Heute mit dem entzückendsten aller vorstellbaren Pärchen Kaffee getrunken. Beide so Anfang, Mitte vierzig, sichtbar nordeuropäisch, hochintelligent, hochinteressiert, selbst auch interessant, humorvoll, gebildet. Eine Unterhaltung, die sofort in Gang kam, obwohl man sich zum ersten Mal gegenüber saß und die auch nie verebbte, die alle möglichen Themenbereiche abdeckte, und in der jeder gleichermaßen gepflegtes parlieren beherrschte. Sehr sehr charmant.
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MENSCHEN AM SONNTAG
Das ist eine Form von Sommer, an die ich mich erst gewöhnen musste. Dass sich ständig Wolken verausgaben im Versuch das dramatischste Gebilde zu gestalten. An so einem Tag würde man nicht zum See fahren, aber man hat es ja gelernt, zwischen den Wolkenphasen gibt es dieses superdrastische Licht, dunkler See, dunkler Wald, dunker Himmel, hindurch birst die Sonne und alles sieht hyperreal aus, erleuchtet eben. Inszeniert. Man muss dann das Bild ganz schnell aufsaugen, besser noch, ins Wasser springen, um dem Eindruck etwas Physisches hinzuzufügen*, schwerelos, tauchen, mit offenen Augen, und das Unterwassergrün sehen (Gefahr laufend, dem Wels ins hässliche Antlitz zu schauen und vor Schock zu erblinden). Es gibt ein Gedicht über den Schlachtensee, das ist so Scheiße, dass müssen Sie sich selbst googeln. Und ich schreib nur selten Gedichte, aber der See ist eins. Der ist auch Heimat für mich. Über die Jahre wächst der Schatz an Geschichten und Erlebnissen, die sich auf und in ihm zutrugen. Die Themen der Gespräche ändern sich nicht, es kommen nur neue hinzu. Und irgendwann taucht man auf und sieht vier Köpfe, die aus dem Wasser schauen, in unerklärten Formationen um die kleine Flotte schwimmend, die man vermutlich deuten könnte wie den Stand der Sterne oder den Vogelflug. Und da ist er, der Sommer, den man so verlässlich ersehnt hat, und schöner könnte er kaum aussehen und gut fühlt er sich an.
*Jetzt möchte ich den ganzen Tag nur noch hinzuzu sagen. Hinzuzu. Hinzuzu. Liebe deutsche Sprache.
SO IST SOMMER auch
Er hieß Raik* **. Nur er ist gekommen. Geil war´s trotzdem. Frauen verstehen das vielleicht.
Früher haben sie sich mit Spitzen geschmückt, ich mag gern fremder Leute Sperma in meinem Bauchhaar, so als Souvenir wenn´s schön war. War schön.
Nein, keine Angst. Wenn Sie mich morgen treffen ist es weggeduscht.
Egal. Weiß jemand wie´s Mischa geht? Mischa, halte aus. I still love ya.
*Name von mir geändert. Er hieß Jörg, in Wirklichkeit.
** Wie ich jetzt ausgerechnet auf Raik gekommen bin? Ich kann´s mir selbst nicht erklären.
THE LOST GATSBY
Verzweifelte Suche im Bücherregal. Wo ist der Gatsby? Verschwunden, verliehen, verstorben? Aber dann fällt mir ein, für den letzten Satz im Gatsby muss ich nur den letzten Satz im Hotel New Hampshire finden. Wo ist jetz bloß das verschissene Hotel? (Dann ein Gedicht über den Schlachtensee gefunden und so beholfen.)
Gestern aus Versehen Double Feaure mit Mischa Barton. Eine Kitschmonzette, in der sie die junge Shirley MacLaine spielt, die eine alte Frau spielt. Stunden später Notting Hill. Können Sie sich erinnern, wenn Hugh Grant aus Versehen Interviews mit der Filmcrew von Julia Roberts führen muss und diese Jungmimin vors nicht vorhandene Mikrofon bekommt, die sich so gern an die Zusammenarbeit mit Leonardo erinnert?
„Da Vinci?“
„Di Caprio.“
Das ist unse Mischa. Staaaar quality! Mischa, liebe Kinderstartragödin, ich hör nicht auf, an Dich zu glauben. Get well!
