Brooklyn

Um 3 aufgewacht mit Heißhunger. Gefrühfrühstückt, vier Folgen “Modern Family”, dann wieder geschlafen. Eigentlich habe ich heute eine Art Date, ein netter Mensch mit unglaublich gutem Humor will Fußreflexzonenmassage an mir üben. Dazu müsste ich aber durch die ganze Stadt, und ich weiß nicht, und dazu sehe ich mich heute nicht imstande. Die Trauer rockt immer wieder rein ins Alltägliche. Gespräch mit meiner Mum, Tränen. Die Bürokratie, die in einem Todesfall anfällt, ist wunderbar – sie hält einen beschäftigt, aber dann ist plötzlich Sonntag und man sitzt allein am Frühstückstisch. Ich bin das ja gewohnt, sie nicht. In den vergangenen Wochen hat sich mein Geschmackssinn vertausendfacht. Ich trinke ein Ginger Ale, einen Saft, esse den selbst zubereiteten, zur Perfektion gereiften Kartoffelkloß mit Rotkohl und Sauce und es ist überwältigend. Wir hatten dieses eine Mittagessen, wenige Tage nach dem Tod meines Vaters, und haben uns ungläubig angeschaut, wie froh wir über das Essen waren, und wie sehr es uns schmeckte.

Der Tod ist ja mal das logischste aller Ereignisse, neben der Geburt und der Steuer. So eine empirische Anleitung zum Umgang damit gibt es nicht, und wenn, dann greift sie nicht auf das individuelle Erleben. Und er ist nicht nur ein Satzzeichen, ein Punkt oder Semikolon für die Lebenden, er ist ein Schachtelsatz, der zum Motiv wird.

“Du hast ja ein schönes Cap!” Sagt die Lieblingsbuchhändlerin. (Das, das mein Patenkind aus New York für ihn mitgebracht hat, Aufschrift Brooklyn.)
“Ist von meinem Papa.”
Und zur Bestattung trug ich seine schwarze Schurwollkrawatte, original Sixties, und wenn es kalt war, die Gucci-Mütze, die ich ihm mal vor Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte.

Fire with Fire

Berührungsangst vorm eigenen Blog. Es ist zuviel passiert. Die Herzkrankheit habe ich noch gar nicht zu Ende erzählt – ist sie auch noch nicht, aber ich komme erzählend nicht mehr hinterher. Muss ich ja auch nicht. Ist ja mein Blog.

Seit Mai letzten Jahres, wenn nicht schon beginnend mit Bowies Tod im Januar, eine nicht enden wollende Abwärtsspirale. Man könnte es als Depression bezeichnen, aber eher ist es eine Reaktion auf Lebensumstände, Verluste. Der größte vor zwei Wochen. Mein Vater. Für ihn eine Erlösung – er hatte in den vergangenen Monaten abgebaut. In den Erinnerungen der Meisten ist er ein Hüne, dabei war er kein zwei-Meter-Mann, aber nichtsdestotrotz ein Koloss der Stärke. Seine Hände kamen immer wieder ins Gespräch in den zwei Wochen, Schmiedemeisterhände.

Seit ich fortgezogen bin, vor fast 30 Jahren, hatte ich nicht so viel Zeit verbracht in meinem Heimatort wie in den letzten vier Monaten. Das hatte mit seiner Krankheit zu tun, einer Erkrankung meiner Mutter, dann meiner. Ich bin endlos dankbar, so viel Zeit in der Familie gehabt zu haben. Selbst die eine Rüge, die ich von ihm erhalten habe, es waren praktisch gar keine, über die Jahre, bleibt in schöner Erinnerung. “Du bist schon wie Deine Mutter!” Als ich ihm gesagt habe “Schlafenszeit, Papa”, weil er wieder vorm laufenden Fernseher eingeschlafen war, wie er überhaupt die letzten Wochen meist schlafend verbracht hatte und sich mit der Traumwelt so auseinandersetzte wie mit dem Wachzustand, das verwischte alles ineinander.

