Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

PUT ON YOUR RED SHOES: DORNRÖSCHEN, UNLEASH!

Innerhalb der letzten Tage hatte ich das Vergnügen, mir die komplette Karriere meiner Lieblingssängerin in Gestalt internationaler TV-Auftritte, Promo-Videos und Interviews anzuschauen. Ich kam in den Genuss von lange vergessenen Charity-Videos wie „Let it be“ („Ferry Aid“), wo noch länger vergessene Pop-Sternchen neben meiner Queen agieren, aber darauf will ich gar nicht eingehen. Was mir auffiel war nämlich etwas viel Fieseres.
Ich bekam zu sehen, wie aus einer 20jährigen, deren Expressivität die kulturelle Geburtsstunde von Björk, Siouxsie, Nina Hagen usw. usw. einleitete, die tanzte, sang, sich grotesk inszenierte, mit einem Mal eine Dame wurde, die fast reglos vor Mikrophonen steht und ihre Expressivität allein in die Stimme legt. Und sich dann erst einmal zwölf Jahre schlafen legt.
Kate Bush´s Expressivität, ihr innovativer Mut der Selbstinszenierung hat in den frühen Jahren durch Presse und Satiriker so einen Schlag verpasst bekommen, dass der Rückzug eigentlich zwangsläufig war. Stell Dir vor du bist 20 und alle parodieren Dich. Das ist nicht schön, wenn man zart besaitet ist. Wir sind nicht alle Dickhäuter. Die Wegbereiterin des Post-Pop hat sich zurück genommen, ist ängstlich geworden. Das erinnert mich an Thomas Hardys Konsequenz: der hatte beschlossen, nie wieder einen Roman zu veröffentlichen, weil ihm die schlechten Kritiken aufs Gemüt schlugen. Und hat sich dran gehalten. Schlimm.
Ich wünsche mir, Kate endlich wieder tanzen zu sehen. Morgen ist auf Channel 4 die Videopremiere von King of the Mountain. Get back up on that hill girl! If I could, I´d make the deal for you. Du bist den anderen top-of-the-city-haushoch überlegen, damals, heute. Zeig´s Ihnen!

kblap

HAMMER GLAMOUR

So, Nina Hoss ist verziehen, ich bin ja nicht nachtragend. Nur manchmal. Nich heute. Heute streich ich meine Tür golden an (wenn ich dazu komme). Es gibt noch gute Menschen und sie sind alle alle Kate-Fans (paar andere gibt´s schon auch noch, dies in der Klammer). Und so ein guter Mensch und Sammler hat mir ein Geschenk gemacht. Das besteht aus seinem kompletten Kate-Archiv. Mein DVD-Player atmet schon ganz schwer. It can hardly wait. Neither can I. It´s Katemas – Halleluyah!!! Toree ah toree oh nach Saarbrücken!

KATE NEWS

Der Bonus-Track auf der „King of the Mountain“-Maxi heißt „Sexual Healing“ (offenbar wirklich ein Marvin Gaye-Cover). Und Deutschland hat den Head-start. Hier erscheinen sowohl Maxi als auch CD drei Tage früher. Freu.

TRIPPING

„The photo booth-portrait looks reportage
Tonight we are the exiled working class.“
(S. Duffy)

