Archiv des Autors: glamourdick

FUNKTY FUNKTY oder FUCKING FAXES

Fax, Freitag, 2.12.05

Hallo Annie, ähhhh Jennifer,
aus Termingründen muss ich leider die Teilnahme am Tierschutzbuch absagen. Die Recherchearbeit wäre intensiv und mir fehlt die Zeit, mich in das Thema einzuarbeiten. Wende Dich doch bitte an den Verlag, die werden sicher einen geeigneten Ghost für Dich finden.
Für Dein Projekt wünsche ich Dir viel Erfolg,
herzliche Grüße,

Glam

SMS, Samstag, 3.12.

Hallo Glam,hab seid Do versucht dich zu erreichen.Meinst du, daß wenn du nicht mal mehr in der lage bist ein projekt durchzusprechen-es evtl. sinnvoller für mich wäre,es mit jemanden motivierteren zu versuchen?Falls du meinst,daß ich damit besser beraten bin,so fang ich an mich darum zu kümmern. Lg J.

SMS 3.12.

Hallo J.,
habe Dir meine Absage gestern gefaxt. LG, G.

SMS 3.12.

Ach so,das war ja wieder mal eine ganz tolle idee,wo bei mir der fax eigentlich nie funktiert hat

PEEP PEEP PEEP

Ich kam zu spät, das tue ich sonst nie. Aber es war dann doch nicht so einfach gewesen, Holsten in Berlin aufzutreiben. Und dann traf ich auf der Straße noch C., der in der Nachbarschaft ein NA-Meeting hatte und den ich seit meinem MeckPommschen Sommer nicht mehr gesehen hatte, und wir mussten noch einen Kaffee trinken und uns über das Aufschlagen in der Wirklichkeit austauschen.
Also kam ich zu spät, aber gerade noch rechtzeitig, um das Holsten an den Mann zu bringen, etwas stillos in einer Kaisers-Tüte, aber dafür immerhin sechs halbe Liter, also drei ganze, um mit Adam Riese.
glam3-12
(courtesy of Sabbeljan)

Der Saal war natürlich schon voll, also begaben der Ereignishorizont und ich uns in den Lounge-Bereich (wenn man das in Friedrichshain so sagen darf), wo man leider mangels Tonverstärkung die Übertragung der Veranstaltung nicht wirklich gut empfangen konnte. Aber wir schauten uns dann einfach die Zuschauer an und überlegten, ob das alles Blogger, und, wenn ja, welche waren. Einen erkannte ich auf Anhieb, was nicht schwer war, weil er dann und wann ein Foto von sich veröffentlicht. Andere erkannte ich erst später, nachdem sie mir vorgestellt wurden, wiederum andere konnte ich nicht erkennen, weil ich sie an diesem Abend erst kennen lernte. Und dieses Kennenlernen barg viele angenehme Überraschungen und wortgewandte, charmante Begegnungen. Und andere, die ich gerne kennengelernt hätte, blieben bis auf weiteres unerkannt (ja, sj, sie meine ich. u.a. selbstverständlich).
Eine große Freude war es zu sehen, dass die Blogger ihren Blogs so sehr entsprachen. Burnster ist ein no-bullshit-kind-of-guy. Cool und stimmig. Frau Frank besitzt Eleganz, Stil, trockenen Witz und unendliche Beine, sowie eine nicht bloggende Bekannte. Der Godfather aller Blogs hat nicht nur Esprit, Musikgeschmack, sondern auch noch eine intelligente und hochgradig sexye Freundin. Der Kieler Stargast hat zu allem Witz und Überfluss noch eine rührige Art, sich zu kümmern und zu sorgen und trug stilsicher einen gut geschnittenen Nadelstreifenanzug. Und ich habe da, wie auch hier, wie immer etwas zu viel und viel zu intim erzählt: das Geheimnis meines Zweitblogs gelüftet, verraten, wie der GlamourDick zu seinem Namen kan, aus der Therapie geplaudert und indiskrete Promi-SMSse, die ich aus Rechtsgründen hier nicht veröffentlichen kann (Oder doch? Mal sehen.) vorgetragen. Ein Nacktfoto-Angebot habe ich auch bekommen!

