Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

MONDAYS

Das Schwierige am Montag ist ja, dass, wenn der Sonntag voller Filme und Serien war, die Erinnerung daran verblasst, wo man vor gefühlten drei Monaten, also am Samstag, den Wagen abgestellt hat. So sitze ich Monatg morgens meist und schreibe, während ein Teil meines Hirns Möglichkeiten durchgeht, wo ich wohl geparkt haben könnte. Es hilft, wenn ich versuche, zu visualisieren, was ich beim Nach-Hause-kommen dabei hatte. Plastiktüten bespielsweise. Dann erinnere ich mich meist daran, welche Route ich gefahren bin und dann fällt mir auch wieder ein, wo der Wagen steht. Und bei der zweiten Tasse Tee fiel mir dann auch ein, warum ich mir am Samstag gut merken konnte, wo der Wagen steht. Direkt gegenüber. In einem Bereich, der ab Montagmorgen als Baustelle mit Halteverbot ausgezeichnet war. So ne kleine Panikattacke am morgen und Sie brauchen kein Koffein.

FÜR E CHLI GELD, FÜR E CHLI WELT

Das letzte Mal so einen Applaus gehört? Cica 1992. Im Spiegelzelt. Bei Georgette. Gestern im Admiralspalast, Studio. Zweite Hälfte Cora Frost anschauen gegangen. Erste auch nochmal mitgenommen. Das Schreckliche am Studio: der Künstler spielt ebenerdig, das Publikum sitzt auf einer Tribüne. Von der SingtanzschauspielflächeformerlyknownasBühne aus siehst Du auf eine Art Fleischregal. Ich finde, das gehört sich nicht. Der Künstler muss oben sein. Aber das Fleisch war hübsch, gestern. Und hat, wie gesagt, heftig applaudiert und getrampelt, dass man fürchten musste, das Fleischregal birste.

Wodka war das Getränk des Abends. Dann durfte ich mir einen Auto-altar aussuchen, ich ließ die Virgen liegen, die ich ja eh schon in der Küche habe und entschied mich für einen Chesuss. Einen mit Mittelscheitel und Botox. So ein milder. Später im Roses dann: der einzig attraktive Mann außer meiner Begleitung ein Mexikaner. Mexico ist das neue Kanada.

Meinem Begleiter die Wahrheit gesagt. Vom Verfall berichtet, von der neuen Angst, die so ernst zu nehmen ist im Vergleich zur alten. Von der verschwiegenen Liebe und von den Rentnern. Die wo ein ANRECHT haben.

Die nächste Single wird mein Lied und es wäre schon bizarr, wenn´s ein Hit wird. Aber ich hör ja kein Radio. Trotzdem sollte ich bis dahin den Ansatz nachblondiert haben.

Immerhin all das mit Lidschatten. Verfall mit Lancôme.

10 BEST THINGS, DIE ICH ERST NACH 30 GELERNT HABE

Die Sache mit dem Streichholz nach dem Scheißen.

There won´t be trumpets.

Deep Throaten ohne Brechreiz.

Shyness is nice and shyness can stop you from doing all the things in life you´d like to.

Heroin und Koks zusammen ist keine gute Idee.

Happiness often comes from expected places.

Rauchen ist wirklich wirklich nicht gut für Dich.

Die Menschen werden sich lieben, vergessen und lieben.

Arschhaar hin oder her.

Ich habe ein ANRECHT. Ich haaaabeeeé ein ANRECHT! Wassolldasheißenesist nichtinIhremComputer???

