MALAKHOV MODERIERT

Malakhov begrüßt uns in einem Deutsch mit heftigstem charmantestem russischen Akzent. Dann präsentiert er eine Dame in schwarzer Robe, die im Folgenden seine Moderation aus dem Russischen übersetzt. Selbst die Bezeichnung der Säle des Konzerthauses ist mit kyrillischen Übertiteln versehen (oder ist das ein Überbleibsel, das mir bislang noch nicht aufgefallen ist?) und im Foyer hat man beide Sprachen gleichermaßen gehört. Das Publikum ist alt bis mittelalt. Die Mittelalten, das sind Frauen, denen man an Körperhaltung und Frisuren ansieht – Ex-Ballerina. Die Auswahl der Tänze ist traditionalistisch – aber das ist ja auch Programm, wenn man eine Ballett-Kompanie ehrt, die maßgeblich zwischen 1909 und 1929 agierte. Eröffnet hat den Abend Malakhov selbst – als Petruschka. Trotz absentem Bühnenbild und mangelhafter Licht-Regie scheint der Mann. Er füllt die Rolle, er tanzt sie nicht nur. Die Emotion, die er vermittelt, wird allerdings den ganzen Abend lang nicht mehr aufkommen. Die Tänzer des Staatsballett sind sehr gut – aber, liegt es am Raum – dem ebenerdigen Saal des Konzerthauses und der niedrigen Bühne – oder der Abwesenheit von Bühnenbild (insbesondere, wenn man weiß, wie wichtig Kostüm und Bühnenbild für Diaghilev waren) – der Funken zündet nicht, es bleibt bei einem Vortrag mit Tanzeinlagen. Die Wucht des männlichen Tänzers bei Scheherazade verpufft im kalten Szenario. Der Charme des Spectre de la Rose schimmert durch, wird aber nicht durch den Raum aufgefangen. Einzig beim L´après-midi d´un Faune gelingt es dem Tänzer, die kahle Bühne vergessen zu machen. Es ist zugleich das Ballett, das vielleicht den ersten Bruch der Ballets Russes mit dem traditionalistischen Tanz darstellt*. Dennoch sehnte ich mich nach der Zauberwald-Szenerie, die immerhin im Kostüm anklang. Alles in allem lohnte es sich, für den Faun und Malakhov als Petruschka dabei gewesen zu sein. Auch seine russischen Moderationen, in diszipliniertem Vortrags-Ton, waren klangvoll und man hörte und spürte einen Mann, dem es ernst ist. Ich hoffe, ich bekomme noch eine Gelegenheit, ihn im Wizard zu sehen. Der Mann ist ganz Tanz.

*Eigentlich vielleicht doch eher Strawinskys „Petruschka“? Yo.

bakst

4 Gedanken zu „MALAKHOV MODERIERT

  1. kittykoma

    Lieber Glam, Sie sind ja genauso ein Ballett-Fex wie ich. Mir ging’s genauso. Uch dürfte nicht zum Ballett und dann war lange Ruhe, weil ich’s garnicht sehen wollte.

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  2. kittykoma

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    Ich glaube, es ist gut so, wie es ist. Sie sind Geschichtenerzähler. Ich auch so ein bißchen. Damit können wir alles erleben, ohne unseren Körper zu verlassen.
    Und das mit dem körperlichen Drill und den Uniformen, ich hatte ernsthaft die Offizierinnenlaufbahn auf dem Plan. Ich wollte Militärärztin werden. Im Nachhinein analysiere ich das eher als ganz große FemDom- Phantasie (die ist mir nicht fremd, auch wenn ich sie aus Sozialisationsgründen nie richtig gelebt habe). Ich kann von Glück reden dass die NVA damals keine Frauen nahm.

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  3. glamourdick

    REPLY:
    ich kam mal wieder ins sinnieren, was das wohl für ein leben gewesen wäre. ein ganz ganz anders. anderer spirit, anderer körper, alles anders. aber auch wären wir jetzt schon am ende unserer karrieren. und nicht am anfang.

    als kind schon hatte ich größtmögliche panik, eines tages zur bundeswehr zu müssen. aber tanzen wäre in frage gekommen. keine ironie.

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