ADVENTSSSONNTAG, NOCH HELL DRAUSSEN…

… und läuft einfach ein bisschen durch die Kälte, das tut ja mal ganz gut und erfrischt, und freut sich an der Shuffle-Funktion des Ipods und denkt an NICHTS schlechtes, außer – jetzt einen blöden Hollywood-Blockbuster und Tüte Chips, wegen der Mineralien, da singt Ingrid Caven „American Bar“ („Eines Tages, da werden wir uns wiedersehn…“) und da steht er vor einem. Der, den man ganz. gezielt. nicht. mehr. sehen. wollte. Den man vermieden hat, weil sonst alles ziemlich schmerzhaft hätte verlaufen können. Der einfach nicht ging, weil zu schön, zu jung, zu bezogen und überhaupt, weil man da ganz anders drauf war und nicht bei sich selbst angekommen und wo soll das alles hinführen. Dem man EINE Nacht seines Lebens eingeräumt. Und jetzt ist es Tag und das Licht hat ihm nichts an. Wie auch schon bei jenem Sonnenaufgang vor ein paar Monaten. Es steht ihm gut. Selbst die schlimme Neonbeleuchtung ist zärtlich zu ihm. Und man zieht den Hut tief in die Stirn = wenn er mich nicht sieht, war ich gar nicht hier, und denkt „Scheiße, jetzt muss ich mir ne neue Videothek suchen.“

GLAM IN DER GEISTERBAHN

„Und dann schreibst du das und wir veröffentlichen es unter Pseudonym und der XYZ-Verlag ist schon interessiert. Ich hab mit denen geredet und die wollen es aus einer anderen Persepktive als Du, aber grundsätzlich sind sie interessiert.“

Ein Auftrag. Er sollte sich freuen. Und tut es nicht. Ein Buch, das nur dazu dienen soll, die „Autorin“ in die Medien zu bringen. Eigentlich wäre völlig egal was darin steht, die Kampagne beruht auf der pünktlich zur Buchmesse 2007 geplanten überraschenden Aufdeckung des Pseudonyms. „Susann Mühlmann“ ist in Wirklichkeit „Jennifer Blush“ (Name vom Blogeur geändert). Dann kommen die einschlägigen Teams von Taff, Blitz, Exclu und Explo, zwei Wochen lang ist das Buch im Fernsehen zu sehen und kaufen wird es doch keiner, wer will schon ein Buch über, sagen wir, Tierschutz „von“ „Jennifer Blush“. Aber die Medienfigur „Jennifer Blush“ hätte weitere zwei wichtige Wochen im Rampenlicht. Und so häufig, wie einem im Fernsehen das Buch um die Ohren geknallt werden würde, da müsste man ja davon ausgehen, dass es ein Riesenerfolg ist. Und welcher Journalist macht sich schon noch die Mühe, die Amazon-Charts zu studieren?
Das Honorar wäre mittelprächtig, die Recherche- und Schreibarbeit intensiv. Blöderweise hat selbst GhostDick noch einen Qualitätsanspruch an das abzugebende Werk. Das nächste dreiviertel Jahr würde asozial werden, außer Anrufen von „Jennnifer Blush“ zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Die Verlockung, den Dispo endlich wieder aufzufüllen ist da. Und zum alten, recht ehrwürdigen Verlagshaus zurück zu kehren, wäre auch nicht verkehrt. Aber Jahre später, immer noch als Ghost? Die Vorstellung ist zu gespenstisch. Die Therapeutin rät, auf das Bauchgefühl zu vertrauen. Sie kennt aber auch die ganzen persönlichen Verstrickungen von „Jennifer“ und GD. Und dass das ehrwürdige Verlagshaus noch GDs Schauerroman „Ashby House“ auf dem Lektoratsschreibtisch zu liegen hat, seit nur mehr sieben Monaten, macht ihm die Entscheidungsfindung leicht.