ALICE MAKES GLAM PARANOID oder BLOOD UNDER THE BRIDGE

Nachdem nun gestern die Internetverbindung stoppte, mit dem Warnhinweis „ein fremdes Programm hat Zugriff auf Ihre Internetverbindung genommen“ und vielen kleinen Popups „kein Zugriff auf den PPOE-Server“ up-popten werde ich mich wohl von der Pornoseite meines Vertrauens verabschieden. Oder wer hat da ein fantasievolles neues WEP-Kennwort eingerichtet?, was ich erst nach einem halbstündigen Techno-Gespräch mit zwei (übrigens freundlichen und kompetenten) Alice-Mitarbeitern diagnostizierte. Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Hätte ich das Angebot annehmen sollen, für 2 Euro mehr im Monat einen Virus-Schutz zu erwerben oder ist das ganze gar eine Werbeaktion für den 2-Euro-Virus-Schutz gewesen? Und das ist nur Alice, man möchte nicht wissen, was einem mit Google alles so bevorsteht. Ich verzichte jedenfalls zunächst mal auf Chrome, was mir als Mac-User auch sehr leicht gemacht wird.

Es ist doch bestimmt von Gott nicht gewollt, dass Menschen wie Sie und ich Worte wie PPOE-Server im aktiven Wortschatz haben und einen kleinen schwarzen Kasten als Bridge bezeichnen. Ich checke jetzt mal mein TCP/IP und geh dann schnell meine Persönlichkeitsmatrix kalibrieren.

DAS GLAMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK

„Since we last had sex I really wanted to go out and buy your books. You know, to get to know you better.“
„How sweet of you. But you wouldn´t be able to read them, papi.“
„Why??“
„They´re written in German.“
„In German?? Oh.“

Ich meine, ich mochte ihn wirklich, aber lebte schon sehr in seiner eigenen Welt.

GLAMOUROID

Du möchtest die Sonnenbrille aufsetzen, weil die Nacht auf der Friedrichstraße so hell ist. Lärmend stapftst Du durch den Tunnel, der sich als Bürgersteig ausgibt, aber es passt im Grunde immer nur ein einzelner Bürger längs hinein, man schubbert aneinander, wenn man jemandem begegnet, es ist ein Burgsteig, kein Bürgersteig. Aber eh ja nur ein Bautunnel. Du riechst nach Zigaretten, Red Bull und Michael Kors-Parfum. So stinkt man gegen die Stadt an. Wo ist ein Geldautomat, wenn man ihn braucht oder ein Kreditkartentaxi? Warum ist Ladenschluss, aber bei Dussmann einfach zu hell? In einem ausgeleuchteten Foyer sitzt ein Hund zu Werbezwecken, er sieht lebensecht aus, täuschend, dann regt er sich und es ist tatsächlich ein Hund, er gehört zu einem Mann, der Geld aus der Wand zieht. Dass Thomas Dörflein tot ist, ist irgendwie auch nicht akzeptabel, wer das anders sieht ist ein Schwein. „Ich versuche, mir die Welt zu erklären, als ob zwischen den Punkten Linien wären“ singt sie in die Ohren, mehr ins rechte, im linken sitzt der Ohrstöpsel immer so schlecht. Im Werbebild an der Wand spiegelt sich dein Haaransatz. Das würde schon nicht mehr als „Ansatz nachfärben“ durchgehen. Manche Leute haben kürzere Haare und müssen auch voll zahlen. Manche Leute müssen lügen, anderen gelingt es, mit der Wahrheit zu verschleiern. Als ob zwischen den Punkten keine Linien wären. Du weißt es wieder mal besser und was nützt es Dir? Siehste.
„It´s not the side effects of the cocaine – I´m thinking that it must be love“. Ja, Drogen wären jetzt das richtige. Diese Strecke zugedröhnt viel einfacher. Lidschatten das mindeste. Dem einen oder anderen Touri einen Schubser mit der Tasche geben, wenn der Burgsteig wieder mal zu eng ist. Aber mit Geld in der geballten Faust rufst Du Dir ein Taxi, ohne die Kopfhörer raus zu nehmen. Zu Hause angekommen stellst Du fest, dass alles teurer wird, nur Taxifahren nicht. Und Kaffee. Aber froh macht Dich das auch nicht.

