Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

PRAG. EIN TRIP. LESEN SIE JETZT DIE EPISODE MIT DEM FENSTERSTURZ

“Es ist schlecht, allein zu sein.“
(Taxifahrer auf dem Weg von TXL zur Mansion.)

Der tschechische Polizeichef steht an der Rezeption und ruft auf Dollys Zimmer an. Er möchte gern mit ihr Kaffee trinken und nebenbei die Nummern ihrer gestohlenen Kreditkarten notieren. Dolly schickt ihn weg.
“Ich trinke gerade schon Kaffee.“

Ich schalte RTL an, um den Dolly-Beitrag anzuschauen. Stattdessen läuft ein Beitrag über den Selbstmord der Schauspielerin Jennifer Nitsch. Sie hat sich aus dem vierten Stock ihrer Wohnung in den Tod gestürzt.
Der Tod tritt in verschiedenen Rollen in Erscheinung, in ihrem Fall war er ein Bürgersteig. Einige Tage zuvor war sie mit Freunden unterwegs gewesen und hatte sich auf die Schienen der Münchner S-Bahn gelegt, um die Freunde zu bewegen, sie nicht allein nach Hause gehen zu lassen. Kann ein Hilferuf lauter sein? Am Flughafen überfliegen wir die Bild-Zeitung und ich erzähle Dolly von dem Selbstmord. Als ich ihr die Geschichte mit den S-Bahn-Schienen vorlese, haben wir beide Tränen in den Augen.
“Ich war gar kein Fan von der“, sage ich.
“Aber das war doch wenigstens mal eine deutsche Schauspielerin, bei der man nicht kotzen musste“, und als Gegenbeispiel fällt uns beiden zeitgleich Christiane Paul ein.

Der Taxifahrer erzählt uns auf dem Weg zum Flughafen, dass die Wahl manipuliert worden sei. Trotzdem und um so mehr schmerzen uns die 0,7 %, die wir erreicht haben. In Ostrava, wo hunderte für Dolly skandierten, wurden für sie ganze für vier Stimmen abgegeben. Vier. Gewonnen haben bei dieser Europaparlamentswahl europaweit die Europa-Gegner. Der Taxifahrer arbeitet für einen Fernsehsender als Fahrer. Dieser Sender produziert das tschechische Äquivalent zum “Superstar“-Format. Die Aufgabe des Taxifahrers ist es, den Sieger ins Hotel zu fahren. Wie in Deutschland, entscheidet der Anrufer, wer in die nächste Runde kommt. Dem Taxifahrer wird allerdings schon 40 Minuten nach Sendungsbeginn mitgeteilt, wen er am Abend chauffieren wird.

Im Radio läuft „My heart will go on“, die amerikanische Fassung.

Wenn man Paranoiker ist, hat man in Prag ständig etwas zu tun.

Wenn Sie im „Le Palais“ absteigen, buchen Sie mit Frühstück – das ist so opulent dass sie den ganzen Tag nichts anderes brauchen. Sie laufen so auch nicht Gefahr, in einem Frühstücksrestaurant mit einem Brotkorb attackiert zu werden. Und jedes Jahr schickt Ihnen das Hotel einen Geburtstagsgruß, weil es ja nicht wissen kann, dass Tschechien Sie nie wieder sehen wird.

PRAG. EIN TRIP. EIN FENSTERSTURZ. Teil 2

Tag 2

“Ignorance is bliss“ (Inoffizieller tschechischer Wappenspruch)

Vormittags im Hotel. Das erste Gespräch mit Dolly ist ernüchternd – Prognosen berichten von einer Wahlbeteiligung um maximal 25%. „Unsere“ Partei habe nur ca. 1% der Stimmen bekommen. Wir fahren in die Stadt, weil ich die CD von Helena Vondrackova kaufen will. Keiner hat sie. In einem Touri-Café lassen wir das Essen zurück gehen und Dolly bekommt einen Brotkorb an den Kopf. Wir fahren mit Kamerateam zur Polizeidienststelle, um das Video abzugeben – die Täter sind identifiziert, zumindest von uns, aber – wie angekündigt – interessiert das niemanden. Aus Frust bestellen wir Bohemia-Sekt, nicht auf der Polizeiwache, dort gibt es nur Bier, und können wieder ein wenig lachen. Unklar ist, ob es sich bei „Bohemia“ um das Land oder die Künstler handeln soll.
Wir reden über den Vorabend auf dem Moldaudampfer. Dolly bestätigt, dass am Tisch hauptsächlich schmutzige und meist frauenfeindliche Witze erzählt wurden. Und berichtet von der ersten Frage, die Luzi ihr mich betreffend stellte. “Is he gay? How big is his dick?“. Dieselbe Frage fiel mit Bezug auf den RTL-Redakteur, der mit uns reist. In beiden Fällen wusste sie keine Antwort. Auf einer Serviette entwerfe ich ein Plakat, das ich plane, auf den Klos schwuler Clubs und Bars in Prag zu plakatieren:

FOR GAY MALE VISITORS TO THE GOLDEN CITY OF PRAGUE IT IS HIGHLY RECOMMENDED TO PRINT BUSINESS CARDS WITH A PICTURE OF YOUR DICK ON IT (FOR BETTER RESULTS TRY AN ENLARGED
PICTURE).

Auf der Suche nach Briefpapier entdecke ich in der Schublade des
Hotel-Schreibtisches das Neue Testament. Ich fange an, mir Sorgen zu machen und ziehe dem „Le Palais“ einen Stern ab.

Wir treffen einen (unvorstellbar hässlichen) Partei-Aktivisten und seinen
jungen Freund Jiri zum Essen. Die Unterhaltung kommt immer wieder ins Stocken, weil wir nervös die endgültigen Wahlergebnisse erwarten. Nach einer Stunde, (in der Dolly immer wieder mit überspieltem Entsetzen die schmutzigen Witze, und die Erkundigung nach der Herkunft meiner Jeansjacke übersetzt) beginnt Jiri ein Gespräch mit mir in Deutsch/Englisch. Und wirkt fast charmant. Das erste, was er mir erzählt ist, dass er und der Partei-Aktivist lediglich Freunde seien. “Gut für Dich“, denke ich. Die Vorstellung, dass er mit so einem Monster ins Bett gehen könnte würde mir den Magen umdrehen und ich habe gerade gegessen. Dolly berichtet später, er habe erzählt, dass er sich ein Zubrot verdient, indem er alte Männer seinen Schwanz für 600 Kronen (20 Euro) durch die Unterhose befummeln lässt. Von dem Partei-Aktivisten wissen wir bereits, dass er (der Aktivist, nicht Jiri) für sexuelle Gefälligkeiten 300 Kronen (10 Euro) zahlt. Als ich Jiri frage, wovon er lebt, sagt er, er träume von einer Karriere als Autor und schreibe für den NEI-Report, ein Pornoblatt. Außerdem arbeite er für das Zollamt. Auf die Frage, wieviele Zigaretten ich aus der Tschechei ausführen darf, weiß er keine Antwort. In der NEI-Zentrale lege ich einen NEI-Report auf den Tisch und frage ihn, welcher Artikel von ihm stammt. Er strahlt, setzt sich neben mich und schlägt den Artikel auf. Es geht um heterosexuellen Analsex.
Im Artikel, den er mir ins Englische übersetzt, unterhalten sich Monica (!)
und Erica (!) darüber, wie toll ihr Sexleben durch Analsex bereichert wurde. Ich möchte wissen, wo er die beiden aufgetrieben hat. Er strahlt.
“Me no investigative journalist!“

“You like it?“ Ich mache eine Geste, die bedeuten soll, ob es ihm Spaß macht, für die NEI zu arbeiten.
“Anal sex yes. And you? You gay? You have boyfriend?“ Er rückt näher.
“Yes, gay. And no boyfriend“, sage ich.
“Me no boyfriend. Last one drink too much. Not pay rent or water or energy. I pay rent, water, energy. Have stereo and television. How old you are? Me 22.“
“I´m 30somehting.“
“You look 26.“
Dann schreibt er mir seine Adresse auf. Ich habe vergessen, Dolly zu
fragen, ob er sich nach meiner Schwanzgröße erkundigt hat. Der hässliche Mann, der mit ihm angeblich nur befreundet ist, schaut mich hasserfüllt an.

To be continued.

PRAG. EIN TRIP. EIN FENSTERSTURZ oder MAMBO NR 0,7

Tag 1

“Jeder Finger ist nicht gleich. Manche sind krumm und andere schief. (…)
Man muss immer locker bleiben.“
(EinTaxifahrer auf dem Weg zum Flughafen Berlin-Tegel.)