Auf dem Weg zum Auto, es stand ein Arztbesuch an, ist er auf dem eigenen Hof zusammengeklappt. Sein letzter Blick war auf sein Hab und Gut. Die Notärzte haben ihn, wie sie das tun müssen, noch einmal zurück geholt, damit weitere Ärzte ihn ins künstliche Koma versetzen konnten, aus dem er nicht mehr erwachte. Zwischen halb 12 und kurz vor 17.00 Uhr, heute vor zwei Wochen, am 1. März 2017, war seine Seele noch irgendwo unterwegs in dieser Welt, gegen fünf ist sie dann weitergezogen, ich kam zu spät. “Die haben ihm die Hände zugedeckt, das geht doch gar nicht” dachte ich als Erstes als ich vor ihm stand. Ich drückte ihm den Unterarm, der war noch warm, wieder warm, nach der Koma-Unterkühlung.

Auf seinem Schreibtisch ein Lehrbuch für Schmiede-Gesellen aus den 50er Jahren. Die erste Aufgabe des jungen Schmiedelehrlings ist es, die Esse am Brennen zu halten. Während er sich um das Feuer kümmert, möge er achtsam die Arbeitsabläufe der Mitarbeiter studieren.

kein Wrack/ Havarie

Seit einem Monat die erste Nacht im eigenen Bett, sehr angenehm. Ich spüre, dass ich nicht einfach wieder da andocken kann, wo ich mich vor der Unterbrechung befand, und so hat eine eigentlich schreckliche Erfahrung einmal mehr ein gutes Resultat hervorgebracht. Es kann kein Schaden so groß sein, als dass er nicht noch einen Nutzen hervorbringt, hier hatte Opa mal recht. Ob ich wieder gesund bin, fragt mich jeder, und ich kann es nicht beantworten. Im Harz hat man einfach keine Tests mehr gemacht, eine einzige Blutabnahme, kein CT. Hätte ich nicht auch täglich diese Spritze zur Blutverdünnung bekommen müssen? Das Harz-Krankenhaus läuft nach seinen ganz eigenen Gesetzen. Und ich laufe mit einem Schmerz in der Brust, wo man laut Harz-Doktor gar keinen Schmerz empfinden kann. Und was nicht sein kann, kann nicht sein. Die Berliner Kardiologen würden schreien, wenn sie wüssten, dass ich nicht im Krankenhaus liege und keineswegs vier Mal täglich Infusionen bekomme, sondern lediglich drei Mal täglich oral Antibiotika einnehme, aber ich hätte keinen Tag länger in GS ausgehalten, wo alles so besinnlich begann und ebenso sinnlos abschmierte. Nun denn. Auf der Gneisenaustraße, kaum aus dem Auto raus, merke ich, wie ich mein Berliner Tempo wieder aufnehme, und wie das gar nicht geht. Nach 20 Metern bin ich kurz vorm Schnaufen, schalte ein paar Gänge zurück und spüre, wie ich gar nicht reinpasse, so verlangsamt. Aber es gibt gerade nichts, wofür ich mich beeilen müsste.

Whatever happened to Baby Glam (so far)

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, hallo vernachlässigte Leserinnen und Leser!

zunächst einmal ganz lieben Dank für den Gutschein, den ich gestern erhielt. Anbei eine kurze (!) Zusammenfassung, was alles so geschah und weshalb ich so lange ausfalle

In der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag wachte ich mit einem heftigen Hustenanfall auf, hatte das Gefühl, das jemand mein Herz fest in der Faust hält und ein paar Mal tüchtig zuquetscht, das ganze ein paar Sekunden hintereinander, bis zum nächsten Anfall ein paar Minuten später. Als ich aufstand, um irgendwas zu tun, sei es nur, um Bodenhaftung zu bekommen, blieb mir der Atem weg. Dann bekam ich Schüttelfrost. Ich konnte nicht mehr einschlafen, wusste aber, dass ein Bekannter von mir diese Nacht im Krankenhaus arbeitete. Er empfahl mir, sofort zu kommen, aber ich wollte erst einmal den nächsten Morgen abwarten. Als sich herausstellte, dass sich an der Symptomatik nichts geändert hatte, begab ich mich nicht ins Auto zu meiner Weihnachtsschicht, sondern in die nächstgelegene Notaufnahme. Hier diagnostizierte man mir nach ein paar Stunden des Untersuchens den Verdacht auf eine Bronchitis, sowie eine Panikattacke (ich hatte blöderweise angegeben, dass ich regelmäßig Citalopram nehme, ein Medikament gegen Panikattacken. ) Was man an dieser Stelle übersah – meine CRP Werte (oder CPR?) (Normalwert liegt bei 1, ein Warnwert ist erreicht bei 5) lagen zu diesem Zeitpunkt bei 34.

