„Glämma – ich hojtä särr särr trauriech.“
„Was ist denn los, Katharina?“
Katharina ist heute den ersten Tag bei mir. Sie reinigt gegen Geld meine Wohnung. Nach der ersten beunruhigend langen Stunde, die sie ausschließlich in meinem recht kleinen Bad verbracht hat, liefert sie obiges Statement und ich befürchte schlimme Kritik betreffs meiner Bad-Hygiene.
„Mein Näffä, Sohn von Schwästa, ist sich 19 Jahr. Ich ihm imma gesagt – Rocco, Du musst suchän richtigä Arbajt. Und jetzt, und jetzt? Er ist in Gefängnis für aaacht Jahrä.“
„Oh. Weshalb denn?“
„Russische Mädchän.“
Na super: Ich habe die Russenmafia am Hals.
Nach zwei Stunden (eigentlich war das ihre anvisierte Arbeitszeit) wage ich einen Blick in die Küche. Katharina steht in größtmöglichem Chaos und ich erröte, als ich sehe, das man den Herd zum darunter-Putzen auch einfach in den Raum ziehen kann. Ich frage mich, was sie noch alles abgerückt, umgeschichtet und in die Finger bekommen hat und mein zartes Rosé wechselt übergangslos ins Scharlachne. Katharina ist keine Putzkraft, sie ist eine Organisationstalent, denn auch wenn sie alles umsortiert hat, finde ich doch in den nächsten Tagen zielsicher die gesuchten Gegenstände, weil sie auf einmal an einem logischen Ort verwahrt werden. Spaghetti neben Farfalle, Salz neben Zucker undsoweiter. Selbt die Electric Petra, mein Raclette-Grill, hat ein Zuhause gefunden.
Katharina putzt weitere zwei Stunden und ich erkenne meine Wohnung nicht wieder. Ich öffne Schränke und stelle fst, dass jeder einzelne Gegenstand gereinigt wurde. Ich frage mich, was aus mir beruflich werden könnte, wenn ich ihr auch meinen Computer zum Ordnen überlasse. Nur nach großen Überredungskünsten meinerseits akzeptiert sie eine adäquate Bezahlung sowie ein Trinkgeld. Nie wieder ohne Katharina, denke ich und freue mich schon auf den nächsten Freitag und neue Geschichten aus dem Jugendknast. Nur den Maßbecher habe ich noch nicht wieder gefunden, aber meinen Augenmaß ist ganz okay.
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INSIDE GLAMOURDICK: THE WIND IS WHISTLING

2005 war das schlimmste Jahr. Neben 1982. Und 1999. Und es ist, anders als 1982 oder 1999, noch nicht vorbei. Ich kann mich an kein Jahr erinnern, das existentiell übler und zugleich emotional überwältigender im positiven Sinne war. Ich habe verloren, verloren, verloren. Und wann hab ich extremer gelacht, gefeiert, gewertschätzt, mit-Lachen-in-den-Augen-geweint? Nie. Ein Roller-Coaster-Gespenster-Express voller Irrlichter, Derwische, gepfählter Vampire und göttlicher Erscheinungen (insbes. Kate – als ob die Stimme, die 1978 zum den-Bach-runtergegangenen-Kind gesungen hat, gerade rechtzeitig wiederkehrt und im anno horibilis, 2005, das verarztete innere Kind im irgendwie-erwachsenen Tinker-Pan begrüßt). Tanz und Gesang und Flaschenbier im Never-Everland-Ever-Neverland. Ich scheine die ganze Zeit auf meinem Grab zu tanzen und den nonkonfessionellen Psycho-Priestern, die die Grabrede im Ärmel haben „Fuck you! Or fuck ME!!“ zu zu rufen. Darf man sowas bloggen? Ist das nicht ein bisschen extrem? If you think so: Fuck you or fuck me.
„Marilyn? You out there somewhere? I brought Rosebud!“
„I heard a rumour you´d rise again someday!“

