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Ein ganzes Wochenende nur über Geld gegrübelt. Dabei festgestellt, dass ich ein langfristiges Darlehen zu 50% überabbezahlt habe, so dass ich quasi einen Puffer geschaffen habe, der mir jetzt aus der akuten Finanzkrise hilft.

Die Ämter biegen ein bisschen unter den Herausforderungen. Integrationskurs für Abdu innerhalb der nächsten vier Wochen, auch wenn noch ein Schein fehlt, der auf irgendeinem Schreibtisch in Bayern einstaubt. (Pünktlich um 10 beim Amt gewesen. “Für Flüchtlinge montags und mittwochs um halb 2″. Weil ich da auf dem Weg zur Arbeit bin auf Mittwoch verschoben. Ist er dann aber selbständig um halb 2 aufgekreuzt und hat alles im Griff.)

“The Thrill of it all” so wunderbar, dass ich beim Finale immer so kurze Schluchz-Schocks verbergen musste (ich las im Büro). Also leicht wegdrehen, Hüsteln vortäuschen. Nicht daran denkend, dass jenseits des Hofes ja noch ein Bürokomplex mit großen Fenstern steht.

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Nach “City on Fire” nun “The Thrill of it all”, auch ein Buch über Musik anderer Zeiten, in denen ich vorkam. In beiden ist Bowie der Punkt, an dem sich Menschen entscheiden, wo aus Raupen Schmetterlinge werden oder Raupen bleiben. Das coole Mädchen im Roman hat das Coverfoto von der “Low” auf ihrem Collegeblock mit Tesafilm geklebt, und das 1982. Weißte alles. Heldin. Ich lese in Büropausen, rauchend am Fenster, und muss mich zusammenreißen, aber es ist und bleibt so. Wenn ich daran denke, dass er tot ist, kommen die Tränen. Das ist teilweise Trauer, aber auch große Dankbarkeit, dass ich Teil des Universums Bowie geworden bin, mit 14. Er ist eine Lesart. Und bleibt. Ich kann mir nicht vorstellen, ich zu sein, ohne Bowie.

Prince hat mich nicht so massiv erreicht, aber es war so schön, dass er da war, und es gibt eine handvoll Lieder, ohne die Welt sehr viel ärmer wäre. So long, kleiner großer Prinz, don´t worry, there´s a starman waiting in the sky.

Very sad.

2016. You suck big time.

Annemariekloetenheimerich

Der Frankfurter ist raus. Das ist gut, denn meine Alarmbereitschaft fuhr Überstunden. Der Abdu ist zurück und ich stelle fest, dass viele Sandra Bullock-Filme arabische Untertitel haben. Sowie Zoolander. Große Freude, großes Lachen zu hören. Heute bereits mit zwei Bloggern telefoniert, quasi Testament, dass die Bloggerei eigentlich son bisschen in den Wind gepisst ist, wenn man schon zum Telefon greift, um sich zu verständigen. Aber auch schön, Hearties Stimme zu hören und Herrn Schneck gleich auf dem Balkon willkommen zu heißen, während die gehypte Band mit dem komischen Namen angry Lieder rotzt.

