Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

SAMSTAGS SICH LIEBENDE LIBELLEN

Mein lieber kleiner Ipod beschallt mich, während ich mit nackten Füßen im Gras des vielleicht hässlichsten Park Berlins sitze und mich über die Funktion von Musikverlagen informiere. Musikrechte sind wie eine Immobilie, lerne ich, die nie an Wert verliert. Da wünsche ich mir, ich hätte „Happy Birthday“ oder „Live is live“ geschrieben oder dass ich meinen potentiellen Hit-Song „Doris Day“ ins Schwyzer Dütsch übersetzt hätte, denn dann hätte ich längst ein Schweizer Konto.
Zwei poppende Libellen fliegen an mir vorbei, vielleicht ist es auch eine siamesische Zwillings-Drachenfliege, man weiß es mangels des Studiums von Präzedenzlibellen nicht. Und „poppen“ ist bestimmt der falsche Sprachgebrauch, denn es hat etwas sehr lyrisches, lichtes, wenn Libellen Liebe machen.
Ich freue mich an Keane und Nephew (eine ganz unglaublich gute dänische Rockband). Und dann wählt der Pod, wie eigentlich immer, „Running up that hill“. Heute morgen bei einem Gay Dating Server, habe ich einen sehr netten jungen Mann zum Weinen gebracht, indem ich ihm den Link zur BBC2 verriet, wo man an diesem Wochenende noch Kates neue Single anhören kann.
Alles was fehlte, war Prosecco auf Eis und ein Liebhaber, aber der Park ist ja gleich um die Ecke, mittendrin ein nettes Restaurant. Und daneben im Gras probten noch vorhin zwei begeisternd gebaute Tänzer freien Oberkörpers eine Choreographie, die sich stilistisch an einer mächtigen Keilerei orientierte. Was ich sagen will – der Tag ist noch nicht vorbei. Der Sommer auch noch nicht. Aber wenn er geht, dann habe ich ihm auch nichts weiter vorzuwerfen.

AUS GEGEBENEM ANLASS

Rest your head
You worry too much
It´s gonna be alright
When times get rough
You can fall back on us
Don´t give up
Please, don´t give up!

Don´t give up
Cause you have friends
Don´t give up
You´re not the only one
Don´t give up
Cause we believe, there´s a place
Where we belong

WICKED, WICKED, WICKED

spellbound

Heute morgen bin ich komisch aufgewacht. Nicht im Sinne von lustig. Irgendwas stimmt nicht in meinem Leben, aber ich kann nicht den Finger darauf legen, was. Zu wenig Finger, das kommt noch dazu.
Jetzt geh ich in mein Arbeitszimmer, das mit den ganzen Disney-Hexen und 30ies-Möbeln nach Shanghai Express aussieht und konzipiere einen Heimatroman, in dem schon eingangs eine Comedy-Performerin in den Knast kommt. Und versetze mich in eine Frau und schreibe in Ich-Form. Wozu habe ich schließlich eine Therapeutin?

Heute werde ich sie vielleicht mal fragen, was es mit den Disney-Hexen auf sich hat.

