Viertel vor 8 beim Arzt, 12 Leute warten schon vor mir. Ich trinke im erweiterten Wartezimmer, dem Café gegenüber, einen Kaffee. Und begegne drei Lieblingsnachbar*innen, die in ihren jeweiligen Tag starten. Anderthalb Stunden später hat die fünfte von fünf Ärztinnen, bei denen ich die letzten Tage in Behandlung bin, den Verbleib der russischen Bronchitis festgestellt und befindet mich für arbeitsunfähig. Vor dem Treppenaufstieg in den 5. Stock freue ich mich, dass es eine Hofterrasse gibt, auf der ich ein wenig Kraft sammeln kann. (Gestern hatte ich mich beim Lebensmitteleinkauf gewichtig verschätzt und war nach dem Aufstieg am Ächzen und Keuchen wie ein schlechter Pornostar.)

Das russische Virus entpuppt sich als hartnäckig. Anfangs waren noch typische Krankheitsbeschäftigungen möglich, TV, Lesen, im Verlauf nicht mehr. Seit gestern ist das Sitzen auf dem Balkon wieder möglich. Und ca 20 Seiten Stephen King. Jetzt, wo ich einen cuddle buddy habe, ist es umso schmerzhafter, dass der gerade jetzt nicht zu mir darf, weil ich den Putin-Virus nicht weitergeben möchte. (Den hat der sich ausgedacht für Russen, denen man dann doch mal ein Visum zum Reiesen ausstellt. Reisen könnseja, Hautptsache nur – sie fühlen sich richtig scheiße dabei.) Nach wie vor schicken mein Russe und ich uns hässliche Portraits. Cuddle buddy fotografiert sich beim Sport.

Einmal täglich verlasse ich das Haus um a) nicht durchzudrehen, b) Lebensmittel zu kaufen. Manchmal verbinde ich diese Tätigkeit mit c) etwas Sinnvollem/ Schönen. Also Kuchen beim Bravko. Und dem Ausbügeln einer vergeigten Freundschaft. Mit pastel del nate (?) beim Bravko.
“Wir können ad acta sagen, alles unter den Tisch fallen lassen. Wir können aber auch drüber reden.”
Die Entscheidung fällt auf “drüber reden” (was ich befürchtet hatte), das Fazit ist: Danke für das Gespräch. Was die Freundschaft angeht – Lassen wir das. Im Hausflur grüßen reicht.

Glam and the (Xray-)Machine

Knocked out von ner Sommergrippe, panikartige Zustände, als ich wieder zum Lungen röntgen geschickt werde. Mein Knie ist noch nicht wieder 100%, etwas seltsames passiert seit zwei Monaten in meinem rechten Arm auf Ellbogenhöhe, ein fieser Zahnarzttermin steht bevor und ich habe noch nicht mal angefangen, mich um einen Aufgenarzt zu kümmern. Alles bisschen viel. “Wir bestellen Ihnen ein Taxi. Schonen Sie sich,” sagt die Ärztin, geht ins Behandlungszimmer zurück, kommt nochmal zurück. “Keinerlei Anstrengungen, versprechen Sie mir das!” Lungenentzündung wäre Indikator für Rückkehr der Endokarditis und, echt, ich hab genug Krankenhaus gehabt in den letzten zwei Jahren, irgendwann reicht´s. Da wäre ich nicht bereit zu. Röntgenbild gibt Entwarnung. Man sieht noch ein paar Sprenkler, Narben – “das sah ja aus wie Einschüsse bei Ihnen damals, als ob jemand losgefeuert hätte.” Jetzt erst mal wieder Amoxi, um jedes Risiko auszuschließen, dass sich da was zusammenbraut. Drei Tage waren wirklich komplette Stille, außer der Baustelle im Nebenhof. Bisschen gelesen, den aktuellen Pulitzer-Gewinner, “Less” – ganz zauberhaft und anders als Spiegel online sagt, jeden Preis wert. Das gleiche gilt für die zweite staffel “Glow”. Mangelnde Tiefe wird konstatiert, obwohl man es ja durchaus versuche. Wie tief kann man in einem 23-Minüter gehen? Für die Dauer des Formats geht es arg tiefer als in Staffel 1. Und es ist köstlicher, witziger, emotionaler. Und die Haare sind noch bigger. Freu mich auf die nächsten 5 Folgen. Neben “Sense8″ die einzige Netflix-Serie, die wirklich neu und frisch ist. Alles andere ist ein Aufguss von Sachen, die schon mal gut waren, aber man kann die Formeln eben nicht endlos spinnen. In meinem Fierberkopp fand ich es angenehmer “Bares für Rares”, 2016, auf der ZDF-App zu streamen. Okay. Ich bin jetzt im ZDF-Alter, aber das heißt nicht, dassich demnächst Pilcher mit der Mutter schauen werde.