Kurze Unterbrechung, 31.1.17: soeben kommt die Krankenschwester in mein Zimmer und sagt mir, dass die gestrige Isolationsverordnung (der Zimmergenosse, wurde evakuiert, ich nur noch mit einer Pinzette angefasst, die in Fausthandschuhen steckte, ich erntete angewiderte Blicke), auf Basis einer veralteten Vorgehenswieise aufgehoben werden kann, sofern ich dusche und frische Kleidung anziehe. „Tja, das tut mir nun Leid, meine frische Kleidung kommt erst im Lauf des Tages.“ Wenn es so einfach ist, für ein paar Stunden ein Einzelzimmer zu bekommen… Und allein für die Demütigung gestern. Aber ich greife vorweg.

Den zweiten Feiertag verbrachte ich im Bett, auch in den folgenden Tagen war an eine Rückkehr nach Berlin nicht zu denken. Am 2. Januar hatte ein ich einen Arzttermin für den ich dann nach B. zurückreiste. Ergebnis war, dass meine Hausärztin mich aus feuchten Augen anschaute. „Herr Ludewig, ich möchte Sie ungern in Ihre Wohnung zurücklassen. Ich weiß nicht, wie Sie die 5 Treppen schaffen wollen“. Tatsächlich hatte mir Atemnot das Treppensteigen schwer gemacht, ich schob das aber immer noch auf eine schwere Erkältung, vielleicht Grippe. Meine CRP-Werte zu diesem Zeitpunkt: 220. Sofortverordnung Antibiotika, Krankschreibung bis Ende Januar. „Herr Ludewig, Sie sind ein schwer kranker Mann.“ Noch immer Ungläubigkeit aber auch leise Panik. Ich bin nicht drauf eingestellt, krank zu sein, geschweige denn schwer krank.

Nächster Zwischenstop, eine Radiologie im Ärztehaus Bergmannstraße, weiter in die Pneumologiepraxis im selben Bezirk, wo meine Hausärztin mir einen Notfalltermin gezaubert hat. Der CT zeigt untypische Entzündungsherde in der Lunge. Für mich siehts aus wie planetäre Umlaufbahnen, so saturnringelig. Atypische Lungenentzündung hab ich also, und sollte gar nicht auf den Beinen sein, aber irgendwie muss ich ja von Praxis zu Praxis. Atypisch sind diese Gebilde, später ist von Embolien die Rede. Sowohl Form als auch Platzierung in der Lunge sind ungewöhnlich. Frau T. hätte gern eine Bronchoskopie, sie verschafft mir noch in der gleichen Woche einen Termin in einer Klinik im Friedrichshain. Eine Donnerstagmorgens betrachtet der Oberarzt der Pneumologie die CTs und Bilder, die Berichte, und bestellt mich für den nächsten Morgen zum TEE – dem Schallecho, einer Prozdeur, bei der man einen Schlauch schluckt, der die Aktivitäten der Herzklappen filmt. Des Arztes Instinkt trügt ihn nicht. Die Lungenentzündung ist verursacht von einer Entzündung der rechten Herzklappe.

Eingestellt auf eine, vielleicht zwei Krankenhausübernachtungen, ändert sich die Dauer des Aufenthalts auf unbestimmt. Ich bekomme morgens, mittags, abends Antibiotika und werde sogar nachts um 4 für einen Tropf geweckt. Ich schlafe selten mehr als drei Stunden am Stück, die Krankenhausstation erinnert, was Lärm und Aktivität angeht, an eine Notaufnahme nach einem Zugunglück. Aber dennoch, vielleicht deswegen, hier ist ganz deutlich spürbar – hier wird sich um die Patienten gekümmert. (Und wer es unbedingt wissen will, und mittlerweile verstehe ich die Wichtigkeit der Information: das Essen ist passabel.) Es klingelt, fiept, brubbelt (Sauerstoffversorgung), manchmal wird gekrischen oder geschrien, oft aber auch gelacht. Schuhe quietschen auf Linoleum. Das ist Berlin-Brandenburg hier, incl. Mutterwitz und Galgenhumor. Eine Schwester verrät mir sogar die heimliche Raucherecke, nicht ganz legal, aber besser als „den Kerl mit drei Infusionen nach unten zu schicken und nachher kippt der mir um, weess ick, wie der dit Zeuch verträcht.“ –es heißt ja nicht umsonst Anti und Bio. Gefragt, ob ich den ganzen Quatsch nicht oral und zu Hause nehmen kann: „Denn wärnse innerlich tapeziert mit Geschwüre und Pilze.“ Yum.