UM ES MIT SANDRA ZU SAGEN „I´LL NEVER BE MARIA MAGDALENA“ oder LIEBE C.,

was ich gesehen habe war sehr sehr schön, aber ich bin in der pause raus weil die ganzen vergangenheitszombies im publikum mich in eine zwangsläufige zukunftsstimmung gebracht haben, weil sie mich in eine vergangenheitsrevue zerrten und ich keine lust mehr hatte auf noch irgendeinen verstorbenen, der mich fragt, was ich so mache und wie gut ich aussehe. sah ich gar nicht. ich war ungeschminkt und kam direkt vom arbeiten. i was not glam. und solche events sollte ich nur mit lidschatten besuchen. wieder was gelernt. und hab mich scheiße gefühlt angesichts der ganzen toten und wurde selber ganz moribund, nachdem ich auch noch ein halbes getränk auf mich verschüttet hatte.
ich würde mir gern demnächst die zweite hälfte anschauen, wenn mehr lebende im publikum sind, wenn es nach nivea riecht, nach milch und sperma von mittzwanzigerinnen und nicht nach bauchnabelfusseln der kleinkunst, wenn es lollekt und bollekt und nicht bioleckt.
hätte dich gern ans herz gedrückt und persönlich danke gesagt, aber ich konnte nach der pause den fahrstuhl zum schafott nicht mehr besteigen, nachdem ich bekesslert und bewinterlet und befischert wurde.

see you soon!

g.

I hope I´ll never be Sandra either and why does it feel, als ob ich mit Hilfe von Youtube nun mein Blog geschändet habe? Ich muss da mal was gegen setzen:

Edit. bzw. Antwort:

i vastoi
nur das es nicht nach noch wat schlimmeren riecht kann ich nisch garantieren, aba ein tickit un amore.
mach disch keine sorgen aba gar keine. sach mir.
kussen

dein olli frost

REISEN MIT MEINEN TANTEN 2

sugar

Sie erkennt auch die anderen. Nur die böse L. und Tante E. nicht, die waren zum Zeitpunkt der Vetreibung aber auch noch nicht geboren. Was aus Michael geworden ist, als die Familie fort war, wollen die Schwestern von ihr wissen. Er sei noch eine Weile in der Gegend geblieben, aber dann nach Zabrze gegangen oder nach Kattowitz, sie weiß es nicht genau. Ein wilder Junge sei er gewesen, immer mit den Falschen unterwegs, er habe sich immer behauptet. Meine Tante W. und ihre nächstjüngere Schwester, meine Lieblingstante, tauschen einen schwer deutbaren Blick aus. Meine Lieblingstante hat ihren Bruder geliebt, verehrt. Er hat sie stolz vorgeführt als seine Lieblingsschwester, es war ein besonders inniges Verhältnis gewesen und jetzt, wo sie der Kowalczyk zuhört und sich an ihre Kindheit erinnert laufen auch ihr die Tränen, aber sie sagt nichts. Welches das Haus sei, fragt meine Mutter und die hutzelige Alte deutet auf die mittlere der drei Ruinen. Auf dem Weg zum Haus laufen jetzt bei allen Schwestern und den beiden Cousinen die Tränen. Die dazugehörigen Männer trotten dazugehörig betreten.

Es ist warm, es duftet nach Land. Das Gras der Wiese reicht uns bis an die Schultern. Das Haus hat keine Tür mehr, die Fenster sind ohne Scheiben, kein Hausstein, wir müssen klettern. Ein alter Kachelofen ist fast vollständig auseinander genommen, die Bodendielen an vielen Stellen herausgerissen.
„Da hinten muss ein kleiner Keller sein, wie ein Schrank in der Erde.“ Und da ist er auch noch. Jetzt sind wir zu zwölft in der Ruine mit den winzigen Zimmerchen, der morschen Treppe. Laufen uns in den Weg. Kameras blitzen, es riecht nach Moder und Verfall. Es ist deutlich kälter als draußen. Ich gehe hinaus, meine Mutter geht an mir vorbei, zu den Apfelbäumen. Ich folge ihr, nehme sie in den Arm und sie weint. Als sie sich etwas erholt hat pflücken wir Äpfel. Sie schmecken einzigartig. Wie nie ein Apfel zuvor.

