Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

Familiengrab

Seit meine Tante M. im Sterben liegt tägliche Telefonate mit den nahen und ferneren Verwandte. Wem bringt man es wie bei? Meine Schwester und ich beschließen, unsere Cousins und Cousinen anzurufen, damit diese zu ihren Müttern – den Schwestern der Sterbenden fahren und es ihnen persönlich beibringen können. Es folgen weitere Gespräche, mit den Tanten, alles natürlich hochemotional und traurig. Die nächste Runde dieser Telefonate erfolgt, als die M. verstorben ist. Die Familie meiner Mutter hat aufgrund einer ziemlich drastischen Kindheit einen engen Zusammenhalt, nicht immer nur im Positiven Sinne. Wenn eine der anderen mal böse ist, dann so richtig und dann kommen die Ausgleichsversuche, vorsichtige Schlichtungen, die meist nach hinten losgehen. In so ein wankendes Gleichgewicht kommt nun die Todesnachricht. Ich beschließe, meinen Besuch in der Familie vor zu verlegen und reise schon am Mittwoch an. Am Ende der Woche wollte meine Schwester einen runden Geburtstag mit 80 Gästen feiern, was nun? Die M. wäre die erste gewesen, die sich gegen eine Absage eingesetzt hätte, und auch die logistischen Gründe sprechen dagegen – die Location und das Catering sind bestellt, die Gäste haben Zimmer gebucht. Es wird beschlossen, die Feier durchzuführen.

Meine Anwesenheit besteht aus Stärkung der Eltern und Kondolenzbesuchen bei meinen Tanten. Hinzu kommen die Kondolenzbesucher, die meinen Eltern ihr Beileid aussprechen. Zwischen Informationsabgleich in der Familie und Einspringen bei der Partyvorbereitung zwischendurch immer wieder Rückenstärken, Tränen wischen und in der Trauer bestätigen, man hat ja jeden Grund.

„Die M. hatte als Kind immer so furchtbare Angst vor der Dunkelheit. Wenn die in den Keller musste, dann hat sie jedes Mal gepfiffen.“ Dann weint meine Mutter. „Und wenn ich mir vorstelle, wenn ihr Mann sie wieder angeschrien hat, dass sie dann nachts durch die Straßen gelaufen ist, in der Stadt, nej. Dass sie den 50 Jahre ausgehalten hat, nej.“
„Sie hat mir mal gesagt – vor Gott habe ich gesagt mein Leben lang. Und da hat sie sich dran gehalten. Die war doch religiös. Hat man nicht immer gemerkt, aber war sie.“ Tante E.

Trauer und Anspannung pegeln sich in den folgenden Tagen, tarieren sich aus. Verdrängung spielt dabei eine wichtige Rolle – das ist der Preis für die Waage.

Das oft vermiedene Gespräch findet statt: wie wir einmal bestattet werden wollen. Im Familiengrab sei noch Platz für drei Urnen. Der Wink mit dem Friedhofszaunpfahl. „Eigentlich will ich verstreut werden. Lucky und Skailight wissen Bescheid, wo. Aber das ist wohl nicht legal.“ (Son bisschen Restasche kann man gern für´s Familiengrab in lassen, aber auch nur, falls es mich vor meinen Eltern erwischt.)
Bei all diesen konkreten Gesprächen spielt aber auch immer die Frage des eigentlichen Sinnes mit, die eigene Sterblichkeit und die der Geliebten rückt ganz schrecklich nah. Ich schaue hinaus in den Garten, der Flieder blüht, Bienen brummen, Vögel zwitschern und ich fühle mich so alt.

Die Geburtstagsfeier findet auf der Domäne in einen ehemaligen Brauhaus statt. Alles auf eine edle Art gediegen. Ich sitze an einem Tisch mit drei Cousins, mit denen ich in den letzten Jahren kaum gesprochen habe. Ich spreche wenig mit heterosexuellen Männern. Wenn mich einer anspricht geht es okay, aber eine verselbständigte Form veräußerlichter Homophobie hält mich davon ab, Männer anzusprechen. Ich befürchte auf Ablehnung zu stoßen – dass man von mir angemacht zu werden befürchtet. (Familien- und Herkunftsdynamiken, I tell you.) Um so überraschender, dass die Gespräche alle sehr positiver verlaufen und zumindest 2 von den 3 Cousins wirklich angenehme Erwachsene geworden sind.