PARTY PARTY PARTY oder WER DIE WAHL HAT

Kai: „Was ich am Wählen am meisten hasse sind diese beschissenen Wahllokale in Hauptschulen. Linoleum und Jungenschweiß. Ekelhaft.“
Ich nickte zustimmend, während unsere Sneaker auf dem Linol quieken.
„Darf ich auch betrunken wählen?“ traute ich mich nicht zu fragen, denn da ich meinen Wahlschein verschlampt hatte, wollte ich nicht noch unangenehmer auffallen.
Stattdessen sagte Kai zuhr Wahllokalbarfrau „Der hat keine Stimme mehr – kann er sie trotzdem abgeben?“
„Die Stimme ist wegen heftigen Karaokes in der Lübbener Straße geblieben, ich habe sie nicht etwa schon Frau Merkel gegeben!“ krakelte ich auf einen Zettel und gab ihn der Walhllokal-Frau. Sie lachte, gab mir meinen Wahlzettel und schickte mich hinter die kleine Verschanzung. Dort prustete ich los, als ich den Namen der Anarchistischen Pogopartei las. Auch im Wahlhäuschen links von mir lachte jemand. „Wieviele Kreuze darf ich denn machen?“ rief jemand von rechts.
Beim Eintüten des korrekt gefalteten Scheines bemerkte mein Hintermann mein Passfoto auf dem Ausweis.
„Das ist aber ein hübscher Hintergrund. Himmelblau!“
„Ja, aber ich sah total Scheiße aus, als ich das Bild habe machen lassen.“ krächze ich.
„Nicht den Ausweis in die Urne!“ Warnt Kai gerade noch rechtzeitig.
„Und ich habe nicht die Merkel gewählt“ erzähle ich Wahlbardame Nummer 4. „Gilt meine Stimme noch, wo ich jetzt mein Wahlgeheimnis gebrochen habe?“ Sie nickt. “ Dann bin ich ja beruhigt.“

WEIN, WEIB, GESANG ODER 1001 WEIMARANER

Es gibt Tage, die möchte ich heilig sprechen. An denen alles stimmt. Alles selbstverständlich von selber geht. Eine Blondine kommt die Treppe hoch und man hat sich lange nicht gesehen. Eigentlich noch nie. Von „von 0 auf 100“ kann man nicht sprechen, denn weil der Tag einer dieser heiligen Tage ist, besteht gar nicht die Möglichkeit bei 0 anzufangen. Man ist von 100 auf 1001, sozusagen. Und startet in die Nacht die sich entscheidet ebenfalls heilig zu sein. Trifft zuvor unbekannte Kollegen und perlt, schäumt. Gemeinsam ist man ein wohlduftender Schaum, der nach oben fliegt und um dem entgegen zu, denn wie abgehoben will man wirken, geht man in die Tiefe. Dort ist ein Licht. Und ein Monitor. Und zwei Mikrofone. Von nun an ist alles Gesang. Schräg, laut, manchmal sogar richtig wohlklingend. Eine Karawane von Hannis, Nannis und Kalle Blomquists zieht ein und macht Lager. Beduinen-Mönche und Shaolin-Kriegerinnen, böse balinesische Tänzerinnen, aparte gleichgeschlechtlich liebende Indianer. Wir kennen uns nicht und genießen, floaten bis die Stimmbänder Bandbrand erleiden.
Kalle Blomquists erwachsener Bruder mit den sinnlichen Lippen mäandert um Glamourdick, auf einem Fahrrad, das keinen Platz für 2 bietet. Vorne ein Korb, hinten kein Licht. Ein Matrose zieht die Fäden und die Karawane zieht zurück dahin, wo alles anfing, ins Dachgeschoss, auf das die Sonne strahlt. Es gibt ausreichend Papp-Utensilien für ein Frühstücksgelage. Jemand hat eine Legion von Backwaren beigesteuert. Glam trägt ein Tässchen Kaffee auf die Terrasse und sieht Kalle Blomquists Bruder in seinem Bett, mit einem Beduinen. Sie küssen sich. Glam erinnert sich an frühere Wohnungen, die Möglichkeit boten, sich unauffällig zurück zu ziehen, um zu weinen. Aber jetzt sind alle Zimmer verkarawansert. Er nimmt den Schlüssel zur Nachbarswohnung, die von einer amerikanischen Freundin bewohnt wird. Legt sich dort auf den Fußboden und ist dankbar für ein bisschen Traurigkeit. Denn sonst wäre der Tag fast unerträglich schön gewesen.

Ray: „Heute nacht ist er im SO, dann kannst Du ihm die Geschichte vorlesen.“
Glam: „Nein. Ich stell sie ins Netz.“

Aber vielleicht geh ich doch noch ins SO. Fuck. Ich verliebe mich gerade. In meine Gegenwart. Mal sehen.

