Archiv des Autors: glamourdick

YOU CAN DANCE – FOR INSPIRATION!

Hörma, was ist denn mit Ute Lemper los, wens sie 2 Stunden lang im Fernseher sitzt und nicht böses sagt, die Stirn nicht runzelt, sich nicht verletzt, ausgegliedert, missverstanden fühlt? Richtig – sie sitzt in der Jury von „You can dance“ und poliert ihr Image. Plötzlich ist sie die Gute Ute. Was vielleicht damit zu tun hat, dass ihr Veranstalter immer so große Häuser bucht, ganz viel Geld für eine Eintrittskarte haben möchte, aber gar nicht soviele Leute kommen wollen, um Ute für einen Haufen Geld singen zu sehen. Egal, mir gefällt die neue Ute. Auch Margarete Schreinemakers war jut und ist gerade noch so weiter gekommen. Dann noch all die Schaufensterpuppenmänner mit den tiefen Dekolletés und Betonfrisuren. Und hard-body Katja Ebstein mit einer etwas gedämpfterern Haarfarbe. Auch Katja nicht krass-revolutionär, denn eigentlich war sie ja nie eine Schlagermieze sondern eine 68erin in Gestalt einer Schlagermieze. Also gefangen im Körper von, sozusagen. Und auf der Tanzfläche schillert sie wie eine Herzogin – sie ist ja immerhin auch ein großer Musicalstar, das wussten Sie sicherlich schon, und kann jetzt endlich mal etwas Bein zeigen, es wurde aber auch höchste Zeit. Schade, dass Jenny Elbers-Elversstadt nicht weiter gekommen ist, die hat immer so schön gelacht, das konnte ich gut ansehen. Ich find´s toll. Echt.

THE STARS HAVE LOST THEIR GLITTER

Dass die trauige lesbische Serbin gewann haben wir fast nicht mehr mitbekommen, weil es dann doch spannender war, die Unterhaltung selbst zu liefern. Und so endete der diesjährige Grand Prix Eusovision de la Chanson auf Luckys Dach, erst spät nach Sonnenaufgang hörten wir auf zu singen. Ein Gewinner war nicht wirklich festzustellen, da die Teilnehmer sich so viel Hirn weggeschossen hatten, dass sie nicht einmal mehr den Text von „The Man that got away“ zusammen bekamen. (Erstaunlicherweise hat sich der Text über Nacht wieder eigefunden. Er hatte wohl nur für den Muttertag reissaus genommen.) Das Publikum war gnädig mit uns – wir wurden weder verpfiffen noch warf jemand mit Gegenständen nach uns.

NO POINT

Gehe meine Straße runter, da steht rechts eine Mülltone, davor steht ein Mädchen, hat die Hände in der Tonne und führt sie dann an den Mund. Mir rutscht das Herz in die Knie und ich geh weiter, zum Kiosk, fassungslos. Denke an die Geschichten mit den verwahrlosten Kindern, die in der elterlichen Wohnung sich selbst überlassen waren. Kaufe meine Zigaretten, geh wieder raus, seh wieder das Mädchen. Geh zurück in den Kiosk.
„Da steht ein Mädchen und isst aus der Mülltonne…“ Kaufe ein Croissant, weil mir grad wirklich nichts Besseres einfällt, gehe zu dem Mädchen, sehe, es ist gar kein Mädchen, es ist eine Frau, vielleicht in meinem Alter, sehr klein, sehr ausgemergelt. Mir wird speiübel als ich sehe, was sie isst, ich spar Euch das an dieser Stelle.
„Hier, nehmen Sie bitte.“
Sie hört mich nicht, schaut in ihre Hände.
„Hallo – ich hab hier was zu Essen für Sie.“
Ignoriert mich immer noch. Ich streck ihr die Tüte mit dem Croissant entgegen.
„Halllo! Etwas zu Essen?“
„Tun sie da rein“, sagt sie, ohne mich anzuschauen, ohne von dem, was sie in der Hand hält wegzuschauen. Sie hält die Plus-Tüte so, dass ich ihr das Croissant gar nicht reinlegen kann.
„Entschuldigung – könnten Sie…“
Ich will sie nicht berühren, will nicht, dass ihre Hand gegen meine kommt.
Dann öffnet sie die Tüte und ein Schwarm Fruchtfliegen steigt auf.

