Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

A LONG WAY ROUND

Das schönste war vielleicht die Zeit mit meinem Vater. Er und ich leben in völlig unterschiedlichen Welten. Nicht, dass wir uns nicht mögen würden, aber wir haben nicht gerade viele Gemeinsamkeiten und Themen. In den ca 40 Jahren, die wir uns kennen, haben wir das wohl beide zu akzeptieren gelernt. Jetzt mache man jemandem, zu dem man so wenig Draht hat, ein schönes Weihnachtsgeschenk. Manche Menschen haben ja das Talent zu schenken, was gewünscht wird – jetzt hat aber mein Vater praktisch alles was er will. Dazu kommt – er mag keine Filme, liest keine Bücher und hört keine Musik. Jetzt sehen Sie erst, w i e unterschiedlich wir sind. Und dieses Jahr hatte ich ein wirklich schwieriges Geschenk für ihn. Eine TV-Serie auf DVD, noch dazu in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln. Ich war mindestens so skeptisch wie er. Nach drei gemeinsam angeschauten Folgen sehr, sehr erleichtert. Unser Abschied fiel herzlicher aus als sonst. Als ich zurück in Berlin war, da war er schon bei Folge sechs. Und ich hab mir die jetzt auch bestellt.

THAT JOKER ISN´T FUNNY ANYMORE, it´s too close to home and it´s too near the bone

Überbewertet, unterfrachtet, überlang, unterzuckert. Und wenn in einem Film der Satz „you´re so beautiful“ fällt und damit Maggie Gyllenhall gemeint ist, dann merkt man spätestens, hier läuft etwas falsch, soviel CGI und Gesichtprothese gibt es nicht einmal in Hollywood. So ging es mir eigentlich schon bei „Batman begins“, dem blutleeren Vorgänger, außer dass die Rolle der langweiligen Assel da mit Katie Holmes besetzt war – das musste ich eben nachschlagen, ihr Schauspiel hatte mich seinerzeit so beindruckt, dass ich sie komplett – war das nicht die mit der hübschen Tochter? Maggies beste Szene ist, wenn der Großartige in ihr Gesicht greift und die Pausbacken kräftig durchrubbelt. Überhaupt steht an jeder Ecke von Gotham ein Schauspieler, den man aus harten guten amerikanischen Semi-Indies kennt. Aaron Eckhart sieht auch noch mit halbem Gesicht schau aus, Gary Oldman muss sich gegen die Brille aus „Batman begins“ gewehrt haben und sieht ncht ganz so Scheiße aus wie im Vorgänger. Morgan Freeman ist wie immer. Angeblich war auch Cilian Murphy dabei und ich hätte schwören können, ich bin nicht eingeschlafen… Dazu noch dauert der Film ungefähr acht Stunden und man fragt sich warum – viel Geschichte hat er nicht zu erzählen. Sei´s drum – das weiß man alles vorher, da hätte man sich den Film ja sparen können, aber bitte schön wie denn, wenn es sich um das schauspielerische Testament Heath Ledgers´ handelt…

joker

Und hier nimmt der Bericht eine Wende, denn was Ledger mit seiner Rolle anstellt definiert Grandiosität. Die ultrakaputte Genialität fängt bei der Maske an, geht aber viel viel tiefer. Anders als seine Pappkameraden aus dem lausigen Drehbuch greift er sich seine Rolle, stülpt darin herum und zieht ihr ranziges, beißendes, bewegendes Inneres nach außen. Schade, dass ihm dafür nur die Umgebung dieses Schrottfabrikats, das „The Dark Knight“ heißt, zur Verfügung stand. Nicht schade. Bedauerlich, äußerst bedauerlich. Was Ledger liefert, ist jenseits von Schauspielkunst, es ist menschlicher Ausnahmezustand, und so wird selbst dieser Schotterhaufen, der „The Dark Knight“ ist, anschauenswert. In Ennis DelMar verliebt man sich, weil er so reinen Herzens ist. Dem Joker verfällt man, weil er der perverse Candyman ist. Eine eindimensionale Figur mit so viel Leben zu füllen, das ist bislang keinem Schauspieler in einer Comic-Verfilmung gelungen, und so stimmt es mich unfassbar traurig, dass dies der letzte Fim ist, in dem Heath Leger seine Seele Drachensteigen ließ.

Und hiermit verabschiede ich mich in die Feiertage. Sage Danke für die ganzen social marketing toolsChristmas-Mails und sorry, dass ich selber keine geschrieben oder beantwortet habe. Macht Euch auch ein paar schöne Tage, esst, trinkt, und wenn der Rest der Familie vorm Fernseher eingeschlafen ist, geht und schaut Heath Ledger zu. Denn Heath, der Joker ist nah!