Ich mache Selfies mit meinem Vater und schau meiner Mutter zu, wie sie die Feier genießt, aber auch manchmal von der Trauer eingeholt und überwältigt wird. Die Gefühlsachterbahn der Woche wird hier noch einmal beschleungigt und die Loopings noch dramatischer.
Eine meiner Lieblingsfamilien erscheint verspätet mit den beiden jüngsten Kindern, sie 13, er 16. Ich hatte mich in die Eltern schon auf der Hochzeit meiner Schwester verliebt und bei jedem Anlass, an dem wir uns wiedersehen – oft liegen Jahre dazwischen – ist die Verbindung sofort wieder hergestellt. Sie sind reich ausgestattet mit dem Charisma-Gen, das auch bei der Tochter geradezu verschwenderisch vorhanden ist. Sie sieht aus wie eine Bronte-Figur, ein feines Gesicht mit schmaler Nase, üppige lange Haare. Und auch der Sohn strahlt Lebensfreude wie 1000 Sterne. Er heftet sich den ganzen Abend über an mich, meist um Tabak zu schnorren, aber auch, weil er sich mit mir unterhalten möchte. Als ich meinen gerade 18 gewordenen Neffen dabei ertappe, wie er geschafft in einem Sessel hängt und zu „Take me to Church“ lipsyncht, filme ich ihn heimlich. Bis der Sternenjunge eingreift, sagt „Glammy – ich seh Dich gar nicht!“ Meinen Arm mit der Kamera greift und auf sich hält. Dann lacht er in die Kamera, mit einer Zuversicht auf das wunderbare Leben und seinen gefundene Platz darin. Er nimmt mir das Handy ab und schießt ein Foto von mir.

2015-05-30_03-15-39_581

Leben, Tod, Trauer, Freude, Stärke, Schwäche, Lachen, Tanzen, Weinen. Werden. Welken. Werden. Die Woche war proppenvoll damit. Als ich am Sonntag abreise und auf der Rückfahrt die neue Florence höre laufen dann bei mir die Tränen, die ich zuvor, Stärke vorspielend, Rücken deckend, zurück gehalten habe. Have I built this ship to wreck? It´s built for all of us, this way, isn´t it?

Cleaning in the rain

Wo kauft man einen Schrubber, frage ich mich, als ich spontan freinehmend mit dem Auto durch die Gegend fahre. All dieses Plastikputzgerät geht mir immer schnell kaputt, weil die Gewinde meinen aggressiven Putzdruck nicht aushalten. Dan fällt mir dieser Laden auf der O ein, wo irgendwas mit „Blinden“ dran steht – dar man das?, und ich erinnere mich noch aus Partynächten, bzw dem Nach-Hause-gehen in Folge, dass da immer Schrubber und Besen im Schaufenster standen. Mittlerweile gibt´s dort auch Spielzeug und das Brandenburger Tor in Borsten und Kaffee und Kuchen und auch Tische draußen. Ich kaufe einen tüchtigen hölzernen Outdoor-Schrubber, setz noch einen soliden Innenbesen mit besonders feiner Borste drauf und nehme eine halbe Stunde später die Terrasse in Angriff. 30 Liter Wasser und 2 Liter Schweiß später ist der gröbste Winterdreck weg und ich setze mich zufrieden in die Hollywood-Schaukel, rauche eine und schau dem Spatzen auf dem Meisenknödel zu. Der Himmel hat sich derweil in Nuancen verfinstert und die erste Regentropfen fallen auf den Baldachin. Es sind immer noch 27 Grad und ich atme den Duft von Sommerregen. Als der Regen dann richtig zu prasseln beginnt ziehe ich mein Shirt aus und schrubbe mit dem Regenwasser weiter und meine Haare kringeln sich und der Regen auf der Haut und der Regen, der den Winter wegspült sind die schöne erste Einstimmung auf einen bestimmt sehr sehr schönen Sommer.

Not yet. (Only rebel hearts get this one.)

