Archiv des Autors: glamourdick

LEBENSWERT oder PISAFICKEN

Belgien hat ja seit ein paar Jahren den Ruf, nicht nur hervorragendes Konfekt sondern auch krasse Kinderschänder hervorzubringen. Denk ich an Belgien fällt mir also erst einmal Dutroux ein. In England blickt man ebenfalls auf eine traurige Zeit zurück, in der ein Kind nichts war als eine Arbeitskraft. Aus den traurigen Bedingungen der Arbeiterklasse, wie Engels sie so schön aufdeckte, entstand dann eine morbide Faszination mit toten Kindern. Die gehören zum Repertoire der Englischen Romantik wie die tote und die tödliche Frau.
Wird Deutschland jetzt als das Land der pragmatischen Kinderentsorgung in die Geschichte eingehen? Weil Brandenburger Bräute und Thüringer Tussis ihre Kinder nach der Geburt einfach in Frischhaltefolie wickeln und in der Garage ablegen? Ich habe mich schon immer gefragt, welchen Sinn und Zweck Zwischendecken haben, aber für eine schwangere Gymnasiastin sind sie äußerst funktional. Was in einem Hirn vorgeht und in der Seele, wenn es nun das zweite Mal passiert. Ob der Kausalzusammenhang zwischen Ficken und Gebären dann wohl geläufig word? Wahrscheinlich nicht. Denn es gab ja neun Monate später noch das dritte Kind zu entsorgen. Was sich in solchen Köpfen angesichts eines Kinderwagens wohl abspielt… nichts vermutlich.

Die Scham, sich als sexuelles Wesen und Fortpflanzer zu enttarnen bringt diese Frauen dazu zu tu, als sei nichts. Sie gehen halt etwas gebückter, dann fällt das mit dem Bauch gar nicht auf. Und der Geburtsakt ist wie einmal besonders schmerzhaft aufs Klo gehen. Und – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – was dann da zwischen den Beinen rausglitscht ist für die der größte Scheiß den sie je gebaut haben. Also weg damit. Und obwohl die Handlungen dieser Frauen auf einer Prägung basieren, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt, passt dieser Wegwerfakt ziemlich gut in dieses Land zu dieser Zeit. Wahscheinlich liegt´s am Euro, dass die Deutschen ein Problem mit dem Wert an sich haben.

WHAT A MESS – GLAM TURNS GREEN

Kennste eine kennste alle. Bei der Frankfurter und Leipziger sind die Menschen vielleicht etwas besser gekleidet, aber die Luft ist genau so stickig, das Gedrängele genau so asozial, die Wege viel zu lange, so dass einem nach anderthalb Stunden schon alles weh tut und ein böser klebriger Film die Gesichtshaut bedeckt. Gestern waren es 6 Stunden, die ich mit Mama Dick und Auntie Dick durch die bunte Erlebniswelt einer Messe stiefelte. Grundsätzlich fühle ich mich als mehr oder weniger in Therapie befindlicher Sozialphobiker in potentiellen Shopping-Situationen recht entspannt. Weil ich mich auf Waren konzentrieren kann und den Blick auf die Menschen vermeiden kann. Gestern waren es aber so viele Menschen, dass ich sie kaum ignorieren konnte, so dass ich das Ausbleiben von Panik auf die Anwesenheit von Familienmitgliedern zurückführe. Ansonsten hatte nämlich die Grüne Woche alle Ingredenzien für eine Panikattacke. Virenschleudern überall, Drängelei, üble Gerüche, aggressives Marschieren. Die Angst blieb aus. Anders vor einigen Jahren, als ich mich mit der Pornoqueen über die so bezeichnete Erotikmesse bewegte. Da gibt es sogar ein Foto von mir im Stadium der Panikattacke, nicht schön. Von der Grünen Woche kam ich mit einem Duft behangen zurück – sagen wir ukrainisches Brathuhn. Aber immerhin roch es nicht nach Old Spice, Poppers, Achselschweiß und Muschipups. Und es waren deutlich weniger Handkameras vor Ort. Einmal im Leben Grüne Woche reicht. Ich fühle mich jetzt noch etwas ausgehöhlt.

