Kategorie-Archiv: Auf der Couch

Montgomery burns

“Es sieht immer so schön aus, wie Du durch den Hof kommst – als würdest Du schweben!” sagt die Nachbarin, und ich mache das majestätische Flappen meines Sommermantels verantwortlich, zumal meine Knie sich anfühlen wie mit Quecksilber verlötet, mein Körper baut die Pille suprise vom Vortag ab und das Citalopram ist im Höchsteinsatz, eine panische Episode zu kaschieren. Soviel zum Thema Innen- und Außenwirkung. Als ich im Büro die Sonnenbrille abnehme und meine Kollegin sofort rüberkommt und mir einen Kuss gibt und mich in den Arm nimmt, weil sie sieht was los ist, ist das Innen dann durchaus außen sichtbar. Immerhin war die neue Ray Ban eine gute Investition und ich weiß ja, dass solche Horrortage vergehen. Und so ist es auch an diesem Montag. Die Panik durfte einmal wieder rüberschwappen. Ich überrasche mich selber, dass ich mich nicht darüber freuen kann, eine Partypille auf Rezept bekommen zu haben. Dass die die gleichen Nachwirkungen hat wie E verhindert aber die Einsatzmöglichkeit in meinem Fall. Den Versuch war es wert.

Am End ist alles Chemie. Ich hatte in Chemie ne 5. Ich kann nicht erklären, wie ein Medikament chemikalisch wirkt, aber ob. Die Panikstörung ist dank Citalopram in* Kontrolle, abgesehen davon, dass das Medikament sich auf mein kreatives Centrum setzt, sich dort breitmacht und keine Pläne macht seinen knochigen Arsch fort zu bewegen. Stelle mir da so einen verbissenen Mr Burns vor, wie er sich gegen eine Tür stemmt, hinter der es kracht und friert. Blöderweise verbarrikadiert er auch die Tür nebenan, auch da kracht es manchmal, aber ansonsten sind dahinter die ganzen Zwischentöne und Feinheiten, wichtige Vernetzungen, Brücken, mein Pantheon, Zeit, Raum. Also habe ich im Falle der Pille surprise Smithers hinzugezogen, aber der hat, wie immer, alles falsch gemacht. Bleibt Mr. Burns.

Aber alles in allem alles heute viel besser als gestern.

* Was fürn Freud´scher… Unter Kontrolle. Weitestgehend.

Thoughts upon Channing Tatum

Am Vorabend ein Film, in dem eine Frau auf ein neues Anti-Depri-Medikament mit Schlafwandeln reagiert und auf diesem Umweg ihren Mann ersticht. Besonders schade, weil der von Channing Tatum gespielt wurde. Dann sitze ich beim Psychiater und auf dessen Balkon flattern zwei Meisen, wirklich wahr. Ich berichte ihm von dem neuen Medikament, von dem ich gehört habe, er hat das aber noch nie verschrieben. Endlich erfahre ich, wie die Wartezeiten von bis zu 3 Stunden in dieser Praxis zustande kommen (Wir erinnern uns – mein erster Besuch – nachdem mich die Vorzimmerkönigin gebeten hat in 2 Stunden nochmal wieder zu kommen, fügt sie erläuternd hinzu “Beim Nervenarzt ticken die Uhren anders!”.) Er nimmt sich Zeit. Checkt im Internet und liest in medizinischen Wälzern nach. Listet die Wechselwirkungen (kaum welche), Nebenwirkungen –
“Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit-”
“Na die sind ja bei jedem Medikament gelistet!”
“Patient hört Stimmen-”
“Na, wenn ich anfange Stimmen zu hören kann ich es ja absetzen.”
“Es sei denn die Stimmen sagen was anderes?”
Dann lachen wir ein bisschen und mit einem Rezept und einem Termin in zwei Wochen verschwinde ich in den Menschentaumel auf der KM-Straße und denke an die Frau mit dem Schlafwandel und es hat doch was für sich, wenn man alleine lebt, besonders für Channing Tatum.

