Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

IT´S A BRAND NEW DAY

Mir gefällt seine Selbstdarstellung. Die Liedtexte, die er in seinem Profil hat. Die Fotos. Das Bild von Kate Bush. Mir gefällt, seine Geradlinigkeit in der Kommunikation. „Ich bin so und so – wenn das ein Problem für Dich ist, dann brauchen wir uns nicht treffen.“ Kein Problem. Und dann schickt er mir ein Bild, in dem er nur mit einer Pelzmütze, Sonnenbrille und einem Cockring bekleidet ist. Ich liebe die Kombination Ständer und grinsen. Wir beschließen ein Date-Date, kein Fickdate. In gefühlten 300 Jahren Romeo-Dating ist es das sage und schreibe zweite Mal, dass ich jemanden besuche (normalerweise spielt sich alles bei mir ab). Er gibt mir seine Adresse durch und ich stutze kurz. Die Straße kenne ich. Sie ist weit weg, in einem Bezirk, der die letzten zehn Jahre komplett ohne mich auskommen musste. Ich bin nicht einmal mehr durchgefahren, so wie Thelma (oder war es Louise?) einfach nicht durch Texas fahren wollte. Ich parke den Wagen. Sein Haus liegt direkt gegenüber des Hauses, in dem ich viel gelernt habe. Lebenslektionen.

Seine Wohnung ist wie er – stylish, bunt, verspielt, sexy, feelgood. Auf dem Küchentisch stehen Antipasti, frischer Salat. Er zaubert ein Dressing und wir reden und hören uns zu, schießen uns auf Themen ein, sind ehrlich und offen und merken vielleicht in dem Gespräch beide, wo wir gerade sind. Jeder für sich mit rußgeschwärzten Brücken im Hintergrund, von seiner steigt sogar noch etwas Rauch auf.

Wir reden über Sex, über Liebe, über Beziehung.
Ab Mitte 30 sind Date-Dates anders. Man hatte schon. Man weiß mehr. Man ist schon mehrfach mit dem gleichen Auto verunglückt und hat dann das Fabrikat gewechselt. Man hatte Dreier, Vierer, Sexparties. Man ist endlich mal nicht der Betrogene gewesen, sondern hat auch selbst schon betrogen und WEISS, dass es nichts an der Liebe geschmälert hat, weshalb man es getrost für sich behalten und seine Schuldgefühle mit sich selbst ausmachen konnte. Man vergleicht Kandiaten nicht mehr mit Exen sondern mit den Qualitäten, die man an den Freunden liebt.

Ich unterstelle jetzt einfach mal, dass wir beide gemerkt haben, dass wir emotional gerade involviert sind. Nur nicht miteinander. Und trotzdem fühlt sich die Umarmung zum Abschied gut an, innig, ehrlich. So, dass ich ihn noch einmal wirklich fest an mich drücke und es ehrlich meine. Es fühlt sich gut an.

Ich glaube, wir werden uns wiedersehen und brave Sachen machen wie Bootfahren oder Hollywoodschaukeln. Vielleicht werden wir auch in Pelzen Falcon Videos schauen und uns darauf einen runterholen. Oder. Oder.

Und wo ich nach dem perfekten Abschlussatz suche fällt mir ein, dass ich auf dem Weg zum Auto keinen Blick mehr auf das Haus gegenüber geworfen habe.

HOLLY, GO LIGHTLY! oder LOVESONG FOR A SCHAUKELMÖBEL

Die erste hatte ich nach Kriterien der Bequemlichkeit ausgewählt. Und nach Maßen. Sie passte exakt in die Quer-Ecke der Terrasse. Teuer war sie, für damalige Verhältnisse: 400 Mark! Abzugspunkte gab es für das Design: Türkis gemusterter Stoff wie die Sitzmöbel eine Auttobahnraststätte 1985. Und der Baldachin! Hier ne Bordüre, da noch Fransen, und wenn die Sonne draufschien und man saß darunter, dann hatte man eine Gesichtsfarbe wie ein Schlumpf, kurz vorm Kotzen. Aber hässlich war 1998 auch gleichzusetzen mit kann-schon-wieder-stylish-sein, und das war, bevor ich Grey Gardens gesehen hatte. Der Aufbau war mehr als kompliziert. Die damalige Mitbewohnerin und ich kämpften uns durch die Bedienungsanleitung und verzweifelten. Währenddessen klingelte das Telefon und eine Diva aus Paris erzählte von RWF, weshalb mir der Aufbautag noch sehr in Erinnerung ist.
Der Hund des Ex liebte es, unter der Schaukel zu ruhen während der Ex und ich, damals war er noch nicht der Ex, darauf knutschten. Es waren so Anita-Kupsch-Momente.

