Archiv für den Autor: glamourdick

The Killing

Nicht nur tauchte vor ein paar Tagen die Elbmarie auf, ein ganz und gar liebenswerter Mensch, den ich aus den Augen verloren hatte in dem turmoil der early Berlin war ca 1990; gestern ein Profil auf den blauen Seiten, could it be TK? And I write “Könntest Du TK sein?” Und er schreibt “Hast Du nicht über der Bäckerei gewohnt?”, und fast dreißig Jahre (!!!) verspätet haben wir endlich Sex. Und Spaß, und, nein, es schließt sich kein Kreis, aber ich wache auf und stelle fest, dass ich vermutlich auf meinem Füllfederhalter eingeschlafen bin, ich hab grüne Markierungen. Es ist Tinte, kein Schimmel, dafür ist es zu grün. Und, mal ganz banal, diesen Schwanz im Mund gehabt zu haben IST besonders. Ich hatte nicht gewartet, 28 Jahre, aber es war eine Ankunft und eine Versöhnung. Und auch, wenn seine schönen schwarzen Haare history sind. TK und ich. Sex. After all.

Army Dreamers

Jetzt wäre eigentlich der Zeitraum to form an informed opinion bezüglich Israel. Aber nee. Ich mag den Menschen, so wie er ist, auch wenn er Soldat war, was bei mir früher so etwas von Ressentiments ausgelöst hätte. In diesem Stecknadelkopf-der-Existenz-die-mein-Leben-ist werde ich keinen Weltfrieden schaffen oder den Nahen Osten klären. Es ist die Melodie der Menschen, auf die ich höre. Und die kann sich manchmal verbergen hinter frühmorgendlichem High Energy Disco House, wo auch schamlos schief mitgesungen wird. Opinionation ging vielleicht bis 40. Ich hätte ja auch die beiden südafrikanischen schwulen christlichen Couchsurfer aufgenommen, obwohl die ganz furchtbar gottesfürchtig waren. Das sind alles Klangfarben, die ihre Berechtigung haben, und es fällt mir ein Stein vom Herzen, dass ich feststelle, ich muss die Welt nicht retten. “Er ist Philosoph,” sagt Galyna aus der Ukraine, “das ist gut, dann ist er nicht religiös.” So muss man das sehen. Und seinem heterosexuellen Yoga-Gott-Philosophen-Kumpel gebe ich etwas zu denken, als ich erzähle, dass es etwas anderes ist, eine Kuh zu mieten, in Dänemark oder in Deutschland, beim Thema günstige Busreisen.

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Frühlingsputz auf Speed. War die Idee des Mitbewohners, und eine gute. Später kam ein weiterer Philosoph vorbei, den ich gern geheiratet hätte, aber geht nicht, er ist hetero, dann haben wir einfach Veggie-Burger gegessen und war auch schön. Dann haben wir abwechselnd in den frisch geputzten Räumlichkeiten und auf dem Balkon gesessen, ich durfte Rosa in das blaue Kleid einkleiden, es war ein bisschen wie mit Barbies spielen, und weil wir nicht müde wurden habe ich Rosa das Roses gezeigt, das immer noch funktioniert wie immer. Aber es wird gesundheitsbedingt eine Abwechslung bleiben. Ein Fremder hat mir Filter gekauft, war aber jung und schwierig. Früher ging das. Not now. Der Franzose mag mich, hat aber ein Problem mit meinem Outfit. Ihn als Nazi in die Wüste geschickt, wo er mich eigentlich nur hätte ausziehen müssen. Eben Abba Gold runtergeladen, ein bisschen mit der Mum geweint. Sonne. Blumen. Und die Tochter meines Patenonkels ist in der Stadt. Sie war die wunderbarste Begegnung nach der Beerdigung, beim Kaffee. So schön ist sie geworden; der gute Mensch, der sie immer war, hat sich sowas von an die Oberfläche gejubelt. Wie auch bei der geliebten ehemaligen Mitbewohnerin, deren Schönheit sich prompt auf ihre gerade 14 Monate alte Tochter übertragen hat. Und mit der man sprechen kann wie mit einem Menschen, der nun auch mal Mutter ist, aber trotzdem einen Gesprächsfaden zu Ende bekommt, auch wenn das Kind sich gerade einkackt. Und das Kind kann “Volker” noch nicht sagen, aber “Apfel” und “Glam”.

