Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

GLAM KALIBRIERT SEINE PERSÖNLICHKEITSMATRIX oder RUBBERBAND GLAM

Der ganze Tag war dann wieder sehr „Sex and the City“ – jedes Gespräch wichtig, richtig und pointiert, die Menschen um mich schön und smart, die Stadt pittoresk mit ihrem angeberischen Wolkenhimmel. Ich habe so ein Glück mit meinen Nachbarn, der amerikanischen und Herrn Bomec, und vor allem mit meinem Roomie, vor dem ich am Sonntag morgen geflüchtet bin, weil er sah, wie es mir ging und genau die richtigen Worte sagte, die mich aber bei ehrlicher Beantwortung die Fassung gekostet hätten. Die Fassung ist abbezahlt, gerade, aber Fassung ist ja eher eine Miete als ein Kauf, eine mobile Immobilie. Ein schöner Tag gipfelte in einen schönen Terrassenabend und endete mit dem Präsentieren von Tagebüchern – also fast wie Bloglesen, musikalisch untermalt von Björk und Kate, mit Weißwein und viel zu vielen Zigaretten.

Intensiv, dieser Sommer, sehr intensiv. Und jede Diva in meinem Leben ist genau am richtigen Platz. (Nur Miggi könnte etwas näher wohnen, vielleicht hätten wir weniger Drama (oder ständig), wenn wir uns häufiger sehen.) Ich habe das Gefühl, ich readjustiere gerade meine Erwartungshaltungen auf eine sehr gesunde Art und Weise und widme diesen Prozess Heidi. Emotionale Überrumpelung ist eine Sache, das Sortieren des Chaos, das sie hinterlässt, mit einem Mal sehr viel leichter. Whatever happens. What really matters. And if you haven´t noticed yet – I´m under the spell of the Red Shoes: Rubberband Glam. (Strecken, Dehnen, Schöpfen, Streuen.)

GLAMOUR-MUM

„Und was machst Du am Wochenende?“
„Meine Affäre aus dem Frühjahr kommt übers Wochenende – der Venzuelaner.“
„Ach, das ist schön. Da freust Du Dich sicher.“

Dieses Gespräch mit meiner Mutter wäre vor 15 Jahren schlicht unmöglich gewesen und auch unvorstellbar. Es hat sich was getan.

GLAM HEARTS ANNE RICE

„I will probably miss the ritual, the liturgy, going to Mass, going to holy communion, but I really couldn’t go anymore,“ she said. „I was too angry. I was too confused. That clergy abuse scandal, the defensiveness of Catholics about that scandal, their anger at not wanting to hear about it, not wanting to know what had happened with priests abusing people sexually and then being transferred to parish — from parish to parish, I mean all of that was too much. I was — I was sitting in church in a beautiful environment with beautiful music wanting to pray and I was too angry and too confused to be there. I had to leave. It was coming between me and God to be in that church. And the church should be the place that helps you get close to God.“

HOME FOR CHRISTMAS

So richtig ins Herz gewachsen ist er mir, als ich diese Nachricht von ihm bekam:

„You seemed so sad all day that I didn’t want to leave you. And of course you’re not alone with S. there. But still, I wanted to take care of you like you’ve been taking care of me. I really empathized with how hurt you were by your experiences of disrespect this weekend. And I want you to know I’m nearby if you want to talk more or need company.“

T. aus S. holt mich von der Arbeit ab und wir fahren zum See – das war unsere erste gemeinsame Aktivität, als er vor zwei Wochen kam, und an seinem letzten Tag kann er auch noch mal Ruhe gebrauchen, bevor die Reise weitergeht, zunächst nach Prag, dann Krakau und Auschwitz. Ich hoffe, dass die goldene Stadt ihm wohler gesonnen ist als mir und der Porno-Queen.

Der See ist, wie immer an einem Wochentag, schockierend leer. Wir zischen ein paar Bier und aus der Hauptkammer eines der Boote zischt es zurück. Zurück in der Stadt hole ich Take-away beim Inder, während er sein Backpack bei Herrn Strike abholt, der immer noch im Brandenburgischen Doppelkopf spielt. (Später am abend frage ich Strike „Sag – ist Deine Wohnung nach T.s Besuch auch sauberer als vorher?“ und er bejaht.) Eigentlich hatte ich zu T.s abschied eine kleine Terrassenparty geplant, mit all den Jungs, die ich ihm vorgestellt habe, aber dann muss er am nächsten Tag um 5 aufstehen und die Art von Terrassenparty endet meist um die selbe Uhrzeit im Roses, also entscheiden wir uns für den kleinen Kreis. Während er skypet sitze ich mit einem Glas Wein mit viel Eis drin auf der Terrasse und S. kommt nach Hause.