SPECIAL FEATURE: SPEICHELFADEN

„Weißt du, was ich an Dir nicht ausstehen kann?“
„Meine Persönlichkeit?“
„Deine Unsicherheit!“
(Tama Janowitz)

Remember Tama Janowitz? Das war die, die Mitte der 80er mit den „Slaves of New York“ zur vielleicht ersten Hype-Autorin wurde. Sie und Bret Easton Ellis waren die große Hofnung der amerikanischen Literatur. Bret gelang es, anhaltend zu irritieren, während Tama mit Big Hair und Big Handbags von Vernissage zu Book Opening Party reiste und für die Fotogafen poste. Zwischendurch gelang ihr immer wieder mal ein Roman oder auch nicht. Ohne Tama gebe es kein „Sex and the city“, denn vor Candace Bushnell war sie die Chronistin der 30somethings New Yorks. Einige ihrer Romane sind unverständlicherweise keine Mega-Erfolge geworden („The male cross dresser support group“, „A certain age“), andere sind verdientermaßen gefloppt (zuletzt „Peyton Amberg“). Tama´s Glory entfaltet sich noch einmal ganz in „Area Code 212“ einer Essay-Sammlung über die Stadt, in der sie sich auskennt.
Die „Slaves of New York“, das waren diejenigen New Yorker Bürger, die sich keine eigene Wohnung leisten konnten und mit Partner cohabitieren (und sich den Partnern somit gänzlich ausliefern) mussten. Sklaven halt. In den 90ern musste ich darüber lachen, jetzt vermiete ich ein Zimmer unter.
Tama Janowitz war eine sehr gute Freundin Andy Warhols und in Zeiten, wo sie noch unveröffentlicht war, kam es vor, dass sie nicht wusste, wie sie die Miete zahlen sollte, aber an fünf Abenden der Woche mit Andy Hummer essen ging. Ich kenne das so ähnlich. Tamas gute Schriften stecken voller schlauer Alltagsbewältigungserkenntnisse. Ja, auch sie eine Bloggerin der ersten Stunde. Weshalb erzählt er uns von der? fragt man sich vielleicht. Weil er gestern die DVD der „Großstadtsklaven“ gekauft hat und Tama in den Special Features das erste Mal seit 15 Jahren zu sehen bekommen hat. Jocelyne Wildensein ist ein Dreck dagegen. Meine ehmalige Lieblingsautorin sieht aus, als tuckere unter ihrem immer noch üppigen Haar eine kleine Botox-Raffinerie, von der minütlich große Mengen des Nervengifts unter ihre fahle, aber straffe Haut gepumpt werden. Ihre Augen sind so straff verspannt, dass sie aus Rücksichtnahme eine rotgefärbte Brille trug. Ihre Lippen waren so angeschwollen, dass ihr das Reden schwer fiel. Einmal glaube ich sogar Sabber gesehen zu haben, aber nur ganz kurz. Ach Tama. Warum hast Du dir keinen guten Chirurgen geleistet?? Bernadette Peters, die im Film Deine Rolle so würdevoll auskleidet, hat doch auch noch ein wenig Restwürde im Antlitz.
Aus Schock konnte ich mir „Slaves of New York“ dann gar nicht anschauen. Dabei ist es ein wunderbarer Film. Ich wählte stattdessen „Shrek2“ und freute mich an den Stimmen von Rupert Everett, Jennifer Saunders und Joan Rivers.

DICK OF ARC

Ach, ach – oh weh… Ich hätte nicht so über die DARPA schreiben dürfen, denn seit dem Beitrag über meine Weltregierungspläne besucht diesen Blog wiederholt das US-Militär. Denen muss ich mal grad was erklären:

Hello soldiers!