Jedesmal, wenn ich neue Musik lade, muss ich alte löschen, weil die 32 GB auf dem Ipod aufgebraucht sind und ich bin noch nicht so weit für Spotifuck. So trennte ich mich heute von ein wenig John Grant, um Platz für die neue Florence zu schaffen. Hat sich gelohnt. Es gibt Stimmen (nicht nur im vokalen Sinn), die werden immer bleiben und es ist ein Erlebnis, teilzuhaben. Die Produktion ist etwas roher als sonst, aber das ist genau richtig, oft sind bei Florence die Demos besser als die fertigen Produktionen.

Bei all der Stille und dem Schweigen dennoch viel Kommunikation. Mein russischer Freund, der mir die Grippe ins Haus gebracht hat (wir schicken uns Portraits, wie beschissen krank und elend wir aussehen), die S., die mir ihre Tinder-Bewerber vorstellt, die Nachbarn, mein wunderbarer cuddle-buddy, alles über Messenger und Whatsapp. Eine schöne Live-Begegnung gestern an der Kasse im Penny, als ich Tütensuppen horte. Kauft da doch einne durch Arbeitskleidung ausgewiesene Edeka-Mitarbeiterin ein. “Falsches T-Shirt”, sag ich zu ihr und hab einen Lacher-Exit, der sich gut anfühlt. (Seit dem 3/4 Jahr am Stock habe ich den Respekt der Penny-Crew. Und höchstens, wenn ich mal Lust auf “Boursin” hätte, würde ich zum Edeka gehen.)

Heute lese ich den “Less” zu Ende. Vor mir der neue King und Schätzing – mainstreamer geht nicht, ich weiß, aber ich hab nen Juli Zeh-Frühling hinter mir, der mein Weltbild bedroht hat mit Menschenverachtung – einfach alles zu wahr und echt (Glückwunsch!), ne bakterielle Infektion mit Scatterbrain, ich kann mal bisschen feelgood. Und dazu Florence, sehr weise und fein.

Und ich darf darf darf nicht an den See denken, auf dem ich jetzt gerne in meinem rosa Flamingo triebe. Nein nein nein.

People

Merke gerade, ich müsste mehr bloggen, es gäbe soviel nach zu erzählen. So viele Begegnungen, so viele Moves von meiner Seite. Gerade sprechen Roomie und mein Lieblings-Couchsurfer in der Küche und es erinnert mich an die Zeit, als der Lieblings-Couchie zum ersten Mal hier war und Kaliningrad auf New Jersey traf. Aus der zwei-Jahre-währenden Asozialitäts-Phase bin ich offenbar raus. Vielleicht hole ich meinen Geburtstag doch noch nach.

In der Limastraße beim Bootsaufpumpen humpelt eine gepflegte Zehlendorferin Anfang Mitte 60 an Krücken auf dem krunkeligen Bürgersteig, dessen Pflastersteine von den Wurzeln der die Straße säumenden Bäume in alle nach oben möglichen Richtungen gedrückt und verschoben sind. Schon ohne Gehbehinderung eine Herausforderung.
“Bei mir war´s das Knie”, ruf ich ihr zu.
“Bei mir die Hüfte”, antwortet sie.
“Wann war denn die OP?”
“Vor fünf Wochen. Schrecklich!”
“Aber dafür laufen Sie doch schon wieder recht gut!”
Wir winken uns zum Abschied zu.

Nachdem mich zwei Stunden später ein Regen vom See verscheucht hat und ich anlegen möchte, fällt mir auf, dass das mit dem Boot zu Wasser lassen zwar recht prima verlief, dass das Aussteigen und Hochwuchten von Boot, Paddeln, Anker und Proviant-Rucksack mit einem nicht 100% belastbaren Knie eine viel komplexere Geschichte ist. Mich Ach und ohne Krach gelingt es mir schließlich und ich denke, wie Scheiße das doch ist, allein und vom Leben versehrt zu sein. Die Erleichterung darüber, es geschafft zu haben, wiegt die Anstrengung, die dafür nötig war, nicht auf.

Auf der Geburtstagsparty der geschätzten Kollegin schau ich mir die Leute an und finde es bemerkenswert, dass unsere Generation so anders aussieht, als die unserer Eltern, als die um die 50 waren. Ich fühle mich fast ein bisschen außen vor, ohne Tattoo und/ oder Piercing. Und dann spielt eine Band und es herrscht ausgelassene Fröhlichkeit und mir graut ein bisschen vor meinem bevorstehenden runden Geburtstag. Ohne Party, ohne Band, allein im Harz. Na ja – nicht ganz allein – das Skailight reist an. Thanks for that!

Dass ich mal Billy Idol poste hätte ich mir nie träumen lassen

In den Monaten im Harz, chez ma mère, war das schon immer sehr schräg, wenn wir zwei gemeinsam unterwegs waren, wir hinkten synchron. Rechts raus, links kurz. Mittsiebzigerin und Endvierziger – total identifizierbar als Mutter/Sohn-Team. Wünschte, es hätte uns jemand gefilmt, dann könnte ich das schön im Zeitraffer demonstrieren. Nun hat sie rechte Hüfte, ich linkes Knie – gespannt, wie wir hoppeln werden.