Und nu ist der G wieder da, noch dazu solo, und wir latschen über den Boxi-Flohmarkt, es wird viel Polnisch gesprochen, aber nicht von uns, wir sprechen wenig, zeigen mehr so auf Gegenstände. Er flirtet (nicht mit mir). Wannimmer ich in einem Fenster oder einem Spiegel einen flüchtigen Blick auf mich erwische fühle ich mich alt und hässlich. Aber das ist ja noch gar nix. Beim Kaffee in seiner Wohnung zeigt er mir Bilder vom Ex. Den müssen sie sich in etwa vorstellen, wie wenn ein Rehkitz und Audrey Hepburn verschmelzen. Mit einem Hauch Bruce Lee. Wenn man sich die beiden zusammen vorstellen sollte – Sweetie overkill. Was sag ich. Sweetie Chainsaw Massacre. Jetzt fühle ich mich prompt noch älter und hässlicher, lasse mir davon aber nicht die Laune verderben, wenn es doch Krähen zu füttern gibt, die sich über mich freuen. Und neue Medikamente zu testen.

So erlebe ich am eigenen Leib, wozu Lindsay Lohan immer son Aufstand macht. Wenn die das gleiche nimmt wie ich – Hellya! Also trippe ich versehentlich in den Abend, klopfe bei der amerikanischen Nachbarin, ob die mich mal überprüfen kann. Der Strike hatte mir schon am Telefon ein voll druff attestiert. Alle Farben sehr intensiv, und im Handtuch im Bad erkenne ich eine Teufelsfratze. Nein, da war jetzt nicht wirklich Satan drin, aber der Faltenwurf formierte eine 1A Fratze. Erhöhte Sensitivität. Aber so war das vielleicht bei Johanna von Orleans auch ursprünglich. Stimmen aber keine. Außer von den im Raum anwesenden. Ich starre fasziniert eine Kochsendung, bis ich merke, dass es eine Kochsendung ist, die gar nicht so viel Aufmerksamkeit verdient. Dann zappe ich rüber zu Precht, der mit Sarah Wagenknecht philosophiert. Der bringt mich auf ein sehr angenehmes Level von plötzlich-alle-Zusammenhänge-verstehen, wie man es sonst nur vom Kiffen kennt. Und schwupps ist das Wochenende vorbei.

ohne titel

Ein Buch über Marilyns letzten Jahre. Alle Biografen vorher müssen ganz falsch gelegen haben. „Man ging bislang davon aus, dass – ich aber zeige Ihnen jetzt wie es wirklich war!“ Leider besteht der Anhang nur aus einem Personenregister und kommt ganz ohne Quellenangaben aus. Dabei würde mich schon interessieren, woher der Autor weiß, dass Dr Greenson (ihr Psychiater) Marilyn ins Gesicht geboxt hat. Dass man aus heutiger Sicht noch eine Biografie mit Existenzberechtigung verfassen kann hat Lois Banner bewiesen. „The Passion and the Paradox“ ist eines der schlauesten Bücher über Marilyn. „The Final Years“ einfach ignorieren.
Ansonsten ein Lone Wolf Wochenende. Einladungen ausgeschlagen. Lesen, schlafen, ein kleines Venture zum Spätzle-Express. Pillen vergessen, was ja manchmal ganz gut tut, wenn mal ne Emotion durchkommt, die sonst gedeckelt wird. Dass der Deckel nötig ist, schon beim Verlassen des Hauses gemerkt. Es sind zu viele Menschen unterwegs.

& sonst so

Nightcrawler enttäuschend, wenn man davon absieht, dass es eigentlich immer Freude bereitet, Jake Gyllenhall dabei zu zu schauen, wie er irgendwas tut. Oder einfach ist. Die Kamera liebt ihn sehr. Aber sonst so. Hm. Ich hoffe, dass er nie einen Film mit Ryan Gosling macht, weil ich nicht wissen würde, wem ich zuschauen soll. Sweetie overkill.

Lese einen eher konventionellen italienischen Krimi, den der Spiegel empfahl. Spannend, ja, aber diese üblichen gebrochenen Protagonisten angewandt auf eine ganz klassische Kriminalgeschichte, da fehlt mir ein Pfiff. Möglicherweise hat den das Original, ich stelle mir vor, wie das auf italienisch klingen mag und dann funktioniert es deutlich besser. Auch der deutsche Titel ist irgendwie pauschal, im Original irgendwas mit padre, deutlich inhaltskongruenter.