A WHITE CHRISTMAS

Im Mai 1845 stachen zwei Schiffe der britischen Marine, die HMS Erebus und die HMS Terror, Richtung Norden in See. Unter der Leitung des Kapitäns Sir John Franklin sollten sie die Nord-West-Passage aufspüren und durchqueren, die im Hohen Norden den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Im Juli des gleichen Jahres wurden sie das letzte Mal gesehen. Ein im April 1848 datiertes Schriftstück hinterließen sie in einem Steinmal, bevor sie die im Eis gefangenen Schiffe aufgaben und sich auf den Landweg machten, eine etwa 350 km entfernte Siedlung zu erreichen. Sie kamen niemals an.

Dan Simmons nimmt sich der wahren Geschichte der gescheiterten Expedition an und gestaltet sie zum Roman, der von der ersten Seite an packt. Sprachlich hochwertig erzählt er die Geschichte aus den Perspektiven Franklins, seines Kollegen, dem Kapitätn Crozier und des Assistenzarztes Goodsir. Es ist gleichzeitig die Geschichte des Scheiterns einer zivilisatorischen Glanzleistung – die Schiffe sind ausgestattet mit Dampfmaschinen, Heizung und Vorräten, die das Überleben der Crew für mindestens drei Jahre sichern sollen – wie auch ein nackter Kampf ums Überleben. Die ersten Todesopfer gibt es schon im ersten Jahr. Man diagnostiziert Tuberkulose und Lungenentzündung. Erst 150 Jahre später, als die bestatteten Leichen exhumiert werden, entdecken Forscher im Blut der Männer einen extrem hohen Bleiwert. Es stellt sich heraus, dass die in großer Eile gefertigten Nahrungsmittelkonserven eine Innennaht hatten, aus der Blei in die Speisen drang, was die Mannschaft nicht nur extrem schwächte und ihr Leben bedrohte, sondern vermutlich auch Konzentrationsunfähigeit, gesteigerte Aggressivität und Halluzinationen zur Folge gehabt haben könnte. So erscheint der Titel, den Dan Simmons für seinen Epos wählte vielschichtiger, als man auf den ersten Blick meinen könnte und so scheint es nicht unpassend, das Werk, das den Namen „The Terror“ trägt, im Horror-Genre anzusiedeln.

Sollte Ihnen noch ein Weinhachtsgeschenk fehlen, dann eilen Sie in die nächste Buchhandlung und kaufen Sie sich gleich ein zweites Exemplar für Sie selbst. It´s the closest thing to a white christmas you´re likely to get.

BEHIND THE SCENES WITH DISCO GLAM or FROM BORCHARDT TO BRANDENBURG

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Die Pornoqueen und ich haben gemeinsam schon viele absurde, skurrile, haarsträubende, bestürzende, witzige und peinliche Ausflüge unternommen. Zu den schmutzigsten Erlebnissen zählte ganz klar die Frankfurter Buchmesse, zu den schönsten eine Taxifahrt mit Elefant in Zürich. Über unseren persönlichen Prager Frühling habe ich hier bereits geschrieben, über viele andere Trips nicht. Aber es ist eigentlich auch egal, ob man jetzt mit Dolly über den Ku´Damm marschiert, einen TV-Dreh absolviert oder eine Pressekonferenz abhält – allem wohnt ein gewisses surreales Moment inne, denn man ist mit einem Menschen unterwegs, den jeder kennt, der einen Fernseher besitzt und zu dem jeder eine Meinung hat, die er in der Regel revidiert, sobald er sie trifft. Dolly is a doll. Und als sie mich fragte, ob ich Lust habe, mit ihr ins Borchardt zu gehen und anschließend in einer Brandenburger Discothek einer Autogrammstunde beizuwohnen, da dachte ich – alles besser als noch einen Abend lang fünf Folgen einer Lieblingsserie am Stück zu schauen und mich mit spanischem Chardonnay müde zu trinken.

Also lecker Bratkartoffeln im Borchardt gegessen (ich), Dolly Filet Mignon, Champagner auf´s Haus. An den exquisiten Umgangsformen des Maitre und des Besitzers Freude gehabt, die beiden sind von einer Verbindlichkeit, dass mich ihr Erfolg nicht wundert. Die gleiche Freundlichkeit und Verbindlichkeit legen sie auch an den Tag, wenn ich ohne Dolly dort bin und das macht einen guten Gastgeber aus, dass man sich willkommen fühlt, well cared for, und so gerüstet bekam ich auch einen Red Bull vom DJ, als wir in der Brandenburger Disco angekommen waren. Ich revanchierte mich mit einer Zigarette, die wir draußen vor der Tür rauchten, die ins Schloss fiel, so dass wir ausgesperrt waren, was jetzt nicht so praktisch war, schließlich war der ja da zum Platten auflegen und ich um Dolly zu begleiten. Aber er kannte sich auf dem Areal aus und so stapften wir durch die Brandenburgische Finsternis und er sagte
„Vorsicht – als ich hier letztens lang bin hab ich mich genau hier-„
Da schlug ich auch schon auf und rutschte auf dem Erdreich ein weites Stück bergab voran „auf die Fresse gelegt, ja ja, ist halt eine harte Scholle!“ konnte ich den Satz vervollständigen. Aber schnell hatte ich mich wieder aufgerappelt und in null komma nichts waren wir wieder in der Disse bei den Jugendlichen.