Für Abwechslung sorgt das Bett neben mir (ich bin in einem Zweibettzimmer mit Klo und Dusche übern Gang untergebracht. Aber duschen tut außer mir offenbar eh keiner, die Männer zumindest nicht, die scheinen selbstreinigend zu sein. Ich habe auch fast keinen Mann mit einer Zahnbürste in der Hand erspäht. Ich muss ein Weichei sein, das Millionen in Zahnpasta verschwendet hat. Ich könnte vermutlich privatversichert sein!) In 14 Tagen kommen ich auf 11 Zimmernachbarn, von allem ist was dabei. Fast alle kommen zum Herzkatheter, danach müssen sie 6 Stunden ruhen und können derweil sonst keinen Unfug anrichten. Die Station findet, dass das zu mir passt. Tatsächlich liegen hier ein paar Längerfristige, mit denen ich nur ungern das Zimmer teilen würde. Die Fraktion, die im Schlüpfer durch die Gänge grast und die jüngeren Pflegerinnen als „mein Mädchen“ bezeichnet. Bein stellen nutzt auch nichts, dann bleiben die noch länger…

Bei den Visiten werde ich langsam darauf vorbereitet, was mich erwartet. Sofern die Antibiose erfolgreich ist, wird sie vier bis sechs Wochen durchgezogen. Sofern nicht, und das wird der nächste TEE-Schlauchschluck erweisen: „Dann müssen wir die Herzklappe ersetzen Herr Ludewig. Aber das ist mittlerweile eine Routine-OP.“ Der Ernst der Lage wird mir erst hier bewusst. Es wundert mich nicht, dass das Schweineherz es noch nicht in die Popkultur geschafft hat. Nichts für Katy Perry. Aber Sia? (Die hat immerhin schon ein „Elastic Heart“!) Persönlich finde ich die Vorstellung von Ersatzteilen etwas krank und vorzeitig. Aber vielleicht ist das der Tribut aller Schweine, die ich nie gegessen habe. Sie opfern mir eine Klappe der Ihren! (Cue Julio Eglesias: „To all the pigs I never ate before….“ Gut, dass es nicht Puten sind, die darüber entscheiden müssen, da wäre meine Bilanz weniger vertrauensbildend.)

Bei TEE 2 bin ich schon Profi. Zunächst wird der Rachen mit einer örtlichen Betäubung ausgesprüht, dann wird Michael Jacksons Lieblingsmedikament, Propofol, an den Zugang gekoppelt und in Würgmomenten die Venen hochgejagt. Danach ist man fit und kann sofort die Ergebnisse der Aufnahme besprechen. Und bei der richtigen Dosierung Propofol spürt man von der Prozedur rein gar nichts. Nein, der zu schluckende Schlauch ist nicht so breit wie ein Strohhalm, eher wie ein sehr sehr langer Vibrator, nur dass er nicht vibriert, sondern filmt.

Die Ergebnisse sind so, dass die Schweine vor Freude mit den Klauen klatschen: Die Antibiose war erfolgreich, das 1,4cm was-auch-immer, das sich da an meiner rechten Herzklappe zu schaffen gemacht hat, hat sich unter dem chemischen Bombardement zurück gebildet. Keine neue Klappe erforderlich.