Macke light.

“Und Du? Du ooch Methadon? Du schwitzt so.”
“Nee. Kein Methadon.”
“Tilidin?”
“Auch nicht. Aber, ja. Kommt von den Medikamenten.”
Ich versuche, mich wieder meinem Buch zuzuwenden, aber mein Sitznachbar im Wartezimmer der Psychiatrie-Praxis hat Gesprächsbedarf.
“Kenn ick. Voll Scheiße. Vor allem im Winter. Fährste Ubahn schwitzte. Kommste raus frierste. Bin ständich erkältet. Und Du?” wendet er sich der ganz entzückenden ca 17jährigen Blondine zu, die uns gegenübersitzt. “Drogen?”
“Nee”, sagt sie, schaut zu mir und wir müssen grinsen wegen der Absurdität, dass da endlich mal jemand ausspricht, was einem selbst im Kopf rumgeht, wenn man sich die Patienten anschaut.
“Depris?”
Sie nickt.
“Kennick. Hattick allet schon. Paranoia, Wahnzustände. Allet. Sieht man dir aber jar nich an! Du strahlst ja richtich!”
Wieder grinsen wir uns zu und ich sag zu ihr “Hab ich auch grad gedacht.”

NERVEN WIE DRAHTSEILE

“Hallo Frau XY, hier Herr Dick. Ich hab ein Problem. Ich habe am Donnerstag um 13 Uhr einen Termin bei Dr. AB und sehe gerade, dass ich um 16 Uhr einen Therapietermin habe.”
“Na. Das wird woll nix.” (2-3 Stunden Wartezeit sind üblich. Ihr erster Kommentar damals “Herr Dick. Beim Nervenarzt schlagen die Uhren anders.”)
“Und da würde ich gern den Termin mit Dr. AB verschieben.”
“Herr Dick. Wenn das man so einfach wäre.”

(Ich liebe diese Sprechstundenhilfe. Die ist so der Typ Frau, die einen Angreifer mit einer Handtasche in die Flucht schlagen könnte, weil sie vorsorglich einen Backstein darin mit sich führt. Ich könnte sie mir auch gut in “American Horror Story” vorstellen, als toughe Nonne. Einzig der hellblaue Lidschatten stünde dem im Weg.)

ENDLICH EIN GRUND – LOS! PANIK!

Einige der Nebenwirkungen sind ja – kurzfristig – ganz angenehm. Die Appetitlosigkeit. Die hat zur Folge, dass ich ganz wenig Müll produziere, weil ich so wenig esse. Und natürlich verliere ich auch Gewicht. Längerfristig, den Jojo-Effekt einbeziehend, ist es natürlich Scheiße, da ich, sobald ich wieder normal esse, auch wieder zunehmen werde.

Gestern eine sehr unbefriedigende Therapiesitzung, so schien es zunächst, doch dann pinpointete die Heidi in der letzten viertel Stunde ziemlich treffsicher die äußeren Faktoren, die die Panikkrise angestoßen haben. Das war nicht wirklich überraschend, das hatte ich schon selbst so empfunden, aber manchmal reicht es schon, es aus anderem Munde zu hören. Nichtsdestotrotz fällt es mir schwer, ihr klar zu machen, wie wenig die Mechanismen der Verhaltenstherapie in dem Moment greifen, wo die Attacke den Körper im Griff hat. Ein “Fuck off” reicht in den seltensten Fällen. Dealing dealing dealing with it. Running up that hill.

