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Der Hinker

Mit vier Wochen winterbedingter Verspätung gerät die Terrasse so langsam. Ohne Holländer-Besuch – die paar wenigen kleinen Feinen neu Gepflanzten gab´s um die Ecke auf der Wiener. Aus Solidarität mit meinen Mietwucher-demonstrierenden Nachbarn hab ich denen/uns auch die Gemeinschaftsterrasse im Hof jeschruppt und bisschen was gepflanzt. In der Remise hat sich offenbar noch ein Start-up eingemietet, nicht wissend, dass die selbst im Hochsommer leichenkalt und fischfeucht ist. These too shall pass. Es ist ganz entzückend, wie das Gemeinschaftsprojekt Hofterrasse funktioniert, weitestgehend unorganisiert – jeder macht was, jeden Tag wird´s hübscher. Wir haben uns nur einmal zwecks Bestandaufnahme und Sichtung getroffen, seitdem läuft´s. Als ich gestern pflanzte gab´s ein Bier und die anderen Jungs haben sich was gegrillt. Schröder, der Nachbarhund, der immer so krass bellt, als wäre er ein Kampfhund entpuppte sich als streichel-affin und gutmütig. Große Schnauze, Herz dahinter. Wie Berlin, früher. Jetzt-Berlin, like ahm, like, ahm totally like ahm. Würg.

Überhaupt: Nachbarschaft. Seit ich am Stock ging bin ich irgendwie der bunte, lahme Hund geworden. Leute, die einem häufiger über den Weg laufen, aber die man nicht formell kennt, grüßen mich. Und ich zurück. Ich bin´s. Der Hinker von Kreuzberg. Alle hier haben Paranoia, sich die Wohnung nicht mehr leisten zu können, demnächst, aber trotzdem machen wir. Indes ist das schon ein Resultat der Vertreibung, sie läuft, unsere Tage sind gezählt. Unser Berlin ist unsere Berlin-Erinnerung und wir stemmen unsere Ruder, “we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.”

Nachtrag: Links sind die Mariachis unterwegs, eine Stunde zu früh, die haben das mit der Sommerzeit nicht auf dem Sombrero-Schirm. Sonntags um eins, normalerweise, heute 12 nach 12. Rechts mit Bombenakustik ein Baseball-Ball, der auf den Hof gezimmert wird. Der Erdgeschoss-Junge. Irgendwann muss ich den anderen Hofterrassen-Insassen mal erzählen, wie neidisch selbst der Boulez-Saal auf unsere Hof-Akustik sein könnte. Memo: Hofterrasse kein Ort für Geheimnisaustäusche.

Verliebt in Berlin

Was in Berlin kaputt geht, dass bleibt kaputt. Ein Schlagloch auf dem Kottbusser Damm – stellt man halt ein 30-Schild mit Vermerk “wegen Straßenschäden” auf. Die Straßenbeleuchtung in meiner Straße ist zu 50% erloschen. Ich hab im Januar mal ne Mail an die Verantwortlichen geschickt. So als Gestürzter mit Kniescheibenbruch, da ist man sensibel was das sichere Laufen angeht. Die Antwort “Rechnen Sie nicht innerhalb der nächsten zehn Tage mit einer Antwort auf diese Mail.” Es ist April, die Mail immer noch unbeantwortet, die Straße düster. Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass es immer hell ist, dann hätte er die Nacht nicht erfunden.

Ich komme jetzt in das Nörgel-Alter, wo man feststellt, dass die Jugend schlecht und ignorant ist. Logisch, weil sie nur ebenfalls Junge wahrnehmen. Man wird irgendwann unsichtbar und muss sich damit abfinden. In den frühen Wochen des Hinkens war es für mich gefährlich mich in Berlin draußen zu bewegen. Den Stock, an dem ich ging, benutzte ich nicht nur zur Entlastung sondern zu 30% auch zum Drohen. Meine Kinderstube verbat mir, ein paar Mal kräftig zu zu schlagen. 7 Monate Schneckentempo und um mich herum behalten alle das Tempo bei. Jetzt, wo der Frühling endlich da ist, da rasen und rauschen sie noch heftiger und in größerer Anzahl. Da hat sich dieses Gefühl eingeschlichen (!), abgehängt worden zu sein. Aber will ich dieses Tempo überhaupt noch?

Aus den Fernen den ersten Karriere erreicht mich die sehr charmante Einladung zu einer Filmpremiere. Früher wäre ich ausgerastet vor Begeisterung. Heute denk ich – schau ich mir lieber an, wenn er gestreamt wird. Interessiert mich nämlich wirklich der Film. Es geht um eine Person, die ihr Tempo beibehalten hat, auch wenn das auf die Ressourcen ging. Ich wurde schon beim Trailer emotional.

Vielleicht macht mich der Sommer wieder verliebt in Berlin. Langsam kann ich mir aber auch vorstellen, wieder auf´s Land zu gehen für ein paar Jahre. Zeig mal was Du kannst, Sommer!