Irgendwann entdeckte ich die Sonne für mich und baute den Baldachin ab. Mit ein paar Decken über der Sitzfläche sah sie fast schon sexy aus. Und sie war bei meinen Gästen immer sehr beliebt, fast schon wie mein Boot, wenn es sanft auf dem Wasser schaukelt, auch da bekomme ich immer Pluspunkte verliehen.

Im vorletzten Jahr zeigte sie erste Alterserscheinungen. Die Auflagen waren marode. Flugs nähte mir die Spreepiratin neue, in einer unvergesslichen Versace-war-Türke-Deko. Aber kürzlich brach dann das Gitter der Sitzfläche und gestern trennten wir uns. Sie wird nun in einem Dorf nahe Falkensee ihre letzte Ruhe finden. In einem Garten, unter einem Kirschbaum. Ihr neuer Besitzer, ein Genie mit Werkzeugkasten, mit dem mich eine kurze Affäre und dann eine langjährige erfreuliche Nachbarschaft verbindet, fertigt eine neue Sitzfläche. Die Auflagen der Spreepiratin werden auf dem Dorf Neid erregen und eine Stilwende auslösen, des bin ich gewiss. Meine Lieblingsnachbarshündin wird wochenends unter ihr schlummern und von ihrer letzten Scheinschwangerschaft träumen. Sie wird mir ein bisschen fehlen. All die Tausenden von Seiten, die ich auf ihr gelesen habe, die unzähligen Drinks verschiedenster Abendveranstaltungen, die auf ihr verschüttet wurden. Der eine oder andere Spritzer Sperma. Die Popos erlesenster Gäste. Ihren letzten großen Moment hatte sie auf meiner Geburtstagsparty, als die Mit-Konstrukteuse, die ehemalige Mitbewohnerin, auf ihr nächtigte.

Das war eine runde Sache. So long (so würde die Anruferin, die uns den Aufbau versüßte, es ausdrücken), so long also, alte Holly, Sitzmöbel Du. Dein Nachfolger, Dracula´s Porch-Swing, wird nie die Erinnerung an Dich auslöschen. Gehab Dich wohl, auf Deinem Altersruhesitz, und möge Dein neuer Besitzer Dir ebenso schöne Momente schenken. Und Du ihm!

YOU CHEATED ME

Tja, liebe Martha. Wenn Du nicht WILLST, dass man Blog-Promo für Dein neues Lied machst und das Embedden disablen lässt, dann mach ich halt einfach keine Promo für Dein neues Lied. Vielleicht redeste mal mit Deiner Plattenfirma.

Okay, Martha. If you don´t WANT to get some blog-promo for your new song and have disabled embedding the clip, then you won´t get any promo for your new song. It´s a s easy peasy as that. Or maybe talk to Universal?

DID YOU FORGET TO TAKE YOUR MEDS?

Die W. liegt auf der Intensivstation.
„Sie hat den ganzen Tag Schmerzen gehabt, sie hat sich gekrümmt und dann die L. angerufen. Weil sie Medikamente brauchte. Aber die L. hat sie dann ins Krankenhaus gebracht.“
Die W. hat in den letzten Monaten 12 Kilo abgenommen.
„Das ist seit ihr Arzt weg ist, bei dem hat sie immer alles verschrieben bekommen und er hat ihr sogar Morphium gegeben. Und von der L. wollte sie auch Monate lang nichts wissen.“
Die L. hat gute Kontakte – sie ist in einem Krankenhaus tätig.
„Sie hatte ihr wohl immer mal wieder was mitgebracht.“
„Was? Morphium??“
„Das weiß ich nicht – alle möglichen Sachen. Schmerztabletten, Rheumamittel. Das geht doch schon seit Jahren so.“
„Und warum hat keiner was gesagt?“
„Ach Du weißt schon – mir hat sie auch schon mal was mitgebracht. Na ja. Jetzt hat die W. ein Magengeschwür. Das hat sie nun davon.“
„Das kommt vermutlich nicht von den Pillen sondern vom Entzug.“