Glam, Knochenuhr

Das Schreiben ist gerade ein bisschen zum Stillstand gekommen. Hier wegen Buch. Buch wegen Ereignissen. Abdu ist ein Grund. Nachdem ich vor ein paar Monaten mal von LGBTIs las, die im Lager gemobbt wurden, hatte ich angefangen, ebensolchen, Atheismus idealerweise vorausgesetzt, eine Unterkunft zu geben. Und irgendwann festgestellt, dass Härtefälle eben Härtefälle sind, ungeachtet sexueller Orientierung, Religion, Herkunft. Abdu nun ist Moslem, Hetero, Maurer, 23. Und hatte keinerlei Vorbehalt, in einem schwulen Haushalt zwischenstationiert zu werden. Er hatte das Zimmer, bis ein anderer Flüchtling, deutsch, obdachlos, Freund eines engen Freundes einzog. Where do you draw the line? Abdu hat nach wie vor einen Wohnungsschlüssel, um dem Camp, wo er mittlerweile untergebracht ist, zumindest tagsüber zu entkommen. Wenn ich ein paar Tage keinen Kontakt mit ihm habe, merke ich, wie sein Deutsch sich verschlechtert, deshalb unterstütze ich, dass er sich bei mir auf Deutsch Jackie-Chan-Filme anschaut. Weil ich ja nun aber auch mein eigenes Leben weiterlebe, wie gewohnt wäre die falsche Formulierung, ist nun im Arbeitszimmer ein Couchie untergebracht. Der studiert den wunderbaren Studiengang “Liberal Arts and Sciences” und erlebt hautnah eine Möglichkeit, seinen Studiengang konzeptionell umzusetzen. (Informieren Sie sich über dieses Studium, wenn ich nicht so alt und arm wäre, würde ich es selber angehen.) Am Samstag war ich mit dem Couchie beim Ex-Roomie, Geburtstag feiern, und es war ein Fest, mit anzuschauen, wie sich der wunderhübsche junge Mann (Sohn von Steerpike) integriert und strahlt und leuchtet. Von Abdu kam am Abend eine Voicemail auf Whattsapp: “Glammy. Gute Nacht. Gute Nacht. Auf Arabisch:…” (Das hab ich nicht verstanden.) Indem ich mir ganz viele Gedanken über andere Leute mache, komme ich kaum dazu, befindlich zu sein, was sich letzte Nacht darin äußerte, dass ich vor lauter Gedanken gar nicht schlafen konnte. Was nun heute dazu führte, dass ich mir frei nahm, um den Schlaf nachzuholen, um dann ein paar Sachen in eigener Angelegenheit zu klären, und danach noch etwas Zeit mit Steerpikes Sohn zu verbringen und Oliver Sacks´ “On the move” weiter zu lesen. “The – utterly gorgeously wonderful – Boneclocks” habe ich Young Steerpike geschenkt und mit Grüßen von der Knochenuhr GlamourDick gezeichnet.

Me here at last on the ground, you in mid-air

Die befürchteten Arzttermine gemacht, 2 von 3. Dritte von 4 Raten ans Steuerbüro überwiesen. 8 Seiten geschrieben. Eine Runde im strahlendsten Sonnenschein um 2, 3 Blocks. 8 Seiten redigiert, 9. Seite geschrieben. Den neuen David Mitchell weitergelesen, sehr sehr gut. Gedanken um Madonna und Rocco gemacht. Der hat den Control-Freak seiner Mom auf Tour offenbar nicht mehr ausgehalten. Und mit “Tears of a Clown” hat sie ihm ein Eingeständnis gemacht und sich a) ein bisschen zum Affen und b) ein bisschen frei gemacht. Gesanglich hab ich sie schon schlechter erlebt. Ihre Moderationen sind auch nicht gerade großartig, but hey, there was a Mensch, all of a sudden. Ein nicht sehr sympathischer Mensch, aber ein Mensch mit Liedern. Die Setlist war großartig. Dem Abend hätte ich lieber beigewohnt als der durchorganisierten und seelenlosen Materialschlacht der Rebel Heart Tour.

Im Rahmen der Buch-Recherche eine Notiz von 2005 gefunden: “Chronische erworbene Alarmbereitschaft”. Die Diagnose wurde nie verfolgt, dabei fasst sie eigentlich alle Symptome zusammen. Erstmals weiter-recherchiert und deshalb siehe erster Satz dieses Beitrags. Der Körper ist im Overdrive und befürchtet permanent einen Angriff. Das ist mir erst wieder bewusst geworden, als der Miggi hier war und meine Symptome weg. Die Pillen gegen die Panik wirken, aber die Alarmbereitschaft, also die Furcht, ist nicht so richtig weg zu kriegen außer ich habe einen erschöpfenden ADHS-Kandidaten bei mir, der mich von mir selbst ablenkt und mich packt und biegt und sich mit mir auf dem Bett verrenkt. Mit ihm über´s Tempelhofer Feld zu stiefeln, seine Hand in meiner Jackentasche in meiner Hand kreischt Einhorn-Ausflug oder Rainbow-Overkill und selten habe ich mich sicherer und wohler gefühlt. Gestern beim friedlichen Nachbarschaftsspaziergang allein musste ich mir wieder hilfreiche Gedanken sammeln und vermied Läden, obwohl ich Lust auf Obst hatte. Ich handele jeden Tag aus, was ich mir zumute, und wenn ich mich dabei ertappe, dann tue ich das Richtige: ich schiebe es weg. Ich bring mich zurück ins Jetzt und lass das Nachher Nachher sein. Ist doch alles Lebenszeit, kann man doch nicht mit Grübeln oder Befürchten vermiesen.