BLOGOVISION oder THE RETURN OF THE EREIGNISHORIZONT

Wir würden eigentlich gerade live-bloggen. Und zwar bei Lucky. Die knallgrauen lassen ihn aber nicht auf seinen Blog, weil sie es irgendwie nicht gebacken bekommen, seinen Dauerauftrag einzuziehen. Blöd.
Ist aber eh grad so, dass wir die ganze Zeit quatschen und keiner den Protokollanten spielen wollte. Jetzt also icke. So viele Menschen ohne Heimat und alle klingen wie jemand, der schon vorher da war und es besser konnte. Die Schweden waren süß, musikalisch. Aber das Hemd hätte er anlassen sollen. Ich mochte den Gitarristen. Nein, den anderen. Den mit den glatten langen Haaren, schönen Zähnen und engen Hosen. Huch jetzt kommen die Türken, wir dachten die waren schon, aber das war der Grieche. Die Franzosen mochte ich, den Glatzkopp müssen sie nur nächstes mal wegsperren, vielleicht lassen sie ihn einfach in Finnland zurück? Live singen konnten sie zwar nicht, aber im Radio ist das bestimmt ein netter Song. Die Lesbe aus Serbien – Solidarnosz !Ich reich mal weiter an den Gastgeber des Abends, Herrn Lucky, auf dessen apfelgrüner Couch ich grade meinen Popo absetze.

Lucky:
ich sitze auf der orangenen couch und stelle grade fest, daß man in Armenien offensichtlich das Klopapier direkt recycelt, jedenfalls wehen im Hintergrund Klopapierstreifen an den Bäumen.
Ja, ich klage an!!!! Knallgrau, ihr habt nen Dauerauftrag! Ihr könnt mich nciht von meinem Blog aussperren!!!!
Ansonsten bin ich erstaunt, und verwundert. Aber man stelle sich vor, man wohnt in einem verschissenen Ostblockland und hat genau 2,5 Minuten um 100 Millionen Menschen weltweit klarzumachen, daß man da raus will, und zwar dingend. Das erklärt vieles. Aber verzeihen muß man nicht, auch nicht der manischen Opernsängerin mit den Leuchtdiodenhänden.
Aber jeder hat ja einen Versuch, und das an sich ist ja auch wieder gut, an sich.
Iiih, jetzt ist wieder die moldawische Frau dran, wo gleich die Frauenfalte rauskommt.
Ich übergebe… nicht mich, sondern
an Blogger i.R. Herrn Ereignishorizont.:::

boah. aber ich bin doch voll aus der übung, ey – und dann ist das eine windows-pc-tastatur, da krümmen sich mir immer so die finger…
außerdem kann ich mich echt nicht entscheiden, ich mochte den rock von der einen, wo am anfang so geschrieen hat, die jungs find ich alle doof und viel zu schwul (und ich DARF das sagen), und ich hab schon zu viel getrunken und so und ich komm offensichtlich musikalisch aus einer anderen tradition, also performance ist für mich NICHT alles, aber einen ton halten reicht dann allein auch wieder nicht und ich kann mit diesem ganzen ethno-kram nichts anfangen…aber ich mochte diese äh kleine lesbe aus lettland oder so die gengend, die hat mich so an alison moyet erinnert, auch wenn die frisuren der backgroundfrauen echt too much waren …machst du noch mal den wein voll – ja, danke -OH ja, genau, das sexy schulmädchen-outfit von russland war stilistisch auch schön, aber da war jetzt nicht ein lied dabei, das ich morgen gerne nochmal hören würde, höchsten das linda-von-tenstedt-from-outerspace-lied aus der ukraine-und ich dachte, die transe wär rausgeflogen?- und das auch nur in der hoffnung, daß ich den ukrainischen camp-beitrag mit EINS; ZWEI; DREI -TANZEN! gerne inhaltlich mal verstanden hätte – war das vielleicht kylie minouge in nem fatsuit? it´s SO not my veranstaltung! -mein wein ist alle….