Bei der L., 60, handelt es sich um eine schlecht verheimlichende Alkoholikerin, die ihre Sucht damit kompensiert, dass sie die Süchte der Menschen in ihrem Umfeld sanktioniert und tatkräftig bezuschusst. Die W., 70, leidet seit Jahren unter unerklärbaren Schmerzen. Sie spürt sich erst, wenn sie in ärztlicher Behandlung ist. Sie fühlt sich erst gut, wenn sie im Pillenrausch ihr Haus ganz sauber geputzt hat.
„Und was jetzt?“
„Gestern hat sie den ganzen Tag geweint, weil sie ja eigentlich in Reha gehen sollte, nächste Woche. Ich meine ja, sie müsste in eine psychosomatische Klinik.“
Glam räuspert sich. „Vielleicht besser in eine Suchtklinik.“
„Aber wer soll ihr das sagen? Du weißt doch wie sie ist.“
„Schwierig. Süchtig. Auf Hilfe angewiesen. Und mit der L. wollte ich ja eh nichts mehr zu tun haben, aber jetzt ist sie mir noch ekliger geworden.“

VON DEN LEBENDEN

Glücklicherweise hat mir der Arscharzt, bei dem ich die quartalsmäßigen 10 Euro hinterlegt hatte, eine Überweisung für den Allgemeinmediziner ausgestellt. Die kann ich jetzt für den Hausarzt nutzen, damit der mir eine Überweisung für den Augenarzt ausstellt. (Wenn ich sie fände. Bzw das Buch, das ich im Arscharztwartezimmer gelesen habe.) Für Erste Hilfe muss man übrigens auch 10 Euro entrichten, und die Erste-Hilfe-Medizin ist auch mit Aufschlag, aber den kann man sich zurück holen wenn man beim Augenarzt irgend eine Quittung bekommt. Alles sehr sovjetisch, irgendwie. Freitag hatte ich übrigens meine Zahnärztin auf dem AB: „Herr Dick, drei Monate sind um – wir müssen mal wieder einen Prophilaxe-Termin machen!“ Ich ruf da erstmal nicht zurück, mir reicht´s gerade mit Wartezimmern. Insbesondere das Erste-Hilfe-Wartezimmer hatte es in sich. Eine Patientin hatte neben ihrer Mutter, ihrer Schwester und dessen Freund auch noch dessen besten Kumpel dabei. Ich wünschte Spango wäre bei mir gewesen, er hätte einen tollen Text daraus gezaubert – ich möchte nur einen Textbrocken wiedergeben:
Mutter (mit Alkoholiker-Boston-Raucherinnen-Timbre): „Jetzt haltoma die Fresse Kevin. Is doch keen Kindergarten hier ey!“
Nee. Echtnich. Mehr so Sonderschule.

WAINWRONG

First of all: Ich liebe ihn immer noch. Ich gehöre ja auch nicht zu der Sorte Mensch, die sich beispielsweise die Rudebox nicht gekauft hätte nur, weil die Intensive Care so Scheiße war. Und ich kann nicht bei Rufus plötzlich ungnädiger werden als bei Robbie.
Aber das heutige Konzert im Admiralspalast-Studio hat alle meine schlimmsten Befürchtungen erfüllt. Zunächst mal: Solo. Keine Band. Das heißt, auf 70 % des Gesamtaterials verzichten, denn das geht nur mit Band oder fettem Orchester. Leider mag ich von den übrigen 30% 75 % nicht so doll. Danny Boy eröffnet den Abend und ich hasse dieses Lied. Es ist exemplarisch langweilig für die ganze erste CD. Dann stehe ich auch noch neben zwei Hetenpärchen, die sich über Ürrland (das sagen sie wirklich – „ÜRRRRRland“ hier „ÜRRRland“ da) austauschen. Einer der Kerle steigt mir ständig auf die Füße. Als ich auf dem Boden saß hatte ich seinen Arsch im Gesicht und ich bin wählerisch mit Ärschen im Gesicht. Ich musste schließlich aufstehen. Aber nicht nur die beiden Pärchen nerven – der gesamte Saal ist Scheiße. Das Admiralspalast-Studio ist unerträglich heiß, was zu ständiger Publikumsfluktuation führt. Es ist ein erschöpfendes, erschöpftes, unruhiges Rein Raus Rein Raus. Alle fächeln mit irgendwas. Rufus moderiert lieb und lustig und reiht ein unspekatkuläres Lied ans nächste. Ich werde nicht unruhg, weil ich es schon bin. Zwei schwule Glatzen knutschen fortwährend ohne jede Ästhetik, übel; wenn ihre Schädel sich begegnen sehen wir die Bühne nicht mehr, aber noch übler wird´s als eine der Glatzen einen Ausdruckstanz beginnt, ich glaube es war zu Going to a town. Piratin und ich haben erstmal genug und gehen eine rauchen. Also ich, aber Piratin ist auch nicht glücklich mit dem Konzert. Dann sitzen wir im Hof, der Wind bläst uns durch die Baumwolle und das Leinen und der einzige interessante Typ, der noch dazu ein kesses Hütchen trägt, tut es uns gleich. Raucht und ist etwas genervt. Und der sah auch auf den ersten Blick wie ein großer Fan aus.
Als wir wieder ins Studio zurückfließen hat Rufus Verstärkung auf der Bühne. Wenn ich nicht üüürrrre sind es die Streicher, die wir vor einem Jahr im Cookies gesehen haben. Die machen das alles fein. Aber der Spirit des Abends verharrt irgendwo weiter vorne, bis zu mir dringt er nicht durch.

