BERLIN, SONNTACHMORGEN oder DA WAR DOCH WAS

„Wfie fpäp iff?“
Die Worte könnten, aber die Lippen wollen noch nicht. Die sind heut irgendwie schwerfällig. Dumme Küsserei.
„Kurz vor zwölf.“
„Waff?!“
„Kurz vor-„
„Ja habichjaverstanden. Fuck. Fuck.“
Springt aus dem Bett, greift sich Kleidung.
„Wasdennlos?“
„Ich musswasbloggen.“
„Du bist da schon n bisschen besessen, oder?!“
„Verstehst Du nicht. Ist ne Ehrensache. Unter Männern. Bin gleich zurück.“

Steht auf, etwas stolperig. Der Kopf ist gefüllt mit alten Galoschen, die sich ständig auf die Füße treten. Kopfschlagen! Arbeitszimmer. Der Mac ist noch vom Vortag an. Es war eine ziemlich überrumpelte Nacht. Setzt sich und träumt ein bisschen von der Cola Light Lemon im Kühlschrank, während er schreibt:

Lieber Herr MC. Dieses ist Ihr Ehrentag. Und somit seien Sie geehrt! Happy happy birthday! Jacuzzis und Geld und geile Weiber mögen Ihren Weg pflastern! Ich trinke gleich eine Cola Light Lemon auf Ihr Wohl und tu als sei es Holsten! Achsojaund die Britt kann heute wegen kein PC voraussichtlich nicht bloggen, aber denken tut sie an Dich janz feste, Herr Best of Kiel! Vive la vie, vive le Veuve et vive le Winkel!

GLAM FINDS A FILM ON HOW TO BE INVISIBLE

invisible

…hair of doormat, hem of anorak…

den_osynlige11

Für einen kalten, düsteren zweiten Advent ein kühler, schöner, brutaler Spielfilm von den Erben der beiden Bergmanns. Und Tuva Novotny als Ingrids Enkelin: tödlich, kalt, bewegend. Wie gut sie in diesem Film ist, vermittelt sich erst, wenn man ihre anderen Filme kennt. Aber die wird man sich nach „Invisible“ ohnehin anschauen wollen.

Ein junger Mann wacht eines Morgens auf, geht zur Schule, stellt fest, dass niemand ihn wahrnimmt. Er muss wohl tot sein. Und erst jetzt, wo ich an den Vogel denke, der im Film eine Schlüsselrolle spielt, weiß ich, was man Kate Bush zu Weihnachten schenken kann. Diese DVD.
(Wenn ich´s mir recht überlege, dann hat Kate den Film schon. Also bitte Film anschauen und danach „How to be invisible“ von der „Aerial“ hören. And December shall be magic again.)

GLAM, DIE LIEBE UND DIE ZEIT oder IT IS THE FRIENDS YOU CAN CALL AT 4 AM THAT MATTER

Riding high on love´s true blueish light… es ist der Sommer 1998, Glam hat einen angenehmen Job in Managementposition, ein Buch auf dem Markt und einen schimmernd schönen Mann (nennen wir ihn MM) an seiner Seite. Er hat ihn in der Mittsommernacht kennen gelernt, Hexerei war mit im Spiel, und seitdem haben die beiden viele gemeinsame Abenteuer erlebt. Es ist Liebe. Fürs erste. Im dritten Monat dieser Liebe machen die beiden eine Landpartie. Ein guter Freund von Glam feiert opulent seinen 40. Geburtstag. In dörflicher Umgebung, bezaubernd geschmücktem Garten, ein Pavillion mit Flügel, Gesang. Der Freund hat explizit nur die besten der besten Freunde eingeladen, nicht einmal Lebenspartner wurden berücksichtigt. Beim Glam wurde die einzige Ausnahme gemacht, weil er doch so stolz ist auf das Juwel MM an seiner Seite und es ihn auch so ausgesprochen ziert.

Zu fortgeschrittener Stunde und viele Flaschen Wein in die laue Nacht hinein, perlende Gespräche, funkelnde Augen, berauschte Noten später findet sich Glam allein unter einem Baum, ein wenig Ruhe tanken, als er von hinten umarmt wird. Er lehnt sich in die Umarmung, entzieht sich ihr wieder als er spürt, riecht, dass es nicht sein Mann ist, der ihn da so zärtlich hält. Es ist B. aus W. Ein Künstler aus einem fremden Land. Attrativ, großgewachsen, seltsamerweise MM nicht unähnlich.