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DANDRUFF oder VOM MÖNCHISCHEM LEBEN

Der neue Mitbewohner ist so ganz mönchisch. Er mag klare Flächen, hasst rumstehende Sachen, rät, Ballast abzuwerfen. Ich lach dann ein bisschen, jedes rumstehende Ding hier hat seine Bedeutung, Erinnerung, das gehört nicht über Bord. Die Ego-Wall über meinem Schreibtisch, cluster-o-rama, ich mag nicht auf eine leere Wand starren, I want to see my brain as fucked overwhelmed as it is. Aber meinen Schreibtisch hab ich aufgeräumt!

Gestern die Nachricht vom Tod eines anderen Vaters, und zack, alles wieder da, man kann sich nicht wappnen, Trauer krallt sich fest, ist, wie schon Sydney sagte, nicht immer sichtbar, aber immer da. Wie Schuppen eben.

Aber: die Lieblingsmenschen eines Lieblingsmenschen kennen gelernt, und schon heute schreiben wir uns herzliche Nachrichten. Ca eine Stunde einem Baby beim Baby sein zugeschaut. Alle einvernehmlich: besser als eine Stunde Therapie.

Galina war da, und prompt füllte sich mein Herz. Und zu erfahren, dass mein Dream-Team für mich da ist, weil ein Sehnerv sich überrumpeln lässt und andere Hirn-Areale einfach seine Arbeit übernehmen, ääääätsch Schicksal, es ist wunderbar, alles in allem ist gerade zuviel von allem, heiße und eiskalte Tränen wechseln sich ab und David singt.

Brooklyn

Um 3 aufgewacht mit Heißhunger. Gefrühfrühstückt, vier Folgen “Modern Family”, dann wieder geschlafen. Eigentlich habe ich heute eine Art Date, ein netter Mensch mit unglaublich gutem Humor will Fußreflexzonenmassage an mir üben. Dazu müsste ich aber durch die ganze Stadt, und ich weiß nicht, und dazu sehe ich mich heute nicht imstande. Die Trauer rockt immer wieder rein ins Alltägliche. Gespräch mit meiner Mum, Tränen. Die Bürokratie, die in einem Todesfall anfällt, ist wunderbar – sie hält einen beschäftigt, aber dann ist plötzlich Sonntag und man sitzt allein am Frühstückstisch. Ich bin das ja gewohnt, sie nicht. In den vergangenen Wochen hat sich mein Geschmackssinn vertausendfacht. Ich trinke ein Ginger Ale, einen Saft, esse den selbst zubereiteten, zur Perfektion gereiften Kartoffelkloß mit Rotkohl und Sauce und es ist überwältigend. Wir hatten dieses eine Mittagessen, wenige Tage nach dem Tod meines Vaters, und haben uns ungläubig angeschaut, wie froh wir über das Essen waren, und wie sehr es uns schmeckte.

Der Tod ist ja mal das logischste aller Ereignisse, neben der Geburt und der Steuer. So eine empirische Anleitung zum Umgang damit gibt es nicht, und wenn, dann greift sie nicht auf das individuelle Erleben. Und er ist nicht nur ein Satzzeichen, ein Punkt oder Semikolon für die Lebenden, er ist ein Schachtelsatz, der zum Motiv wird.

“Du hast ja ein schönes Cap!” Sagt die Lieblingsbuchhändlerin. (Das, das mein Patenkind aus New York für ihn mitgebracht hat, Aufschrift Brooklyn.)
“Ist von meinem Papa.”
Und zur Bestattung trug ich seine schwarze Schurwollkrawatte, original Sixties, und wenn es kalt war, die Gucci-Mütze, die ich ihm mal vor Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte.

Fire with Fire

Berührungsangst vorm eigenen Blog. Es ist zuviel passiert. Die Herzkrankheit habe ich noch gar nicht zu Ende erzählt – ist sie auch noch nicht, aber ich komme erzählend nicht mehr hinterher. Muss ich ja auch nicht. Ist ja mein Blog.