SATURGREY oder TRUGSCHLÖSSER
Heute ist so ein Tag, wo Leute, die in Beziehungen leben aus dem Fenster schauen und sagen „Boah ist das grau, da fällt einem gar nichts ein, was man unternehmen könnte“, und wo Leute, die nicht in einer Beziehung leben aus dem Fenster schauen und denken, „Boah ist das grau, wenn ich jetzt in ner Beziehung wäre, dann würde den ganzen Tag gefickt.“
QUIZÁS, QUIZÁS, QUIZÁS
Die Bougainvillea quietscht mich erfreut an, weil ich ihr optimales Wässerungskonzept erfasst habe. Ein neonales Pink in höchster Frequenz. Pieeeeenk! Piennnnnnnk! quietscht sie und gewinnt den Farbkampf mit der Clematis und den putzigen Kameraden, die mir ebenfalls von Herr Strike auf die Terrasse gestellt wurden. La Bebe brüllt die Welt an, sie hat es nicht anderes verdient, Scheißwelt – man muss ihr alles abringen, so hat man Tag und Nacht zu tun. Draußen unten rechts und links und überall, Frauen in seltsamen Gewändern – eine Mode, die ich nachvollziehen kann, aber nicht mögen muss. Dazu fließen mir die Stoffe nicht fein genug. Dazu sind die Schuhe zu sehr dem Asphalt verhaftet.
Ich möchte auch eine kleine Puppe an der Hand spazieren führen und am Abend um ein Lagerfeuer tanzen. Jemand wird aus meinen Augen trinken, während die Kastanien ihre Bakterien abwerfen und die Spree sich mit klarstem kühlem Trinkwasser füllt. Einsatz Gitarren. Dass vor Ehrfurcht dass Ponyhaar auf meinen Guccischuhen nachwächst, denn sie wollen wieder Rhythmus stapfen auf dem Asphalt, von dem die Hitze aufsteigt, auf die der Sommerregen prasselt und Tropfen sprenkelnde Diamanten blitzen. Auftritt die scharlachrote Regenbogenballerina mit der zerfetzten Netzstrumpfhose und dem Can Can-Röckchen. Dollars, Schweizer Franken und Englische Pfund schießen aus den Geldautomaten auf die Trottoirs Kreuzbergs – Blütenblätterblätterblüten; die Windschutzscheibenwischer werden von ihrem Fluch erlöst und verwandeln sich in glühend schöne Zigeunerjungen-als-man-noch-Zigeuner-sagen-durfte zurück. Die Stadt dampft, duftet, das Kottbusser Tor sagt Tschüß und geht in die Tschechei, wo es hingehört. Im Görlitzer Park wachsen 1000jährige Eichen und der Rasen rast dunkelgrün. Alle freuen sich und Kopftücher steigen stieben aus der Glut auf in prächtigstem Farbfeuer bevor sie zu Asche kollabieren, aber möglicherweise ist auch alles genau wieder wie gestern. Und ich geh trotzdem raus.

WHEN THE LITTLE BLUE BIRD THAT HAS NEVER SAID A WORD STARTS TO SING – SPRING SPRING!
Neulich auf dem Straßenfest steh ich so rum, Drink in der Hand, nichts erwartend, nichts befürchtend, da bleibt mein Blick an einem jungen Mann hängen, der lächelt mich an, nickt mir zu und ich kann ihn nicht einordnen, außer dass ich weiß, ich kenn ihn von irgendwo her, und ich fand ihn schon beim ersten Sehen sehr sehr sweet. Geh ich also hin, weil ich angstlos bin: leicht angetrunken und stark geschminkt. Und dann frag ich ihn woher ich ihn kenne und er deutet die Straße runter und ich schalte immer noch nicht und dann erzählt er, dass er in dem Laden arbeitet, wo ich mir immer dann abends was zu Essen hole, wenn ich von der Arbeit ganz abgekämpft bin. Pling macht´s. Der weiß genau worauf ich steh, kohlehydratisch, es ist ein bisschen peinlich. Wie das so ist auf Straßenfesten trifft man sich, verliert sich wieder, trifft einen anderen. Und trotzdem hab ich in letzter Zeit viel an ihn gedacht. Das blöde ist – ich kann da nicht alle Nase lang Essen gehen, weil ich sonst noch fetter werde. Einmal war ich schon wieder und da hat er blöderweise nicht gearbeitet. Und gestern hatte ich einen Mordshunger, den ganzen Tag nix gegessen, also bin ich da hin und wer strahlt mich wieder an, mit so schönen Augen, denen eine Wärme und Verschmitztheit innewohnt – yo, er.
„Isst Du hier?“
„Nö, ich nehm´s mit.“ Was für ein Vollidiot ich bin.