„Wenn G. im Mai Geburtstag gehabt hätte, dann würden wir morgen zusammen aufwachen.“

Und geht zurück in den Pavillon zu seinem Mann.

Dezember 2005. Auf der Suche nach einem alten Polaroid entdeckt Glam eine Karte, auf der ein Zigaretten-Etui abgebildet ist. Die Karte hatte ihm damals G. geschickt, als es mit MM vorbei war und die Glitzerwelt des Dicks eine Weile aus den Fugen war. Die Aufnahme des Etuis stammt von B. aus W. Das Zigaretten-Etui ziert eine Gravur. Es ist ein Ausspruch Marlene Dietrichs, er lautet: „It is the friends you can call at 4am that matter“.

Keine Pointe. Muss ja nicht immer.

THERE IS A LOT TO BE LEARNED FROM BEASTS oder GLAM UND DIE VAMPIRE

Der Schlaf vor Mitternacht soll ja bekanntlich der gesündeste sein, also hatte ich gestern davon zwei Stunden. Und erwachte heute morgen um 5.00 und sah vor meinem inneren Auge sofort diese Fragebogenfrage „Wachen Sie manchmal ein oder zwei Stunden vor Ihrer Aufwachzeit auf und können dann nicht mehr einschlafen?“
Ja. Und da ich gestern die letzte Dosis Johanniskraut einzunehmen verschlafen hatte, waren das keine schönen Gedanken, die mir jetzt kamen. Alle möglichen Lebensthemen wirbelten durcheinander – eine Folge meiner Psychotherapie, die mittlerweile so gut läuft, dass wir uns langsam den wirklich unangenehmen Themenkreisen stellen, weil eine gewisse Grundstabilität etabliert ist.
Der Herr Burnster bemerkte gestern, ich sei indiskret, und das kam gerade pünktlich zum Therapie-Thema „Meine Promis und ich“. Da ich ja jetzt selber prominent werde, spätestens nächstes Jahr, selbe Zeit, denke ich mal, muss ich nicht mehr die Berühmtheit anderer Leute kreativ unterstützen. Ich habe nicht den geringsten Anlass mehr, irgendwelche Geheimnisse zu wahren. Ich verstehe langsam, warum langjährige Mitarbeiter von Egozentrikern Tell-All-Bücher schreiben, und meine Therapeutin brachte gestern selbst Maria Riva ins Spiel. Sei mal die Tochter von Marlene und bleib normal! Wenn man 15 Jahre lang im Dunstkreis diverser Größen wabert, muss man sich irgendwann im Spiegel betrachten und nachschauen, ob man vielleicht geschrumpft ist. Ich werde vermutlich kein Tell-all schreiben, mir reicht es, dem Dirty Dozen, das die Identitäten hinter den Pseudonymen kennt, ein wenig Entertainment zu bieten. Und ich hoffe, dass es auch für die anderen eine angenehme Lektüre ist.

Auch wenn das Bloggen grundsätzlich egozentrisch ist – der Blogger, der hier schreibt, hält sich eher für exzentrisch und begrüßt den momentan sehr regen Austausch mit anderen normal gestörten Exzentrikern. So, getting it off my chest, I might cough up some blood, denn danach geht´s mir besser. That´s therapy, Darlings.

So, Choc, hier das schöne Cover:

„SANG SUR MES DENTS“

CARYDICK

Und wenn jemand noch nach einem geeigneten Weihnachtsgeschenk für mich sucht:

kurt-cary

Kurt Kaupers Cary Grant, Öl auf Birkenholz 228,6 x 142,2cm.
Courtesy of Frankfurtlounge.

P.S.: Zum Thema Weihnachtsgeschenke. „City Glam“ von Armani stinkt. Bitte davon absehen. Da hätte der Giorgio mich mal besser machen lassen sollen. Mir schwebt da so eine mischung aus Tuberose, Gardenie, Vanille und Opium vor, aber ohne diesen Hauch Sellerie, den Marc Jacobs ins Spiel bringt.