So und jetzt geht´s hier dionysisch weiter, also nicht hier auf dem Blog, sondern hier in Lucky Mansion – mit und ohne Musik und allem Zick und Zack (ich hAb Pizza gekocht!). Schönen Jruß von die 3 Homos, die sich diesen TV-Dreck jedes Jahr antun. So you don´t have to.

Edit: Wir, der Ereignishorizont, der Lucky und der Glam können herrlich prima damit leben, daß die serbische Lesbe gewonnen hat – unpopulär, häßlich und bemitleidenswert, geradezu vorzimmermäßig (im stahlverarbeitenden Gewerbe) auf ne nette Art, Millionen dicker unglücklicher Mädchen und Jungs haben gewählt und einen großen Sieg davon getragen – die Welt ist gut! (Glamordick „Manchmal.“)

GLAM, EROTICALLY CHALLENGED oder I SHED A TEAR BETWEEN MY LEGS

Ich hatte ja über meinen neuen Job bereits einiges durchschimmern lassen. Nach Jahren des immer-wieder-knapp-daran-vorbeischrammens hat es mich jetzt tatsächlich in die schwule Untenrum-Filmbranche verschlagen. Nicht endgültig, denke ich. Wo jetzt möglicherweise der eine oder andere schwule Leser denkt – Wow – Glam´s really got it all – muss ich entgegnen „weit gefehlt“. Ich weiß, ich reg mich ja selbst auf, wenn jemand wie Victoria Beckham sagt , dass Reichtum und Berühmtheit nicht glücklich macht. Aber es ist nicht notwenigerweise aufregend oder spaßig in einer Entertainment-Industrie tätig zu sein. Im Moment genieße ich es, an einer bevorstehenden Produktion mitarbeiten zu können, die den schwulen Pornomarkt entweder radikal und revolutionär beeinflusst (Stichwort „Putting the fun back into the fucking“), aber möglicherweise auch gnadenlos abschmiert. Wenn letzteres eintrifft, dann geht´s zurück zu immer härter werdenden Rammelfilmen und das fände ich nicht nur bedauerlich, da würde ich dann definitiv die Branche wieder wechseln.
Ein Nebeneffekt meiner Tätigkeit im Porno-Office (ja, und, für alle die, die es genau wissen möchten, auch am Set) ist eine fünfwöchige erektile Dysfunktion gewesen. Wenn Du 8 Stunden am Tag Ständer (unter anderem) vor Augen hast, dann ist das viel Dick und wenig Glam. Was war ich froh, als ich vor einer Woche plötzlich wieder einen hochbekam Erregung verspürte. Und wer sich schon mal ganz lange aufgespart hat (freiwillig oder unfreiwillig) hat eine Vorstellung von der Explosion, die ich am eigenen Leib erfahren durfte. So hat alles seine gute und schlechte Seite.

WATER? HOLY WINE? DESTRUCTION? WANDERLUST?

Do I disappoint you, in just being lonely?
And not one of the elements that you can call your one and only?
Why does it always have to be water?
Why does it always have to be holy wine?
Destruction?
Of all mankind?

And do I disappoint you?
Do I disappoint you in just being like you?

Do I disappoint you, Rufus Wainwright, „Release the Stars“.

Am Montag kommtse raus. Und obwohl ich sie schon zwei Monate rauf und runter höre freu ich mich auf die Special Edition. HURRY, Amazon.co.uk!
Noch eine Hör-Empfehlug: Track 12: Release the Stars. That´s what comes from singing so much Judy. Fireworks! Brimstone! Sensation! And my third favourite: „Between my legs“ Wozu mir einfällt, dass ich demnächst einen Untenrum-Beitrag schreiben muss.