Ich mache ein Foto von diesen versprengten Gestalten in der polnischen Wallachei an einem Spätsommertag des Jahres 2004. Wenn es schwarzweiß wäre, dann würde es an einen Bergmann-Film erinnern.

Mein Onkel H. macht wieder Witze über die Polen. Die ganze Fahrt lang. Erst nach Auschwitz hält er mal ein paar Stunden das Maul. Tante W. und ihre Cousine L. haben es nicht ausgehalten. Sie haben nach einer halben Stunde kopfschüttelnd das Gelände verlassen und sich in den Bus gesetzt. Dass wir Auschwitz besuchen war für mich Bedingung gewesen. Kaum einer der Familie wollte dort hin – ein Shopping-Tag in Krakau wäre doch viel schöner. Ich lasse mich auf einen Kompromiss ein. Wenn wir schon Auschwitz besuchen, dann möchte Onkel P., der Heuchler und Gatte der bösen L. gefälligst auch nach Tschenstochau und dort in der Kathedrale die „Schwarze Madonna“ besuchen. Auschwitz, wie kann es anders – schockiert uns, berührt uns und bringt uns zum Verstummen. Tante Wanda ist fassungslos, dass man sie so etwas ausgesetzt hat. Dabei war das andere viel schlimmer für sie, und wird noch in den Schatten gestellt werden von dem, was sie erwartet. Ich bin der Schuldige. „Wie der Führer uns behandelt hat, NEIN!“ und meint nicht Hitler sondern den Führer der Auschwitz-Besichtigung. „Nur weil wir Deutsche sind, als ob wir was dafür können!“ Ich möchte ihr eine knallen, tue es aber nicht. Die Böse L. setzt sich zu ihr und legt ihr den Arm um die Schulter. Onkel H. macht den Mund auf aber ich stoppe ihn: „Nein, von Dir wollen wir jetzt NICHTS hören.“ Ich glaube, ihm ist noch nie der Mund verboten worden, ich hätte es einfach schon früher versuchen sollen, denn es klappt einwandfrei.

Im Nieselregen fahren wir weiter nach Zabrze, wo wir eine aufregende Verabredung haben. Mit meinen polnischen Cousins und Cousinen, die ich noch nie gesehen habe. Wir treffen uns am Bahnhof und die Familienähnlichkeit schockiert mich. Gemeinsam besuchen wir das Grab meines Onkel Michael. Da stehen wir nun, die Polen am Kopfende des Grabes, die Deutschen am Fußende. Und wir können ohne Dolmetscher kaum ein Wort wechseln, aber unsere Übersetzerin macht klar, dass die polnische Verwandtschaft uns in ihrer Wohnung zum Essen erwartet.
„Nein“, sagt Tante Wanda. „Da gehe ich nicht mit.“
„Was ist denn jetzt los?“ möchte ich wissen.
„Da könnt Ihr Euch auf den Kopf stellen, das Haus betrete ich nicht.“
„Aber Wanda!“
Doch da macht sie schon auf dem Absatz kehrt und setzt sich in den Bus. Ich bin fassungslos.
„Was hat sie denn jetzt???“
So öffnet sich eine Schublade mit dem Aufschrift Familiengeheimnisse.
„Der Michael hat die Wanda immer geärgert und aufgezogen, die mochten sich nicht.“
„Der hat sie geradezu gequält.“
„Das war doch nur Spaß!“
„Nein, das war wirklich nicht schön.“
„Aber der Michael ist tot. Das sind seine Kinder. Und selbst wenn. Das war vor mehr als sechzig Jahren!“
„Die Wanda kannst Du zu nichts zwingen“, sagt ihr Mann, der es wissen muss. Onkel P. der Heuchler nimmt Wanda in Schutz.
„Na dann essen wir halt irgendwo anders.“
„Ja. Hm.“
„Okay.“
„Ja, wenn die Wanda partout nicht will, was soll man machen?“

