Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

JUDY SHEPARD: „THE MEANING OF MATTHEW“

„Das wollte ich Dir eigentlich gar nicht schenken, weil ich dachte, das macht bestimmt keine gute Stimmung“, sagt Herr Strike, als er mir das Buch überreicht, das anderthalb Jahre lang auf meinem Wunschzettel auf mich wartete.
Ich habe es gestern fast durchgelesen. Was mich davon abhielt, war die Zeit, denn ich musste es alle paar Seiten aus der Hand legen, um nach Fassung zu ringen. Wenn eine Mutter über ihren ermordeten Sohn schreibt, seine Geschichte von klein auf bis zu den letzten drei Tagen im Koma, die Schockwelle, die von seinem Tod und der Tat, die dazu führte, durch das Land ging, das hat mich tief bewegt. Ich bin gestern nacht drei mal aufgewacht, nassgeschwitzt. Als ich nach dem dritten Mal gerade wieder einschlief, holte mich ein Geräusch in die Wachwelt zurück. Der Buchumschlag war vom Nachttisch auf den Boden gefallen. Die Geschichte lässt mich seit zehn Jahren nicht los und wird nie aufhören, mich zu entsetzen.

Das Buch.

matthew

Früherer Beitrag.

VITA

Man hat es nicht so ganz vermasselt, wenn man dereinst dem Patenkind berichten kann, wie es war, in den Laufsteg-Trainer verliebt gewesen zu sein. (Weshalb der mir gerade heute einfällt – Dog only knows.)

TANTE GISELA

Vermutlich, weil meine Mutter sich nicht vorwerfen lassen wollte, die Schwiegereltern (zu denen sie kein gutes Verhältnis hatte) als Babysitter zu missbrauchen, bekamen meine Schwester und ich eine Babysitterin. Ulrike, die damals noch zur Schule ging. An Ulrike als Babysitterin kann ich mich nicht erinnern, denn irgendwann übernahm den Job ihre Mutter, die Tante Gisela. Babysitterin ist eigentlich nicht die richtige Bezeichnung, aber damals gab es wohl den Begriff der Tagesmutter noch nicht. Wir wurden ein paar Mal die Woche bei (Nenn-)Tante Gisela abgeliefert, dort entertaint, spielten im Garten, fütterten Gänse, bekamen hausgemachte Pommes Frites.

Wie sehr wir Familienmitglieder wurden begriff ich erst vor 10 Jahren, als ein Bekannter meiner Eltern bei Tante Gisela zu Besuch war, und dort an der Wand hingen immer noch Kinderfotos von meiner Schwester und mir. Der Kontakt zu ihr war längst abgerissen, wie fast alle Kontakte, die mit dem Dorf zu tun hatten. Dumm, denn viele der schönsten Erinnerungen an die Kindheit verbinde ich mit ihr.

Am Freitag ist die Beerdigung und ich schäme mich zu sehr, hinzugehen. In den letzten Jahren war sie erblindet, erfahre ich jetzt, aber, wie ich sie einschätze hingen die Fotos von Glam mit sechs und der Schwester mit neun noch immer an der Wand im Wohnzimmer.

Liebe Tante Gisela. Es tut mir Leid. Mach´s gut! Ich hab Dich lieb.