IN A SEASIDE TOWN THAT THEY FORGOT TO BOMB DOWN

„I´ve found that living is one dimension, thinking another and writing a third.“
Ruth Rendell writing as Barbara Vine

In jedem Barbara Vine-Roman gibt es (mindestens) einen Satz, der hängen bleibt. Der obige stammt aus „No Night is too long“, einem meiner Lieblingsromane, in dem sehr anschaulich und nachvollziehbar beschrieben wird, wie eine Liebe vergeht, sich dreht und wendet. Ich glaube, es war in „House of Stairs“, da bemerkt die Erzählerin, wie fantastisch es eigentlich ist, dass wir in unseren Träumen Menschen erfinden. Wesen, die in unserem wahren Leben nicht existieren, die wir aber im Traum zu Leben erwecken. (Das Kreieren einer guten, stimmigen Romanfigur gestaltet sich so ähnlich und doch ganz anders. Zunächst ist es ein Entscheidungsprozess, der Denkakt. Aber irgendwann steht die erfundene Person plastisch vorm inneren Auge. Und wenn man weiß, wie ihre Stimme klingt, dann ist man auf dem richtigen Weg. Dann schreibt die Hand schon, was die Figur sagt, bevor der Autor es gedacht hat.)
Wer noch ein paar profunde (und preiswerte) Weihnachtsgeschenke braucht, dem sei das komplette Oeuvre von Frau Vine ans Herz gelegt. Am besten immer gleich doppelt kaufen: einmal zum behalten, einmal zum verschenken. Wer es nicht zu düster liebt, der möge mit „Asta´s Book“ anfangen. Und danach „Brimstone Wedding“.

FUNKTY FUNKTY oder FUCKING FAXES

Fax, Freitag, 2.12.05

Hallo Annie, ähhhh Jennifer,
aus Termingründen muss ich leider die Teilnahme am Tierschutzbuch absagen. Die Recherchearbeit wäre intensiv und mir fehlt die Zeit, mich in das Thema einzuarbeiten. Wende Dich doch bitte an den Verlag, die werden sicher einen geeigneten Ghost für Dich finden.
Für Dein Projekt wünsche ich Dir viel Erfolg,
herzliche Grüße,

Glam

SMS, Samstag, 3.12.

Hallo Glam,hab seid Do versucht dich zu erreichen.Meinst du, daß wenn du nicht mal mehr in der lage bist ein projekt durchzusprechen-es evtl. sinnvoller für mich wäre,es mit jemanden motivierteren zu versuchen?Falls du meinst,daß ich damit besser beraten bin,so fang ich an mich darum zu kümmern. Lg J.

SMS 3.12.

Hallo J.,
habe Dir meine Absage gestern gefaxt. LG, G.

SMS 3.12.

Ach so,das war ja wieder mal eine ganz tolle idee,wo bei mir der fax eigentlich nie funktiert hat

PEEP PEEP PEEP

Ich kam zu spät, das tue ich sonst nie. Aber es war dann doch nicht so einfach gewesen, Holsten in Berlin aufzutreiben. Und dann traf ich auf der Straße noch C., der in der Nachbarschaft ein NA-Meeting hatte und den ich seit meinem MeckPommschen Sommer nicht mehr gesehen hatte, und wir mussten noch einen Kaffee trinken und uns über das Aufschlagen in der Wirklichkeit austauschen.
Also kam ich zu spät, aber gerade noch rechtzeitig, um das Holsten an den Mann zu bringen, etwas stillos in einer Kaisers-Tüte, aber dafür immerhin sechs halbe Liter, also drei ganze, um mit Adam Riese.
glam3-12
(courtesy of Sabbeljan)

Der Saal war natürlich schon voll, also begaben der Ereignishorizont und ich uns in den Lounge-Bereich (wenn man das in Friedrichshain so sagen darf), wo man leider mangels Tonverstärkung die Übertragung der Veranstaltung nicht wirklich gut empfangen konnte. Aber wir schauten uns dann einfach die Zuschauer an und überlegten, ob das alles Blogger, und, wenn ja, welche waren. Einen erkannte ich auf Anhieb, was nicht schwer war, weil er dann und wann ein Foto von sich veröffentlicht. Andere erkannte ich erst später, nachdem sie mir vorgestellt wurden, wiederum andere konnte ich nicht erkennen, weil ich sie an diesem Abend erst kennen lernte. Und dieses Kennenlernen barg viele angenehme Überraschungen und wortgewandte, charmante Begegnungen. Und andere, die ich gerne kennengelernt hätte, blieben bis auf weiteres unerkannt (ja, sj, sie meine ich. u.a. selbstverständlich).
Eine große Freude war es zu sehen, dass die Blogger ihren Blogs so sehr entsprachen. Burnster ist ein no-bullshit-kind-of-guy. Cool und stimmig. Frau Frank besitzt Eleganz, Stil, trockenen Witz und unendliche Beine, sowie eine nicht bloggende Bekannte. Der Godfather aller Blogs hat nicht nur Esprit, Musikgeschmack, sondern auch noch eine intelligente und hochgradig sexye Freundin. Der Kieler Stargast hat zu allem Witz und Überfluss noch eine rührige Art, sich zu kümmern und zu sorgen und trug stilsicher einen gut geschnittenen Nadelstreifenanzug. Und ich habe da, wie auch hier, wie immer etwas zu viel und viel zu intim erzählt: das Geheimnis meines Zweitblogs gelüftet, verraten, wie der GlamourDick zu seinem Namen kan, aus der Therapie geplaudert und indiskrete Promi-SMSse, die ich aus Rechtsgründen hier nicht veröffentlichen kann (Oder doch? Mal sehen.) vorgetragen. Ein Nacktfoto-Angebot habe ich auch bekommen!

