WICKED, WICKED, WICKED

spellbound

Heute morgen bin ich komisch aufgewacht. Nicht im Sinne von lustig. Irgendwas stimmt nicht in meinem Leben, aber ich kann nicht den Finger darauf legen, was. Zu wenig Finger, das kommt noch dazu.
Jetzt geh ich in mein Arbeitszimmer, das mit den ganzen Disney-Hexen und 30ies-Möbeln nach Shanghai Express aussieht und konzipiere einen Heimatroman, in dem schon eingangs eine Comedy-Performerin in den Knast kommt. Und versetze mich in eine Frau und schreibe in Ich-Form. Wozu habe ich schließlich eine Therapeutin?

Heute werde ich sie vielleicht mal fragen, was es mit den Disney-Hexen auf sich hat.

CRAZY LADIES UND BESCHEUERTE TODESURSACHEN: LYA DE PUTTI

lya
Lya De Putti war Sally Bowles´ Lieblingsschauspielerin. Wie im Falle der Lupe Velez ist Lyas Tod spektakulärer als ihre Filme. Um ihren Liebhaber zu zwingen, sie zu heiraten, trat sie in einen Hungerstreik. Als der Liebhaber sie überraschend besuchte, wusste sie nicht wohin mit dem Hühnerschenkel, den sie gerade heimlich knabberte. Sie schluckte und verschluckte sich. Tod durch Ersticken.
Sagt man.

PARTY PARTY PARTY oder WER DIE WAHL HAT

Kai: „Was ich am Wählen am meisten hasse sind diese beschissenen Wahllokale in Hauptschulen. Linoleum und Jungenschweiß. Ekelhaft.“
Ich nickte zustimmend, während unsere Sneaker auf dem Linol quieken.
„Darf ich auch betrunken wählen?“ traute ich mich nicht zu fragen, denn da ich meinen Wahlschein verschlampt hatte, wollte ich nicht noch unangenehmer auffallen.
Stattdessen sagte Kai zuhr Wahllokalbarfrau „Der hat keine Stimme mehr – kann er sie trotzdem abgeben?“
„Die Stimme ist wegen heftigen Karaokes in der Lübbener Straße geblieben, ich habe sie nicht etwa schon Frau Merkel gegeben!“ krakelte ich auf einen Zettel und gab ihn der Walhllokal-Frau. Sie lachte, gab mir meinen Wahlzettel und schickte mich hinter die kleine Verschanzung. Dort prustete ich los, als ich den Namen der Anarchistischen Pogopartei las. Auch im Wahlhäuschen links von mir lachte jemand. „Wieviele Kreuze darf ich denn machen?“ rief jemand von rechts.
Beim Eintüten des korrekt gefalteten Scheines bemerkte mein Hintermann mein Passfoto auf dem Ausweis.
„Das ist aber ein hübscher Hintergrund. Himmelblau!“
„Ja, aber ich sah total Scheiße aus, als ich das Bild habe machen lassen.“ krächze ich.
„Nicht den Ausweis in die Urne!“ Warnt Kai gerade noch rechtzeitig.
„Und ich habe nicht die Merkel gewählt“ erzähle ich Wahlbardame Nummer 4. „Gilt meine Stimme noch, wo ich jetzt mein Wahlgeheimnis gebrochen habe?“ Sie nickt. “ Dann bin ich ja beruhigt.“

WEIN, WEIB, GESANG ODER 1001 WEIMARANER

Es gibt Tage, die möchte ich heilig sprechen. An denen alles stimmt. Alles selbstverständlich von selber geht. Eine Blondine kommt die Treppe hoch und man hat sich lange nicht gesehen. Eigentlich noch nie. Von „von 0 auf 100“ kann man nicht sprechen, denn weil der Tag einer dieser heiligen Tage ist, besteht gar nicht die Möglichkeit bei 0 anzufangen. Man ist von 100 auf 1001, sozusagen. Und startet in die Nacht die sich entscheidet ebenfalls heilig zu sein. Trifft zuvor unbekannte Kollegen und perlt, schäumt. Gemeinsam ist man ein wohlduftender Schaum, der nach oben fliegt und um dem entgegen zu, denn wie abgehoben will man wirken, geht man in die Tiefe. Dort ist ein Licht. Und ein Monitor. Und zwei Mikrofone. Von nun an ist alles Gesang. Schräg, laut, manchmal sogar richtig wohlklingend. Eine Karawane von Hannis, Nannis und Kalle Blomquists zieht ein und macht Lager. Beduinen-Mönche und Shaolin-Kriegerinnen, böse balinesische Tänzerinnen, aparte gleichgeschlechtlich liebende Indianer. Wir kennen uns nicht und genießen, floaten bis die Stimmbänder Bandbrand erleiden.
Kalle Blomquists erwachsener Bruder mit den sinnlichen Lippen mäandert um Glamourdick, auf einem Fahrrad, das keinen Platz für 2 bietet. Vorne ein Korb, hinten kein Licht. Ein Matrose zieht die Fäden und die Karawane zieht zurück dahin, wo alles anfing, ins Dachgeschoss, auf das die Sonne strahlt. Es gibt ausreichend Papp-Utensilien für ein Frühstücksgelage. Jemand hat eine Legion von Backwaren beigesteuert. Glam trägt ein Tässchen Kaffee auf die Terrasse und sieht Kalle Blomquists Bruder in seinem Bett, mit einem Beduinen. Sie küssen sich. Glam erinnert sich an frühere Wohnungen, die Möglichkeit boten, sich unauffällig zurück zu ziehen, um zu weinen. Aber jetzt sind alle Zimmer verkarawansert. Er nimmt den Schlüssel zur Nachbarswohnung, die von einer amerikanischen Freundin bewohnt wird. Legt sich dort auf den Fußboden und ist dankbar für ein bisschen Traurigkeit. Denn sonst wäre der Tag fast unerträglich schön gewesen.