Das is der Moment, wo ich entgleise.
„Sagt mal, TICKT ihr noch ganz richtig? Wir sind von Verwandten in ihr Haus eingeladen und Ihr wollt sie beleidigen? Weshalb sind wir überhaupt hier? Es ging doch um Familie?“
„Ja, wenn die Wanda partout nicht will, was soll man machen?“ Der Heuchler.
„Das kann ich Dir sagen. Sie im Bus sitzen lassen.“ Und plötzlich werde ich sogar resolut:
„So. Wer mit mir zur Cousine Essen gehen möchte hebt die Hand. Wer nicht mit will bleibt im Bus oder wir holen ihn nachher am Bahnhof ab.

Und so kam es, dass die Wanda überstimmt wurde und die ganze Familie bei der polnischen Verwandtschaft einkehrte

Die Scham. Die SCHAM. Als wir in der Wohnung der polnischen Verwandtschaft ankommen, sind wir gefloort. Essen Essen Essen. In jedem Raum Buffet. Hierfür haben 4 Menschen tagelang in der Küche gestanden. Beim Gedanken, sie wären ohne uns in die Wohnung zurückgekommen zerreißt es mich innerlich und ich werfe Wanda einen Blick voller Hass zu. Wanda, im Gruppenzwang überstimmt, sitzt auf der Kante eines Sessels und wiegt den Oberkörper hin und her. Das könnte man jetzt für eine literarische Garnitur in diesem Bericht halten, aber es entspricht traurigerweise der Wahrheit. Und ihr laufen die Tränen. Nicht vor Rührung, sondern vor Demütigung. Ihr Arsch sitzt auf dem Sessel des seit 60 Jahren gehassten und längst verstorbenen Bruders. Wie konnte es dazu nur kommen?

Bei der Schwarzen Madonna kriechen die Betenden rückwärts aus dem Andachtsraum.

Bereits auf der Rückfahrt beginnt sich die Familiendynamik zu ändern. Während meine Cousine und ich vergeblich versuchen, Sektgläser zum Mund zu führen, bei 80 kmh auf einer von Schlaglöchern übersäten Autbahn, haben sich die Böse L. und der Heuchler P. ganz der Betreuung der entehrten Wanda gewidmet. Mit soviel Einsatz wie die Kriecher bei der Schwarzen Madonna. Dem H. sind die Sprüche wohl ausgegangen, auch ihn beobachte ich dabei, wie er mit leerem Blick aus dem Busfenster schaut. Die Eindrücke der vergangenen Tage sind gewaltig. Dass die Reise ein Wundenquetschen wird, damit hat keiner gerechnet. Jeder geht auf seine Art damit um.

2008. Die zersprengte Familie hat sich Dank des Trips in die Vergangenheit ein weiteres Mal auseinander bewegt. Wanda kann nicht vergessen, nicht verzeihen. Sie ist zu dumm, um zu verarbeiten. Die Böse L. findet in ihrer Schwester viel Nährstoff für das eigene Vitriol und intrigiert wo sie nur kann. Keiner hat mehr Vertrauen zueinander, alle versuchen den Schein zu wahren, aber plötzlich meiden die Schwestern Familienfeste, rufen sich nicht mehr an. Zur Strafe dafür, dass meine Mutter mich auf die Welt gebracht hat, „vergisst“ Wanda, ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Viele kleine albernen Fiesheiten kennzeichnen von nun an das Auseinanderleben. Der Zusammenhalt, der Jahre lang existierte, ist fort und wird auch nicht zurück kehren. Wenn jemand 60 Jahre lang hassen kann, dann wird er die nächten 20 Jahre auch nicht mehr begreifen.

