Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

VATTER, DER MANN MIT DEM KNIRPS IST DA*

„“Happy together, unhappy together – won´t that be fine
Days may be cloudy or sunny
We´re in or we´re out of the money
I´m with you always
I´m with you rain or shine…“

Bis Magdeburg hagelt es catchy Showtunes. Judy wummert sich wie ein atomar betriebenes Speedboat durch „Come rain or come shine“. Marlene macht sich über „Such trying times“ lustig und Shirley MacLaine darf gleich zweimal das hyperdramatische „I´m a person too“ von der Bühne schmettern. So wechseln sich die alten Diven ab und ich bin heiser, als Diva-Generationsablösung stattfindet und Devendra von seinem Wunsch, als Seepferdchen wiedergeboren zu werden singt. Supermeyer eskortiert Rufus durch den „Teargarden“, noch so ein 10-Minüter, der die Laune beflügelt, und wenn man Angst hat, soll man pfeifen, und wenn man nachtblind ist, dann kann man ruhig auch singen, während man die altmodische Braunschweiger Autobahn entlangflitzt. Die Strecke ist unweihnachtlich leer, am Straßenrand stehen puderbestäubte Baum- und Strauchwesen und ich muss an das Mädchen (Lavinia?) in „Titus Andronicus“ denken, das anstelle Händen Ästlein hat. Die, die ihr das angetan haben, werden nachher von Jessica Lange verspeist, Mutterkuchen mal anders, Anthony Hopkins lacht sich ins Fäustchen. Herr Twiggs hat mich metaphorisch unterwandert, überall seh ich Äste. Wo ein Ast ist, da ist auch meist ein Baum. Mit wem sonst könnte man das Genre des Knirps-Witzes ins Leben rufen? Dann plötzlich werden meine Gedanken feierlich, Sie, liebe Leserin, lieber Leser, müssen sie sich in festivem Bordeauxptalidon vorstellen. Ich werde ein wenig wehmütig-demütig und kniee in einem hochzeitsweißen Reifrock über G-Star-Boots auf dem Boden. „Pres, I´m kneeling for ya.“ Da waren dieses Jahr so viele Menschen, die mir Freude bereitet haben. Die amerikanische Nachbarin vor allem, durch die wunderbare Nähe, die uns verbindet und uns trotzdem viel Firmament lässt. Frau Fragmente, die mich ungewollt in Panik bringt, wenn der Zettel von der Post ein Einschreiben ankündigt und mir die wurzelschwarzen Haare zu Berge stehen, worum es sich wohl handelt. In diesem Fall einen signierten Gaiman und ein Reindeer-Foto, das mich jetzt täglich von der Arbeitswand anlächelt. Was sag ich Reindeer – „La Reine d´Or“! La Nina mit der kleinen Welle auf dem „n“. Grazie und Kraft in vollkommener Gestalt und Farbe. Der Twiggs, mit dem die Zeit schmilzt wie Mutter in der Sonne. Meine gesamte Blogrolle, diese funkelnde, zärtlich moussierende, duftige Menschenparade, die ich jeden Morgen an ihrem Platz im Netz besuche. Die charmanten Newcomer und die anderen, die ich schon seit Jahren lese. Die, die es schaffen, Weinachts-Mails zu verschicken (bitte betrachtet diesen Text als mein Jahres-End-Mailing). Die, die in diesem Jahr wieder aufgetaucht sind und bewiesen haben, das alte Liebe nicht rostet – Anke, Iris, Ellena. Die drei Haudegen, die es schon so lange (manchmal auch nicht) mit mir aushalten: das Skailight, Lucky und Frankie. Die, auf die ich neugierig bin. Alle Echten, Authentischen. Alle, die trotzdem lachen und die, die Tränen trocknen. And of course all those wonderful readers and commentators out there in the light.

Edit: Und ein herliches Dankeschön für das Lied der Helene!

Euch allen einen Jahreswechsel voller Zauber.

UND ZURÜCK UND VOR UND ZURÜCK UND VOR, DAS GLÜCK VERGEHT JA WIE… JA WIE VOM WINDE VERWEHT oder LEGION D´HONNEUR

Clips of Ingrid Caven have a history of appearing on and disappearing from Youtube in quick succession. So hurry watching this. 4 chansons en 4 minutes. Die 1998 erschienene „Helle Nacht“ gehört zu den wenigen Platten, die chez moi immer direkt griffbereit liegen. Musikkunst für Fortgeschrittene. Das Konzert im BE ist neben Rufus in der Volksbühne das Großartigste Live-Erlebnis (nicht nur) des Jahres gewesen. It was an honour being in the audience. Meine Bewunderung für Caven geht so weit, dass jede Frau, die ihren Vornamen trägt, einen Vorschuss-Bonus bei mir hat.