Das erste was mir in Prag auffällt ist, dass alte Männer dort hauptsächlich schwer abgearbeitet aussehen. Kaputte Beine, krumme Rücken, dicke fette Brillengläser. Das liegt daran, dass ich vom Flughafen nicht ins Hotel gefahren werde, wo es keine alten Männer gibt, sondern gleich zum ersten Drehort für einen RTL-Beitrag über Dolly Buster und ihre Kandidatur für das Europa-Parlament in Tschechien im Sommer 2004. Außer mir ist noch niemand vom Team am Drehort – überhaupt liegt über diesem schönen Junitag verschlafene Ruhe. Ein einsamer ansehnlicher Polizist (heile Beine, gerader Rücken, brillenlos), der überhaupt nichts zu tun hat, als mich suspekt zu finden und sich zu fragen was in den beiden Reisetaschen ist, die ich den ganzen Tag mit mir herumschleppen werde, wacht über mich. “Skolska“ lese ich in großen Buchstaben an einem Gebäude und denke “Aha, hier ist die Dolly also zur Schule gegangen.“ Aber nein – dies ist das Wahllokal, in dem sie sich nicht wählen werden darf, da sie erst nach dem 2. Mai ihren festen Wohnsitz in Prag angemeldet hatte, somit zu spät, um die Wahlberechtigung zu erlangen. Und das, wo jede Stimme zählt. In diesem Wahllokal (wie auch in allen anderen des Landes) herrscht gähnende Leere. Die Wahlleiter freuen sich über die Ablenkung, die sie dank uns haben und sind sehr freundlich. Schade, denn eigentlich wollten wir filmen, wie Dolly schroff abgelehnt und des Saales verwiesen wird. Stattdessen: Autogramme. Der Polizist, mit dem wir uns hätten anlegen können, hat sich hinter einem Fenster verschanzt.

Nächster Stop Karlsbrücke. Die bricht fast unter deutschen Touristen
zusammen. Wenn man in Deutschland noch eine fromme Zurückhaltung der Hobby-Fotografen und Autogramm-Sammler spürt, ist hier jede Zurückhaltung abhanden. Enthemmt stürzen sich kleine Mädchen und dicke Jungs auf Dolly. Und — Taschendiebe. Im Restaurant angekommen, stellen wir fest, dass jemand das Bustersche Portemonnaie gestohlen hat. Wir schicken die TV-Crew ins Studio und bitten sie, das Video-Band anzuschauen, das wir auf der Karlsbrücke gedreht haben und zu überprüfen, ob man die Diebe vielleicht erkennt. Während wir zur Polizei fahren werden die Bänder gesichtet. Die Polizeiwache sieht aus, als ob ein 40er Jahre Filmset eine 20er Jahre Wache imitiert. Die Möbel sind schief, die Wände und Böden schmutzig. Kafka 2004. Im Vorzimmer lesen drei Polizisten “Blesk“, die tschechische Bild-Zeitung, und ein phlegmatischer Polizist tippt einfingrig die Anzeige. Bei der Angabe der gestohlenen Gegenstände vertippt er sich acht mal beim Wort “Eurocard“. Beim Wort “Givenchy“ geben wir die Korrekturversuche auf. Ich denke an Marilyn und die 58 mal wiederholte Einstellung in „Manche mögen´s heiß“, in der sie nichts zu sagen hat als “Wo ist der Bourbon“ und stattdessen nie die richtige Reihenfolge fand. “Ist der Bourbon wo?“. “Bourbon der wo ist?“
Wir erzählen dem Polizisten, dass wir möglicherweise ein Video-Band mit den Gesichtern der Täter haben. Er winkt ab. “Prag hat eine Million Einwohner“. Unsere Begriffsstutzigkeit wird immer offensichtlicher.

Egal wo wir hingehen – Dolly wird erkannt. Viele sprechen sie auf die Europawahl an und sagen, dass sie sie wählen gehen. Vor ein paar Wochen hat sie in Ostrava vor hunderten von Bergleuten eine Rede gehalten und die Masse skandierte “Wir wählen Dolly“ (auf Tschechisch).

