Waving my walking stick…

Ich geh mit Stock, wenn ich auch nicht am Stock gehen soll. Mach ich auch nicht. Den Stock trage ich aus Symbolgründen, ich stütz mich selten drauf ab, trag ihn locker in der Hand, horizontal. Wenn man jemanden mit Stock sieht, geht man davon aus, dass der Stockträger gerade nicht gut, bzw schnell gehen kann. Das ist dem Stockträger hilfreich wenn er eine Straße überqueren möchte. Mann mit Stock ist auch wie Mann mit Hut. Man kann sehr schön grüßen, mit dem Finger an der Hutkrempe oder indem man leicht den Stock hebt (vertikal). Der Stock hilft mit bei der Bekämpfung der Ungeduld, die ich und andere mit mir haben. Es ist jetzt mal ein anderes Tempo vorgegeben, sollen die anderen rennen, ich kann halt gerade nur flanieren.
Stock ist auch dann toll, wenn einem, die Straße zu Fuß überquerend, ein Auto die Vorfahrt nimmt und einen fast über den Haufen fährt. Es hat mir alle Kraft abverlangt, der Tussi nicht die Windschutzscheibe zu zertrümmern, ich hatte wirklich genug Unfallopfer-Zeit, dieses Jahr und für noch ganz viele.

Zeilen, geschrieben, während im Radio Forellenquintett

Der Tag, an dem ich wieder mit dem Schreiben angefangen hätte. Er kam, er war da, er verstrich. In zwei Monaten Krankheits-Exil im Harz machte ich den Mac genau zweimal an: um das erste Album von Louane zu laden, um es dann auf dem Ipod zu synchronisieren und um die DVD “Man in an Orange Shirt” anzuschauen. Die Tage gestalteten sich, wie für LBurg übrig, um die Nahrungszubereitung herum. Anstatt schriftstellerisch aktiv zu werden, kochte ich Hagebutten ein oder fertigte Zeichnungen einer Garage an. Ich kam zu Kartoffelklößen und kochte Würstchen-Gulasch mit Rotkohl und Kartoffel/Birnen-Purree für meine Nichte, meinen Neffen und seinen Band-Kollegen. Ich verbrachte Zeit mit Lesen und zuviel zu trinken. Besuchte eine Ausstellung zum Thema Euthanasie im “Dritten Reich”, die in der örtlichen Nervenheilanstalt gezeigt wurde. Sie beschäftigte mich tagelang und wirkt bis heute nach. (Das gleiche gilt für den Bruch meiner Kniescheibe, der das Exil veranlasst hatte. Gebrochene Kniescheiben und Dachgeschosswohnungen ohne Aufzug gehen nicht gut zusammen.) Überhaupt bewegte ich mich viel auf dem Klinikgelände, das das Herz des Dorfes ausmacht. Es ist sehr schön gestaltet – ich musste an die Universal-Studios denken, die ja auch wie eine Stadt in der Stadt aufgebaut waren. Mein Tempo (Rentnerinnen überholen mich mit ihren Rollatoren) fand irgendwie auf dem Areal der Nervenklinik Bestätigung. Auffällig, wieviele schwer unter den Nebenwirkungen von Psychopharmaka Leidende arg beruhigt umherstapften. (Das war vor ein paar Jahren noch anders.) Ich humpelte unter ihnen.

Ich gewöhnte mir Radio hören an und das hab ich mit nach B genommen. Es gibt hier jetzt ein Küchenradio. In Lburg war der bevorzugte Sender meiner Mutter eingestellt. Auch als sie eine Woche im Urlaub war, verstellte ich den Sender nicht – ich war den sedierenden Hypnosen NDR1 Radio Niedersachsens aufgesessen. Eine anachronistische Zeitschleife, die mich irgendwann erwischt hatte. Zu den schönen Dingen des Alltags gehörte es irgendwann, dass man, egal, wann das Radio anstellte, sicher gehen konnte, nicht überrascht zu werden. Tagesthemen wurden konsequent und mit Akribie durchbe- und abgehandelt Am internationalen Tag der Erfindung, wurden stundenlang Radio-Niedersachsen-Hörer angerufen und durften ihre Ansichten betreffs allem rund um die Erfindung preisgeben. Meine Lieblings-Hörerin, nach der wichtigsten Erfindung der Menschheit gefragt, musste nicht lange überlegen. “Kaffeemaschine. Einstellen. Durchlaufen. Trinken.” Sturmfest und erdverwachsen, so sind wir. Das wird man auch nicht mehr los.

Zurück in B läuft in der Küche jetzt Deutschlandradio Kultur. Beschallung tut mir gut. Die Aufgabe jetzt ist, Aufgaben zu finden, um nicht bekloppt zu werden angesichts der vielen Zeit, die ich mit mir selbst habe. Der Faktor Arbeit ist eine unterschätzte Maßnahme in der Beschäftigung, sich selbst nicht in Fransen zu schneiden. Ich gehe jetzt drei Stunden täglich ins Büro, den Rest der Zeit changiere ich zwischen Beine hochlegen und Beine vertreten. Verlangsamt sieht man mehr. Dann war es mir ein Bedürfnis, zu Zeichnen, das ging auch mit hochgelegten Beinen, und auf einmal war es für mich das größte Faszinosum, wie ich Laub und Blätter wohl mittels Bleistift auf Papier bringen würde können. Mit Worten und Sprache war ich nicht so. “Du bist so ruhig geworden, in den letzten Wochen”, sagte die Mutter. Was ein Glas Wein nach dem Frühstück zur Beruhigung beitragen kann – fragen Sie mich.