ADVENTSSSONNTAG, NOCH HELL DRAUSSEN…

… und läuft einfach ein bisschen durch die Kälte, das tut ja mal ganz gut und erfrischt, und freut sich an der Shuffle-Funktion des Ipods und denkt an NICHTS schlechtes, außer – jetzt einen blöden Hollywood-Blockbuster und Tüte Chips, wegen der Mineralien, da singt Ingrid Caven „American Bar“ („Eines Tages, da werden wir uns wiedersehn…“) und da steht er vor einem. Der, den man ganz. gezielt. nicht. mehr. sehen. wollte. Den man vermieden hat, weil sonst alles ziemlich schmerzhaft hätte verlaufen können. Der einfach nicht ging, weil zu schön, zu jung, zu bezogen und überhaupt, weil man da ganz anders drauf war und nicht bei sich selbst angekommen und wo soll das alles hinführen. Dem man EINE Nacht seines Lebens eingeräumt. Und jetzt ist es Tag und das Licht hat ihm nichts an. Wie auch schon bei jenem Sonnenaufgang vor ein paar Monaten. Es steht ihm gut. Selbst die schlimme Neonbeleuchtung ist zärtlich zu ihm. Und man zieht den Hut tief in die Stirn = wenn er mich nicht sieht, war ich gar nicht hier, und denkt „Scheiße, jetzt muss ich mir ne neue Videothek suchen.“

GLAM IN DER GEISTERBAHN

„Und dann schreibst du das und wir veröffentlichen es unter Pseudonym und der XYZ-Verlag ist schon interessiert. Ich hab mit denen geredet und die wollen es aus einer anderen Persepktive als Du, aber grundsätzlich sind sie interessiert.“

Ein Auftrag. Er sollte sich freuen. Und tut es nicht. Ein Buch, das nur dazu dienen soll, die „Autorin“ in die Medien zu bringen. Eigentlich wäre völlig egal was darin steht, die Kampagne beruht auf der pünktlich zur Buchmesse 2007 geplanten überraschenden Aufdeckung des Pseudonyms. „Susann Mühlmann“ ist in Wirklichkeit „Jennifer Blush“ (Name vom Blogeur geändert). Dann kommen die einschlägigen Teams von Taff, Blitz, Exclu und Explo, zwei Wochen lang ist das Buch im Fernsehen zu sehen und kaufen wird es doch keiner, wer will schon ein Buch über, sagen wir, Tierschutz „von“ „Jennifer Blush“. Aber die Medienfigur „Jennifer Blush“ hätte weitere zwei wichtige Wochen im Rampenlicht. Und so häufig, wie einem im Fernsehen das Buch um die Ohren geknallt werden würde, da müsste man ja davon ausgehen, dass es ein Riesenerfolg ist. Und welcher Journalist macht sich schon noch die Mühe, die Amazon-Charts zu studieren?
Das Honorar wäre mittelprächtig, die Recherche- und Schreibarbeit intensiv. Blöderweise hat selbst GhostDick noch einen Qualitätsanspruch an das abzugebende Werk. Das nächste dreiviertel Jahr würde asozial werden, außer Anrufen von „Jennnifer Blush“ zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Die Verlockung, den Dispo endlich wieder aufzufüllen ist da. Und zum alten, recht ehrwürdigen Verlagshaus zurück zu kehren, wäre auch nicht verkehrt. Aber Jahre später, immer noch als Ghost? Die Vorstellung ist zu gespenstisch. Die Therapeutin rät, auf das Bauchgefühl zu vertrauen. Sie kennt aber auch die ganzen persönlichen Verstrickungen von „Jennifer“ und GD. Und dass das ehrwürdige Verlagshaus noch GDs Schauerroman „Ashby House“ auf dem Lektoratsschreibtisch zu liegen hat, seit nur mehr sieben Monaten, macht ihm die Entscheidungsfindung leicht.