NOT YET
Wieder zuück in der Hauptstadt, raus aus dem Nebel, rein in die Sonne. Kurz hinterm Ortsschild auf der Brücke über mir eine schöne Frau auf einem schönen Pferd. Als ich das letzte Mal länger aus der Stadt war und zurück kam, liefen mir die Tränen, als ich den Fernsehturm sah. Freude. Ich brauch schon noch meine Dosis Hauptstadt und es ist so schön, verknautschte Menschen mit asymmetrischen Frisuren zu sehen.
Robbie bringt dieses Stadt/Land-Ding, an dem ich gerade bastele, übertragen auf den Punkt: „Oh Lord. Make me pure. But not yet.“
KERSTIN ADLER
Kerstin Adler
Kannst du mir je vergeben
Kerstin Adler
Kannst du mir je verzeihn
Für das Tauchen Deines Anoraks in Jauche
Du hast so bitterlich geweint
Deine Oma rauchte
Vor Wut auf ein Kind, das sowas böses tut
Sie rauchte Zigaretten
Ich möchte wetten
Sie war die einzige Oma
Mit der Tasche voller Kippen
So in Rage, so in Glut
Kerstin Adler
Was mag aus dir geworden sein
Kerstin Adler
Bist du liiert oder allein
Hast du Kinder
Welche Farben hat ihr Anorak
Ist deine Mutter jetzt als Oma
Wie ihre Mutter einst auf Zack
Oder hab ich mieser Mensch
Dir die Kindheit so versaut
Daß Du Dir bis heut kein Kind zutraust
Und es dir vielleicht sogar
Vor süßen kleinen Babies graust
Kerstin Adler
Es tut mir ehrlich leid
Kerstin Adler
Ich weiß das ging zu weit
Anoraks in Jauche tauchen
Und heimlich hinterm Schuppen rauchen
Oma Adler hatte recht
Ich war verdorben – ich war schlecht
Doch wenn es dich sollt´ trösten
Das Schicksal hat die Jacken-Tat
Zweitausendmal gerächt
ALLEIN UNTER SCHNÜFFLERN
Auf dem Weg zum Zigarettenschmuggeln nach Polen. Es fängt an zu regnen, ich betätige die Scheibenwischanlage.
Hannelore (vom Rücksitz): „Mmmmmmh – hast Du da Parfum im Wischwasser? Ich riech das so gerne.“
Ich: „Äh – nein. Kein Parfum.“
Hannelore: „Ich mag das ja alles gern was so riecht. Nagellack und so weiter.“
Marianne (vom Beifahrersitz): „Habt Ihr als Kinder auch immer Uhu gekaut? So statt Kaugummi?“
ULTIMATE DIABOLIC GLAMOUR: GLAM GOES BYRON
Erinnern wir uns: Le Glam war auf einer Expedition in die Bergwelt und hatte im Vorfeld hohe Preise für diese Studienreise bezahlt: ein Liquid Brunch mit der Spreepiratin, das er nicht wahrnehmen konnte, um nur eine verführerische Tagesgestaltung zu nennen, auf die er zugunsten literarischer Recherche verzichten musste. Doch noch bevor es zu Waldwanderungen, Häuserbesichtigungen und den Gesprächen mit Besitzern einer spannenden, für seine Arbeit kaum verzichtbaren Chronik kommen sollte, tat Glam einen verkehrten Schritt. Ins Leere. In der nadelwaldlich mondlos bedingten Finsternis kam er vom Weg ab und stürzte, landete, und begriff den physikalischen Begriff der „Stauchung“ schmerzhaft am eigenen Leib. Während sein Fuß diese leidvolle Komprimierung erfuhr, knackte sein Rückgrat im Rhythmus, und Erinnerungen an ein Schleudertrauma viele Jahre zuvor wurden wach, als habe man sie aus einem warmen, gemütlichen Bett auf den kalten Fußboden geschubst.
Glück im Unglück: Glam hatte seinen Gastgebern noch am selben Tag ihren ersten DVD-Player und eine Sammlung von Filmklassikern zum Gastgeschenk gemacht. Weiteres Glück im Unglück: der 1993 (?) in London in einem Fachgeschäft für Walking Sticks und Umbrellas erworbene schwarze Lack-Stock befand sich im Kofferraum seines Wagens.
Stilistisch einwandfreier wären die optischen Folgen dieses Sturzes nur gewesen, wenn Glam noch langes Haupthaar gehabt hätte. Schon Wordsworth (um bei Dichtern der englischen Romantik zu bleiben) war eines Winters im Harz eingeschneit und hatte dort die tragischen Lucy-Poems verfasst. Denn außer Schreiben und dem unerreichbaren Souvenirverkäufer am Torfhaus wartet der Harz mit wenigen Attraktionen für glamouröse, homosexuelle Besucher auf. Doch solange in seiner Welt noch ein DVD-Player, ein Ibook und eine TAED-Dose mit drei Plug-in-Optionen zu finden sind, hat der Chronist dieses Blogs nichts Schlimmes zu befürchten. Außer vielleicht, dass er die Spur von Ines Schreiber verliert. (Und es ist in jedem Fall IMMER besser zu wissen, wo Ines sich aufhält.)
Oh – da ist Douglas Fairbanks. Ich muss aufhören und mit dem Stock zurück winken.
Anke K. würde diese Bildauswahl unkommentiert verstehen und grinsen. Aber sie liest meinen Blog nicht. Okay: Bowie als Screamin´ Lord Byron im „Blue Jean“-Video.
WAS GLAM ZU DENKEN GIBT…
Meine Therapeutin hat meinen dramatischen Haarfarbenwechsel nicht bemerkt. Vielleicht denke ich wirklich zu viel über mich selbst nach.
MORE FUN

Auch wenn ich gerade etwas skeptisch schaue, ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Auch mein zweiter blonder Tag war sehr schön.
CH CH CH CHANGES
Ich schlafe eigentlich ganz gut. Schlafe gut ein, wache auf kurz bevor der Wecker klingelt. Nicht gestern. Gestern abend habe ich nämlich eine Veränderung erlebt, die mich nicht einschlafen lässt und dann, nach zwei Stunden Schlaf, wieder aufweckt. Mit einem komischen Gefühl von „da war doch was“. Ja. Hollywood. Hätte ich mal Helsinki genommen. Oder Stockholm. Es nützt nichts, es ist noch dunkel, ich muss wieder einschlafen. Das Abendlicht hatte alles so rot erscheinen lassen. Ich wache wieder auf, es ist hell draußen, ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Knie weich, als ich aufstehe, vor den Spiegel gehe – da bin ich. Blond. Weil ich es mir wert bin.

GLAM BELIEVES IN KARMA
Lieber Dominik Wiktor XieraX.
Das dachte ich mir, dass Du irgendwann mal Deinen eigentümlich buchstabierten selbst gewählten Namen googlest. Wir sind ja alle nicht frei von Eitelkeit. Und wenn Du schon mal hier bist, möchte ich Dir sagen, dass die ca. 1000 Euro, die Du mir schuldest, mir in den letzten Jahren ein paar Mal sehr sehr gefehlt haben. Na, wie fühlt sich das an?
Herzlichst,
Glam