MAC, THE KNIFE

Und von einem Tag auf den anderen zippelt der neue Mac beim Seitenaufbau. Kommt gar nicht klar, ist ganz verwirrt – eine SEITE? Soviele BILDER?? Eine Mailbox soll er öffnen? Da stottert er und ist gehemmt und schaudert und ich auch.

SCHWUND

Und dann das Problem, dass man sich einen zukünftigen Partner eher danach aussuchen würde, dass er nicht so toll ist. Weil man dann ja mithalten müsste, wenn er so toll wäre. Und einem das Sorgen macht, ob man das auf die Reihe kriegt. Und es doch erfahrungsgemäß so viel einfacher ist, wenn man selber nicht ganz so doll verknallt ist und der andere einen lieber hat als man ihn. Aber dann hält das Gefühl meist auch nicht so lange und dann kann man ja fairerweise besser einfach nur Sex haben, als eine halbherzige Beziehung mit jemandem, den man nicht soooo toll findet.

GIRLS´ NIGHT OUT: BOYS´ NIGHT IN

– Romy and Michele´s High School Reunion
– Unconditional Love (der viel besser „Amazing Grace“ gehießen hätte)
– Connie + Carla

Und das mit zweien, die auch bei solchen Filmen heulen müssen. Spätestens wenn Belinda Carlisle zu singen anfängt. Und die den Text von „I´m gonna wash that man right out of my hair“ kennen. Schön! Und jetzt mit Mama Dick über die Grüne Woche.

DIE AMERIKANISCHE NACHBARIN KOMMT MIT NEUIGKEITEN

„Glam! You won´t believe it!“
„You won? You won!?“
„There´s a new Plusmarkt on Reichenberger Straße, they just opened! It´s huge! And they are open on Sundays from 13 bis um 16 Uhr!“
„Oh wow.“
„And this Sunday da ist 10 Prozent auf everything. Außer Alkohol und Zigaretten!“
„Hm.“
„Oh. I see.“

DICKE

Sex mit wechselnden Partnern, zeitgleich. Und während ich gerade meine Zunge an eine Körperöffnung presse der Gedanke „Hepatitis ist ja auch wieder im Kommen.“ Ich werd alt.

AVANT CONCERT, DEUX GARCONS, VERY LUCKY, VERY GLAM

„Kuck mal da, der die CDs verkauft – das ist doch Vögelchen, der hat doch mit uns Theaterwissenschaften studiert.“
„Der ist aber ganz schön füllig geworden. Gar nicht mehr so ein Vögelchen.“
„Da winkt Dir jemand.“
Glam winkt dem sonnenbebrillten älteren Herrn mit der Fönfrisur zurück. „Über den kannst Du jetzt sagen, was Du willst, aber das ist eine ganz gute, liebe Seele. Das letzte Mal hab ich ihn getroffen, als ich mit der Pornoqueen beim MDR in irgendeiner blöden Vorabendshow war.“
„Bei der Pressekonferenz hat sie gesagt „Mein Gesicht ist von R.K.“
(Beide lachen.)
„Kuckma – das ist das erste Mal, dass ich jemanden aus der RWF-Clique bei Ingrid sehe. Die konnten sich doch nie ausstehen.“
„Na ja – ist ja dreißig Jahre her. Die Irm sieht besser aus als damals.“
„Aber der Harry ist alt geworden. Wenn ich daran denke, dass… argh. Möcht ich gar nicht dran denken.“
Eine kleine Dunkelhaarige, in den letzten 15 Jahren völlig ungealtert, drängelt sich an mir vorbei.
„Das war G. Die kennt mich auch nicht mehr.“ Wobei das „auch“ fehl am Platz ist, denn alles in allem kennen ich ca 10% des anwesenden Publikums. Davon wiederum die Hälfte persönlich. Aus der Vergangenheit. Dann kommt Salomé und ich freue mich sehr ihn zu sehen. Er schenkt mir eine CD. „Du kommst doch nachher noch ins Florian?“

