Roxana, Mandy, Raik, Pemmela, Rocco, Madleen, – alle sind sie hier und scheinen ihre Verwandtschaft eingeladen zu haben – es ist als seien Neuruppin, Pritzwalk und Altdöbern evakuiert worden. Schon der Einpferchungsprozess gleicht dem in einem Gefangenenlager. Trillerpfeifen pfeifen, billige Deos stinken gen Himmel. Mütter mit fettigen Haaren und Töchtern in Polyesther-Prinzessinnenkostümen. Versprenkelte Homosexuelle in stonewashed Jeans, mit Haarsprayverklebten Ohrmuscheln und goldenem Ohrknopf. In Schüben werden die Massen ins Lager gepresst. Schon jetzt ist Herr Dick sich bewusst, dass er sich mitten in einer gewaltigen Angstexposition befindet. Leider zählt sie therapeutisch nicht, weil er zuvor mit Lucky schon ein Gläschen Wein gezwitschert hat. Das war auch bitter nötig, denn nüchtern hätten die beiden es nicht einmal bis zum Pressetresen hinter der Absperrung geschafft.
„Wollen wir nicht doch lieber zum Turmspringen?“
Fünfeinhalb Pro7-Hostessen hatten sie quasi angefleht, die benachbarte Veranstaltung zu besuchen, doch Glam und Lucky wollten etwas anderes, sie wollten den Leuchtturm, Piraten sein, sie wollten fliegen, mittendrin, nicht irgendwie irgendwann, sondern jetzt. Nena im Velodrom.
Selbst das Zuführen von Substanzen verändert die Wrestle-Mania-Stimmung in den Hallen und Fluren der Veranstaltungsstätte nicht ausreichend. Soviel Alkohol wie es bräuchte, sich das binnen drei Jahren enorm explodierte Nena-Publikum schön zu saufen gibt es nicht. Es wird besser als die Vorgruppe Klee spielt. Weil das Licht ausgeht. Und man nicht länger Mandy auf die Minipli schauen sondern einer Judith Holofernes-Epigone in Jeans und mit großen Brüsten über enger H&M-Bluse beim Singen des Aldi-Songs („Dies ist für Aldi, dies ist für Aldi“) lauschen konnte und der visuelle GangBang-Rape ein Ende hatte. Zwischendurch wird es noch einmal schlimm, weil das Licht wieder angeht und die Bühne umgebaut werden muss, aber dann, zwei Bier später springt Deutschlands geilste Entertainerin (und das ist sie, ungeschlagen, und ich bitte die Leser, alle Talkshow-Auftritte von ihr mal kurz zu vergessen) auf die Bühne und man spürt es – wieder einmal hat sie, zu Freude des Publikums, ihr Ritalin nicht eingenommen. Wer noch nie auf einem Nena-Konzert war – selbst Schuld. Wenn es je ein deutscher Entertainer verdient hat, den Titel „Singnutte“ zu tragen, dann sie. Und wer jetzt empört die „Nutte“ moniert – don´t go on reading, learn some essentials.
Ihre Fähigkeiten als Chorleiterin für mehrere Tausend werden selbst von Gotthilf Fischer nicht in den Schatten gestellt. ALLE SINGEN MIT. Streckenweise singt Nena nur noch zwei Zeilen und überlässt den Rest des Liedes dem Publikum. Diese Eigenart, die ich bei früheren Konzerten manchmal als ihre persönliche Langeweile vor und Übersättigung mit den alten Hits gehalten hatte, ist mittlerweile sehr homogen entwickelt worden. Alles sehr diaolgisch, pardon, duettistsch. Und ich muss nicht erwähhnen, dass Glam gerne, sehr gerne, wenn auch schlecht singt, eigentlich eher auf Dächern, aber zwangsläufig auch auf Nena-Konzerten.
Nach zwei Liedern ist das Publikum ausgeblendet. Egal wie die aussehen, singen können sie wie ein Mann und eine Frau. Zwei Stunden, die fast komplette neue CD und fast alle Golden Oldies später ist Schluss. Aber Nena ist berüchtigt für die anderthalbstündigen Zugaben, die sie in Berlin in der Regel gibt. Und dann hat das Publikum, dem mittelerweile Beine, Kreuz, die Hüften- und Zahnprothesen schmerzen vor lauter Mitsing-und Tanzseligkeit die Grande Dame wieder aus dem Backstage herausgeklatscht. Und jetzt beginnt der wirklich überraschende Teil des Programms.
VITAMINS, BANG BANG und OLD SCHOOL manic-electro-hypnotisch aneinander gereiht, hochgestapelt und durchgewirbelt. Eine Disco-Light-Show in mini-gigantischer silbergreller Karaokebox. Nena zipp-zappelt, schreit, trommelt und gibt mehr als alles: Waldorf on crystal meth.
Nachdem mich beim dritten typischen Nena-Konzert die Wiederholung des Gestrigen schon ein klitzekleines bisschen irritiert hatte und an Judy-somewhere-over-the-rainbow-Garland und Liza-Cabaret-Minnelli gemahnte, zercrasht die Lady in der Zugabe ihre Sandschlösser und Vulkanstänze und zeigt, dass eine Mittvierzigerin auch im Hier und Jetzt und auf dem Dancefloor akut, wichtig und genial sein kann. Und, man stelle sich vor: ALLES OHNE ABBA SAMPLES. Ich verneige mich. Und wenn das nächste Nena Konzert nur eine halbe Stunde dauert, dann finde ich das auch okay.
Ziemlich beseelt verlassen Lucky und Glam das Velodrom und beschließen, in Zukunft mehr Vitamine zu nehmen. Und das tun sie dann spontan und es wird noch eine lange rauschenden Ball-Nacht.
Fazit: Nena wird immer hübscher, ihr Publikum immer hässlicher. Aber Singen, dit könnse.