Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

DESIRE – DESPAIR – LES DÉSAXÉS

Ein staubiges, sprödes Gedicht von einem Film. Lange habe ich ihn zu meinen Lieblingsfilmen gezählt, jetzt habe ich ich seit mindestens 10 Jahren nicht mehr gesehen, und glaube auch, dass ich es nicht mehr möchte – er ist zu schmerzhaft. In die kaputte, kapitalistische, desillusionierte Wüstenstadt Reno schreitet ein Licht, eine Hoffnung, die aber auch schon die Last der Desillusionierung auf den Schultern trägt. Es ist der einzige Film, in dem Marilyn nicht die Marilyn gibt, die man von ihr erwartet, sondern einen Blick auf die bedrohte Seele gewährt, die in der Frau hinter dem Image steckt und die sie zu zerstören droht. Sie ist gewillt zu glauben, zu hoffen und tatsächlich bewirkt sie etwas, aber die plumpe Parabel ist es nicht, die es den Film wert macht, betrachtet zu werden, es ist allein das gespenstische Spiel Marilyns, das Wandeln auf dem Grad zwischen Enttäuschung und Hoffnung. Es ist so bewegend, dass es weh tut. Marilyn leuchtet, als reflektiere sie das Licht mehr als ihre Umgebung und ihre Co-Darsteller. Zwei Jahre später überraschte sie die Presse mit einer Nackztszene, dabei ist sie nie nackter gewesen als in „The Misfits“. Der Wunsch, ein Kind könne ohne Angst aufwachsen, und die letzten Worte, die sie in einem Film spricht, eine Frage – „How do you find your way back in the dark?“. Yes, how, indeed?

But look at the light:

SHEPHERD´S PIE á la GLAM oder KOCHEN OHNE SCHWADRONEUSE

Ich glaube ja nicht an Kochblogs (außer Schwadroneuses), aber gestern habe ich was gekocht, das muss ich mit Ihnen teilen. „Shepherd´s Pie“ aß ich erst und einzigmalig zu meinem Geburtstag vor ein paar Jahren, auf Ibiza, bei 35° Außentemperatur. And i loved loved loved it. Ich erinnerte mich an das Rezept vor ein paar Wochen, als mein Roomie ein Gericht herstellte, das köstlich und strange war und dessen Namen ich vergaß, aber es war schon namentlich ein Abenteuer und sah so ähnlich aus wie Dicks in a Pie, hieß aber irgendwie wie Toads in a Locker oder so. Anyways, für die Schäferpastete ging ich zunächst in die LPG, nachdem der Bioladen meiner Wahl schon um 19h geschlossen hatte. Dort erstand ich die letzte Packung Veggie Mince und stockte auf mit einem veganen Gulasch, das sich hervorragend mit dem Fake-Hack verstand. Verbriet eine halbe Gemüsezwiebel und fügte beiderlei Fleischersatz hinzu. Zuvor hatte ich Kartoffeln gekocht und in meiner unvergleichlichen hundertjährigen Harzer Kartoffelpresse zu einem Brei verquetscht, mit Vollmich, Salz, Pfeffer und Muskat veredelt. Dritte Ingredienz: 1 Glas Demeter-Rotkohl, gewürztechnisch nachgeholfen mit Erdbeermarmelade und Penny-Zinfandel*, der auch die Sauce veredelte. Alle drei Zutaten im Garzustand geschichtet: unten Fake-Meat, dann Rotkohl, oben drauf den Kartoffelbrei, schick in der ebenfalls ererbten Jenaer Glasschale (gleiche Herkunft wie die Kartoffelpresse), darüber großzügig geriebenen Parmesan (im Königreich verwendet man einen Käse namens „Red someting or other“, der gerade nicht zu Hand war) und das ganze für eine 3/4 Stunde bei 200° in den Ofen. Für die Sauce einfach so ne Tütensauce in braun, Zweig Rosmarin, mehrere Shots Zinfandel, allet schick verkochen lassen. Roomie hatte den genialen Einfall, dazu Erbsen zu reichen, die lagen da, wo Vodka und Eiscreme gelagert waren und blieben sogar erfrischend grün, ohne dass ich sie nach dem Kochen kalt abduschte. Zwei Männer und eine unlängst verunglückte und nun humpelnde Fallschirmspringerin pappsatt und glückselig. Die Fallschirmspringerin, die beim Kochen nicht anwesend war, lobte vor allem das Fleisch, das in Konsistenz und Geschmack so perfekt gewesen sei!

