Archiv des Autors: glamourdick

GOING GARGOYLE oder GLAM AND THE SUNSET BANNISTER

Ich will nicht zu larmoyant klingen, aber ich habe gerade eine beschissene Woche, aus der sich vermutlich zwei beschissene Wochen entwickeln werden. Die Gründe dafür sind unzählig, einige davon profunder als andere.
Ich bemühe mich, buddhistisch durch den bösen Strom zu schwimmen und auf die Blumen am Flussrand zu starren, während mein Geist sein Spiel mit dem Exorzismus von Missgunst, Schicksal und Hass treibt. Die gestrige Blume des Tages: ich kam in den Genuss eines Geländers. Es war in einem selten benutzten Flur in einem an sich schon sehr überraschenden Gebäude, das man von außen für einen Plattenbau halten könnte, das aber im Kern einen Jahrhundertwende-Bau beherbergt (1890ies). Ja, so was gibt´s, mitten in der Stadt. In diesem unbenutzten Flur, an sich schon sehr Norma Desmond, gibt es nun eine Geländerkonstruktion: ein Holzbalken, der von aus der Wand ragenden dreifingrigen Gargoyle*-Krallen gehalten wird. Die Cocteuaschen Arm-Lüster in „La Belle et la Bête“ sind ein Dreck dagegen. Ich stellte mich daneben, winkelte meine Hand ab und legte den Ärmel meines Mantels darüber. Es sah sehr echt und zugleich sehr organisch aus. Und das liegt nicht daran, dass ich zuviel Neil Gaiman gelesen habe. Leider war keine Kamera dabei. Wenn Mlle Cassandra und ich mal unsere lang anvisierte Fotosession machen sollten – I know just the right place to go (gargoyle).

* Nach Wochen des aus-dem-Fenster-lehnend-Rauchens bin ich ziemlich sicher, wie der Wasserspeier erfunden wurde. Hässliche Bauarbeiter in Kathedralen mit Rauchverbot.

GLAM VERSCHENKT SICH

And then again, was nützt mir die Romanidee (see posting below), wenn ich dann doch zu trotzig bin, sie umzusetzen? Wo ich doch eine einwandfreie nouveau gothic novel in der Schublade habe. Und bis die nicht verkauft ist oder „Gestern wollt ich noch sterben“ verfilmt, da mach ich mir nicht die Mühe. Ist nämlich heartbreaking, wenn Du so ein Werk, in dem viel Arbeit steckt, und Deine Lebenszeit, wenn Du das nicht verkauft kriegst, weil die deutsche Verlagsszene Diätbücher von Fetten und Beziehungsratgeber von Kim Fisher für lukrativer hält. Vielleicht doch nach Hollywood? Oder Kopenhagen?

Ich verstehe voll und ganz, dass Thomas Hardy, auch ein Zwilling übrigens, mit dem Romanschreiben konsequent aufgehört hat, weil ihn die Kritiken beleidigten. (An wen erinnern wir uns heute? An Hardy oder seine Kritiker?)
Wenn man eine kleine Welt in einem Textdokument oder zwischen zwei Pappdeckeln enstehen lässt und jemand buht sie aus oder lässt sie erst gar nicht in die wahre Welt, dann ist das schlicht und ergreifend frustrierend. Und übrigens der Grund, warum ich blogge. Weil ich dachte „Fuck them publishers´ hairy old assholes“. Schreiben muss ich, da bin ich zwanghaft. Dann schreib ich eben für umsonst. And that was the beginning of this blog.