Ich versteh das schon – es ist wirtschaftlicher, allein zu touren, ohne Band, aber dann muss man sich die richtigen Räume wählen. Kammern für Kammermusik. Theater für theatralen Pop. Opernhäuser für Popera. Aber nicht so eine schäbige Mehrzweckhalle wie das Studio des misgemanageten Admiralpalasts. (Das Konzert wird seit Tagen als ausverkauft beschrieben, aber an der Abendkasse gibt es noch Kaufkarten. Es hätten auch noch gut zweihundert Leute mehr reingepasst, es wäre noch etwas glitschiger geworden, aber – der Künstler singt doch sicherlich auf Beteiligung, da wäre es doch schön wenn man sein zahlungswilliges Publikum zu ihm ließe.)

Rufus zieht sein Jackett aus, darunter ein unspektakuläres weißes T-Shirt mit Namenszug.
Piratin: „Ich dachte auf den ersten Blick, da steht „Glam“ drauf.“
War aber nur Obama.
Piratin: „Das wäre dann so, wie Madonna, als sie „Britney“ auf dem Shirt stehen hatte.“
Except that makes me — Britney??
Das darf nur Britt. Weil ich weiß wie´s gemeint ist.

Again: Rufus, I still love you. And I´m willing to pay double the ticket price if I can see you again with a band. Or solo, but in a close cozy place where people don´t melt and leave ugly fat stains on the floor.

Wieder im Hof, es ist mittlerweile dunkel, sitzen die Piratin und ich auf Kunstrasen, von oben klingt Cigarettes and Chocolate Milk zu uns, die Friedrichstraßen-S-Bahn kreischt und ich bereue es kein klitzekleines bisschen, nicht oben in der Lagerhalle zu stehen und meinem Lieblingssänger bei seinem Vortrag zuzuschauen. Da stimmt doch was nicht, oder?

Again: Rufus, I still love you. Next time Volksbühne again? Pleeeaaaase!