Die letzten beiden Innenraum-Stehplatz-Madonna-Tickets für´s Skailight ergattert – sie lagen beim örtlichen Veranstalter im Tresor, no less. Die Mutter kommentiert „Na, vielleicht zeigtse ja wieder ihren Po“, was beweist, dass Madonna es wirklich geschafft hat.

Der G. ist wieder in Berlin, vermutlich auch noch braungebrannt und noch schöner als sowieso. Und er schrieb und jetzt schreib ich mal zurück.

Weil es auch mich nicht loslässt.

Dass ich jetzt auch noch meinen Senf beisteuere – es tangiert mich und es geht mir nicht aus dem Kopf. Zahlreiche Freunde und Bekannte arbeiten für den Konzern und ich sprach mit einigen von ihnen. Jeder steckt es anders weg. Oder nicht. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie in einem Krankenhaus arbeiten und einer der Ärzte steht plötzlich und unerwartet mit einem Maschinengewehr in der Cafeteria?

Unter Flugpersonal – ich kann nur von Flugbegleitern sprechen – herrscht ein Gemeinsamkeitsgefühl, wie ich es in keiner anderen Branche erlebt habe. Dass einige jetzt unter posttraumatischem Stress stehen, erlebe ich im Freundeskreis. Es wird sich um sie gekümmert. Aber auch die, die sich um die anderen kümmern, stehen unter enormem Druck. Wie soll man das Unfassbare fassbar machen? Wie fühlt man sich nach einem Tag, an dem man die Probleme, Sorgen und Ängste der Kollegen behandeln musste? Ängste, die auch die eigenen sind? Soll/ will man wieder an Bord gehen, nachdem die Grundfeste erschüttert wurden? Selbst eine brenzlige Situation, ein „regulärer“ Unfall oder Absturz kann bei Kollegen eine Angststörung zur Folge haben. Was fügt das Wissen darum, dass der Absturz mit Vorsatz von einem Kollegen/ Vorgesetzten verursacht wurde, dem Schock hinzu?

Wie kann es sein, dass einem so ein Mensch nicht auffällt? Anosognosie könnte die Antwort sein. Ein Attest und eine Krankschreibung reichten ihm möglicherweise nicht aus, zu begreifen, dass er krank und arbeitsunfähig war. Oder war es die Angst vor der Stigmatisierung als Geisteskranker? Wenn aber die Stigmatisierung und daraus resultierende Ignoranz solche horrenden Folgen annehmen kann, dann stimmt nicht nur mit dem Kranken etwas nicht, sondern vor allem mit dem Umfeld, vor dem die Krankheit verheimlicht werden muss. Das Umfeld stellt die Regeln auf.

Der Konzern ist nun traumatisiert, erkrankt. Die zwei-im-Cockpit-Regelung wird nicht verhindern, dass Geisteskranke oder Neurodiverse ein Flugzeug besteigen. Der Konzern kann sich allerdings darum kümmern, dass der Status einer psychischen Störung nicht mehr stigmatisiert wird und dass Betroffene Hilfe bekommen. Vor allem: wagen dürfen, diese zu suchen und in Anspruch zu nehmen.

Sonntag in Mitte

Nieselregen in Mitte. Nicht mein Kiez, und die Menschen, die mir über den Weg laufen schauen mich an wie einen der nicht hierher gehört. Dabei ziert meinen blauen Regenschirm die Aufschrift bundespräsident.de – fragen Sie mich nicht, wo ich den her habe, I never buy umbrellas when there´s always one around. Mir ist etwas mulmig, was ein seltsames Wort ist, aber den Sachverhalt ziemlich genau trifft. Ich bin auf dem Weg zu einer Art Date. In einem Restaurant. Also kein Sexdate, sondern ein im-Netz-sympathisch-befunden-und-nun-lernen-wir-uns-mal-kennen. Ich weiß nicht, ob ich halte, was mein Profil verspricht, bin also etwas verhalten, aber wir kommen schnell ins Gespräch, haben einige Interessen, die sich decken, in anderen Anliegen gehen unsere Meinungen auseinander, aber in nicht allzu befremdlichem Maße. Dann klingelt mein Handy und ich geh nicht dran, weil ich denke, dass das als Safety-Anruf gedeutet werden könnte, den nach Absprache ein Freund tätigt, um es mir zu ermöglichen, aus einem gegebenenfalls unangenehmen Treffen flüchten zu können. 10 Minuten später klingelt sein Handy, er geht ran, aber es ist nur ein Koordinatenabgleich, einen Umzug betreffend, keine Rückhol-Aktion. „Ich bin gerade auf einem Date“, sagt er. und „Aha“, denke ich.