Ray: „Süß!“

WAHRE FARBEN

Grad denk ich mir, was für eine schöne Geschichte so ein virtuelles Logbuch ist und möchte dem positiven Gefühl demütig Ausdruck verleihen. Veröffentlichen ohne Verlage, ohne Vorgaben, ohne Verkaufsdruck. Keine Kriterien außer meinen. Okay, gibt kein Geld für. Aber Freude geht auch ohne Geld.
Ich kann meine Elefantengeschichten loswerden und mich daran freuen, dass sie jemanden interessieren, aber selbst wenn nicht, wäre es egal – denn Gajneesha hat ein Auge auf mich, this I know. Ich kann Porno-Erfahrungen neben Gralsreisen stellen, von Crazy Ladies berichten, deren Wirken und Sein zu schade sind, um vergessen zu werden, kann mich an Erlebnissen hoch- und Begegnungen runterziehen, kann aufkochen, auftischen und abräumen, Kate Bush und Cyndi Lauper preisen und dreimal mit den Hacken klacken. A laugh and a cry and a tap to the foot. Plus: Slinky dicks galore!
Und was wäre all dies ohne die Kommentatoren, deren Seiten ich zur Inspiration, zur Freudfindung, zur Provokation und zum puren Genuss täglich entlang wandere. Und auch den unkommentierenden Lesern (ick hab doch ´n Counter – ihr entgeht mir nich) hiermit ein herzlicher Dank.
Barbies, Kens: Your true colors keep shining through. Beautiful. Like a rainbow.

bonnieclyde
(Links Bonnie, mittig Kate, rechts Clyde: These are a few of my favourite things. Kate Bush würde ihre Hunde bestimmt NICHT in New Orleans zurücklassen. Oder ihre Elefanten im brennenden Zirkus.)

THE SPIDER „LOVE“

Es ist schon das zweite Mal innerhalb der letzten drei Jahre, dass es die vermutlich dickste Spinne Berlins auf meine Terrasse verschlägt. Gerade jetzt sitzt sie in ihrem Netz vor dem Fenster, so dass ich ihr fasziniert angeekelt zuschauen muss, wie sie ein mittlerweile unkenntliches Insekt von ebenfalls beträchtlicher Größe einspinnt und in Kürze in ihre Speisekammer abtransportieren wird, sich aber schon bei der Spinn-Aktion unglaublich genüsslich Zeit lässt. Ja, es wird Herbst da draußen.

Und warum bloß fällt mir gerade jetzt ein, dass mir gerade jetzt immer wieder die Frage gestellt wird, ob ich eine Beziehung habe. Und dass von mir erwartet wird, dass ich mich dafür entschuldigen muss, dass ich nicht Bestandteil eines Paares bin. Heute fragte mich sogar jemand, ob es daran liegen könne, dass ich meinen homophoben Selbsthass auf potentielle Partner projiziere. (Wer mich kennt, muss jetzt lachen.) Fragt Ihr nur, denke ich dann, ich werde frisch und glücklich verliebt sein, wenn Ihr Euch schon längst wieder satt habt und an „frisch“ nicht mehr zu denken ist.