Seit Mai letzten Jahres, wenn nicht schon beginnend mit Bowies Tod im Januar, eine nicht enden wollende Abwärtsspirale. Man könnte es als Depression bezeichnen, aber eher ist es eine Reaktion auf Lebensumstände, Verluste. Der größte vor zwei Wochen. Mein Vater. Für ihn eine Erlösung – er hatte in den vergangenen Monaten abgebaut. In den Erinnerungen der Meisten ist er ein Hüne, dabei war er kein zwei-Meter-Mann, aber nichtsdestotrotz ein Koloss der Stärke. Seine Hände kamen immer wieder ins Gespräch in den zwei Wochen, Schmiedemeisterhände.

Seit ich fortgezogen bin, vor fast 30 Jahren, hatte ich nicht so viel Zeit verbracht in meinem Heimatort wie in den letzten vier Monaten. Das hatte mit seiner Krankheit zu tun, einer Erkrankung meiner Mutter, dann meiner. Ich bin endlos dankbar, so viel Zeit in der Familie gehabt zu haben. Selbst die eine Rüge, die ich von ihm erhalten habe, es waren praktisch gar keine, über die Jahre, bleibt in schöner Erinnerung. “Du bist schon wie Deine Mutter!” Als ich ihm gesagt habe “Schlafenszeit, Papa”, weil er wieder vorm laufenden Fernseher eingeschlafen war, wie er überhaupt die letzten Wochen meist schlafend verbracht hatte und sich mit der Traumwelt so auseinandersetzte wie mit dem Wachzustand, das verwischte alles ineinander.

Auf dem Weg zum Auto, es stand ein Arztbesuch an, ist er auf dem eigenen Hof zusammengeklappt. Sein letzter Blick war auf sein Hab und Gut. Die Notärzte haben ihn, wie sie das tun müssen, noch einmal zurück geholt, damit weitere Ärzte ihn ins künstliche Koma versetzen konnten, aus dem er nicht mehr erwachte. Zwischen halb 12 und kurz vor 17.00 Uhr, heute vor zwei Wochen, am 1. März 2017, war seine Seele noch irgendwo unterwegs in dieser Welt, gegen fünf ist sie dann weitergezogen, ich kam zu spät. “Die haben ihm die Hände zugedeckt, das geht doch gar nicht” dachte ich als Erstes als ich vor ihm stand. Ich drückte ihm den Unterarm, der war noch warm, wieder warm, nach der Koma-Unterkühlung.

Auf seinem Schreibtisch ein Lehrbuch für Schmiede-Gesellen aus den 50er Jahren. Die erste Aufgabe des jungen Schmiedelehrlings ist es, die Esse am Brennen zu halten. Während er sich um das Feuer kümmert, möge er achtsam die Arbeitsabläufe der Mitarbeiter studieren.

kein Wrack/ Havarie

Seit einem Monat die erste Nacht im eigenen Bett, sehr angenehm. Ich spüre, dass ich nicht einfach wieder da andocken kann, wo ich mich vor der Unterbrechung befand, und so hat eine eigentlich schreckliche Erfahrung einmal mehr ein gutes Resultat hervorgebracht. Es kann kein Schaden so groß sein, als dass er nicht noch einen Nutzen hervorbringt, hier hatte Opa mal recht. Ob ich wieder gesund bin, fragt mich jeder, und ich kann es nicht beantworten. Im Harz hat man einfach keine Tests mehr gemacht, eine einzige Blutabnahme, kein CT. Hätte ich nicht auch täglich diese Spritze zur Blutverdünnung bekommen müssen? Das Harz-Krankenhaus läuft nach seinen ganz eigenen Gesetzen. Und ich laufe mit einem Schmerz in der Brust, wo man laut Harz-Doktor gar keinen Schmerz empfinden kann. Und was nicht sein kann, kann nicht sein. Die Berliner Kardiologen würden schreien, wenn sie wüssten, dass ich nicht im Krankenhaus liege und keineswegs vier Mal täglich Infusionen bekomme, sondern lediglich drei Mal täglich oral Antibiotika einnehme, aber ich hätte keinen Tag länger in GS ausgehalten, wo alles so besinnlich begann und ebenso sinnlos abschmierte. Nun denn. Auf der Gneisenaustraße, kaum aus dem Auto raus, merke ich, wie ich mein Berliner Tempo wieder aufnehme, und wie das gar nicht geht. Nach 20 Metern bin ich kurz vorm Schnaufen, schalte ein paar Gänge zurück und spüre, wie ich gar nicht reinpasse, so verlangsamt. Aber es gibt gerade nichts, wofür ich mich beeilen müsste.