Später spazieren wir durch den Regen, landen bei den Gesprächsthemen Außenseitertum und Musik. Im Gespräch mit einem Fremden merke ich, wie das Lesen von Far from the Tree mich verändert hat. Viele der gewonnenen Prinzipien finde ich in meinem Gegenüber, d.h. neben mir Spazierenden wieder. Bei ihm sind sie, altersbedingt, in der Sturm-und-Drang-Phase. Ich empfinde das Gespräch als Bereicherung – ich mag diese Art von Generations-nicht-Konflikt, zu schauen wo war ich in diesem Alter, wo bin ich jetzt? Sein Sturm und Drang gefällt mir und doch sehe ich mich nicht mehr dort. Natürlich denke ich auch an Sex, aber zeitgleich mit dem verlockenden Gedanken rollt eine Welle von möglichen Komplikationen, Folgen und Konsequenzen über mich. Und so gebe ich ihm vor seiner Haustür einen Kuss links und einen rechts und den Wunsch mit auf den Weg, das Gespräch bald fort zu setzen.

go with the flow

Die Sonne aufm Koppe über den Kreuzkoellner Flowmarkt, wo interessant aussehende Menschen uninteressanten Schrott an den Hipster oder die Hipsterette zu bringen versuchen. Blasse Studentinnen halten sich verschwitzt aussehende Mischwollpullover in 70er Optik ans Kinn und holen sich von der besten Freundin Einkaufsermunterung. So finden sich für Kleidungsstücke, die es nicht in den Container geschafft haben noch ein paar Euro und man hat auch noch den Effekt des refurbishings, das ja auch irgendwie was mit sustainability zu tun hat. Wer sein Kind oder seinen Hund liebt, trägt es/ ihn auf dem Arm, denn eng schmiegt sich die flanierende Masse aneinander, um spontan mal anzuhalten und, beim Abwischen des Kinderrotzes, eine kleine Massenpanik auszulösen, wo Blassfleisch auf Blassfleisch trifft, getrennt nur von schwarzen Jeans und muffig sustainten Mischwolljacken. Mittzwanziger, eine Völkergruppe, die ich sonst selten zu sehen bekomme.

Zurück im Hof tauschen meine Nachbarin und ich uns über den Ursprung des im Winter ausgesetzten Oleanders aus. Wer macht denn sowas? Da es nur drei Dachterrassen im Haus gibt und ich es nicht war, bleiben nur noch zwei Verdächtige, von denen einer ausscheidet, weil es für den Transport eine solchen Strauches mindestens 2 braucht. Höfe sind die neuen Autobahnraststätten.

Das Telefon klingelt und zwei meiner Mittzwanziger-Freunde sind gerade in der Nähe, Sie erraten: Flowmarkt, und wir treffen uns beim Bravko zum in-der-Sonne-sitzen. Wir stellen fest, dass wir eine Gemeinsamkeit in der Begeisterung für effektive und anschauliche Haushaltswaren und Geräte haben und die Vorstellung eines gelungenen Wochenendes einen schönen Abend mit Wein vorm TV beinhaltet. Rebel Hearts, wir…

Im Solomon lese ich später über die Funktionalität der Vergewaltigung als Genozid-Modell und wieder beeindruckt mich der Mann mit Fakten und Klarheit. Sich bekriegende Volksstämme in Ruanda sind nur ein Beispiel dafür, wie der Sieger seine Gene im Verlierer pflanzt, um den Erhalt des eigenen Stammes zu gewährleisten, bzw den Pool des Opfers zu verderben. Die so gezeugten Kinder bezeichnet man als enfants de mauvais souvenire. Sie werden von beiden Stämmen verachtet. Die Mütter so gezeugter Kinder finden es oft schwierig, ihr Kind zu lieben, weil es sie jeden Tag auf´s Neue an den Schmerz der Zeugung erinnert. Zu Solomons-Interview-Praktiken gehört es, den Befragten abschließend selbst Fragen an ihn zu erlauben. „Wann wird Ihr Buch erscheinen“, „mit wievielen Familien haben Sie gesprochen“ zählen zu den häufigsten Fragen. Eine Mutter, die zu den Vergewaltigungsopfern zählt fragt ihn „Wie kann ich es schaffen, mein Kind mehr zu lieben?“ Erst nach seiner Abreise fällt ihm die Antwort ein. „Wenn Du Dir diese Frage stellst, dann ist da schon sehr viel Liebe.“