Sitze und warte und denke so – Scheiße, ich kann überhaupt nicht flirten. Wie ging das nochmal? Und er schaut rüber und lächelt, und ich lächle zurück und, okay, das ist ansatzweise meinerseits durchaus Flirten, aber wie ging das gleich noch mit dem nächsten Schritt? Es stellt sich partout keine Antwort ein. Aber so jedes zweite Mal, dass ich zu ihm schaue, treffe ich auf seinen Blick und sein Lächeln. Und lächle brav zurück und halte den Bauch immer schön eingezogen, fächle mir mit der Speisekarte Luft zu und muss an Bomec denken, der wüsste jetzt den absolut richtigen Spruch. Ausgewogen und doch knackig. Humorvoll und sexy. So ein charmanter Umwerfer. Und dann ist die Zeit verflogen wie im Flug und er steht vor mir mit meinem Abendessen und wir lächeln noch einmal was das Zeug hält und halten den Blick einen Tick zu lang für reine Dienstleistung und dann stolpere ich fast über meine Ipod-Headphones und slapsticke mich aus dem Laden. Auf dem Weg nach Hause merke ich, dass ich keinen Hunger mehr habe. Das war schon immer ein untrügliches, verlässliches Zeichen.
Hilfe!
„Forscher stellen Sperma im Labor her“
Kunststück. Kann ich sogar ohne Labor. Als nächstes stellen sie noch Staub her.
ABHÄNGIG
Rolling down that hill. With no problem.
GLAM TAKES A BOW
Arm an Ereignissen dröpselte in den vergangenen Tagen mein Leben vor sich hin, nicht einmal unterbrochen vom allabendlichen Filme schauen, da „Der letzte Kommunist“ mich so fesselte. Weil die schwule Welt, die dort beschrieben wird, Anfang, Mitte der 80er mir nur in ihren Ausläufern und wenigen erhaltenen Projekten und Produkten vetraut ist. Die Zeit nach der Befreiung, der Jahre währenden Suche nach Selbstdefinition und die Verbindung von Staat und Sexualität – wenn der Staat Deine Sexualität verbietet, dann hast Du zwangsläufig ein politische Anliegen. Matthias Frings, Ronald M. Schernikau, Elmar Kraushaar, Peter Hedenström vom schwulen Buchladen Prinz Eisenherz und auch Georgette Dee haben´s miterlebt, mit daran gebastelt, einen Fuß in die Schranktür zu kriegen und so lange zu treten, bis der Schwule mitten im Zimmer steht. Die nächste Generation, also auch glammy me, hat von den Früchten dieser Arbeit profitiert. Unser Kampf war der um den besten Platz auf der Tanzfläche. Schon peinlich. Mein erster Auftritt in Berlin war ein Akt purer Selbstdarstellung. Being out there, von Politik keine Spur, allein gelenkt von einem postpubertären „Ich will alles“-Gefühl. Sogar ein Video gibt´s von diesem Auftritt and 20 year old Glammy looks gorgeous. 58 kg bei 1 Meter 80. Schmales dramatisches Gesicht, das damals schon übliche Augenmake-up, spiky hair. Man könnte mich aus dem Video rausnehmen und zu Tokyo Hotel stellen können, außer dass ich nicht singen kann und keine Instrumente spiele.
Und da denk ich so – hättst ja auch was machen können, politisch und gemeinnützig. Kurz gefolgt von „I did it my way“. Mit dem schwulen Buch, das ich veröffentlichte, für das ich heute noch dann und wann Dankesbriefe bekomme. Für meine Arbeit mit der D., die ihre Arbeit unterstützt hat. Und mit dieser Seite irgendwie auch, die ja das Gegenteil von politisch ist, aber die Tatsache, dass es sie gibt, ist ein Politikum; und dass ich mich so geben kann wie ich bin – stripped to the bone, actually, – das wäre ohne die Generation vor mir nicht möglich. They don´t call it Pride for mothing.
And now for something completely different but then again not, denn der Blogschreiber hier packt sein Köfferchen und macht mit zwei seiner allerbesten Lieblingslieblingsschwuchteln einen Roadtrip. Wir werden im Gewitter über Bergwiesen hüpfen und uns Blumenkränze in die Haare weben. Nachts die Hirsche mit Gesang erschrecken. Tüchtig lecker Weißwein saufen und ein wenig Glam dorthin tragen, wo er so bitter benötigt wird. Dort droben. Am Waldrand. Back to the roots of the MacDick-Clan.