Mit 17 hört man Musik anders als mit 27 oder 37, dachte ich. Ich hätte Recht gehabt wenn nicht Kate Bush mich gerade wieder drauf gebracht hätte, wie mit 17 zu hören, aber es geht jetzt ausnahmsweise einmal nicht um Kate sondern um einen anderen Musiker, den ich mit 17 gaaaanz gaaaanz doll fand und der ein ehrenhaftes und seltsam fulminantes Comeback quasi im Verborgenen erlebt.
Also es gab mal einen prekären pekuniären Pop-Prinzen, der es bei Duran Duran nicht lange ausgehalten hatte und stattdessen an einer Solokarriere bastelte, die ihm zu genau anderthalb Hits verhalf. („Kiss me“ und „Icing on the cake“) Genervt von der Plattenindustrie und ihren Zwängen rächte er sich mit einem wunderschönen, aber für die Zeit unverdaulichen Album mit dem Titel „Because we love you“, bevor sein Vertrag auslief. Dann tat er sich mit seinem Cousin zusammen, zog aufs Land und machte Folk-Music. „The Lilac Time“, seine Band, zeichnete sich durch scharfsinnig-poetische Texte und lagerfeurige Gitarrenmusik aus und entwickelte sich zu einem Underground-Hit – Die Band lebte in Bromyard, wo sie ihr eigenes Fanzine veröffentlichten (Arts & Crafts-like. Ich bekam es jahrelang zugeschickt) und begeistert vor sich hin musizierten, bis auch eine Plattenfirma nicht umhin kam, The Lilac Time zu veröffentlichen. Aus dem Pop-Prinzen war ein Independent-Star geworden. Nach ein paar Jahren The Lilac Time probierte es Stephen erneut mit einer Solokarriere. Er kollaborierte u.a. mit Nigel Kennedy. Achtungserfolge, aber keine Chart-Hits.
Besagter Sänger und besagte Band gehörten zu den von mir am intensivsten erlebten musikalischen Ereignissen meines späten Teenage und meiner 20ies. Platten, wo man zuhört und parallel die Texte mitliest. Wo B-Seiten noch Bonus-Tracks waren. Als mit Musik einfach alles stimmte.
Im Jahr 2005 höre ich eine Single („Tripping“), die vermutlich irgendwo in den internationalen Top 5 steht und sich auch eine Weile dort halten wird. Im Hintergrund Stephen Duffys Immer-noch-Junger-Mann-Stimme, im Vordergrund Le Rob. Stephen Duffy hat Robbie Williams neue CD co-geschrieben. Er spielt in seiner Band und singt Backgrounds. Er ist jetzt endlich filthy rich und quasi auch berühmt. Nur einmal um die Ecke, aber er ist Zwilling und wird die Twists und Turns seiner Karriere hilarious finden, of this I´m sure.
Und beim Aufräumen fiel mir eine 20 Jahre alte Weihnachtskarte von ihm in die Hand „I love you“ stand darin, und „have a beautiful christmas and a happening new year!“
Mit 17 liest man es gerne, dass sein Star einen liebt, selbst, wenn es nur um die Promo einer Single mit dem Titel „I love you“ geht.
Ich freu mich für Stephen. Und für Robbie. Und „Tripping“ ist eine crazy bitch of a song.

AERIAL TRACKLISTING

Part One: A Sea of Honey

1. King Of The Mountain/ 2. p/ 3. Bertie/ 4. Mrs. Bartolozzi/ 5. How To Be Invisible/ 6. Joanni/ 7. A Coral Room

Part Two: A Sky of Honey

1. Prelude/ 2. Prologue/ 3. An Architect’s Dream/ 4. The Painter’s Link/ 5. Sunset/ 6. Aerial Tal/ 7. Somewhere In Between/ 8. Nocturn/ 9. Aerial

courtesy of www.katebushnews.com

KATE BUSH AVAILABLE ON ITUNES

Gerade wollte ich über die Unflexibilität von Itunes meckern, dem Apfelhändler, der seine lückenhafte Bibliothek nur einmal wöchentlich aktualisiert, da stolpere ich in meiner Suche über etwas historisch Bewegendes: „King of the Mountain“ von Kate Bush ist nun doch als Download available. Und dabei ist nicht einmal Dienstag!! (Eigentlich sollte die Single in Europa erst in vier Wochen auf den Markt kommen. In den Staaten ging sie vor ein paar Tagen online. Danke, Apple – ich sag nie wieder was Böses über Euch!)
Kate Bush´s new single „King of the Mountain“ is now available on European Itunes, Darlings! Celebrate!

P.S.: „Citizen Kane“ gibt es bei amazon.de gerade für € 7,-. Anschaffen!