Don´t mistake me for a sleeper. Don´t get me wrong – I really love sleeping. But not in a terroristic sense. I´m more into sleeping around, that means having sex with strangers in funny places. I never had sex with a soldier (and if I had they must have pretended to be rock stars, red indians or marines), so if any of you guys is drop dead gorgeous and circumcized, I´m sure we could live out some wild fantasy. (Alien abduction for instance. By the way, you should visit my fellow blogger Herr Akimbo – he is totally into Sigourney Weaver and other powerful American Babes.)
Soldiers, I´m a real Bush-fan, don´t you worry. I have all of her records. Even on vinyl, cd, and itunes. I know all of her records by heart. And you should go and buy „Aerial“ – it´s gorgeous! So, Captain-Officer-Sir, I´m not a menace. Except for my flatmates. Because I´m so argumentative. But only verbally. I am also in possession of Madonna´s record „American Life“ and not just that, even „American Pie“. And I love Bette Davis and Marilyn Monroe (and you should be ashamed of yourselves as American citizens for the shabby burial place you have for the Queen of Movies. Go to Westwood Memorial in LA, check it out for yourselves!) Plus: my accent is pretty much like that of the californian governor, only with a more prussian hint. Think of me sounding like Marlene Dietrich (who you probably don´t know because instead of watching old movies on late night tv you have been reading books about Sylvester Stallone and the Vietnam War.) I have almost totally read a book by an almost totally American President: „Wege zum Gleichgewicht“ by Al Gore is features prominently on my book-shelf.
And i really want to say that I had this really weird and great sex the other day with this guy who totally wanted to be in the top position and made me say things like „oh officer – please , I dont´t want to got to prison – can´t we make a deal, can´t I like xxxxx your xxxx?“. I was surprisingly good in that part. And after that we had a cigarette and he turned out to be a nice blonde jewish guy from Israel and we had a chat about who lost which relatives in world war 2. So you see, this blog of mine is mostly about Voelkerverstaendigung (you do have dictionaries, right?)
Anyway: if you come to Berlin (and send me your picture first) maybe we can get together on some serious sexual projects. But this is not a blind date, okay? Did I mention that my neighbour is American and that we celebrated Thanksgiving? So: Don´t be scared or mad at me or something. I´m a Hollywood brainchild. Glamourous, unarmed an amourous,

yours sincerely,

Dickie
P.S.: Liebe Arboretum! Hätte ich bloß Agent Everett rechtzeitig eingschaltet. Jetzt hab ich das Militär am Hacken. Wenn die rausfinden, dass ich das Vanity Fair abonniere, oh weh oh weh.

HOCHMUT BESTÜRZT oder DIE SPHINX OHNE GEHEIMNIS

Er: „Ich will mich nicht öffnen, ich will meine Geheimnisse behalten.“
Ich: „Tut mir Leid, wenn ich das vor meinem Hintergund nicht nachvollziehen kann. Bei mir geht´s gerade darum, endlich ehrlich zu sein. Mit mir und den anderen. Das andere hat mich krank gemacht. Und ich finde es verletzend, wenn mir kein Vertrauen entgegengebracht wird. Ich dachte wir seien Freunde.“
Er: „Wir kennen uns gerade mal erst ein Jahr!“
Ich: (Bestürzte Pause. Der Mann, der mich noch nicht lange genug kennt, um mich als Freund zu bezeichnen, wohnt seit zwei Monaten in meiner Wohnung. Vielleicht vertraue ich wirklich zu früh…)
Ich: „Für mich ist die Basis jeder Beziehung Vertrauen. Wie willst Du Menschen näher kommen, wenn Du nicht offen mit ihnen bist?“
Er: „Vertrauen gibt´s an jeder Ecke. Verschlossenheit ist mir wichtig.“
Ich: „Meinst Du nicht, dass es schwierig ist, mit so einer Einstellung einen Partner zu finden?“
Er: „Ich will nicht jemandem alles erzählen. Ich will jemanden, der mich ohne Worte versteht.“
Ich: (An dieser Stelle bräuchte ich so ein Emoticon oder wie die Dinger heißen. Ein Smilie, das aufgerissene Augen und hochstehende Haare hat und eine Familienähnlichkeit mit dem Wesen in Munchs „Schrei“ aufweist.)
Er: „Ich will keinen Partner, ich will einen Komplizen. Ich führe ein Doppelleben und darauf bin ich stolz.“

Und damit war eigentlich alles gesagt. Dass ein Mensch, der im Internet Aspekte seines Leben veröffentlicht und einer, der selbst seinen Geburtsnamen verheimlichen möchte, nicht wirklich kompatibeln liegt auf der Hand. Und dass ich diesen Dialog öffentlich mache, das ist eine große, üble Indiskretion. Aber so bin ich – ich quatsche alles aus. Und daran wird sich nichts ändern. Schließlich gibt es ein grundgesetzlich verankertes Recht auf öffentliche Bestürzungsäußerung.

