Kategorie-Archiv: per se, also als solches

Nur mal so

Zahnarzt, Steuer, TÜV, Hauptsaison, Herzschmerz. Es gibt eigentlich keinen Anlass dafür, dass ich mich gut fühle und nicht zerstört. Dafür, dass so ein Menschenleben nicht einmal die Spur eines Fliegenschisses in der Gesichte der Evolution ist einerseits. Dass es auch im reifen Alter noch zu tiefen, guten, unschuldigen Gefühlen kommt, die wie im Teenie-Alter von einem Moment auf den nächsten umkippen und statt des guten Gefühls seelisches Heimweh Einzug hält und ein paar Tage, Wochen, Monate verweilt, andererseits. Es ist alles messbar und es ist alles schon viel viel schlimmer gewesen. Druck kann man beispielsweise mit Humor sublimieren. Der fällt böse aus, aber es ist diese Zeit im Jahr, wo die Weihnachtshyänen kreischen, weil sie verdammtescheißenochma ein schönes Fest und einen Coca-Cola-Truck-Xmas-Winter wollen, um´s Verrecken, aber doch bitte nicht koste-es-was-es-wolle (gibt´s das noch?), sondern am Liebsten mit Groupon-Aktion oder ADAC-Rabatt. Amüsierzwanghaftigkeit hoch Geiz-ist-geil – selten sind das nette Kandidaten.

ELEFANTENSCHRITTE oder HAST DU ETWAS ZEIT FÜR MICH?

Am 9.11.14 spätnachmittags, es ist schon dunkel, die Warschauer Brücke zu wählen, um vom Friedrichshain zurück nach Kreuzberg zu gelangen ist sicher nicht der schnellste Weg. Aber das Schritttempo passt recht gut zu meinem Innenleben und dem gerade Erlebten. Babysteps. In der folgenden Nacht träume ich prompt von einem Baby-Mini-Elefanten, der bei mir wohnt. Kleine Schritte. Aber ein mächtiges Vorhaben. Die Luftballons sind noch verankert, die Menschenmenge hat nichts Bedrohliches. Der Stau kommt nicht nur vom starken Verkehrsaufkommen sondern von den fahrenden Glotzern. Gute Glotzer in diesem Fall. Gmächlich fahren sie die Ballons entlang und schauen und driften vermutlich, wie ich, in Erinnerungen. Ost/West, Mauerfall – wenn es all das nicht gegeben hätte, dann wäre ich hier nicht unterwegs, dann käme ich auch gerade von irgendwo anders, nicht aus der B-Straße im F-Hain. Neue Chancen, Möglichkeiten, Neuanfänge geht´s mir durch den Kopf. Ich habe einen Spiegel weggegeben, auch das passt. Ich hab ihn an die richtige Adresse gebracht, er wohnt jetzt bei anderen schönen Rahmen und Bildern. Im wahren Leben habe ich mir aus praktischen Gründen keinen Elefanten angeschafft – das ist unpraktisch und vielleicht ein bisschen unfair dem Elefanten gegenüber, wenn man im 5. Stock wohnt. Dazu noch das Platzproblem. Und sie brauchen soviel Gras und der Görli hat so schon zu wenig davon. Aber so ein Mini-Elefant ist vielleicht der richtige Anfang. Für den Anfang. Und plötzlich einen Elefanten im Raum zu haben macht auch ein wenig nervös – die Verantwortung, die Verpflichtung – aber man muss sich auch mal was zutrauen, man kann die Mauer ja zum Fallen bringen, das wissen wir, und dann kann der Luftballon fliegen.

DRUM MERKE, GLAM!

Sendungsbewusstsein runterschrauben, wenn es darum geht, Bücher, die einem wirklich am Herzen liegen, auch zugriffsbereit im Regal stehen zu haben. (Soeben “The Meaning of Matthew” von Judy Shepard zum zweiten Mal bestellt. Aber vielleicht habe ich es auch nur an einen besonderen Platz gestellt, weil es nicht zwischen andere Bücher ins Regal gepfercht gehört; nur blöd, dass ich diesen besonderen Platz – oder an wen ich es verliehen habe – vergessen habe.)

1985/2012

Sitze in meinem ehemaligen Kinderzimmer, wo ich 1985 erstmals “Running up that Hill” gehört habe, damals auf Vinyl auf einer Anlage, die ich mir vermutlich vom Konfirmationsgeld geleistet habe. Heute kommt dasselbe Lied aus einer kleinen Kiste, die in einer Art magentafarbenem Knochen steckt und in der kleinen Kiste wohnen noch tausende andere Lieder. Hätte ich damals nicht gedacht, dass es so eine Technologie einmal geben würde und macht mir Hoffnung, zu Lebzeiten noch per Teletransportation reisen zu können. (Die Reisemusik kommt dann vermutlich aus einer Wolke.) Noch ne Klammer: (Schellack ist auch noch im Familienbesitz, aber das dazugehörige Gerät ebenso funktionsunfähig wie der Vinyl-Schallplattenspieler.)

Und was hat Rainer Maria zur Geburt der Musik zu sagen?

Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos
wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene
Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.

(Ebenfalls aus der ersten Duineser. Musik entstand demnach aus der Klage um den Verlust eines Halbgottes. Trost spendet hier Ralph-Waldo: “Heartily know, when Half-Gods go – the Gods arrive.” Das hat mir auch schon über so manche Durststrecke geholfen. Derweil singt Judith auf der ODP-Playlist “Lonely planet, lonely planet – oh this is lonely planet Germany”. Und wenn nicht Neo Barock mein nächster Künstlername wäre, dann Ralph-Waldo-Maria Rilke-Emerson.)