CHILD 44

Wenn man erwartet, dass der Roman „Child 44“ die Geschichte des Serienmörders Andrei Chikatilos erzählt, dann ist man durch Rezensionen vorab falsch informiert. Der Roman fiktionalisiert die Geschichte, verlegt sie 40 Jahre vor in die Stalinistische Sovjetunion und macht sie zwar zum roten Faden der Erzählung, das aber gibt keinen Hinweis darauf, wie packend und eindrucksvoll das Leben eines eigentlich linientreuen Agenten in einer Diktatur dargestellt wird. Die Beschreibung des alltäglichen Lebens und der unvorstellbaren Lebenslügen in der Biografie des ermittelnden Beamten Leo Stepanovich Demidov ist so beeindruckend nachvollziehbar, dass ein plastisches Bild entsteht, wie das Leben in einem vermeintlichen Bürgerstaat sich angefühlt haben muss. Denunziation, Intrige, Brutalität. Eine Gesellschaft, die von Angst geprägt ist, in der sich Familienmitglieder und Freunde der Staatsfeindlichkeit bezichtigen, um sich selbst in eine vage Sicherheit zu bringen.
Eigentlich mit der Verfolgung eines vermeitlichen Dissidenten beauftragt, wird Leo Stepanovich abkommandiert, einen Kollegen des MGB vom Unfalltod seines 4jährigen Sohnes in Kenntnis zu setzen. Wertvolle Zeit in seinen viel wichtiger erscheinenden Ermittlungen verlierend kommt er diesem Auftrag nach. Die Familie des toten Jungen ist überzeugt, er sei ermordet worden. Man habe ihn nackt gefunden, grausam verstümmelt. Doch in der Sovjetunion gibt es keinen Mord – besser: keine Mörder. Dass ein Sovjetbürger einen anderern tötet, noch dazu ein Kind, das passt nicht in die Doktrin. Morde werden nur von Dissidenten begangen, von eingeschleusten Westagenten und von Menschen, die keinen Platz haben in der stalinistischen Gesellschaft.
In einem Machtkampf wird Leo in seinem Amt entthront. Sein Gegner zwingt ihn, die eigene Ehefrau zu denunzieren. Statt im Gulag endet das Ehepaar in einem Provinznest, in dem Leo als Polizist niedrigsten Ranges eingesetzt wird. Dort wird eine Kinderleiche gefunden, die die gleichen Verstümmelungen aufweist wie das Kind seines ehemaligen Kollegen. Leo beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und findet Hinweis auf mehr als 50 ähnliche Fälle – sämtlich „aufgeklärt“, da die Statistik eine Aufklärung erfordert und ausreichend Kandidaten vorhanden sind, denen man einen Schuldspruch gönnt: Geisteskranke, Systemgegener, Schwule. Es hilft nicht, dass seine Gegner nach wie vor weiter an seiner Degradierung arbeiten, dass seine eigene Frau ihm gesteht, ihn nur deshalb geheiratet zu haben, weil sie fürchtete, im Gulag zu enden, wenn sie seinem Heiratsantrag abweisen würde. Was mit einem tiefen Sturz in der Hierarchie beginnt, von einer Odysse gefolgt wird, gipfelt in eine atemberaubend geschilderte Flucht und Verfolgung: Leo und Raisa jagen den Mörder, der MGB die beiden.

Das Finale wartet mit einem Effekt auf, den der Autor sich hätte verkneifen können. Die Realität ist eindrucksvoll genug, als dass man auf derlei Pointen angewiesen wäre. Bei so einem Konstrukt erscheint es sogar fast fragwürdig, einen wahren Kriminalfall zu bemühen. Was das angeht, ist der Film „Citizen X“, der ebenfalls auf diesem Fall beruht, realitätsnaher und nicht minder beeindruckend. Dennoch – „Child 44“ von Tom Rob Smith ist ein spannender, bewegender Roman. Die Filmrechte hat sich Ridley Scott gesichert. Ich finde – Ewan MacGregor und Nicole K. könnte man mal wieder teamen.

RESTEBLASEN

Wenn die Kommunikation, die auf den Blauen Seiten begann, sich dann ins Physische verlagerte, alle anderern telekommunikativen Wege beinhaltete, dann wieder auf die Blauen Seiten zurück verlagert, dann ist das meist ein untrügerisches Zeichen abflauenden Interesses oder wachsender Kennenlern-Panik.

Desweiteren auffallend, (wie so oft erst im Rückblick): Dass dem Wunsch, den GlamourDick zu sehen, meist erst in den späten Abend- bzw frühen Morgenstunden Ausdruck verliehen wurde. Die Kommunikation in Sonnenlichtzeiten war weniger forsch.

Merke: Das Wort „Date“ nie vor dem dritten selbigen aussprechen. Und nein, von „Heirat“ sang es nie in meinem Blick. Mein Wunsch war lediglich, ein wenig zu evaluieren.

BEING BORING

Ich hatte es auf die EM geschoben, das erneute Erlahmen der Bloggeria. Andere geben Twitter die Schuld, denn tatsächlich gab es mal eine Zeit, in der man manche Blogs täglich ein Dutzend Mal bereiste, weil dort so viel geschah. Das scheint sich verlagert zu haben auf die SMS-Kundgebungen, in denen man der Welt berichten kann, welcher Furz einem gerade quer sitzt. Es gab sogar mal eine Zeit in der ich aus Blogs nicht nur Unterhaltung sondern auch Information bezog, bestenfalls auf hohem schriftstellerischen Niveau. Mittlerweile sind das fast ausschließlich englischsprachige Blogs und deren Kommentatoren gefallen mir nicht – zu der Community möchte ich nicht zählen.
Also erst war das Blogding ganz groß, dann, wellenmäßig nahm das Interesse (und die Interaktion) ab, und wo wir jetzt sind – ich weiß es nicht.

Ich merke, dass ich unlustig werde, im gleichen Maße wie früher etwas preiszugeben – mitzuteilen. Aber andererseits, wenn alle so dächten, dann würde es ja noch langweiliger, zäher, deutscher werden. Das wollen wir ja auch nicht.