rebel heart

Flaniere durch Kreuzberg, Rebel Heart als Soundtrack, und die Sonne schein so heftig, dass man jeden HerbstWinter-SchmuddelKrümel überdeutlich sieht. Wird Zeit, dass ein bisschen Farbe reinkommt. Aber wenn man den Krokussen glauben darf… Auf der Rebel Heart sind eigentlich nur die Lieder schlecht, in denen sie von ihrem pussy juice singt. Und das Sex-Lied. Von 19 Liedern 16 sehr schöne, dass muss man erst mal hinkriegen. Bisschen fett produziert, mit Ausnahme des Body Shop, das ist downright entzückend. Witzig, süß, ganz ganz charmant. Lieblingslied. Er repariert ihr Auto, sie würde es ihm auch über Nacht da lassen. Das höre ich dann auch gleich zwei Mal, nachdem ich meine Video World-Einkäufe gemacht habe und über´s Paul-Lincke-Ufer spaziere, wo blasse Menschen in T-Shirts und mit Sonnenbrille auf am Ufer sitzen, meist zu zweit, meist ein oder zwei Sterni neben sich. Aber es ist so ein Urlaubs-Feeling und das Licht ist wirklich sehr harsch und so ein bisschen blurry lines nicht der schlechteste Zustand. Nena singt auf ihrer neuen Platte ein Lied, in dem sie davon berichtet, wie sie die Fenster nicht putzt, weil das bisschen trübe Licht, das durch die schmutzigen Fenster scheint, eigentlich ein ganz gutes Statement ist. Aber Nena hat bei mir das Rennen knapp verloren – auch ne schöne Platte, aber Madonna, die in den letzten Jahren größtenteils mit schlechte-Laune-Musik punktete, macht mir jetzt erstaunlich gute Stimmung. Ich erwäge sogar, Konzertkarten zu kaufen. (In der Hard-Candy-Phase fand ich sie menschlich am Unerträglichsten und hatte trotzdem ne tolle Zeit im Olympiastadion.)

Selbst die ganzen Pärchen schaffen es nicht, meine Laune zu verderben. Dazu ist die Luft zu mild, zu süß. Da hinter geöffneten Fenstern, aus denen träge die Winterluft fließt, werden einige broken hearts sitzen. Liebeskummer im Frühling ist ja fast so schlimm wie Liebeskummer im Sommer. Geschweige denn Herbst und vom Winter gar nicht anzufangen. Der Gedanke an ein Date morgen verursacht auch eher ein bisschen Stress. Aber wir sind ja in Berlin und deshalb kann es gut sein, dass das Date gar nicht stattfinden wird, weil jemand jüngeres, hübscheres, muskulöseres, unkompliziertes länger online geblieben ist als ich. Wenn man die Gesetzmäßigkeiten des Liebesmarkts kennt, kann man sich entscheiden, die Vorfreude am Leben zu halten, so lang es geht oder auch einfach die Erwartungen komplett runter zu schrauben. Beides legitim. Woche, here I come.

Jonathan Tropper: THE BOOK OF JOE

Joe Goffman, Mitte 30, ist mit seinem Roman „Bush Falls“ ein Bestseller gelungen. In der Erzählung rechnet er mit der Kleinstadt ab, in der er aufgewachsen ist. Als sein Vater ins Koma fällt kehrt er zurück – 17 Jahre sind vergangen, in denen er Bush Falls nie wieder besucht hat. Das war auch besser so. Er ist keineswegs willkommen. Parallelmontiert, die Geschichte einer Jugendfreundschaft zwischen drei Jungs – die im Verlauf die Erklärung für die bösartige Abrechnung in Romanform liefern wird.

Die beste Schlägerei-Szene, ever. Die beste Trauerfeier, ever. Der beste Hausfriedensbruch (incl. Paintballs). Die beste Bestattung, ever. Die komplette Bandbreite von warmherzig bis herzzerreißend fulminant abgedeckt. Mehr!