Trotz Geldmangel und Verärgerung machen wir uns in der Nacht wieder auf den Weg in die Stadt. Wir besuchen empfohlene Orte, die sich als üble Kaschemmen entpuppen und gehen stattdessen ins “Lavka“, eine Disco, die Dolly von einer zwanzigjährigen Transe empfohlen wurde. Ein Go-Go-Girl tanzt einsam, außer von Dolly und mir unbeobachtet und als denke sie dabei an das morgige Frühstück. Als wir eine Weile dort gesessen haben ist uns nach Flucht. Dolly bekommt eine SMS – wir sind auf eine Party eingeladen, die auf einem Moldau-Dampfer stattfindet. Ein Motorboot holt uns ab.
Dolly ist skeptisch. “Hast Du Lust?“
“Wenn uns ein Motorboot hinbringt – ja.“
Gerade, als wir aufbrechen wollen, erscheint Luzi, die Transe. Sie ist dünn, hat weder Hüften noch Arsch, aber dicke Lippen und eine sexy Nase. Ihre schwarze Perücke könnte vom Müll sein – es handelt sich defintiv noch um kommunistisches Haupthaar. Sie trägt scharlachroten Lippenstift, ansonsten ist das Make up dezent und erinnert im Zusammenpiel mit der Perücke an Chrissie Hynde, von der Luzi noch nie etwas gehört hat. Ihr Look ist shabby chic, Betonung auf shabby. Nennen wir es „shabby Czech“.
Auf dem Weg zum Treffpunkt mit unserem Motorbootfahrer spricht uns ein Mann an. Misstrauisch halten wir in einer improvisierten Spice-Girl-Choreographie zeitgleich die Hände schützend über unsere Taschen und treten einen Schritt zurück. Doch es ist unser Mann von der Moldau, der uns zur Party übersetzen soll. Wir gehen durch einen Club zum Ableger, klettern über drei Boote (ich freue mich, dass ich keine Transe oder Porno-Queen bin, denn als einziger trage ich bequeme Schuhe) und legen ab. zunächst wird geschippert, dann gespeedboatet. Wir zischen über die Moldau, an deren Hängen und Hügeln, wie hingeschissen, opulente Architektur in gleißende Beleuchtung getaucht, und halten diesmal die Hand auf unsere Haare (zwei mal echt und einmal falsches Haar). Wieder denke ich an “Manche mögen´s heiß“: “Es kommt nicht darauf an wie lange man schaukelt, sondern mit wem man schaukelt.“

Als wir den Partydampfer betreten erklingt eine verwandte Melodie. Es ist nur eine transsylvanische Verwandte. Von Celine Dion. Ein junger Mann mit weißer Schiebermütze und soooolchen Oberarmen klärt mich auf: Helena Vondrackova singt die tschechische Fassung des Titanic-versenkenden “My heart will go on“. Die Personengruppen auf dem Partyboot: dicke reiche alte Männer, hübsche junge muskulöse Männer, Frauen die zu dicken reichen Männern gehören. Und wir. An unserem Tisch macht der dickste glatzköpfigste anwesende Mann Witze. Alle lachen außer mir, ich verstehe ihn ja nicht und bin froh darüber, weiß ich doch aus Gesprächen mit Dolly, dass alle tschechischen Witze anzüglich und unglaublich schmutzig sind. Und wenn ich so etwas höre schäme ich mich immer für den Witze-Erzähler. Eine sehr sehr beleibte Frau tanzt wild zu “Mambo Number 5“ (in der englischen Originalfassung) Luzi, die Transe, entführt mich aufs Schiffsdeck wo wir uns in gebrochenem Englisch unterhalten und spanische Zigaretten rauchen. Luzi hat mir einen frischen Sommer-Cocktail aus Vodka, Grenadine und Grapefruitsaft organisiert und berichtet, dass sie seit zwei Jahren als Transe auftritt. (Sie ist ungefähr 20)
“Don´t you think it would help, if you could speak a little more english?“ Möchte ich von ihr wissen.
Sie schaut mich irritiert an.
“I mean – if you do Britney and Barbra and Madonna and Judy Garland…?“
“I only do czech singers.“
Während wir reden schminke ich sie/ihn im Geiste ab und sehe einen schönen Mann. Sie nimmt meine Hand und wir gehen wieder hinab zur Tanzfläche.

“Was für einen Schwulen hat sich Luzi denn da geschnappt?“ hat der hässliche fette Glatzkopf Dolly gefragt.
“Das ist mein persönlicher Schwuler“ hat Dolly geantwortet.