„Dinner is on the kitchen table, we brought you Samosas and there´s these delicious sauces in the fridge and also some Indian bread.“
Als T. mit seinen Telefonaten durch ist sitzen, reden und trinken wir zu dritt – wir haben uns ganz gut zusammengerauft. Ich bekomme mal wieder ein sehr familiäres Gefühl, insbesondere als S. dasselbe formuliert, was mir auf meiner Fahrt ins schreckliche letzte Wochenende durch den Kopf ging. „It´s a beautiful summer, and I feel so happy!“

Während T. und ich einen Film anschauen – blöderweise habe ich „All about Eve“ nicht gefunden, so fällt die Wahl auf „Misery“, klingen aus S.´s Zimmer leise die Beatles.

Um 5.00 klingelt der Wecker, T. hat gepackt, wir nehmen uns in den Arm und ich gebe ihm „Eat, Pray, Love“ mit auf den Weg. „I only read through the „Eat“-part, but I think you´ll find a lot that reminds you of your own travels. Denn im Eat-Part geht es um Offenheit und Freundschaften, die man auf dem Weg macht. „Eat – pray! LOVE!“ ist auch das, was ich sage, als er die Treppe runtergeht. Und „And if you feel lonely around christmas – you come home to us!“Und ich weiß, dass es ihn wirklich erleichtert, dass er diese Option hat.

EXTENDED GLAMILY

Aus dem Nebenzimmer die Klänge von „Poltergeist“. „I´ve spend half an hour chosing a film and was about to give up – you´ve got too many!“ Sagt der S.
„I know.“ Mir geht´s ja nicht anders.
Mitten in „Best in Show“ eine Nachricht von T. „They didn´t let me into the cinema because I was one minute late.“
„Well, you can watch a movie here, if you like.“
Und so landet der eigentlich gerade bei Herrn Strike einquartierte Couchsurfer wieder bei mir.
„Oh – you´re back already?“ fragt S.
„Just visiting.“
„But he´ll be back tomorrow for another night before he leaves.“
Die Filmwahl fällt jetzt auf „Unconditional Love“ – der geht immer.
Aber ich merke, dass er eigentlich gerade gar nicht Film schauen will, sondern ein Gespräch sucht und das hat er hiermit gefunden. Es ist ein sehr gutes Gespräch, wahrscheinlich erst möglich durch meinen Meltdown am Montag, wo er genau das richtige getan hat. Ganz selbstverständlich da war, unerschrocken. Eine echte Hilfe. Jetzt kann ich ein bisschen zurück geben.

Den Film schauen wir nachher doch noch, und bevor er geht halten wir uns einen langen Moment ganz fest und ich wuschle ihm durchs Haar. Am Freitag geht seine Reise weiter.
„This, here – it has been the first time I´ve felt at home since February.“
Ich hatte mir sowas schon gedacht, schließlich sind nicht umsonst aus zwei Tagen zwei Wochen geworden.
„That´s because you´re family now.“

I GLAM WHO I AM oder THE KINDNESS OF STRANGERS

Entfremden. Wörtlich genommen wäre ja ein Entfremden ein Kennenlernen, aber sprachgebrauchlich bedeutet es den Prozess, sowohl als auch die Richtung: sich entfernen und miss- bis unverständlich machen.

Wenn ich es rückblickend richtig deute muss es mit einem der Herbstmanöver angefangen haben. Wer es nicht erlebt hat, kann es sich schwer vorstellen, aber es gab eine Zeit, in der die britische und die amerikanische Armee im beschaulichen Niedersachsen regelmäßig Krieg spielte. Ca 1978 schaue ich aus dem Kinderzimmerfenster, angelockt von dem Lärm. Draußen fahren Jeeps vorbei, ungeschickt gelenkte Panzer zermalmen Bürgersteige. Camouflage-Uniformen, Tarnnetze – sehr sehr spannend für ein Kind.

Es kam vor, dass eine Einheit auf dem Vorhof vor unserem Haus Pause machte. Mein Vater sagte dann „Na, bring den Tommies mal ein Bier“, was ich auch aufgeregt und brav tat. Ich verwickelte dann die Jungsoldaten mit meinem Mini-Wortschatz in Gespräche, in denen es in der Regel um Kate Bush ging, wegen der ich ja angefangen hatte, mir Englisch beizubringen. Natürlich verknallte ich mich ständig, und nein, ich habe keinen Uniformfetisch entwickelt und mein Geschmack hat sich im Lauf der Jahre eher weg vom Soldaten hin zum Weird-America-Neo-Hippie entwickelt. Aber diese Gespräche haben mich sehr geprägt, weil die Soldaten so weit von mir weg waren. Fremde, die in einem abgekapselten Dorf genau so gut Aliens hätten sein können. Sie waren der Beweis, dass es da draußen noch etwas anderes gab als Tannen, in mehreren Generationen geführte Kleingeschäfte (mittlerweile sämtlich ausgeneriert), toupierte Dauerwellen und hässliche Schuhe.