SETTING FREE THE ELEPHANTS

Angesichts des Lupe-Velez-Todesbeitrages berichtet die Spreepiratin von einem sukrillen Todesfall: ein Tierpfleger erstickte am Kot seines zu pflegenden Elefanten. Ich denke da wird sich der Elefant sicher etwas bei gedacht haben. Sind ja sehr intelligente Tiere. Habe erst kürzlich im Wartezimmer meiner Ärztin die ganzen Peta-Flyer durchgelesen und bin der Meinung, dass man alle Elefanten aus Zirkussen und Zoos befreien sollte. Die werden normalerweise 70 jahre alt, in Gefangenschaft eher 30. Und auch wenn es zu meinen schönsten Erinnerungen zählt, in Zürich mit der Porno Queen Taxi zu fahren, während neben uns ein Elefant seinen Morgenspaziergang macht, würde ich auch Zirkus Knie bitten, seine Elefanten laufen zu lassen. Die könnten ja Stephanie ausstellen. Irresistibel, der Gedanke. Ganz zu schweigen davon, dass Autofahrer angehalten wären, vorsichtiger zu fahren, denn wenn man einen Elefanten anfährt, dann erzürnt man die Elefantentanten.
stephanie
Und dann gibt es noch die ganz entsetzlich traurige Geschichte, die man in Stewart O´Nan´s „Circus Fire“ nachlesen kann. Im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts war es für Wanderzirkusse üblich, die Zeltdächer mit Paraffin gegen Regen zu imprägnieren. Es kam zu einigen legendären Bränden. Die Geschichte, die mir das Herz zerrissen hat, ist die von der Elefantentruppe, die in ihrem Stall ausharrte, trotz Feuer, weil sie auf das Kommando ihres (schon verbrannten) Pflegers warteten. Die haben es mit der Loyalität übertrieben und sind geradewegs in den Tierhimmel gekommen, wo sie sich mit Bambis Mutti und dem Hund meines Ex angefreundet haben.

A GLAMOUROUS FOUNTAIN OF JOY

Gestern die Schlachtensee-Saison beendet. In vollem Wissen, dass es das jetzt mit dem Sommer gewesen sein würde, habe ich mit Lucky noch einmal das Boot startklar gemacht und den Anker (den er liebevoll „Engelke“ nennt) geworfen. Idylle pur. Sowas krönt man am besten mit einem Essen im Mirchi an der Oranienstraße wo man in einem mit bunten Fahnen und funkelnden Fackeln bestückten Garten sitzt und instant holiday feelings bekommt. So auch gestern. Doch dann wurden wir gierige Zeugen einer Unterhaltung am benachbarten Vierertisch.
„Ich bin so wütend geworden – als ob es alles an meinem Samen liegen soll!“
„Als ob er unfruchtbar sei – stellt Euch mal vor!“
„Als ob ich unfruchtbar sein soll. Dabei weiß doch jedes Kind, es ist erwiesen. Erwiesen. Selbst wenn der rechte Hoden kein lebendiges Sperma mehr produziert – der linke kann noch völlig normal arbeiten!“
„Er ist von Arzt zu Arzt wegen seines Spermas.“
„Von Arzt zu Arzt Proben abgeben. SO EINE WUT hatte ich.“
„SO ein Hals!“
„Alles war nur noch Samen. Tag und Nacht.“
„Du denkst ja an nichts anderes mehr.“
Die Gabel, die auf halbem Wege zum Mund war wird zurück auf den Teller gelegt, weil ich mich nun auch aufgefordert fühle. Gemeine Themen in vollen Restaurants sind mein Steckenpferd.
„Lucky, sag mal ganz ehrlich, fragt man Dich in letzter Zeit auch immer wieder ob Du ein Tröpfler oder ein Sprudler bist?“
„Immer öfter.“
„Ist das eine Alterserscheinung? Ich musste letztens ein Video als Beweis mailen, weil jemand Zweifel daran hatte, ob ich wirklich ein Sprudler bin.“
„Rechtsdrehend oder Linksdrehend?“
„Vorwiegend rechttsdrehend.“
Die Kellnerin kommt mit einem Mai Tai und einem Bombay Nights.
„Hat der Bombay Night Ananassaft?“ frage ich die Kellnerin.
„Ja. Ananassaft.“
„Ist sehr gut für den Geschmack“, sage ich und proste dem Mann mit dem einen funktionstüchtigen Hoden zu, während Lucky eine äußerst obszöne Geste mit der Zunge in seine Richtung macht, die vom Tagesspiegel-Verkäufer und der Kellnerin imitiert wird. Es hat mal wieder geklappt. Nach einem erstaunlich langen Contenance-Findungs-Aufenthalt auf dem WC (oder der Anbgabe einer Probe?) kehrt der Einhodige zurück. Und wechselt das Thema. Eine bislang stumm gebliebene Dame vom Vierertisch klatscht kurz in die Hände und schaut dann betreten und ertappt auf ihren Teller.