IT IS BEST TO FIND IN SLEEP THE MISSING PIECES THAT WE LOST

Ich bin ein Warmduscher, aber schlafen tu ich kalt. Wie Sunny von Bülow. Ich versuche, jedes Jahr den Tag so weit wie möglich Richtung Winter zu verlagern, an dem ich über Nacht das Schlafzimmerfenster schließe. Ich schlafe nicht gut bei Heizungsluft. Jetzt haben wir gerade mal Oktober und ich bin heute morgen aufgewacht, weil ich fror. Gleichzeitig war ich zu müde, aufzustehen und das Fenster zu schließen und dann hatte ich noch diesen Traum ganz präsent und musste ihn mir unbedingt merken, gab mir also zusammenfassende Stichworte und betete die auf und ab, damit ich sie bloß über das nächste Wiedereinschlafen hinaus retten würde. Da der Traum zu gut war, von annähernd literarischer Qualität, und da er Themen beinhaltete, die sich sicher nicht von ungefähr in meinem Unterbewussten festgesetzt hatten, schrieb ich dann doch die Stichworte auf und konnte wieder einschlafen. Lese sie mir vorhin durch und siehe: anders als die Weltrettungsfantasien, die jene kennen, die mal in Holland einen Keks oder im Görlitzer Park eine Zigarette erworben haben – die Notizen machen Sinn! Und als ob es nicht schon genug gewesen wäre, im Traum von der Muse geküsst zu werden, folgte noch ein erstklassiger Sextraum!*

* Gibt es eine vernünftige Erklärung dafür, dass man wet dreams nur in der Pubertät hat? Ich finde, das Recht im Schlaf zu kommen, sollte in der DNA verankert werden. Ohne Altersbeschränkung. Oder gibt es da eine konservative evolutionäre Instanz, die Samenverschwendung verhindern will? (Wenn ja, dann hat sie bei Männern, und das sind ja nun mal die mit Samen, ziemlich versagt, insbesondere was den Wachzustand angeht.)

MURDER ON THE DANCE FLOOR

Ein Tanzetablissement, nach Mitternacht. Es muss irgendeinen Alterungsmechanismus geben, der einen vor Sachen wie „in der Öffentlichkeit tanzen“ ab einen gewissen Alter bewahrt. Man überlässt das dann einfach den jüngeren Menschen. Oder denjenigen Älteren, die soviel Zeit und Geld in ihre Körper investieren, dass sie gar nicht mitbekommen, dass hautenge armlose Kapuzenshirts vielleicht die Muskeln gut hervorbringen, aber so unmodisch sind wie Goatees oder ausrasierte Nacken. Ich nippe an meinem Bier, fühle mich weder unwohl noch gut aufgehoben. Das Tanzetablissement habe ich mal für die Dauer von anderthalb Jahren komplett gemieden, hatte ich doch dort meine große Liebe kennengelernt, die ich nach dem Ende unserer Beziehung nie nie nie wieder sehen wollte. Das Vermeiden breitete sich dergestalt aus, dass ich eine ganze Straße in meiner Nachbarschaft ignorierte und (auch wenn es etwas umständlich war) gar nicht mehr befuhr. So stellt sich ein leichtes Befremden ein, wo ich viele Jahre später in diesem Laden bin, der sich so gar nicht verändert hat.
Aus dem nichts heraus steht mir plötzlich der Hanseat gegenüber. Nennen wir ihn Peter Hamburg, weil es sich bei der Ähnlichkeit zu Peter Berlin anempfiehlt. Ich zwinge mir ein Glam-Lächeln aufs Gesicht, grüße freundlich und gehe an ihm vorbei. Zwei Jahre sind das schon?
„Weißt Du wer das war?“
„Nee.“
„Der Typ, den ich im Roses so peinlich angemacht habe und am nächsten Tag treff ich ihn bei diesem Werbespotdreh.“
„Ach ja, stimmt. Der hat immer noch so ne komische Frisur.“
„Ich mag die Haare.“ Aber ich mag ja auch Peter Berlin.
„Der kuckt immer rüber.“
„Ach soll er doch.“
„Wirkt aber freundlich. Der scheint alleine hier zu sein.“
„Soll er woanders Anschluss suchen.“
Es muss eine Art Alterungsmechanismus sein, der es einem nicht gestattet, jemandem hinterher zu rennen, der einen schon beim ersten, zweiten und dritten Versuch hanseatisch versiert hat abblitzen lassen.
„Hör mal!“
„Murder on the Dance floor. Ich geh tanzen.“
„But you better not kill the groove!“
„Gonna burn this goddamn house right down!“

NACHTRAG ZU PAOLO NUTINI

Großraumbüro. Glam deutet auf seinen Blog, Nutini-Bild.
„Kuckma. Kommst Du mit?“
Kollegin schaut. „Ja.“
„Kennst Du die Musik?“
„Nö.“

Die Tickets kosten charmante 14,50. Der Junge verkauft sich zu billig. Wer kommt mit? 23.11. ist ein Donnerstag.