Als wir auf die Tanzfläche gehen, sehen wir ein großes Loch im Fußboden. Am Tisch frage ich “Was that the fat woman?“ Alle lachen, nicken und schlagen sich auf die Schenkel. “Alles im Arsch“ sagt der Fette auf Deutsch. “Alles im Fluss“ sage ich, aber das versteht nur Dolly. Wir verlassen das Unterdeck und machen einen Elefantenschritt über das Loch in den Planken. Vergeblich halte ich abwärts schauend Ausschau nach “a little bit of Erica“. Zum Abschied nehme ich Luzi in den Arm. Ihre Hände wandern über meinen Oberkörper wie um die Muskeldichte zu begutachten. “It was a pleasure meeting you“ sage ich. Das versteht sie nicht.
“Glam – you must learn czech.“ (Fußnote: Ich sage es ihr nicht aber
empfinde stark, wie wichtig und ausgklügelt Dollys Parteiprogramm ist: es sieht vor, dass alle EU-Mitglieder frühzeitig westeuropäische Fremdsprachen lernen und mindestens ein Jahr ihrer Schul- und Berufsausbildung im Ausland verbringen sollten.)
“Takio.“ Antworte ich. ( “Takio“ heißt “okay“.)
Wir lachen. Meine erste tschechische Unterhaltung
Im Hotelzimmer überprüfe ich den Nachttisch. Keine Bibel. Ich freue mich, dass die Tschechische Republik ihre kommunistische Vergangenheit nicht völlig verdrängt und kann beruhigt schlafen. Das “Le Palais“ hat sich seine 5 Sterne verdient.

To be continued.

A BLAST FROM THE PAST

Die Chance, dass ich an einem solchen Tag ans Telefon gehe, wenn ich eine fremde Nummer sehe – sehr gering. Es sind die sprachlosen Tage des Jahres, wo die allgemeine Kälte auf die individuelle Stimme und Stimmung schlägt. Aber die Vorwahl sah funky aus. Ich kenne niemanden aus der Region, jedenfalls nicht aktuell. Also siegt die Neugier und ich nehme das Gespräch an. Und plaudere eine halbe Stunde mit einem freundlichen Dinsoaurier, einem weiblichen, mit dem ich zuletzt vor fünf oder sechs Jahren zu tun hatte. Sie hat einen Brief von mir von damals gefunden, den ihre Sekretärin falsch abgelegt und den sie erst jetzt gelesen hat. Und wollte einfach mal hören, wie es so aussieht und was ich so mache. Und auch, wenn es ziemlich absurd ist, wer da gerade mit wem spricht, wird es ein nettes Gespräch. Ich lobe ihren ziemlich schlauen Fernseheinsatz im vergangenen Jahr und dann überlegen wir gemeinsam, wie man denn Popularität am Besten einsetzt, wenn man ein ausgeprägtes Ungerechtigkeitsbewusstsein besitzt, aber im (äußerst attraktiv erhaltenen) Körper eines von außen ganz anders wahrgenommenen Menschen eingefangen ist. Sie hat eine Stiftung gegründet. Setzt sich ein. Müsste sie nicht. Macht sie aber. Sie ruft ja auch bei mir an, müsste sie ja auch nicht. Zwischen ihr und mir liegen Welten und ein zwanzigjähriger Altersunterschied. Dann kommen wir thematisch auf ein Land in Südamerika. Es beweist Selbstironie, dass ausgerechnet sie sich Gedanken um dieses bestimmte Land in Südamerika macht und ich erzähle ihr von Georgien und Salomé und sie sagt, dass sie für so einen Fall die Talkshows abwirtschaften würde bis es endlich alle raffen – warum ist die denn nicht nach Österreich oder in die Schweiz erstmal? Die hätte man nicht zurück lassen dürfen!! Und sie sagt das so entschlossen, dass ich mich frage, warum wir nicht alle so gedacht haben. Nur wäre ich vor zwei Wochen niemals auf den Gedanken gekommen, sie diesbezüglich zu kontaktieren, weil ich ja eigentlich nie wirklich mit ihr zu tun hatte.

Sie wird sich melden, wenn sie mal wieder in der Stadt ist und dann gehen wir einen Kaffee trinken. Und ich weiß, das meint sie ernst, denn das letzte Mal, dass sie mich eingeladen hat, telefonierte sie zwei Mal hinterher, um auch wirklich sicher zu gehen, dass ich mich blicken lasse.
„Es war schön von Ihnen zu hören“, sage ich und sie sagt
„Schönen Abend Glam, bis bald, ich freu mich!“
Und dann grinsen wir vermutlich beide, sie in Bayern, ich in Berlin, und wissen nicht warum eigentlich. Aber wenn mir jemand erzählt hätte, als ich sechs Jahre alt war, dass es dieses Gespräch je geben würde, dann wäre ich in Ohnmacht gefallen. Überhaupt – ohnmächtig… Um so besser, dass manche Menschen ihre Kraft einsetzen.