Ich wünschte ich könnte jetzt böse, spitzfindig und pointiert über die Brandenburger Landjugend herziehen. Ja, es gab Mädchen mit unglücklichen Haarfarben. Und auch ein zwei Jungs, die ihren neuen pubertären Duft noch nicht so unter Kontrolle hatten. Aber alles in allem waren das okayishe Kids, die sich ans Nichtrauchergebot hielten, so dass der Saal nach Energydrink und Disconebel roch und nicht nach Kotze und Kleiner Feigling, wie ich vorurteilsvoll erwartet hatte. Und nur ein krass ekliger Typ, der auf Tatschen bedacht war, aber von den Bodyguards allein durch strafenden Blick eines Besseren belehrt wurde. Sogar zwei drei total sweete Erscheinungen, wo mir jetzt wieder ein Mädchen aus dem Borchardt einfällt, das in meinem Blickfeld saß und mir ein unschlagbares Lächeln schenkte, einfach so. In Brandenburg bekam ich wenig Lächeln geschenkt, aber meine Funktion war auch irgendwie auf die Uhr zu schauen, finster zu blicken und hormonelle Menschen davon abzuhalten von allen Seiten auf Dolly einzustürzen.

Und ich weiß – Samstags bloggen ist ein bisschen wie gegen den Wind pissen – man hat nur selber was davon – aber wenn ich diese Seite hier für den Leser betreiben würde, dann hätte ich sie schon hunderte Male dicht gemacht.

EDEN LAKE

Junge Pärchen will es sich mal so richtig gut gehen lassen. Und weil Städtereisen was für Rentner sind, machen sie sich auf, am idyllischen Eden Lake zu campen, bevor der reizende Fleck Erde zum Bebauungsobjekt wird. An der Idylle nagt dann nur eine Clique Aso-Jugendlicher mit Rottweiler, die laut Musik hören, auf Billigdrogen sind und gar nicht einsehen, ihren Strand mit dem Yuppie-Pärchen zu teilen.

Dank eines wunderbaren Bloggers bekam ich Gelegenheit, mir „Eden Lake“ anzuschauen. Und zittere. Das der Film brutal sein würde, das konnte ich bereits dem Trailer entnehmen. Dass der Film aber der härteste Film über eine Terrorisierung ist, den ich je gesehen habe, darauf war ich nicht gefasst. Wie es sich aber für einen guten Horrorfilm gehört, und diesem Genre würde ich ihn zuordnen, ungeachtet der Tatsache, dass der dargestellte Horror nicht überirdischen Ursprungs ist, sondern allzu irdisch, zeigt auch „Eden Lake“ eine Form von Wahrhaftigkeit. Den hässlichen Deutschen, beispielsweise, hier getarnt als hässlicher Brite. „Eden Lake“ könnte eben so gut an einem der charmanten Seen der Seenplatte spielen, oder in Brandenburg. Er zeigt, was aus den Kindern wird, die nicht nach der Geburt in die Tiefkühltruhe wandern, weil die Eltern zu besoffen sind, um die Leibesfrucht zu entsorgen.

VOLVER

Der Beweis dafür, dass es keinen Gott gibt, liegt auf der Hand: Wenn es einen gäbe, dann hätte der ja gemacht, dass alle Menschen singen können, damit die Welt etwas mehr wie Bollywood oder Broadway wäre und nicht wie Bergmann, Ibsen und Bret Easton Ellis.

Eine Beichte vorweg: ich bin unmusikalisch. Gelinde gesagt. Ich habe das Gegenteil vom musikalischen Gehör. Ich kann nicht singen und noch weniger beherrsche ich ein Instrument. Vielleicht kommt daher meine Wertschätzung für die Musik, meine Bewunderung für alle, die singen können, komponieren und das auch noch kunstvoll darzubieten vermögen. Music overwhelms me. Ich werde nie vergessen, das erste Mal „Moulin Rouge“ im Kino gesehen zu haben und so erwischt zu werden, dass ich nonstop heulen musste, ergriffen von der Schönheit. Ich hab sogar bei „Mamma Mia“ geweint. Oder erst gestern Abend, als ich das erste Mal den Soundtrack von „Were the world mine“ anhörte. Dies nur vorweg. Jetzt bewegen wir uns ein wenig zurück in der Zeit, als meine Liebe zur Musik noch mein Beruf war. Folgen Sie mir!