Bei allem Behandlungserfolg macht mir die Situation zu schaffen: der Schlafentzug, das enge Zimmer mit den ewig wechselnden Bettnachbarn, die Abwesenheit von Rückzugsmöglichkeiten, das Klo übern Gang. Zwei Wochen kann man das mal machen, aber vier bis sechs? Hinzukommt die Koordination des eigenen Lebens, was sein Vorhandensein außerhalb des Krankenhauses anbelangt. Zwei Wochen lang haben sich Freunde gekümmert – Wäsche gewaschen, Post geholt, Fanta und Cola (und auch mal ne Flasche Wein) mitgebracht. Meine Eltern (75 und 82) würden mich gern besuchen, trauen sich aber die Fahrt nach Berlin nicht mehr zu. Wenn die Familie also nicht zu mir kommen kann, vielleicht ich dann zu ihr, zumindest in die Nähe? Meine Ärzte stimmen zu – die Antibiose kann eigentlich an jedem Krankenhaus verabreicht werden. Sie unterstützen eine Verlegung. Sie empfehlen, die Antibiose vier bis fünf Wochen fortzusetzen. (Selbst nach einer Klappen-Transplantation sind sechs Wochen Antibiose üblich). Das meinen Eltern nächstgelegene Krankenhaus (außer dem, in dem mein Entzündungsstatus übersehen wurde) liegt im Harz, außerdem arbeitet dort auch noch mein „Bekannter“, d.h. meine Harz-Romanze, dem ich nicht einmal übel nehme, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat. Er war damit (fast) von Anfang an offen und ich habe nicht vor, seine Familie zu zerstören, ich bin da für die andere Seite seiner bisexuellen Identität. Und Fazil, so stellt sich zu meiner großen Überraschung heraus, arbeitet nicht etwa in der Notaufnahme, sondern – auf der Kardio! Er ist begeistert von der Idee, dass ich auf seine Station komme, meine Eltern erleichtert, dass ich 10 und nicht 250 km entfernt bin. Die Kardio in Berlin, dass ein Bett frei wird. Alle glücklich. Ich auch. Wäre da nicht…

Fortsetzung folgt

Come what may

Je länger sich die Ereignisse hinziehen, desto schwieriger, die richtigen Worte zu finden. Zeitnah war es nicht möglich, dh ich war unwillig, Blogbeiträge auf dem Handy zu schreiben, denn nur das hatte ich bei mir, in den letzten Wochen im Harz.

Ein Krankheitsfall in der Familie führte mich ins heimische Gebirge. Wohnung und Vater hüten und Krankenhausbesuche aus dem Vorharz in den richtigen Harz. Landstraßen, in gleißend blendendes Morgensonnenlicht getaucht, raubereifte Waldlandschaften. Das Krankenhaus, in dem meine Mutter gut aufgehoben ist. Ins Familienleben eingebunden reift in mir immer eine kleine Rebellion, ich muss mir einen eigenen Bereich schaffen und sehr gut geht das mit Sex. So finde ich mich eines Winternachmittags in einem Wald mit einem jungen Mann, der sich als wirklich sehr jung herausstellt, er ist als Au Pair in der Gegend, ein Nieselregen steht an, es wird auch schon dunkel und Sex im Wald im Dezember ist nicht wirklich mein Ding, stellt sich heraus. Auf der Fahrt nach Hause ärgere ich mich, dass ich kein Fuck Pad in der Gegend habe. Und eine Sekunde später würde ich die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn diese nicht das Lenkrad hielten. Was spricht dagegen, jemanden nach Hause einzuladen? Die Tatsache, dass mein ehemaliges Zimmer eine Art Abstellraum geworden ist, in dem nur zufällig noch mein Jugendbett steht. Unsexy. Außerdem, stelle ich mir die Frage, wie kann ich einen Mann mit nach Hause nehmen, wenn ein Vater da ist. Einen schwulen Sohn zu haben ist eines, einen schwulen Sohn zu haben, der unter den eigenen vier Wänden Sex hat, etwas ganz anderes? Oder? Dann fällt mir ein, wie ich als Teenager mit dem Rauchen angefangen habe, bzw wie ich es durchgesetzt habe. Ich tat es einfach. Irgendwann kam nicht mehr der Spruch “Hör mit dem Rauchen auf”, stattdessen bat meine Mutter “leere wenigstens den Aschenbecher!”

Eine Tag lang sortiere ich im ehemaligen Kinderzimmer umher, suche aus dem üppigen Hausbestand Bilder, Dekomaterial, und schaffe mir einen Wohlfühlbereich. Am Abend bereise ich die blauen Seiten und werde bei einem ziemlich anonymen Profil fündig. Der immer noch junge, aber nicht Au Pair Junge schickt mir Fotos, und mir fällt die Kinnlade runter. Wenn er in Wirklichkeit nur annähernd so gut aussieht… Er sieht in Wirklichkeit sogar noch besser aus, wie ich am Folgetag feststellen soll.