Und hier noch ein alter Bekannter über dessen Rückkehr ich mich gefreut habe:

NICHT ZU KNAPP oder DAS FETZT, DAS ROCKT, DAS GEHT UNTER oder NO ME PONEN

„Absolut überzeugend; ein Album, das es in sich hat; So zieht sie alle Register und beweist, dass sie sich, wie eh und jeh, nicht hinter Künstlerinnen wie P!nk, Madonna, Gwen Stefanie, Rhianna etc. verstecken muss; außergewöhnliche Looks; unvergleichliches vokalistisches Können; beweist sie, dass die Diva des Punks einfach weiß, wie man rockt. Und das nicht zu knapp; Ohrwurm-Knaller; hintverdächtige (sic) Ballade; ein Song, der unter die Haut geht; Stilistik und Professionalität vorzuweisen, die ihres Gleichen suchen.“

Don´t you just hate it, wenn die ersten Kritiken schon auf Amazon stehen, bevor die Presse überhaupt bemustert ist? Und wenn die Sprache der Pressetexter antiquierter älter ist als Debbie Harry selbst? Diese Platte sollte man sich höchstens kaufen, wenn man Mitleid mit Debbie hat und ihr ein paar Euro gönnt, die man gerade unbedingt verschleudern möchte. Sie ist jetzt in der Phase „alte Diva“, wo sich niemand traut, ihr rein zu reden. Schade. Ich denke, mit den Tantiemen von „Heart of Glass“ usw hat sie kein schlechtes Auskommen, also kaufen Sie sich doch vorzugsweise die Platte eines jungen blonden Talents, ich kann die spanische Rockbitch Mürfila* empfehlen. Absolut überzeugend. Deren Alben habe es nämlich in sich, wasimmer „es“ ist.

*Bebe, wo bleibst Du? Leg endlich nach!!

AUF DEM FOTO IN DER KÜCHE SIEHT SIE AUS WIE KATJA EBSTEIN

Da traf mich soeben ein Stöckchen von Miss Koma zu dem mir leider auf Anhieb kaum was einfällt. Schlager meiner Kindheit, mit denen ich einschneidende Erlebnisse verbinde. Gibt es so mal nicht. Das Radio lief auf den übelsten Stationen und meine Eltern spielten kaum Platten. So scheußliche James Last-Cassetten liefen, wenn sie feierten und auch die Les Humphries Singers. Meine Schwester und ich schauten natürlich die Hitparade und Disco, aber daran habe ich kaum Erinnerungen. Dann gab es noch diese Musiksendung mit dem hässlichen Kettenraucher mit Männerdauerwelle, wo immer extrem unscharfe Tittenmädchen mit üblem Make-up herumzüngelten, so dass ich mich immer für die geladenen Künstler schämte. Als Kind liebte ich Mary Roos und fand ihre Schwester doof, die hieß Tina York. Vielleicht hatte sie ursprünglich Tina Roos geheißen und dann einen Herrn York geheiratet, aber ich vermutete schon damals dass Tina York sich ihren Namen einfach so ausgedacht hatte. Und seltsamerweise heiratete dann Mary Roos Gottlieb Wendehals, aber ich habe nie ein Plattencover gesehen, auf dem Mary Wendehals gestanden hätte. Mir wurde klar, die Roos-Mädchen haben ein echtes, vermutlich familiär bedingtes Identitätsproblem. Ein anderer schöner Name aus dieser Zeit, in dem wirkliche Poesie mitschwingt: Elfi Graf. Das klingt doch wie ein Vogel, der nach oben fliegt, irgendwie. Ein ganz doofer Name hingegen: Bernd Clüver. Klempner-Studio Clüver. Obwohl ich nicht wirklich verstand, worum es in dem Lied ging, gefiel mir „Am Tag als Conny Kramer starb“, aber da war alle Fantasie ins Lied geflossen und Null in den Namen der Vortragskünstlerin. Wie konnt man sich bloß Juliane Werding nennen? Chris Roberts oder Roy Black wäre das sicher nicht passiert. Man stelle sich vor wie sie hätte abräumen können unter dem Namen Mary Blue oder Nanni Hot…

Richtige Musik fand dann ab 1978 statt, als Little Glämmy in einem Jahr Blondie, Nina Hagen und natürlich Kate Bush für sich entdeckte.