Die Bilder dieser Reise sind für mich noch sehr präsent. Ich schmecke noch den Apfel, den ich auf der Wiese vorm Haus gegessen habe. Die Eindrücke von Auschwitz sind allgegenwärtig geblieben wie Staub. Das Wohnzimmer der polnischen Cousine, die Essensgerüche. Ich sehe meine Lieblingstante und meine Mutter um Fassung ringen, vor der Ruine, die für sie die Idee eines Familienidylls war, das es vermutlich nie gegeben hat, das aber defintiv mit der Vertreibung und dem Leben als Unterprivilegierte im Westen ein Ende gefunden hat. Das Geburtshaus in Scherben zu sehen verlangt einem etwas ab.

Man kann vergessen. Man kann verdrängen und leugnen. Auch sich selbst. Aber es gibt immer irgendwo eine Frau Kowalczyk, die dabei war und die sich erinnert. Darauf muss man gefasst sein. Und wenn man das nicht aushalten kann, dann muss man die Vergangenheit ruhen lassen.

jozefow1

REISEN MIT MEINEN TANTEN

Da machte es dann auf einmal Knacks in der Familie und wir haben uns seitdem nicht davon erholt, im Gegenteil, aus dem Knacks ist ein Bröckeln und Bröseln und Biegen und Brechen geworden und jetzt sind wir einander unwohl gesonnen, weil wir uns auf unsere hässlichste Art kennen gelernt haben. Und das kam so.

Mein Mutter hat fünf Schwestern und einen Bruder. Den Bruder ging bei der Vertreibung aus Polen verloren. Das war Bestandteil unserer Familiengeschichte, also nichts Besonderes. Etwas, das geschehen ist, wird normal. Erst Mitte der 70er hatte man ihn ausfindig gemacht und drei Schwestern und seine Mutter, meine Oma Sofie, reisten hinter den eisernen Vorhang, um nach dreißig Jahren eine Familienzusammenführung zu versuchen, die an der Sprachbarriere scheiterte. Er konnte kein Deutsch mehr, seine Schwestern kein Polnisch. Fürderhin schickte man Briefe, die ihm und seiner Familie übersetzt wurden und natürlich Carepakete. Die Geschichte meines Onkel Michaels zu erzählen würde das, was mit dem Westrest der Familie geschehen sollte, in Drama und Tragik in den Schatten stellen, weshalb ich damit jetzt hier nicht anfange. Ein paar Jahre nach dem Tod meines Onkels beschloss meine Mutter, sie möge ihr Geburtshaus sehen, das sich in der Nähe von Lodz befand. Dieses Haus war der Familie in der „Heim ins Reich“-Aktion zugeteilt worden, wofür man einen polnischen Bauern enteignete. Was mit dem Haus geschehen war, nachdem man wenige Jahre später die Familie meiner Mutter enteignet hatte, das war nicht überliefert, da bestand Aufklärungsnotstand. Und so bestiegen die sechs Schwestern, zwei Cousinen, ein Cousin, einige der Gatten der Damen sowie meine Cousine S. und ich einen kleinen Bus, der uns ins tiefe Polen fuhr.

An dieser Stelle halte ich innen und werde mir der dramatischen Dimension dieses Berichts bewusst. Um der Geschichte gerecht zu werden, müsste ich noch enormer ausholen als bis ins Jahr 1947. Ich müsste den weiteren „Flucht“-Verlauf beschreiben, erklären, wie meine Großmutter ihre Familie alleine durchbrachte, wie mein Großvater, wenn er schon mal da war, auf sie eindrosch, wie das, und die ständige Häme, die sie als „Polackenkinder“ erlitten sich auf die Sozialisierung der sechs Schwestern auswirkte und welche Blüten und Dornen das in ihren Seelen trieb. Wie da eine ziemlich partculière Famile entstand, die eine starke Bindung hatte und die auch mich prägte. Doch dann wäre es ein Roman, und den scheue ich mich (noch) zu schreiben. (Wenn man ehrlich sein dürfte, innerhalb von Familien, dann wäre jede Familiengeschichte an Spannung kaum zu überbieten.)