http://glamourdick.twoday.net/stories/3164885/

http://glamourdick.twoday.net/stories/3236620/

http://glamourdick.twoday.net/stories/1505964/

ALL ABOUT ROMY

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Einen Sommer lang bin ich jeden Tag mindestens einmal an diesem riesigen Romy-Plakat vorbei gefahren. Schwarzweiß, sie lehnt über einem Tisch, Zigarette in der Hand und Schachtel vor sich, sieht völlig zerstört aus, gleichzeitig wunderschön, so wie das nur Romy, Marilyn und Kurt konnten. Alle anderen Plakatflächen der Stadt wurden in bravem Rhythmus überplakatiert, aber diese, verloren kurz hinter Moabit, blieb. Was mir ein Zeichen schien, denn ich arbeitete an einem Traumprojekt – ich hatte den Plan, eine Romy-CD zu veröffentlichen und die Plattenfirma im Rücken, diese Produktion zu finanzieren. Das war zu einer Zeit, als das Internet noch nicht besonders frequentiert war und man noch keine CDs selbst brannte sondern Musik noch analog konsumierte. Meine Cassette mit den gesammelten Werken Romys war einer meiner geschätztesten Besitze.
Die äußerst komplexen Rechte-Recherchen brachten mich u.a. an ein deutsches Filmmuseum, das eine Romy-Ausstellung vorbereitete. Zwei Tage vor Ausstellungseröffnung rief mich eine gepanikte Kuratorin endlich zurück. Sie hatte keine Informationen für mich, was die Rechte-Anfrage anging (außer dass die Franzosen wirklich der Horror seien, was Musik und Filmrechte der 70er anbelangt), aber im Chaos vor der Ausstellungseröffnung hatten sie ihre Tonaufnahmen verschusselt. Ob ich Abhilfe wüsste? Im Dienste einer großen Sache trennte ich mich von meinem Romy-Tape, nicht ohne eine mittlerweile kaputtgehörte Kopie anzufertigen. Sie können es sich denken – ich sah mein Tape nie wieder. Hörte es noch ein letztes Mal, als ich die Ausstellung besuchte, für die ich sogar meine Tickets selbst zahlen musste. Wegen der horriblen Franzosen ist die CD nie entstanden. Aber ich habe Erinnerungen an eine Autopanne, einen Abschlepp-LKW in dem ich mit Mann und Hund saß und ständig klingelte das Telefon und ich hatte Sätze zu sagen wie „Nein, die Romy-Situation ist noch nicht geklärt – bislang habe ich drei Fassungen „Chanson d´Hélène“ und etwas scheußliches Wienerisches. In der „Spaziergängerin“ ist sie synchronisiert worden.“ Das waren glamouröse Momente und jeder morgen, an dem ich das Romy-Plakat da oben, fast im Wedding, im Rückspiegel sah, war ebenfalls ein Tagesanfang, der Glanz und Würde besaß und daran hielt ich mich fest, wenn ich in den Kreisverkehr um die Siegessäule einbog, um dann über Brandenbruger Tor und Wilhelmstraße nach Kreuzberg weiterzufahren. Das war auch das Jahr, in dem ich Berlin das erste Mal als eine Stadt betrachtete, einfach nur, weil ich schrecklich oft durch den Osten fahren musste, weil der nun mal zwischen Kreuzberg und dem Wedding lag. Ähnlich wie im Falle Fassbinder sind mir über die Jahre immer wieder Menschen begegnet, die Romy gut kannten und ich bin mit mehr Wissen über sie versorgt, als mir lieb (und als publiziert) ist. So ist es einer meiner regrets, ihr nicht die Ehrfurcht einer CD erwiesen zu haben. Es war mir ein Anliegen.

EARLY INDUSTRIAL oder WHEN COLORS WERE STILL TECHNI

Eines der ersten Großstadtlieder. Mädchen, schick frisiert, benutzt öffentliches Verkehrsmittel und lässt sich von Fremdem ansprechen. Beachten Sie Tempo und Wucht des Liedes, höchstpoetisch eine Straßenbahn imitierend.

Das bekomen Sie hier. Und jetzt, das ganze in bunt und mit echtem Mädchen.

(Zoom in ca 2 minutes if you want to avoid Zuckerschock and start with the Judy-part.)

„UND DANN DRÜCK ICH STOPP UND ALLES IST WEG ODER WAS?“

2007 wird bei mir als das Jahr der Wiederkehrer in die Geschichte eingehen. Die ältesten Freunde sind auf einmal wieder da, zwei weitere, mit denen lange Funkstille war, haben sich wieder gerührt und ich habe mich darüber gefreut. I don´t believe in „forgive and forget“, dazu bin ich im vergessen zu schlecht, aber einen Brast über Gebühr zu nähren, ist nicht besonders gesund, man zersetzt sich mit sowas. Es gibt Verletzungen, die schwer wiegen und es gibt Verletzungen, die man nur als Verletzung empfindet, weil man gerade ein schwerwiegendes Problem mit dem eigenen Selbstwert hat. Absolut nicht zu verniedlichen und ich bin darüber alles andere als erhaben. Für diejenigen, die sich abgewendet haben, sind doppelt so viele wiedergekehrt und einige neue dazugekommen (die virtuellen nicht mitgezählt), und man muss schon eine geile Sau sein, wenn man Freundschaften hat, die, mit Unterbrechungen, bis zum Zeitpunkt des Sprießens der ersten Achselhaare zurückreichen. Irgendwas mach ich also ziemlich richtig.

„It is the friends that you can call at sing at 4am that matter.“ (Marlene Dietrich). Maggie und Michi, last Saturday.