne auch nur die Wohnung zu verlassen.

5 oh!

So langsam dämmert´s, dass ein runder Geburtstag ja auch immer Bestandsaufnahme ist, sowie Rückblick mehr als Vorschau. (Vielleicht irre ich hier, zugegeben.) Jedenfalls merke ich, dass ich beim Einladen wohl hätte weiter ausholen können. Irgendwie hatte ich mich geweigert, dieses hohe Alter als Besonderheit oder Ereignis anzusehen, und dementsprechend Raum und Rahmen zu geben. Die übliche Balkon-Party wird´s, verbunden mit der Hoffnung auf gutes Wetter. Ich verstehe jetzt, warum Menschen für solche Events Räume anmieten, Einladungen drucken, ein bisschen mehr Tamtam also sonst. Ich bin schon jetzt (angenehm) überfordert mit den Zusagen, wissend, dass ich als Gastgeber niemeandem einzeln gerecht werden kann. Das Vertrauen in meinen Menschengeschmack über die Jahre und seine Auswirkung auf meine Gästeliste hat allerdings ergeben, dass ich mich auf eine Wolke des Verständnisses, der Akzeptanz und des Wohlmuts vorfreuen kann. Wenn ich irgendjemanden vergessen habe, einzuladen, dann hat das mit der Verweigerung zu tun, 50 zu werden und es zu akzeptieren. Gleichzeitig bewahrt es mich und die Party, zu einer Tamtam-Veranstaltung zu werden – ich glaube, die jährliche Balkonparty ist einer der Anlässe, für die ich geschätzt werde.

Waving my walking stick…

Ich geh mit Stock, wenn ich auch nicht am Stock gehen soll. Mach ich auch nicht. Den Stock trage ich aus Symbolgründen, ich stütz mich selten drauf ab, trag ihn locker in der Hand, horizontal. Wenn man jemanden mit Stock sieht, geht man davon aus, dass der Stockträger gerade nicht gut, bzw schnell gehen kann. Das ist dem Stockträger hilfreich wenn er eine Straße überqueren möchte. Mann mit Stock ist auch wie Mann mit Hut. Man kann sehr schön grüßen, mit dem Finger an der Hutkrempe oder indem man leicht den Stock hebt (vertikal). Der Stock hilft mit bei der Bekämpfung der Ungeduld, die ich und andere mit mir haben. Es ist jetzt mal ein anderes Tempo vorgegeben, sollen die anderen rennen, ich kann halt gerade nur flanieren.
Stock ist auch dann toll, wenn einem, die Straße zu Fuß überquerend, ein Auto die Vorfahrt nimmt und einen fast über den Haufen fährt. Es hat mir alle Kraft abverlangt, der Tussi nicht die Windschutzscheibe zu zertrümmern, ich hatte wirklich genug Unfallopfer-Zeit, dieses Jahr und für noch ganz viele.

Weiter

Frühlingsputz auf Speed. War die Idee des Mitbewohners, und eine gute. Später kam ein weiterer Philosoph vorbei, den ich gern geheiratet hätte, aber geht nicht, er ist hetero, dann haben wir einfach Veggie-Burger gegessen und war auch schön. Dann haben wir abwechselnd in den frisch geputzten Räumlichkeiten und auf dem Balkon gesessen, ich durfte Rosa in das blaue Kleid einkleiden, es war ein bisschen wie mit Barbies spielen, und weil wir nicht müde wurden habe ich Rosa das Roses gezeigt, das immer noch funktioniert wie immer. Aber es wird gesundheitsbedingt eine Abwechslung bleiben. Ein Fremder hat mir Filter gekauft, war aber jung und schwierig. Früher ging das. Not now. Der Franzose mag mich, hat aber ein Problem mit meinem Outfit. Ihn als Nazi in die Wüste geschickt, wo er mich eigentlich nur hätte ausziehen müssen. Eben Abba Gold runtergeladen, ein bisschen mit der Mum geweint. Sonne. Blumen. Und die Tochter meines Patenonkels ist in der Stadt. Sie war die wunderbarste Begegnung nach der Beerdigung, beim Kaffee. So schön ist sie geworden; der gute Mensch, der sie immer war, hat sich sowas von an die Oberfläche gejubelt. Wie auch bei der geliebten ehemaligen Mitbewohnerin, deren Schönheit sich prompt auf ihre gerade 14 Monate alte Tochter übertragen hat. Und mit der man sprechen kann wie mit einem Menschen, der nun auch mal Mutter ist, aber trotzdem einen Gesprächsfaden zu Ende bekommt, auch wenn das Kind sich gerade einkackt. Und das Kind kann “Volker” noch nicht sagen, aber “Apfel” und “Glam”.