“Papa, heut bekomme ich Männerbesuch.” Kündige ich an und mein Vater zuckt mit keiner Wimper. Kurz vor dem Besuch setzt er sich im Jogginganzug an den Abendbrotstisch. “Kann ich mich den so sehen lassen?” will er wissen. “Ah Papa, lass mal. Ich stell Euch vielleicht später mal vor.” Und kann die ganze Zeit gar nicht glauben, wie simpel das alles vonstatten geht. Ich stelle fest, dass eine verinnerlichte projizierte Homophobie gar keinen Berechtigungsgrund mehr hat. Mit Ende 40! These things take time.

Und dann kommt M. Ziemlich unbefangen reden wir, rauchen eine, lassen uns nieder, küssen uns. Und jede Minute unseres Tuns und Fühlens falle ich tiefer, strebe ich höher und ein ungemein tiefes, warmes Gefühl steigt in mir auf und breitet sich aus. Noch lange nach dem Sex liegen wir vergrätscht im schmalen Bett und lassen einander nicht los. Er sagt die richtigsten Sachen, es würde mir fast Angst machen, wäre da nicht dieses weit ausgebreitete warme Glücksgefühl, auf dem ich mit ihm schwebe. “Glam, wenn Du nur hier wärest…” und ein liebender Blick, ich kann ihn anders nicht beschreiben, aus seinen braunen Augen. “Aber das bin ich doch.” Jetzt. Noch. Was weiter wird, werden wir sehen.

Ich bin nicht gerade verwöhnt, was glückliche Beziehungen angeht, die Skepsis ist immer nah an der Oberfläche. Was in einem Augenblick ganz wunderbar scheint, kann tags darauf verdampft sein. Spucke im Feuer. Aber M. macht alles richtig, schickt mir liebevolle Worte aufs Handy. Macht mir Mut, als es Komplikationen bei der OP meiner Mutter gibt, die sich nur langsam erholt, was ihren Krankenhausaufenthalt und meinen im Harz verlängert. Die ersten Tage, die sie aus dem Krankenhaus zurück ist, bleibe ich noch, um ihr Arbeit abzunehmen, und weil sich das so gehört. Unser Date am Vorabend meiner Abreise sagt M. kurzfristig ab. Angst vor der eigenen Courage diagnostiziere ich und liege richtig. Ich lass das nicht auf mir sitzen. Ich könnte versuchen, es als kurze Affäre ad acta zu legen und ihn schnell zu vergessen, aber ich entscheide mich dagegen. Konfrontiere ihn. Und wir sortieren es aus. Er erzählt mir etwas zuvor Verschwiegenes, von dem er annahm, dass es unser Aus bedeuten würde. Ich kann ihn beruhigen. Der befürchtete Schocker schockiert keineswegs, ein weiteres Puzzle-Teil in unserer Aufstellung. Das kriegen wir hin. Auch nach wie vor leise Skepsis, aber die gehört zu meiner Grundausstattung. Momentan tun wir beide einander das Beste, was wir können. Fernbeziehungen haben Vorteile. Und wir müssen nicht nach irgendeinem Entwurf leben, wir können uns das so gestalten, wie es für uns gut ist. Ich habe lange nicht daran geglaubt, dass ich so etwas noch einmal erleben würde. Siehe da!

Moulin Rouge – Come What May (Ewan McGregor & Nicole Kidman from Joanne Mannies on Vimeo.

Das sind jetzt alles nur Bruchstücke des Erlebten, ich habe die Musik nicht erwähnt. Before the Dawn und Lazarus liefen derweil, im Auto, im umfunktionierten Kinderzimmer. Unsere Messages hin und her. Berg- und Talfahrten, aber immer eingefassen in Zuversicht. Sehnen, aber nicht diese frustrierende Sehnsucht, sondern ein Band zwischen uns und Worte, die uns halten und bestärken.

Dawn Day

And here I go….I´ve been listening to some bootlegs of the show for a year and a half. Now it´s the original and I know why that woman takes artistic control in everything. Goosebumps all over and the hair rising on my head. Pure adoration! Tie me to the mast! It´s coming!!!!!!! It brings back the essence of emotion of those two nights when the surreal dream of a lifetime came true. Breathing the same air as my heroine for 38 years. Stepping right in the middle of that sensual world.

Someone like Madonna is admired by her fans, whereas Kate is loved.