KREUZBERG HORROR STORY

So im Vorbeigehen denk ich “Hm?”, dann schau ich nochmal hin, ins Gästezimmer, und sehe, dass dieser kunstvolle 4-Ebenen-50ies-Tisch-oder-wie nennt-man-eine-nierenförmige-Blumenbank? in der Mitte des Zimmers steht und nicht mehr unter dem Lagerfeld-Sissi-Nadja-Auermann-Plakat an der Wand, wo er sonst wohnt. Ein Deko-Souvenir-Elefant (der, den Modeste mir aus Thailand, glaube ich, mitgebracht hat), ist runtergepurzelt und die gläserne Milchkanne, die als Gießkanne zweckentfremdet wurde, ist umgefallen. Da ich mein Schlafwandeln satt habe und weil ich gestern “Amityville Horror” geschaut habe, eigentlich wegen Ryan Reynolds Bauch, und weil ich nun mal Horror-Autor bin, blame ich es von nun an auf Gespenster.

THESE, TOO, SHALL PASS

10 Stunden Schlaf. Fett. Aber war wohl nötig. Vor mir: 1 Woche Urlaub, und das Wetter zickt, wo mein Plan eigentlich war, mehr Zeit auf dem Wasser als an Land zu verbringen. Wird schon. Für heute dann einfach Putztag, danach “The Perks of being a Wallflower” lesen, dann liegt da noch “The Woman in Black”auf DVD und die zweite Staffel mit Frau Lund. Um 0.44 habe ich dann wohl noch eine Einladung an einen Fremden verschickt, die quasi bejaht wurde, heute morgen ist mir das dann doch eigentlich zu forsch, retrospektiv, und vielleicht mach ich daraus eine Dinner-Einladung. Zwei Glas Wein in Kombination mit Psychopharmaka macht mich abends so, dass ich die letzte halbe Stunde nicht wirklich erlebe – der Motor läuft weiter, aber die Erinnerung ist schwammig. Meine Abende beginnen dann damit, dass ich 20 Minuten Lund zurückspule, um mich wieder reinzufinden. Jetzt weiß ich grad noch, wer der Mörder war, aber für die Feinheiten werde ich heut Abend die letzten 20 Minuten nochmal zurückspulen. Ist ein bisschen wie beim Schlafwandeln.

Kundenkontakt und Supermarkt in den letzten Tagen sehr stabil, aber verlassen kann ich mich nicht darauf. Der Doktor sagt Dosis erhöhen, anstatt anderes Medikament. Die Höchstdosis liegt bei 60mg, ich war bei 20, demnächst 30. Könnte klappen. Die Wartezeit in seiner Praxis (beim ersten Mal 3 Stunden, beim zweiten 20 Minuten, am Donnerstag 1 Stunde) hat in seinem Fall damit zu tun, dass er sich Zeit nimmt. Er setzt medikamentös da an, wo Therapie nicht mehr half, aber er weiß, dass es da nicht aufhören kann und da offenbar noch Dämonen sind, die in irgendeiner anderen Form der Therapie herausgelockt, an der Hand genommen und verabschiedet werden müssen. Und ich merke selbst, dass ich mich in einem Maße aus der Gesellschaft zurückziehe, die dem Status von vor ein paar Jahren ähnelt. Ich muss mehr raus. Beispielsweise – selbst blöde Erlebnisse auf dem See sind gut, weil sie vorübergehen. Ich sehe ja die Nervleute sprichwörtlich an mir vorbeiziehen, weil sie nicht den Grips haben, zu ankern. Das ließe sich doch übertragen. Siehe oben.

GRUND, LOS, PANIK

Und zack – Attacke. Nach der In*sidon-Resistenz-Erfahrung immerhin nicht wieder das Gefühl von Enttäuschung und Entsetzen. Pech gehabt, funktioniert also auch das C-Präparart nicht. Ent-nervt allerdings darüber, dass nun eventuell ein weiteres Medikament angesetzt werden muss, das ebenfalls wieder wochenlang komplett wirkungsfrei ist, außer, was die Nebenwirkungen angeht. Da es ja mittlerweile Alltag ist, mit der Angst und der Panik zu leben, erlebe ich das nicht mal mehr als Schock. Rückschlag, ja. Und den Blick in den Augen der Leute zu sehen, die mich mitten in der Attacke sehen, oh well.