* Trinken kann man den, trotz DLG-Prämierung, nicht, aber im Rotkohl ist er prima.

SCHÖNER SCHLAFEN MIT GLAM

Gestern mitten in der Nacht ganz excited aufgewacht – ich hatte im Traum das Harry-Potter-Musical geschrieben und musste dringend den Hitsong daraus schriftlich festhalten. Meine letzte Traumeingabe, die ich vor einigen Tagen zur Notiz gebrachte hatte, diese allerdings ohne aufzuwachen: „Zum Friseur gehen. Dauerwelle.“ Da war ich gestern deutlich besser:

SONG DER DEMENTOREN

Die Dementoren, die Dementoren
Tragen Kapuzen
Wegen ihrer Ohren.

Die Fassung für die Staaten, Neuseeland, Tasmanien und Wales:

Dementors, Dementors
They´re baddies not goodies
They have ugly ears
That´s why they wear hoodies.

Einpacken, Lloyd-Webber. Einpacken!

TOUPIERFRISUREN AUS STAHL oder HIT THIS

Und weiter geht´s mit Sally. Und Shirley und Dolly und Julia und der wunderbaren Olympia Dukakis, die den Part der besten Nebenrollendarstellerin straight von Thelma Ritter übernommen zu haben scheint. „Steel Magnolias“ ist zuckersüßer Kitsch, eine Ode an die Familie und mehr – an die Freundschaft. Wieder so ein Film, wo man sich wünscht, es gebe einen Ensemble-Oscar. (Der Clip ist leider ne halbe Minute zu kurz, es fehlt der schöne Satz von Dolly Parton, dass Lachen und Weinen gleichzeitig ihr Lieblingsgefühl ist.)

XXXYZTUBE.COM IS THE NEW DRAWING ROOM oder BURNING ROCKET MEN

Vielleicht ist es ja mittlerweile auch nur ein zeitgemäßes Stadium in der schwulen Entwicklung, der Lieblings-Affäre über den Weg zu laufen. Auf einer Internetseite, die sich auf Unterhaltung spezialisiert hat. Was soll man tun? Das gleiche, wie die anderen, die den Clip sehen. Sich einen runterholen.

(Darf man eigentlich Porno verlinken?)

(Und nein, ich finde nichts daran schlimm, mit seinem herausragenden Talent Geld zu verdienen. Aber wenn man so stolz darauf ist, dann darf man darüber auch reden, mit mir.)

THEY TURN THE ROSES INTO GOLD

„And we came up on a bee-keeper,
And he said „Did you know they can change it all?“

You want alchemy.
They turn the roses into gold
They turn the lilac into honey
They’re making love for the peaches.

And we’re thinking,
„Who is this guy?
Is he some kind of nut or what?“

He said, „I don’t meet many people…,
I’m very busy with the hives.“
ZzzzZzzzz… Sun’s gone down…
„When’s my cloud of bees coming home?“

They got alchemy.
They turn the roses into gold
They turn the lilac into honey
They’re making love for the peaches.

And they’ll do it,
Do it for you.
They’ll do it,
Do it for you.“

(„You want alchemy“, Kate Bush)

Die G. ruft an, wir haben bestimmt ein halbes Jahr nichts voneinander gehört. Am Nachmittag besuche ich sie, sie kocht gesunden Nescafé, wir reden und streifen wieder Themen, die in Gesprächen mit anderen Mitmenschen nie auftauchen würden. Wir haben uns sehr spät in unseren Leben kennen gelernt, zwischen uns liegen zwanzig Lebensjahre und es ist die Ebene des inneren Kindes, das wir beide nie aufgeben werden, auf der wir uns verstehen. Auf vielen anderen Ebenen könnten wir unterschiedlicher nicht sein. Wir hören ein paar neue Lieder, eigentlich bin ich nur gekommen, um ihr die Cyndi-CD vorbei zu bringen, dann zeigt sie mir eine Vinyl-Promo, schade, dass mein Plattenspieler kaputt ist, signiert fix ein Plakat und einen Rieslingsekt. „Ach, Glam, das hätte ich aber wirklich persönlicher schreiben können“ sagt sie, als sie das Plakat aufgerollt hat, und es ist ihr anzusehen, dass sie es noch einmal aufrollen und RICHTIG signieren möchte.
„Aber ich habe doch den schönen Geburtstagsbrief von Dir, ist schon okay.“ Denn die Sonne wird nicht mehr lange scheinen und wir wollen noch einen kurzen Luftschnappspaziergang machen, es ist so golden draußen, und ich weiß ja, dass sie ihre Aufgaben immer 200% erledigt, und wenn sie jetzt mit einer Widmung anfangen würde, dann kämen wir nicht mehr raus und sie hat noch einen Flieger zu erwischen, später.