Im Januar wird hier ein Zimmer frei.

DANKE oder WIR SIND HELDEN

Ein Besucher dieses (und der sozusagen angrenzenden) Blogs bemerkt kürzlich etwas moralinig: „Das is ja irgendwie n Haufen Leute, die sich nur sagen, wie toll sie sind.“
Und das stimmte mich nachdenklich, also gab ich der Stimmung nach und dachte nach. Der Mann hat Recht. Abgesehen davon, dass dies hier auch ein Kate-Bush-verehrender Blog ist, in dem sich über die moderne Psychotherapie lustig gemacht wird, wenn nicht gerade irgendwelche Bosheiten über Kultur-Heldinnen vom Schlage Schürmi verbreitet werden, dann hat der Mann recht. Ein wichtiger Bestandteil dieses Blogs ist die anerkennende Wertschätzung von Menschen und Begebenheiten. Auf dem Weg der Bedeutungsfindung vor den Schönheiten des Lebens und Erlebens halt zu machen und bei der Bespiegelung der Welt sich auf Sex, Crime und Häme zu beschränken wird nämlich meinem persönlichen Leben und Erleben überhaupt nicht gerecht. Pointierte Gemeinheiten sind nur eine Facette meines Spektrums. Eben so gerne feiere ich meinen realen und virtuellen Freundeskreis.
Als ehemaliger Pressereferent, der mitunter auch Scheiße zu Gold schreiben musste, ist es mir ein Fest, Promo-Aktionen für die liebenswerten und humorvollen Weg-Genossen und Bereiter zu machen, die mich mehrmals täglich zum Lächeln, Lachen und Nachdenken bringen. Und, wie heißt es in dem schönen evangelisch-lutherischen Chart-Topper: „Danke für manche Traurigkeiten“.

„Einer der nicht sollte, weint am Telefon
Und eine die nicht wollte
weint und weiß es schon
Deine Beine tragen dich nicht wie sie sollten
So oft gehen die
die noch nicht weggehen wollten
Ich weiß, ich weiß und ich ertrag es nicht
Halt dich bei mir fest, steig auf, ich trage dich
Ich werde riesengroß für dich
Ein Elefant für dich.“
(Text: Judith Holofernes)

BANG BANG GANG BANG oder OLD SCHOOL, NEW TRICKS.