Und sonst auch. Ich habe zu erzählen, stelle ich fest. Aber ich bin zickig mit meinem Content. Ich schreib, wenn ich will. Und wenn nicht, höre ich Radio. (Wissen sie noch, wie es wahr, als man miteinander am Telefon Gespräche führte?)

Rilke: Erinnerung

Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.
Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.

22, running

I cannot always run on my own fuel
I run and run and run, I am such a fool
I´ve hit the point of no return
So long ago
And circling round the drain makes you dizzy
And just so uncool

I sit and write a song like I´m 22
Where ever it may get me
I just tell the truth
Maybe lying gets you quicker to where you run
But sorry, I believe that makes you such a cunt

There comes a time where you ask
If you´re the face behind or just the mask
What you need is a full tank of gas
You run run run run
Doo yaheeee
You run run run run
Doo yaheee!

People who need people

Innerhalb einer Woche Notaufnahme, Polizei – als Angehöriger, nicht-direkt-Betroffener, Androhungen und Vertrauensmissbräuche, schließlich gekrönt: Arschdoktorbesuch. Da war ich schon so durch, dass die Panik ausblieb und lediglich 3 Gramm Antiobiotika in Verbindung mit Citalopram und einem Glas Wein mich in einen nebulösen Zustand versetzten, aus dem ich gestern, einen Tag später, herausdämmerte, um im Büro festzustellen, dass ein gigantischer Backlash einsetzte. Es liefen die Tränen, unkontrollierbar, und ich konnte nicht nach Hause. Dann der B. eine Message gesendet, ob ich paar Stunden bei ihr im Garten schlafen darf, “Ja, natürlich” und dann die vertraute geliebte Strecke zum See runter. “Du bist meine Hamptons.” Und sie weiß genau, was das heißt. Und doch ist sie viel mehr als das. Mit ihr im Garten sitzen und drei italienische Teenies spielen Pingpong, der L. kommt auch dazu und wir spielen uns Musik vor – Lorde, Burt Bacharach, und dann ziehen die Teenies weiter, wir bleiben sitzen und ich äußere eine meiner schlimmsten Bestandsaufnahmen – B., ich bin so langweilig geworden, ich öde mich an mit meiner Langweiligkeit. Und wie so oft in den letzten Wochen, nach dem zweiten Mal “A Little Life” – “Ich bin der Welt abhanden gekommen”, Schubert? Nein, Mahler. Und natürlich Jude St Francis, Judy für seine Freunde. Die B. lacht. “Volker, wenn Du irgendwas NICHT bist – dann langweilig.” Und nach ein paar Stunden fahre ich zurück in die Stadt, und dann ist wieder dieser kleine Funke in mir, der mich zum Schreiben bringt. Und zum Leben. Zurück in die Welt.

Moments of pleasure

Wenn man sich mit jemandem verabredet, den man ca 25 Jahre nicht gesehen hat, dann ist es ziemlich wagemutig, das Treffen für 14.00 Uhr anzusetzen, immerhin 6 Stunden, bis die andere lang verlorene Freundin und die Freundin, die uns damals zusammenbrachte, ca 1986, dazu kommen. Die Vermutung war aber, ganz bauchtechnisch, dass wir uns auch jetzt noch dies und das zu erzählen haben würden. Und so holte ich Marion vom Bus ab und es dauerte keine Stunde, bis ich das erste Mal ihr Lachen wiederhörte, das, das einen so ganz besonderen Klang hat, eine Melodie, und das so ansteckt und in mir auch ein Lachen auslöst – nicht ganz so melodisch; mehr, wie wenn man einen Eber auskitzelt – und die 25 Jahre waren nur noch eine völlig irrelevante Zahl (die zwischen 24 und 26). Wir schwangen auf einer gemeinsamen Frequenz. Diese wurde am Abend dann um zwei Lachen aufgestockt und weiter harmonisiert. Iris kenne ich seit ich 14 bin, Martina kamm zwei Jahre später in mein Leben. Ein Zusammentreffen, für das ich auf einen meiner liebsten Sommertermine, das Autorenfest meiner Agentur, verzichtet hatte. Um halb vier Uhr morgens blieb dann Martina und crashte auf der Couch, so dass wir dann noch den Vormittag für uns hatten, um uns dann aber noch zum späten Frühstück zu den anderen ins Café am Neuen See zu setzen.

Wenn man auf eine Vergangenheit zurückblickt, die Zeit zwischen ca 16 und 22, in der man mit den anderen um die Häuser gezogen ist, in der Musik unser Leben bestimmte, aber auch die Schönheit der Jugend uns geschenkt war, dann bleibt es nicht aus, dass man sich, die 50 zirkulierend, mit dem Alterungsprozess und seinen Auswirkungen befasst.
“Ich schau mir manchmal hässliche Leute an, auf der Straße, und bekomme Mitleid. Aber dann sehe ich – die haben vielleicht auch einen Partner und Familie, die sie liebt und dann sag ich mir, dass mein Altern auch nicht so schlimm sein kann, auch wenn die Schönheit weg ist und auch nicht wieder herstellbar.”
“Ja,” sagt Marion da ganz richtig, “aber es ist doch schön, dass wir darauf zurückblicken können.”

Das Schönste allerdings an diesem Wochenende war, dass die Harmonie und der Humor, den wir schon als Teens und Twens hatten, keine Minute gealtert ist. Wir vier in einem Raum bedeutet noch immer, dass uns nichts fehlt. Das ist die beste Rückversicherung dafür, dass das Altern einem nicht vollständig etwas anhaben kann.