Und Lene Lovich.

WUZZERY HIGHS

Ich bin dann am Kotti ausgestiegen und habe mir im ehemaligen 2. Wohnzimmer ein rosa Getränk schenken lassen. Habe die Plocken aus den Ohren nicht entfernt, so dass ein eigenwilliges Lied nach dem anderen entstand, meine In-Ohr-Musik gegen das nervige Humptata im ehemaligen 2. Wohnzimmer. Das irritierte; die Leute dort waren auch nicht hübsch anzuschauen, es war niemand dabei, den oder die ich hätte ansprechen wollen, mein Glas war noch 3 Viertel voll, und so, ganz revolutionär, habe ich auf dem Nachhauseweg der Bierflasche Konkurrenz gemacht. Man trägt jetzt Vodka-Cranberry auf der O-Straße. Becks war gestern. Und das war alkoholikatechnisch korrekt, hatten wir den Abend doch mit Wuzzery Highs eröffnet. Das geleerte Glas mitsamt Resteiswürfeln und Strohhalm habe ich auf einem nach außen gerichteten Fensterbrett deponiert, freut sich bestimt jemand drüber, der es gerade brauchen kann, ich hab ja keine Gläser, ich trink ja aus Kristall, wegen der amerikanischen Nachbarin ihrer Tante, die das nichtspülmaschinengeeignete Kristall ihrer Nichte schenken wollte, die aber selbst keine Lust hat auf mit-der-Hand-spülen, und man kann es auch nachvollziehen, mir hingegen macht es nichts aus, Geschirr zu spülen, so dass Kristall mir gelegen kommt. Dann noch auf einer Party der nicht-amerikanischen Nachbarin reingeschaut, gratuliert, aber wieder war nix für mich dabei, also die Treppenstufen emporgebambit. Der Ipod läuft seit heute morgen 2h nonstop auf Shuffle, weil ich gestern auf musikalische Träume hoffte. Gerade jetzt „Home for Christmas“, Kate Bush. Lied 284. Jetzt rauch ich eine blaue Chesterfield, weil ich mit West aufgehört habe, da ist nur der Tabak für eine halbe Zigarette drin, probieren Sie es ruhig daheim aus, oder auch in der Öffentlichkeit. Und Scheiß auf den Vorteil des Big Packs, ich hab mir ne Stage Chesterfield gekauft – har har, that´s what i call a big pack, denn noch rauch ich ja. Ach, und es ist so schön, so vor sich hinschreiben zu können und irgendeiner verirrten Seele mag´s gefallen oder nicht. These are just a couple of my cravings. Lied 288. Jetzt koch ich mir ein Risotto.

TAGESLICHTTAUGLICH oder WENN IHR ETWAS NICHT VERSTEHT, DANN MUSS ES DOCH NICHT AUCH GLEICH FALSCH SEIN

Ja. Ich weiß. Dosenstolz Rosenholz Rosenstolz gehen GAR NICHT. Schon der Name ist blöd. Die Frau hat eine beschissene Quetsch-Stimme á la Ostschlagerschtarbrigaden-Hochschule „Goldene Kehle“, Chemnitz OT Nieder-Elendswerda, und wirkt, egal was sie versucht, immer teinahmslos. Sogar das Kurfürstentraßen-Make-up wirkt an ihr unsexy. Der Typ ist optisch in den frühen 90ern stecken geblieben. Seine Hautbeschäftigung auf der Bühne: Hüpfen und Achseln lüften. Aber drei schöne Lieder sind ihnen zu verdanken (freilich wünscht man sich, Nena hätte sie eingespielt). Allen voran obiges, das ich vermutlich ein klitzekleines bisschen weniger lieben würde, wenn es nicht so verbunden mit meinem schwulen Lieblingsfilm wäre. Dann noch eines, über das ich nicht schreibe – zu peinlich für mich, vielleicht, wenn ich mal betrunken blogge. Und natürlich, und das ist mir gar nicht peinlich, „Daylight“ von den No Angels.
Ja, Schwuchtelblogger – kramt „Sommersturm“ aus dem Regal und macht Euch einen kuschligen Herbst-Sonntag.