Der Reisebus nach Polen. „And when the rain begins to fall“ im Radio – drei Mal an einem Tag. Davon überlebt also jemand wie Pia Zadora. Radiostar in Polen! Mein Onkel H., der Cousin der Schwestern, macht ständig schmutzige, unlustige Witze. Das ist er vom Fliesen legen gewohnt. Die böse Tante L. fragt ständig, wer sich mit ihr einen Piccolo teilen möchte, so dass der Vorrat schon erschöpft ist, als wir die Grenze nach Polen überqueren. Tante W., die ein Jahr getrennt von der Familie bei meinem Großvater aufwuchs, als der eine Affäre mit einer bayrischen Bäuerin hatte und sich die Sonne auf den Pelz brennen ließ, während seine Frau, meine Oma Sofie sechs Töchter durch zu bringen hatte, reagiert auf Fragen über ihre Kindheit bockig; das sei alles so lange her und sie könne sich an nichts erinnern, wird zunehmends und für alle spürbar unruhig. Die Fahrt hat alle Ingredenzien einer Familienfeier. Schlechter Humor, ständiges Fressen (alle anderthalb Stunden wird auf einer Raststätte halt gemacht, ein Buffettisch mit Hausmacherwurstspezialitäten aufgebaut und Bohnenkaffee aus der Thermoskanne gereicht), zuviel Alkohol und später sollen dann auch noch die Tränen fließen, das klassische Programm.

In Belchatow, der ehemaligen Kreisstadt angekommen, wird erst einmal zu Abend gegessen. Dann Sightseeing in einer Stadt, in der es nichts zum Anschauen gibt. Bevor wir uns am nächsten Tag auf die Suche nach dem Geburtsort machen, der damals schon eher eine Siedlung als ein Dorf war, fahren wir mit einer Dolmetscherin in die Stadt, um aufs Amt zu gehen. Die Sehnsucht nach Urkunden, das Lesen des Familiennamens auf polnischem Papier ist groß. Die Dolmetscherin sabotiert uns, schleppt uns in ein Minimuseum und erzählt uns Geschichten, die wir nicht hören wollen – wir sind doch die mit den Gechichten; wenn die W. nur mal auspacken würde, wie es damals so war in der heilen Welt und so weiter. Die Dolmetscherin befürchtet vermutlich, die Imperialisten wollen das Familienhaus für sich beanspruchen – dabei ist es lediglich dieses typisch deutsche Ding, etwas amtlich zu machen. Etwas in Schriftform vorgelegt zu bekommen, damit man es abheften kann. Fünf Minuten vor Mittagspause, meine Mutter hat sich durchgesetzt, stehen wir auf einem Amt, das wir nicht schlauer verlassen als wir es betreten haben. Und setzen uns in den Bus und fahren aufs Land, nach Jozefow. An den Landstraßen stehen Neubauten in diversen Stadien der Fertigstellung. Als es mit den Neubauten aufhört fängt es mit den Feldern an. Es ist dieses Gefühl, immer mehr nach innen zu gelangen, wo alles aufhört. Felder, Hecken, kleine Haine. Ein Ortsschild und ein Aufkreischen der weiblichen Passagiere – „Da lang!“ und dann fährt dieser fette imperalistische Kleinbus eine Schotterstraße entlang, „da ist der Teich – der kam mir früher vor wie ein See!“ und ist jetzt nur noch ein Tümpel. „Ist es das?“ „Nein, das kann es nicht sein“ und fahren an einer Hausruine vorbei. An einer weiteren, noch einen, dann, auf der anderen Straßensenseite ein Haus, das bewohnt scheint. Der Bus rumpelt und hält. Gesichter lugen aus den Fenstern des Hauses. Eine ungefähr 200jährige kleine Alte tritt auf den Hausstein und wischt sich die Hände an ihrer Kittelschürze ab. Hält die Hand sonnenabschirmend über die Augen.
„Wanda?“ Fragt Frau Kowalczyk. Und meine Tante Wanda fängt an zu heulen.

To be continued.