HEIM IN DEN REALSOZIALISMUS

Gestern mit dem Sakilight unter Tränen eine Ost-TV-Sendung angeschaut. Lange nicht mehr solche Freude an Fernsehunterhaltung gehabt bis wir feststellten, dass wir ja mit unseren GEZ-Gebühren den Dreck ermöglichen! Da blieb dann ein schaler Nachgeschmack zurück. On the other hand – wenn ein paar zu kurz gekommene DDR-Sternchen sich deswegen nicht in der Agentur für Arbeit anstellen müssen und sich auch mal ein paar Stöckelschuhe aus dem Fernsehballettfundus stibitzen dürfen, dann sei es ihnen gegönnt. Zumal ich die Vermutung habe, dass Heimatsender wie der MDR mit ihrem Humpta-Programm und ihren lustigtraurigen Schießbudenmoderatoren (von einem Format, das sogar Florian Silbereisen Größe zu attributieren zwingt) durchaus Quote machen. Wir waren jedenfalls fast tarurig als die Sendung endlich vorbei war. Weitergezappt. Atemnot! Bei dem hier hängengeblieben:

paolo

Der ist Eyecandy. Und singt auch. Aber leider zu Musik wie Jamie Cullum mit einer Stimme von wie-heißt-der alte-Zappelsack-der-den-schlimmen-Striptease-Schlage-mit-dem-Hut-auflassen-singt? Jetzt gibt es ja Tage, da höre ich Jamie Cullum ganz gerne. Aber ficken will ich mit dem nicht. Der kleine Paolo tritt demnächst (23.11.) im Lido in der Schlesischen Straße auf und auch wenn mir die Musik nicht so gefällt – ihm für 20 Euro 2 Stunden lang zuschauen könnte nett werden. Und hier hier gibt´s mehr über ihn.

WARUM MAN SEINE KONTODATEN BESSER NICHT RAUSGIBT

„So das macht dann insgesamt 100 Euro, die wir von Ihrem Konto abbuchen. Die Buchung ist verbindlich.“
„Dann buchen Sie mal.“
Merkt im Moment, als er den Buchungs-Button drückt, dass er statt des 100-Euro-Betrages die Auftragsnummer ins Zahlungsfeld eingegeben hat. Sein Hirn imlopdiert kurfristig, um sich auf eine nahezu normale Größe zurück zu blähen, die es ihm ermöglicht, das Telefonat würdig zu beenden.
„Dürfte ich mir bitte Ihre Telefonnummer notieren, wie haben hier ein kleines Problem mit Ihrer Buchung.“
Gesprächspartner, irritiert und etwas besorgt, hinterlässt Telefonnummer.
Er steht vom Arbeitsplatz auf, drückt die nach oben stehenden Haare auf den Kopf und rennt, Hände auf Kopf, schreiend durchs Großraumbüro. Sanitäter reichen ihm die Telefonnummer der Buchungszentrale.
„Hier ist Glam. Ich habe gerade einem Kunden etwas zu viel abgebucht.“
„Wieviel denn?“
„Na ja. So achtstellig.“ (Innerlich schreit er wieder.)
„Der setzt aber automatisch vor den letzten zwei Ziffern ein Komma.“
„Könntet Ihr dann bitte 18.356,- Euro an den Herrn mit der Buchungsnummer 1845600 rücküberweisen?“
„Die war noch nicht durch. Ich lösch die einfach.“
„Danke.“