Den 50. Geburtstag mal verschoben – ich kann nicht in Berlin feiern, wenn die Mutter im Harz im Krankenhaus liegt. Gefeiert wird sicherlich dennoch, maybe a little im Harz – ich bau drauf, dass ein paar Liebe den Weg auf sich nehmen werden. Und die Berlin-Party wird nachgeholt. Einstweilen:

The bride wore Givenchy, und ein Mops kam in die Küche.

…und es brach mir vor Freude das Herz (das mit der Braut in Givenchy, zum Mops später). Die beiden Jungs, die die ganze Welt als Mutter hatten, weil Diana nicht mehr da war – beide unterm Hut. In Brexit/ Trump-Zeit machen zwei Menschen, Harry und Meghan, alles richtig, was ihre Länder falsch machen. Eine schönere Liaison könnte ich mir nicht vorstellen. Gospel-Chor, Liebe-predigender Prediger, “Stand by me”-Gospel, Elton´s “Your song”. Da haben sich ein paar royale Augenbrauen gehoben, Nasen gekräuselt – für Diana wäre es das Fest aller Feste gewesen. Legacy. Ätsch! Und ja, Diana hat der Monarchie etwas beigebracht, was sich wunderschön fortpflanzt, ich bin sehr bewegt.

Währenddessen in Berlin-Kreuzberg ein Mops in die Küche kommt – vielleicht der hässlichste Hund, den ich je gesehen habe. Seine Puppenaugen sehen aus wie oben drauf montiert, Speckrollen zieren seinen drallen Körper, der auch ein quergelegter Baumstumpf sein könnte. Und er lächelt mich an, so dass er eine Portion Parmesan bekommt, weil ich gerade an Pasta Alfredo arbeite. Entzückende encounters, ohne auch nur die Wohnung zu verlassen.

Der Hinker hinkt weiter

Ein knappes Jahr hinkend hat jetzt auch zur Folge, dass mich die männlichen Mitarbeiter im Penny Markt wiedererkennen und grüßen. (Ich hatte mich über die Rainbow-Flagge am Supermarkt-Eingang gefreut – dachte, cooles Berlin. Umso happier, dass es die auch im Penny im Vorharz gibt.)

5 oh!

So langsam dämmert´s, dass ein runder Geburtstag ja auch immer Bestandsaufnahme ist, sowie Rückblick mehr als Vorschau. (Vielleicht irre ich hier, zugegeben.) Jedenfalls merke ich, dass ich beim Einladen wohl hätte weiter ausholen können. Irgendwie hatte ich mich geweigert, dieses hohe Alter als Besonderheit oder Ereignis anzusehen, und dementsprechend Raum und Rahmen zu geben. Die übliche Balkon-Party wird´s, verbunden mit der Hoffnung auf gutes Wetter. Ich verstehe jetzt, warum Menschen für solche Events Räume anmieten, Einladungen drucken, ein bisschen mehr Tamtam also sonst. Ich bin schon jetzt (angenehm) überfordert mit den Zusagen, wissend, dass ich als Gastgeber niemeandem einzeln gerecht werden kann. Das Vertrauen in meinen Menschengeschmack über die Jahre und seine Auswirkung auf meine Gästeliste hat allerdings ergeben, dass ich mich auf eine Wolke des Verständnisses, der Akzeptanz und des Wohlmuts vorfreuen kann. Wenn ich irgendjemanden vergessen habe, einzuladen, dann hat das mit der Verweigerung zu tun, 50 zu werden und es zu akzeptieren. Gleichzeitig bewahrt es mich und die Party, zu einer Tamtam-Veranstaltung zu werden – ich glaube, die jährliche Balkonparty ist einer der Anlässe, für die ich geschätzt werde.

SAFE

Ja. Safe insofern, als dass es dem Genre nichts hinzufügt, was man nicht schon bei “Happy Valley”, “Broadchurch” und allen möglichen anderen britischen Formaten in sympathischerer Form gesehen hat, die versuchen, dänische Formate zu kopieren, aber das in weniger Episoden pro Staffel tun. Hier hat jemand ein Geheimnis, da ist jemand der verschollene Vater, Menschen verschwinden, tauchen wieder auf, es gibt eine Leiche und achtzehn verschiedene Variationen, wie diese in diesen Zustand kam. Mit ein bisschen “BOOO!” und Cliffhangern bleibt man dran. Als ich die sechste Episode sah und mit dem Finale rechnete – Entsetzen – es kommen noch zwei Folgen. Danke, nein. Auch wenn Michael C. Hall (“Dexter”) die Hauptrolle spielt und die gloriose Audrey Fleurot (“Engrenages”) eine tragende Rolle hat. Bemerkenswert lediglich, wie Dexter auf einmal mit einem nicht ganz glaubwürdigen britischen Akzent spricht. Und Audrey Fleurot mit einem französischen. Bewehrte Formel ein bisschen bunter anmalen, funktioniert nicht, wenn man mit Aspartam statt mit Honig süßt, was die Netflix-Formel schlechthin zu sein scheint.