Im Parkett, Königsplätze, 10. Reihe Mitte. Die Kleine G. eine Reihe vor uns neben der Filmproduzentin. Harry und Irm haben nur Seitenplätze bekommen – wahrscheinlich haben sie sich zu spät durchgerungen, teil zu haben. Die Ingrid war aber auch immer so eigen!
„Ach – ich hab Dich gar nicht erkannt. So blond.“
„Gut siehst Du aus, G.“ Und ich meine es ehrlich.
„Bei wem bist Du denn jetzt?“
Ich überlege kurz. „Bei mir.“ Was sich gar nicht schlecht anfühlt, so ganz raus eigentlich aus dieser Welt von Premieren und den Abstürzen danach. Große Egos in Planetenkollisionskurs, ich immer ein Mond, der um die Sonne kreist. Mit Mitte 20 nicht der schlechteste Job.
„Das könnte historisch werden, nachher im Florian, willst Du nicht doch?“
„Nee. Das wird nur unterschwellig. Alle werden nett zueinander sein, vor allem zu ihr, und keiner wird über das Konzert sprechen. Als Drehbuch wäre das spannend, aber in der Wirklichkeit…“ Außerdem gibt es keinen Glamourfaktor mehr zu toppen, wenn man in ähnlicher Personenkonstellation der Überreichung eines Ehrentitels der französischen Regierung in der Französischen Botschaft beizuwohnen geladen war. Da bin ich mit Cora gewesen und sie hatte danach einen wunderschönen Text über den Schokoladenorden und seine Trägerin verfasst.
Und nachdem sich das Publikum durch wiederholtes staunendes Umschauen ausreichend miteinander vertraut gemacht hat, geht endlich das Saallicht aus, der Staub auf den prächtigen wuchtigen Reliefs des BE darf sich wieder schlafen legen, ein Playback erklingt und auf hochhackigen Pumps stapst (ja, an dieser Stelle eine Wortschöpfung), stapst also das blonde Singwunder mit dem Ehrentitel in einem schwarzen frilligen, zuppeligen, glorios schlichtverwurschteltm Abendkleid auf die Bühne, man beneidet sich nicht um die Schräge des Bühnenbildes – gefährlich sieht das aus, so wie alles an ihrem Act mit Gefahr behaftet ist – bleibt an der Ecke stehen, lehnt sich lässig an und ergreift die Macht. Während im Foyer ein ektoplasmischer Rollstuhl steht, von niemandem beachtet, und sein Besitzer sich das Programm heute vom Rang aus anschaut.

EMPFÄNGER BEKANNT

Note to self: Nach drei Vodka-Cranberry vielleicht besser nicht die große Konzertrezension schreiben. Aber besser, hier zu sitzen und alles zu verdauen (no other word for it), als im Florian mit ihr und den Glückwünschern. Trop émouvant. Ich kann jetzt nicht hingehen und sagen „Danke – es war so schön“, denn es war mehr und mehr als nur „schön“. Und ich mach jetzt auch nichts mit Adjektiven. Stattdessen, wie sie, zünde ich eine virtuelle Kerze an für Peer Raben. Danke für die Melodien, danke für den Soundtrack. Und eine für die, die noch lebt, und ohne die diese Welt so weitaus unglamouröser, unrotziger und untrotziger wäre. Die immer wieder neue Räume öffnet. Sich einen Dreck schert, bei allem künstlerischem Kalkül. Echter präsentiert, als der gesunde Menschenverstand es zulassen würde. Ich glaube, Lucky wird das Konzert besser in Worte fassen als ich. Ich kann nur sagen: Ingrid – eine Welt ohne Sie wäre ein Ort, an dem ich viel ungerner leben würde. Ich sage Dankeschön für Sie, Ihre Kraft, Ihr Können, Ihr Dasein. Und Danke, dass ich ein kleines Teil in dem Puzzle sein durfte. Dafür hat es sich gelohnt, 10 Jahre in der Musikbranche gestrandet gewesen zu sein.
Much Love and Respect,
yours,

das Glammchen.