MARILYN IN LONDON – DIE FAST VERGESSENE REISE

Hinter Marilyn geht die Sonne unter. Der Horizont hinter ihr teilt ihr Gesicht. Die rechte Hand hat sie an einem der Zöpfe der nicht besonders aufwendig gearbeiteten Perücke, die sie in „The Misfits“ nun mal trug. Ihr Blick ist traurig, mehr als traurig. Ungläubig, vor allem verängstigt, verstört, als habe sie eine Vorahnung, was die nächsten zwei Jahre bringen sollen: Zerschmetterte Herzen und unekstatische Pillen/Champagner/Vodka-Exzesse, eine Karriere, die pressetauglich aufs Eis inszeniert wird und der vollständige Zusammenbruch. Besoffen an fremden Swimming Pools mit Menstruationsblut auf dem Bademantel. Tod.
Ich stehe vor diesem Foto, es ist 1987 und die Knoedler Gallery in London veranstaltet anlässlich des Book-Releases von „Marilyn: An Appreciation“ eine Ausstellung der Magnum-Fotografin Eve Arnold. Ich bin in meinem letzten Teenage-Jahr, ein emotionaler Androgyn, der schon den Kontakt zu dem Kind verloren hat, das er einmal war und noch nicht weiß, was aus ihm im Erwachsenenalter werden soll. Geplant ist erstmal eine Lebens-Laufbahn von 36 Jahren. Ohnehin ist alles was jenseits der 25 liegt unvorstellbar alt.
Ein anderes Farbfoto zeigt Marilyn an einer Hauswand lehnend, in dem weißen Kleid mit den Technicolor-roten Kirschen, die man in „Misfits“ nur erahnen kann, ist ja ein Schwarzweißfilm. Ihre Hände sind auf Geschlechtshöhe verschränkt, der Kopf ist leicht geneigt und Augen und Mund sind geschlossen. Lämmer und Schlachtbänke. Sie sieht vor ihrem inneren Auge die Ehe mit Amerikas berühmtesten Dramatiker Arthur Miller scheitern, im Grunde ist schon alles vorbei, man bleibt nur zusammen um irgendwie dieses Machwerk von Film hinter sich zu bringen, das er ihr nach mehrjährigem Writer´s block (it´s not easy being the codependent of a Hollywood-Goddess) runtergekritzelt hat. So sieht sie das. Eine üble Parabel auf ihr Leben als Nutte des Ruhms und eine Heiligsprechung des letzten Amerikanischen Mannes. Dem bricht die Nutte das Herz und das Rückgrat und sie steigt in seinen Pick-up-Truck. Äußert den Wunsch, dass doch irgendwann einmal auf der Welt ein Kind geboren werden müsste, das ohne Angst aufwächst. Unwahrscheinlich, sehr unwahrscheinlich. Kaputte Romantik, der Tod der Ironie vorweggenommen.
Nach der Ausstellung treffe ich Edward. Meine erste große Liebe. Ich habe ihn zwei Jahre nicht gesehen und in dieser Zeit nicht aus dem System gekriegt. Zwei Jahre unglücklich verliebt sein geht vielleicht wirklich nur im Alter zwischen 17 und 19. Danach verhält es sich wie mit Frivolität bei Senioren – a big No No. Edward ist ohne Obdach und mit seiner Freundin Sarah unterwegs. Sie trägt eine Tasche wie die von Mary Poppins. Mein Herz, schon ziemlich angeknackst von zwei Jahren Sehnen bricht wie ein rohes Ei auf Küchenkacheln (Danke, Douglas Coupland.). Im Criterion am Piccadilly Circus sehe ich eine Frau in einem Tippi-Hedren-Kostüm. Eine halbe Stunde später auf dem Piccadilly Circus rennt diese Frau vor zwei Polizisten weg. Sie stürzt. Sie ist tot.

Erst als ich London einige Jahre später das nächste Mal besuchte, kam ich wieder mit Edward zusammen. Madonna sang „Open your heart“ und „Express yourself“ und das taten wir. Als wir nach 5jähriger Pause endlich wieder Sex hatten, riss ich mit meinem Fuß ein ziemlich beladenes Regal um. (Bei unserem allerersten Sex war ein Bett zu Bruch gegangen).
London ist für mich immer das Sinnbild auswegloser, außer sich geratener Gefühle geblieben. Ich war jetzt mehr als zehn Jahre nicht da und verspüre auch keinerlei Lust. Es sei denn, Kate Bush tritt auf. Und, ja – natürlich würde ich mich dort mit Edward treffen, aber es wird nichts laufen. Versprochen.
misfits