KEIN X FÜR EIN Y

Der Schnurzel (bei dem ich aus unerfindlichen Gründen nicht mehr kommentieren kann, sorry for that, don´t know what happened), möchte mich in meine männlichen und weiblichen Anteile auseinanderbröseln, aber das mischt sich bei mir doch aufs Vortrefflichste. Ein quasi-Geheimnis kann ich allerdings lüften: dass ich beim Autofahren ein aggressives Schwein bin, wild fluche und gerne auch die Hupe zum Einsatz bringe, insbesondere wenn die Frau im Wagen vor mir ein Kopftuch trägt (und nicht Grace Kellys Wiedergeburt ist). (Das einzig gute, was ich über diese Art von Autofahrerin sagen kann ist, dass sie einem zumindest niemals den Parkplatz streitig macht, das machen dafür ihre goldbeketteten Söhne, die extra keine Fenster im Mercedes-Coupé habe, damit wir alle ihren islamistischen Gängsta-Räp besser hören können.)

ALLES VON UNS

Nach einem 3/4 Jahr wieder gesehen. Aktuelle Horrormeldungen entgegengesetzt. In 20 Sekunden den einstigen Disput aus dem Weg geräumt (40 Sekunden wären besser gewesen, egal. Schwam drüber.) Während des Gesprächs Notizbücher gezückt, zwecks Notierens der Buchautoren, Sänger, Websites, die der andere empfiehlt. Wir erzählen uns Romanhandlungen – ich meist knapp, die wichtigsten Plotpoints auslassend, damit der Zuhörer auch noch was vom Lesen hat. Er, wie immer, so ausführlich, dass die Menschen an den Nachbartischen sich uns zuwenden und mit dem Gefühl nach Hause gehen, ihre Mutter habe ihnen ein Märchen vorgelesen.
Alles ein bisschen wie früher, aber auch nicht. Und, wie schon all die 15 Jahre, die wir uns jetzt kennen, ist er, fast genau 10 Jahre älter, immer ein Spiegel meiner möglichen emotionalen Zukunft, was irgendwie beruhigend ist, weil wir zwei zwar auf ganz unterschiedlichen Wellenlängen liegen – energetisch, biographisch, uns aber über all die Jahre (fast) immer etwas zu sagen haben.
Ich habe lange gebraucht, bis ich nach dieser Freundschaft wieder Sehnsucht hatte. Aber etwas so wichtiges schmeißt man nicht einfach weg. Normalerweise hasse ich es, Updates über mein Leben zu geben – wozu habe ich den Blog? – aber es ist auch spannend, welche Themen, Veränderungen, Entwicklungen es in ein 2stündiges Gespräch schaffen.

Zu schauen, wo wir vor 10 Jahren standen. Und dass es uns heute, trotz unvorhergesehener Ereignisse (das Ende der Plattenindustrie beispielsweis) in unserer dünnen Haut immer noch gibt. Blond und lebenshungrig.

Und eigentlich gehört in diesen Text auch die Erwähnung des Todes. Aber ich weiß nicht, wie ich ihn unterbringen soll, denn obwohl das Sterben ein immer wiederkehrendes Gesprächsmotiv war (das uns beide nicht direkt, aber einen von uns indirekt beschäftigt) haben die lebendigen Themen, das Lebensbejahende, Gierige das Gespräch viel stärker geprägt.

MARLENE DIETRICH´S FAVOURITE POEM

O lieb‘, solang du lieben kannst!
O lieb‘, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, daß dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
Solang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb‘!
Und mach‘ ihm jede Stunde froh,
Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint, –
Der andre aber geht und klagt.

Dann kniest du nieder an der Gruft
Und birgst die Augen, trüb und naß,
– Sie sehn den andern nimmermehr –
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau‘ auf mich herab,
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, daß ich gekränkt dich hab‘!
O Gott, es war nicht bös gemeint!

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küßte, spricht
Nie wieder: Ich vergab dir längst!

Er tat’s, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort –
Doch still – er ruht, er ist am Ziel!

(Ferdinand von Freiligrath (1810-1876))
Marlene dazu: „Das kann ich nicht aufsagen. Da muss ich heulen.“