Glam und die Wahrscheinlichkeitsrechnung

Jetzt lebe ich seit ca zwei Jahren mit den organischen Konsequenzen meines bisherigen Lebens, ohne Abhilfe schaffen zu wollen, bzw mich dazu genötigt zu sehen, weil, warum? und dann kommt ein Gedanke – Was, wenn es besser wird? Das wäre ja schrecklich, wenn ich runtergerockt und mit kaputten Organen noch einmal Freude empfinden würde, oder, shocks, nochmal so etwas wie Liebe erlebte?? Oder ich dann doch noch ein Buch würde schreiben wollen, das ich überraschend in mir fünde? Dann wäre es natürlich besser, ich passte ein wenig besser aus mich auf. Aber mein Glaube an den Erfolg ist verloren. Andererseits habe ich “Ashby House” auch zunächst für mich geschrieben. Und in der “Oper der Phantome” gibt es Passagen, die zum Besten gehören, was ich schreiben kann, von der schwülstigen Love-Story abgesehen. Und jetzt spukt Rasmus K. in meinem Kopf und ich habe einen ersten Satz geschrieben. Und muss jetzt entscheiden, ob ich die Geschichte von Rasmus fließen lasse oder drin behalte.

LUX

Nach “Lux: Krieger des Lichts” im Babylon weiter in den Gorgozola Club, wo sie unseren Tisch trotz 15 Minuten Verspätung gehalten haben. Perfektes Dinner bei herausragenden Gastgebern. Kurzer Trip ins Olfe, das auch mit den Jahren nichts gewinnt, dann, weil Heimweg, Roses, und dort ist alles wie immer. Fremde Menschen werden gesellig, aber als die Frage “Hast Du Drogen?” kommt ist der Abend für hier beendet, wir gehen Heim, da ist noch ne Flasche Schlumberger, und wir schauen uns Nyle DiMarco tanzend an. Mit dem Skailight. Iris hat sich in einem Taxi abgesetzt. Ist es das zunehmende Alter, das mich immer zurück bringt auf Anfänge – Iris – Schulzeitung, Kai – das Schwuz der späten 80er? Egal. Dass diese Menschen immer noch bei mir sind, das ist ein Geschenk. Lichtarbeiter Mitstreiter in vielen Dimensionen – Krieger des Lichts.

(15 Minuten zu lang. Ansonsten: Wunderbar.)

22, running

I cannot always run on my own fuel
I run and run and run, I am such a fool
I´ve hit the point of no return
So long ago
And circling round the drain makes you dizzy
And just so uncool

I sit and write a song like I´m 22
Where ever it may get me
I just tell the truth
Maybe lying gets you quicker to where you run
But sorry, I believe that makes you such a cunt

There comes a time where you ask
If you´re the face behind or just the mask
What you need is a full tank of gas
You run run run run
Doo yaheeee
You run run run run
Doo yaheee!

People who need people

Innerhalb einer Woche Notaufnahme, Polizei – als Angehöriger, nicht-direkt-Betroffener, Androhungen und Vertrauensmissbräuche, schließlich gekrönt: Arschdoktorbesuch. Da war ich schon so durch, dass die Panik ausblieb und lediglich 3 Gramm Antiobiotika in Verbindung mit Citalopram und einem Glas Wein mich in einen nebulösen Zustand versetzten, aus dem ich gestern, einen Tag später, herausdämmerte, um im Büro festzustellen, dass ein gigantischer Backlash einsetzte. Es liefen die Tränen, unkontrollierbar, und ich konnte nicht nach Hause. Dann der B. eine Message gesendet, ob ich paar Stunden bei ihr im Garten schlafen darf, “Ja, natürlich” und dann die vertraute geliebte Strecke zum See runter. “Du bist meine Hamptons.” Und sie weiß genau, was das heißt. Und doch ist sie viel mehr als das. Mit ihr im Garten sitzen und drei italienische Teenies spielen Pingpong, der L. kommt auch dazu und wir spielen uns Musik vor – Lorde, Burt Bacharach, und dann ziehen die Teenies weiter, wir bleiben sitzen und ich äußere eine meiner schlimmsten Bestandsaufnahmen – B., ich bin so langweilig geworden, ich öde mich an mit meiner Langweiligkeit. Und wie so oft in den letzten Wochen, nach dem zweiten Mal “A Little Life” – “Ich bin der Welt abhanden gekommen”, Schubert? Nein, Mahler. Und natürlich Jude St Francis, Judy für seine Freunde. Die B. lacht. “Volker, wenn Du irgendwas NICHT bist – dann langweilig.” Und nach ein paar Stunden fahre ich zurück in die Stadt, und dann ist wieder dieser kleine Funke in mir, der mich zum Schreiben bringt. Und zum Leben. Zurück in die Welt.