Der Gedanke drängte sich geradezu auf. Jetzt haben wir auf dem kleinen feinen Label die Elite des deutschprachigen Chansons (plus eine Französin) versammelt, da müsste man doch einen Event veranstalten! Und so setzten sich vier Damen und ein musikalischer Leiter zusammen und brainstormten, dass es krachte.
Ich hielt mich aus den Proben raus, weil ich mich auf die Produktion und Promotion der Promo-CD kümmern musste und Sponsoren akquirierte, aber teilte mein Büro mit dem Produktionsleiter. Der gigantische Stoffbahnen organisierte, eines Tages ein riesiges Aquarium in Auftrag gab, einen Herd und jede Menge roten Samt. Ich hörte die ersten Aufnahmen und mir liefen die Tränen, so großartig waren die Ergebnisse. Russisches Volkslied, Kunstliedoper, Dramolettenchanson, Großstadtballade, Durchhaltehymne. Erpresserbriefe! Bärenjagden! Und irgendwann wurden auch die Goldfische geliefert. Die Chefin und die Technik arbeiteten tage- und nächtelang nonstop – am Tag der Premiere gab es zwar einen Beleuchtungsplan aber die Scheinwerfer waren noch nicht programmiert und mussten quasi von Hand gefahren werden. Alle Beteiligten hatten sich bis aufs Äußerste überstrapaziert, um termingerecht bereit zu sein, den multimedial angepriesenen Divengipfel aus der Taufe zu heben.

Die Premiere sollte für mich zu einer Sternstunde meiner damaligen Karriere werden. Wurde sie aber nicht. Ich hatte den Künstlerinnen kleine Kärtchen geschrieben, die in der Garderobe auf sie warteten, in der ich jeder beschrieb, warum es mich glücklich machte, dass gerade sie dabei war.
Am Morgen der Uraufführung musste sich meine Mutter einer kleineren Operation unterziehen. Als sie aus der Narkose erwachte, teilte man ihr mit, dass ihr Krebs eine der aggressivsten Formen war und dass man ihr die Brust amputiert hatte. Da stand ich im Foyer des Hebbel-Theaters, als habe mich jemand zusammen geschlagen. Eine Premiere erscheint einem mit einem Mal recht unwirklich und surreal, wenn man daran denkt, wie die eigene Mutter aus der Narkose erwacht, an sich herab schaut, und. Und man ist nicht bei ihr, sondern im Foyer des Hebbel-Theaters. Meine Deplatziertheit legte sich auch in den folgenden Stunden nicht. Dann kam der Pressesprecher des Coproduzenten mir auch noch blöd (Lucky, jetzt verstehst Du vielleicht, wie tief meine Abneigung gegen den Herrn zementiert ist), und zwanzig Minuten bevor die Vorhänge sich öffneten schnappte ich mir meinen Mantel, gerade fuhr ein Taxi vor, aus dem eine der giftigsten Stalkerinnen der Szene entstieg, ich entriss ihr den Wagen und fuhr in den Wedding zu meinem Boyfriend und ließ mich in den Arm nehmen.

Die Premiere von „Diva gut“ habe ich also nicht miterlebt. Aber mehrere Male in den folgenden Wochen hatte ich noch Gelegenheit, das Programm anzuschauen. Emotionalisiert wie ich war, erwischte mich die Show tief im Herzen. Es war auch mit mein Baby, das dort unter großem Beifall wochenlang für ein ausverkauftes Haus sorgte. Ich war dankbar, Teil gewesen zu sein, stolz, ein paar Ideen geliefert zu haben und empfand es als Geschenk, an etwas so Großartigem mitgewirkt zu haben, mit diesen wunderbaren, anstrengenden, weisen, schönen, verletzlichen und starken Menschen – den „Singnutten“. Und den Goldfischen. Und nicht zu vergessen: den klagenden Keksen.

Der 4. Dezember 1998 ist heute genau 10 Jahre her. Let me take a bow to Georgette Dee, Cora Frost, Susanne Betancor, Mouron und Terry Truck. Aber wichtiger als der Jahrestag dieses Chanson-Happenings ist, dass meine Mutter seit zehn Jahren krebsfrei ist. Diva gut. Diva besser.

Edit: Und zum Thema Musik gibt´s heute von mir auch noch was hier in Nilzens undebattierbaren Top 100.