Ray: „Heute nacht ist er im SO, dann kannst Du ihm die Geschichte vorlesen.“
Glam: „Nein. Ich stell sie ins Netz.“

Aber vielleicht geh ich doch noch ins SO. Fuck. Ich verliebe mich gerade. In meine Gegenwart. Mal sehen.

Ray: „Süß!“

CRAZY LADIES: WARREN BEATTYS GROSSE SCHWESTER

Shirley MacLaine war lange Jahre eine große Heldin für mich. Wenn ich „Sweet Charity“ sehe, „Postcards from the Edge“ oder „Das Apartment“ kann ich nachvollziehen warum. Dazu kamen noch die Eso-Bücher die mich ein paar Jahre lang begleiteten und mir Hoffnung vermittelten, als ich noch an Glauben glaubte. Und dann war da noch die TV-Show „Illusions“, in der Shirley sich selbst spielte – als Künstlerin, Tänzerin, Schauspielerin, Autorin und Sängerin (ich gehöre zu den ca. 12 Menschen weltweit, die sogar ihre CD besitzen, aber ich habe auch die von Goldie Hawn und Bette Davis). Diese TV-Show konnte ich sprichwörtlich und sprechgesanglich auswendig. Sie half mir über meinen ersten Ferienjob in einer Fabrik, in der ich vier Wochen lang Gummiränder auf emaillierte Industriewaschbecken aufzog. An Highlight-Tagen durfte ich Emailtropfen aus den Becken schleifen! Während dieser –sagen wir- repetitiven Tätigkeit, die stets von unsagbar sexistischen, versauten, rohen, ekligen, mich-für-immer-prägenden dummen Sprüchen der Mitarbeiter begleitet war, sang-sprach ich innerlich arbeitstäglich die „Illusions-Show“ auf. Mit Moderationstexten und Songs! Bei 8 Arbeitsstunden und einer 45minütigen Sendung also … rechnet doch selbst. Bis heute verfolgen mich Textpassagen in Shirleys Intonation wie „George Bernhard Shaw and John Lennn both expressed a similar sentiment“ oder „I´m a person too. I´m a human. A someone. To me I´m important. Not something you spit on or hide in the corner. I´m a person, too.“ Ihre amerikanisierten Versionen französischer Chanson-Klassiker (und solchen, die es beinahe geworden wären) gehen mir nicht aus dem Kopf.
20 Jahre später ist Shirley auf die Rolle der „verrückten Alten“ abonniert Manchmal auch noch in Filmen. Sie hat ein Buch herausgebracht, das ihr Jack-Russell-Terrier über sie geschrieben hat. In einem anderen (ansonsten sehr schönen ) Buch über den Jakobsweg berichtet sie von ihrem Besuch des versunkenen Atlantis. Ein befreundeter Fotograf bezeichnet sie als die schrecklichste, übelste Heuchlerin, die er je ablichten musste. And Joan Rivers (das ist die amerikanische Comedienne, bei der die Vogelgrippe Désirée Nick 98% ihres Programms klaut) expresses a similar sentiment. Joan berichtet von ihren Erlebnissen als Opener für MacLaine in Las Vegas. Zum Ende der Spielzeit war es üblich, dass der Star seiner Crew ein Geschenk macht. Angesichts der Unsicherheiten in der Entertainmentbranche war das in der Regel ein Geldbetrag. Shirley MacLaines Crew bekam signierte Nagelpflege-Etuis. Sweet Charity, indeed.
„And first thing tomorrow morning: do something outrageous!“ (Regieanweisung: putzige Fratze schneiden und Schultern hochziehen.)