Roxana, Mandy, Raik, Pemmela, Rocco, Madleen, – alle sind sie hier und scheinen ihre Verwandtschaft eingeladen zu haben – es ist als seien Neuruppin, Pritzwalk und Altdöbern evakuiert worden. Schon der Einpferchungsprozess gleicht dem in einem Gefangenenlager. Trillerpfeifen pfeifen, billige Deos stinken gen Himmel. Mütter mit fettigen Haaren und Töchtern in Polyesther-Prinzessinnenkostümen. Versprenkelte Homosexuelle in stonewashed Jeans, mit Haarsprayverklebten Ohrmuscheln und goldenem Ohrknopf. In Schüben werden die Massen ins Lager gepresst. Schon jetzt ist Herr Dick sich bewusst, dass er sich mitten in einer gewaltigen Angstexposition befindet. Leider zählt sie therapeutisch nicht, weil er zuvor mit Lucky schon ein Gläschen Wein gezwitschert hat. Das war auch bitter nötig, denn nüchtern hätten die beiden es nicht einmal bis zum Pressetresen hinter der Absperrung geschafft.
„Wollen wir nicht doch lieber zum Turmspringen?“
Fünfeinhalb Pro7-Hostessen hatten sie quasi angefleht, die benachbarte Veranstaltung zu besuchen, doch Glam und Lucky wollten etwas anderes, sie wollten den Leuchtturm, Piraten sein, sie wollten fliegen, mittendrin, nicht irgendwie irgendwann, sondern jetzt. Nena im Velodrom.
Selbst das Zuführen von Substanzen verändert die Wrestle-Mania-Stimmung in den Hallen und Fluren der Veranstaltungsstätte nicht ausreichend. Soviel Alkohol wie es bräuchte, sich das binnen drei Jahren enorm explodierte Nena-Publikum schön zu saufen gibt es nicht. Es wird besser als die Vorgruppe Klee spielt. Weil das Licht ausgeht. Und man nicht länger Mandy auf die Minipli schauen sondern einer Judith Holofernes-Epigone in Jeans und mit großen Brüsten über enger H&M-Bluse beim Singen des Aldi-Songs („Dies ist für Aldi, dies ist für Aldi“) lauschen konnte und der visuelle GangBang-Rape ein Ende hatte. Zwischendurch wird es noch einmal schlimm, weil das Licht wieder angeht und die Bühne umgebaut werden muss, aber dann, zwei Bier später springt Deutschlands geilste Entertainerin (und das ist sie, ungeschlagen, und ich bitte die Leser, alle Talkshow-Auftritte von ihr mal kurz zu vergessen) auf die Bühne und man spürt es – wieder einmal hat sie, zu Freude des Publikums, ihr Ritalin nicht eingenommen. Wer noch nie auf einem Nena-Konzert war – selbst Schuld. Wenn es je ein deutscher Entertainer verdient hat, den Titel „Singnutte“ zu tragen, dann sie. Und wer jetzt empört die „Nutte“ moniert – don´t go on reading, learn some essentials.
Ihre Fähigkeiten als Chorleiterin für mehrere Tausend werden selbst von Gotthilf Fischer nicht in den Schatten gestellt. ALLE SINGEN MIT. Streckenweise singt Nena nur noch zwei Zeilen und überlässt den Rest des Liedes dem Publikum. Diese Eigenart, die ich bei früheren Konzerten manchmal als ihre persönliche Langeweile vor und Übersättigung mit den alten Hits gehalten hatte, ist mittlerweile sehr homogen entwickelt worden. Alles sehr diaolgisch, pardon, duettistsch. Und ich muss nicht erwähhnen, dass Glam gerne, sehr gerne, wenn auch schlecht singt, eigentlich eher auf Dächern, aber zwangsläufig auch auf Nena-Konzerten.

Nach zwei Liedern ist das Publikum ausgeblendet. Egal wie die aussehen, singen können sie wie ein Mann und eine Frau. Zwei Stunden, die fast komplette neue CD und fast alle Golden Oldies später ist Schluss. Aber Nena ist berüchtigt für die anderthalbstündigen Zugaben, die sie in Berlin in der Regel gibt. Und dann hat das Publikum, dem mittelerweile Beine, Kreuz, die Hüften- und Zahnprothesen schmerzen vor lauter Mitsing-und Tanzseligkeit die Grande Dame wieder aus dem Backstage herausgeklatscht. Und jetzt beginnt der wirklich überraschende Teil des Programms.
VITAMINS, BANG BANG und OLD SCHOOL manic-electro-hypnotisch aneinander gereiht, hochgestapelt und durchgewirbelt. Eine Disco-Light-Show in mini-gigantischer silbergreller Karaokebox. Nena zipp-zappelt, schreit, trommelt und gibt mehr als alles: Waldorf on crystal meth.
Nachdem mich beim dritten typischen Nena-Konzert die Wiederholung des Gestrigen schon ein klitzekleines bisschen irritiert hatte und an Judy-somewhere-over-the-rainbow-Garland und Liza-Cabaret-Minnelli gemahnte, zercrasht die Lady in der Zugabe ihre Sandschlösser und Vulkanstänze und zeigt, dass eine Mittvierzigerin auch im Hier und Jetzt und auf dem Dancefloor akut, wichtig und genial sein kann. Und, man stelle sich vor: ALLES OHNE ABBA SAMPLES. Ich verneige mich. Und wenn das nächste Nena Konzert nur eine halbe Stunde dauert, dann finde ich das auch okay.
Ziemlich beseelt verlassen Lucky und Glam das Velodrom und beschließen, in Zukunft mehr Vitamine zu nehmen. Und das tun sie dann spontan und es wird noch eine lange rauschenden Ball-Nacht.

Fazit: Nena wird immer hübscher, ihr Publikum immer hässlicher. Aber Singen, dit könnse.