Die Soldaten waren mit Kate Bush und dann der Hollywood-Obsession die ersten Methoden, mit denen ich mich entfremdete – von der Familie, vom restlichen sozialen Umfeld. Als das Alien, das ich war, und als das ich erkannt wurde, machte es Sinn ein paar Schritte weiter zu gehen und zu der gespürten Entfernung noch eine zusätzliche zu schaffen, einen Ort, wo man mich nicht erreichen konnte, der symbolisierte, was eh schon der Fall war – ein schwules Kind, in einer Zeit, in der das eine Schande war.

Der Fremde an sich, das hat sich in all den Jahren nicht geändert, sondern verstärkt, übt nach wie vor eine Faszination auf mich aus. Deshalb vermutlich Couchsurfing und so viele Englisch sprechende Freunde. Zwischen meiner Herkunft und meinem jetzigen Sein liegen, wie ich an diesem Wochenende einmal mehr erfahren hab, Welten. Ich bin noch immer das Alien, aber meine Eltern haben gelernt, das zu akzeptieren, wenn sie es auch vielleicht nicht nachvollziehen können. Sie haben es aufgegeben, mich verändern zu wollen und die Anzahl von schlichten Hemden, die meine Mutter für mich kauft, ist in den letzten Jahren drastisch gesunken.

In Kate Bush und den Fremden habe ich ein Ventil gefunden, meine Realität zu verschönern und einer spießigen bösartigen Umgebung zu entkommen. Es gibt eine Theorie, die besagt, dass Transsexuelle nicht notwendigerweise das Geschlecht wechseln möchten, sondern möglichst viel Distanz zwischen ihr altes und das gewünschte Ich bringen. Ich bin froh, dass mir dies Dank Kate ohne OP gelungen ist, so kann ich Glamour UND Dick haben.

Das alles ging mir auf der gestrigen Autofahrt durch den Kopf, während ich eine schwere depressive Phase damit bekämpfte, mir vorzustellen, wie ich Kate Bush bitten werde, ein paar Zeilen für den Buchrücken zu verfassen, verbunden mit einer Erklärung, warum sie für mein Sein und Schaffen so viel bedeutet. Meine Laune stabilisierte sich. Ein wenig. Als ich nach Hause kam, da waren T. aus Seattle da und S. aus Manchester, und ich fühlte mich sehr Tennessee Williams – I can always rely on the kindness of strangers. Ich wurde getröstet. Von Fremdsprachlern, die keine wirklich Fremden sind. Im Gegenteil.

ANYTHING BUT FLAT

Durch´s Gröbste sind wir wohl durch, meint er. Zwei Wochen haben wir uns beschnüffelt, irgendwie. Wie Cartoon-Spione auf der Parkbank-sitzend, über die Tageszeitung linsend. Nicht wirklich. Ich habe aus dem Augenwinkel verfolgt, wie er so ist und das Bild, das man sich eigentlich von jemandem macht, pinselte sich von selbst. Ich bin nicht skeptisch an die Situation heran gegangen sondern frohen Muts, ich wäre nicht Glam, sonst. Die mittlerweile wieder in München residierende Mitbewohnerin hat den Weg geebnet – der neue Mitbewohner schreitet stolz in ihrer Tradition. Wonderful people. Wir sind immer noch ein bisschen vorsichtig miteinander, aber in a good way. Dann kommen immer wieder Momente intensiver Offenheit, ich glaube, weil wir beide wollen, dass dieses miteinander Wohnen funktioniert – uns ist beiden daran gelegen.

Momentan sind wir zu dritt. Ein Couchsurfer auf Weltreise ist hängen geblieben, und es macht mich froh, dass er hier seinen Zwischenstopp macht, um sich zu sortieren. (Er bewohnt das Arbeitszimmer, seit 10 Tagen schreibe ich vom Bett aus.) Drei unterschiedlichere Menschen kann man sich kaum vorstellen; das einzige, was wir gemein haben ist Rufus Wainwright. T. aus Seattle mag am Liebsten die Judy-CD, S. aus Manchester liebt die Songs for Lulu und ich aus Berlin bleibe bei Want 1 & 2 und Release the Stars. Sie sehen – wir sind dann doch sehr verschieden.

Und natürlich die Gäste. Was wäre die Sommer-Mansion ohne Terrassen-Gelage? Und was wären die Boots-Ausflüge ohne neue Star-Gäste? Der Sommer hat spät begonnen, aber er macht an Qualität wett, was er quantitativ in Tagen missen ließ. Fast schade, dass ich dieses Wochenende nicht in Berlin bin, aber gut zu wissen, dass auch ohne mich hier Leben in der Wohnung (und auf dem See) sein wird.

Ich wünsch Euch allen ein traumhaft schönes Wochenende und denk an Euch, wenn Ihr auf dem See seid. Kiss to Lucky and Kitty and Bomec!