Aus einem Luftschnappspaziergang wird eine ausgedehnter Marsch durchs urbane retrofuturistische Regierungs-Berlin. Reden und Laufen ist vielleicht mit das schönste Gespräch. Und die G. und ich laufen jetzt am Ufer lang, Sonne auf der Nasenspitze und sie erzählt von einer extrem persönlichen und genau so bewegenden Erfahrung dieses Sommers, den Verlust eines geliebten Menschen. Wie sie die Schönheit in der Traurigkeit zu finden weiß – ihre Empfänglichkeit für Gutes, das ist sehr beeindruckend und es macht Mut. Und auch, wie sie da läuft, von der Sonne geküsst, lächelt, so schön lächelt, und ihr Gesicht ist echt und weise und schön. Wie sie.

„Glam, Du tanzt doch, oder?“
„Öh. Nein. nicht so wirklich eigentlich.“
„Das musst Du aber.“
„Na ja, in letzter Zeit singe und tanze ich häufiger mit meinem Roomie. Das Elephant Love Medely hauptsächlich.“
„Und ist das nicht schön?“
„Aber hallo ist das schön.“
„Siehst Du?“
„Was ganz anderes. Du kennst doch die Queen, oder?“
„Ja, die früher in Pornos mitgemacht hat.“
„Genau.“
„Also, die wurde gerade von einer Ex von Dieter Bohlen gedisst. Und weißt Du, was sie darüber gesagt hat?“
„Nein?“
„Was schert´s den Baum, wenn sich die Sau dran scheuert.“
Und dann bricht sie in Lachen aus. „Das ist ja ein fantastischer Spruch! Ich mag die, die Queen – die hat Herz, das spürt man.“

„Und dann hat sie mich gefragt, ob ich tanze.“
„Und was hast Du gesagt – Elephant Love Medley?“
„Genau. Und das wirklich geniale ist doch, dass es Menschen wie sie gibt, die zwanzig Jahre älter als ich sind, und Menschen wie Du, zwanzig Jahre jünger, und dass die Ebene, auf der man sich versteht genau die gleiche ist.“

Und das fasst vielleicht alle Menschen zusammen, die mir was bedeuten und auch den Grund, weshalb die sich untereinander so gut verstehen, Herkunft, Beruf, Alter, Status, Lifestyle – egal. Kindlich intakte Herzen. Die sind wichtiger als ein paar Schmierflecken auf der Seele. Sie sind, wie der Imker in Kate Bushs „You want alchemy“, Vermittler profunder Weisheit.

SUNSET FICTION DOUBLE FEATURE

Halloween stilvoll eingeleitet mit „Les Yeux sans Visage“ und „Sunset Boulevard“ – die gehen sehr gut zusammen. Es ist fein, dass ich meinen filmischen Sendungswahn an Roomie ausleben kann, der sich erkundigte, ob er denn noch einen Monat bleiben kann, woraufhin mir einfiel, dass ich momentan mit niemand anderem lieber wohnen würde, es sei denn Winona Ryder riefe an.

Alle Jahre wieder um Halloween herum – Rocky. Diesmal die Rocky Horror Glee Show, wie wunderbar. Und Kurtie als RiffRaff, was sonst? Was eine stolze Schwester ist lehnt den Frank-Part ab und schnappt sich den Handyman. Und in dem Rahmen Mercedes als Frank zu besetzen – simply glee-tastic!

Vor 11 und schon eine Legende am Telefon. Wenn sie anruft weiß man, dass man, was man für die nächste Stunde geplant hat, knicken kann. Und wen man damit kein Problem hat, dann ist man auf einmal in eine Unterhaltung verstrickt, in der es unter anderem um Glauben, Zuversicht, Macs, Musik, Shakespeare und Cyndi Lauper geht.

Dann schickt Roomie einen Link, der mich zum Weinen bringt. 12 Minuten, die zu Herzen gehen.

Kann man das bitte in Schulen zeigen? Nein. Überall.

28 CALLING

In which a film producer shows us 1928 footage of an old lady (or drag queen) walking behind an artificial zebra, talking on her cell. Which should give us hope because, if in the future, they manage to create mobile phone reception over time not just space, maybe one day they´ll be able to get us Eplus-reception in the Harz mountains or in the Karstadt Lebensmittelabteilung.