WAHRE FARBEN

Grad denk ich mir, was für eine schöne Geschichte so ein virtuelles Logbuch ist und möchte dem positiven Gefühl demütig Ausdruck verleihen. Veröffentlichen ohne Verlage, ohne Vorgaben, ohne Verkaufsdruck. Keine Kriterien außer meinen. Okay, gibt kein Geld für. Aber Freude geht auch ohne Geld.
Ich kann meine Elefantengeschichten loswerden und mich daran freuen, dass sie jemanden interessieren, aber selbst wenn nicht, wäre es egal – denn Gajneesha hat ein Auge auf mich, this I know. Ich kann Porno-Erfahrungen neben Gralsreisen stellen, von Crazy Ladies berichten, deren Wirken und Sein zu schade sind, um vergessen zu werden, kann mich an Erlebnissen hoch- und Begegnungen runterziehen, kann aufkochen, auftischen und abräumen, Kate Bush und Cyndi Lauper preisen und dreimal mit den Hacken klacken. A laugh and a cry and a tap to the foot. Plus: Slinky dicks galore!
Und was wäre all dies ohne die Kommentatoren, deren Seiten ich zur Inspiration, zur Freudfindung, zur Provokation und zum puren Genuss täglich entlang wandere. Und auch den unkommentierenden Lesern (ick hab doch ´n Counter – ihr entgeht mir nich) hiermit ein herzlicher Dank.
Barbies, Kens: Your true colors keep shining through. Beautiful. Like a rainbow.

bonnieclyde
(Links Bonnie, mittig Kate, rechts Clyde: These are a few of my favourite things. Kate Bush würde ihre Hunde bestimmt NICHT in New Orleans zurücklassen. Oder ihre Elefanten im brennenden Zirkus.)

THE SPIDER „LOVE“

Es ist schon das zweite Mal innerhalb der letzten drei Jahre, dass es die vermutlich dickste Spinne Berlins auf meine Terrasse verschlägt. Gerade jetzt sitzt sie in ihrem Netz vor dem Fenster, so dass ich ihr fasziniert angeekelt zuschauen muss, wie sie ein mittlerweile unkenntliches Insekt von ebenfalls beträchtlicher Größe einspinnt und in Kürze in ihre Speisekammer abtransportieren wird, sich aber schon bei der Spinn-Aktion unglaublich genüsslich Zeit lässt. Ja, es wird Herbst da draußen.

Und warum bloß fällt mir gerade jetzt ein, dass mir gerade jetzt immer wieder die Frage gestellt wird, ob ich eine Beziehung habe. Und dass von mir erwartet wird, dass ich mich dafür entschuldigen muss, dass ich nicht Bestandteil eines Paares bin. Heute fragte mich sogar jemand, ob es daran liegen könne, dass ich meinen homophoben Selbsthass auf potentielle Partner projiziere. (Wer mich kennt, muss jetzt lachen.) Fragt Ihr nur, denke ich dann, ich werde frisch und glücklich verliebt sein, wenn Ihr Euch schon längst wieder satt habt und an „frisch“ nicht mehr zu denken ist.

SETTING FREE THE ELEPHANTS

Angesichts des Lupe-Velez-Todesbeitrages berichtet die Spreepiratin von einem sukrillen Todesfall: ein Tierpfleger erstickte am Kot seines zu pflegenden Elefanten. Ich denke da wird sich der Elefant sicher etwas bei gedacht haben. Sind ja sehr intelligente Tiere. Habe erst kürzlich im Wartezimmer meiner Ärztin die ganzen Peta-Flyer durchgelesen und bin der Meinung, dass man alle Elefanten aus Zirkussen und Zoos befreien sollte. Die werden normalerweise 70 jahre alt, in Gefangenschaft eher 30. Und auch wenn es zu meinen schönsten Erinnerungen zählt, in Zürich mit der Porno Queen Taxi zu fahren, während neben uns ein Elefant seinen Morgenspaziergang macht, würde ich auch Zirkus Knie bitten, seine Elefanten laufen zu lassen. Die könnten ja Stephanie ausstellen. Irresistibel, der Gedanke. Ganz zu schweigen davon, dass Autofahrer angehalten wären, vorsichtiger zu fahren, denn wenn man einen Elefanten anfährt, dann erzürnt man die Elefantentanten.
stephanie
Und dann gibt es noch die ganz entsetzlich traurige Geschichte, die man in Stewart O´Nan´s „Circus Fire“ nachlesen kann. Im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts war es für Wanderzirkusse üblich, die Zeltdächer mit Paraffin gegen Regen zu imprägnieren. Es kam zu einigen legendären Bränden. Die Geschichte, die mir das Herz zerrissen hat, ist die von der Elefantentruppe, die in ihrem Stall ausharrte, trotz Feuer, weil sie auf das Kommando ihres (schon verbrannten) Pflegers warteten. Die haben es mit der Loyalität übertrieben und sind geradewegs in den Tierhimmel gekommen, wo sie sich mit Bambis Mutti und dem Hund meines Ex angefreundet haben.