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DANDRUFF oder VOM MÖNCHISCHEM LEBEN

Der neue Mitbewohner ist so ganz mönchisch. Er mag klare Flächen, hasst rumstehende Sachen, rät, Ballast abzuwerfen. Ich lach dann ein bisschen, jedes rumstehende Ding hier hat seine Bedeutung, Erinnerung, das gehört nicht über Bord. Die Ego-Wall über meinem Schreibtisch, cluster-o-rama, ich mag nicht auf eine leere Wand starren, I want to see my brain as fucked overwhelmed as it is. Aber meinen Schreibtisch hab ich aufgeräumt!

Gestern die Nachricht vom Tod eines anderen Vaters, und zack, alles wieder da, man kann sich nicht wappnen, Trauer krallt sich fest, ist, wie schon Sydney sagte, nicht immer sichtbar, aber immer da. Wie Schuppen eben.

Aber: die Lieblingsmenschen eines Lieblingsmenschen kennen gelernt, und schon heute schreiben wir uns herzliche Nachrichten. Ca eine Stunde einem Baby beim Baby sein zugeschaut. Alle einvernehmlich: besser als eine Stunde Therapie.

Galina war da, und prompt füllte sich mein Herz. Und zu erfahren, dass mein Dream-Team für mich da ist, weil ein Sehnerv sich überrumpeln lässt und andere Hirn-Areale einfach seine Arbeit übernehmen, ääääätsch Schicksal, es ist wunderbar, alles in allem ist gerade zuviel von allem, heiße und eiskalte Tränen wechseln sich ab und David singt.

kein Wrack/ Havarie

Seit einem Monat die erste Nacht im eigenen Bett, sehr angenehm. Ich spüre, dass ich nicht einfach wieder da andocken kann, wo ich mich vor der Unterbrechung befand, und so hat eine eigentlich schreckliche Erfahrung einmal mehr ein gutes Resultat hervorgebracht. Es kann kein Schaden so groß sein, als dass er nicht noch einen Nutzen hervorbringt, hier hatte Opa mal recht. Ob ich wieder gesund bin, fragt mich jeder, und ich kann es nicht beantworten. Im Harz hat man einfach keine Tests mehr gemacht, eine einzige Blutabnahme, kein CT. Hätte ich nicht auch täglich diese Spritze zur Blutverdünnung bekommen müssen? Das Harz-Krankenhaus läuft nach seinen ganz eigenen Gesetzen. Und ich laufe mit einem Schmerz in der Brust, wo man laut Harz-Doktor gar keinen Schmerz empfinden kann. Und was nicht sein kann, kann nicht sein. Die Berliner Kardiologen würden schreien, wenn sie wüssten, dass ich nicht im Krankenhaus liege und keineswegs vier Mal täglich Infusionen bekomme, sondern lediglich drei Mal täglich oral Antibiotika einnehme, aber ich hätte keinen Tag länger in GS ausgehalten, wo alles so besinnlich begann und ebenso sinnlos abschmierte. Nun denn. Auf der Gneisenaustraße, kaum aus dem Auto raus, merke ich, wie ich mein Berliner Tempo wieder aufnehme, und wie das gar nicht geht. Nach 20 Metern bin ich kurz vorm Schnaufen, schalte ein paar Gänge zurück und spüre, wie ich gar nicht reinpasse, so verlangsamt. Aber es gibt gerade nichts, wofür ich mich beeilen müsste.

And the queer threw up at the sight of that

Spiegel Online sprengt meinen Safari-Browser und ich frage mich, ob das ein leiser Hack-Wink ist, der mich dazu bringen soll, mich aus dem Informations-Tsunami auszuklinken. Weshalb informiert bleiben, wenn ich doch keinen Einfluss nehmen kann? Wieviel will ich noch wissen? Ich bin, anders als Halb-Amerika, grundinformiert, gebildet, habe einen Überblick über die Weltgeschichte. Bin selbstgerecht. Letzteres ist aber Halb-Amerika auch. If you can´t fix it, Jack, you got to stand it. Ich versuch jetzt ein paar Tage ohne News, was an mir und allem nichts ändern wird.

Ignorance is bliss.