Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

GOD BLESS THE GLAM

Wenn man so drüber ist. Mal (im Sinne von les fleurs du) übernächtigt und dann von einem Bühnengeschehen angefixt. Und wie es das Patenkind glücklich gemacht hat! Und man dann nicht schlafen kann. Und noch schnell laut die Megapuss-CD durchhören muss, in der das süße Penisbild von Devendra doch nicht abgebildet ist, hätte man also auch bei Itunes kaufen können. Egal. Schöne Nacht. Außer, dass das Patenkind bestimmt nicht gut schlafen kann, wenn der PatenGlam laut Megapuss hört. Aber sie braucht glaub ich mal dieses Programm, dass es ein Erwachsenenleben gibt, dass nicht Wetten dass und danach Licht aus ist. Weshalb wir auch die Friedrichstraße erst mal zu Fuß runter, Nigtlights Bright Lights sind, bis zum Taxistand vorm Westin. Und dann ruft auch noch eine Prominente an und das Patenkind hat dann jetzt wirklich Gesprächsstoff für die nächste Woche, denn die Freundinnen sind heut beim Laternenfest in IxÜpsilonburghausen. Keene Transen, keene Promis, keen Glam. Und morgen hat sie einen Stapel Vanity Fair Photobücher, die sie durchwälzen kann, bevor sie mich weckt. Und sie liebt sie, die Fotobände, von denen ich immer dachte, dit wird mal Feuerholz für Fremde. Und sucht immer Meryl. Leser – ich hab ein Patenkind, auf das ich sehr sehr stolz bin. Next thing: ihr Jessica nahe bringen.

Das erste mal allein in Berlin, da war ich auch 14 und schaute mir „Frances“ im Kino an. It stayed with me ever since.

ZU FRUH FUR UBERSCHRIFT, selbst der Umlaut schlaeft noch

6.30 Uhr ist schon hart. 5.30 Uhr geht eigentlich nur, wenn es um einen Abflug an ein schönes Reiseziel geht. Heute leider nicht, da ist es nur ein Zahnarzttermin um 8.00 in Schöneberg. Vielleicht schaff ich noch ein Stündchen Schlaf zwischen Zahnarzt und Arbeit einzuschieben. Von der Arbeit geht´s dann direkt an den Hauptbahnhof, das Patenkind abholen, das seine erste Alleinreise nach Berlin unternimmt. Dann schnell was essen und weiter mit ihr zu Rocky in den Admiralspalast. Die Mundwinkel des Herrn Strike umgibt jetzt schon seit Tagen ein süffisantes Grinsen, wenn ich vom Besuch der Nichte erzähle. Jungen Menschen Berlin zeigen. Prinz Platin, Sie wissen, lesen, worauf Sie sich einlassen.

GLAM DOES OFFICE

Einer der Briefe war von der Künstlersozialkasse, bei der ich versichert bin. Denen muss ich alljährlich meinen voraussichtlichen Jahreseinnahmen mitteilen, damit sie meinen Monatsbeitrag ermitteln können. Hatte ich auch gemacht, aber der kam zurück, meine Angaben seien nicht korrekt gemacht. Rief ich also an.
„Aber ich habe doch geschrieben, dass es voraussichtlich monatlich soundsoviel euro fuffzich sein werden.“
„Ja, Herr Dick, aber wir brauchen das Jahreseinkommen. Bitte schicken sie uns das erneut und korrigiert.“
„Sie meinen, ich soll das jetzt nochmal mal 12 nehmen?“
„Genau. Anders gildet nicht.“

Das habe ich jedenfalls noch nicht nachgereicht (nicht etwa, weil die Rechnung mir Kopfzerbrechen bereitet hätte, ich hab´s einfach bislang verpeilt.) Und dachte, der Brief sei eine freundliche Erinnerung an die Abgabe. War´s aber nicht. Mir wurde mitgeteilt, dass sich aufgrund einer Gesetzesänderung ein Bestandteil meiner Krankenversicherung quasi abspaltet. Der Zusatz, der die Auszahlung eines Tagegeldes nicht erst nach sieben Wochen sondern dem 15. Tag der Arbeitsunfähigkeit regelt. Das musste ich nochmal nachlesen. Nach dem 15. Tag? Sowas pfiffiges gibt´s? Und ich hatte mich dafür entschieden mehr zu zahlen, um so abgesichert zu sein? So weise war ich gewesen?? Teil meiner mehrjährigen großen Sorge als Selbständiger war nämlich der Krankheitsfall gewesen. Was, wenn ich krank bin und keine Einnahmen mehr habe? Wie soll ich mehrere Wochen ohne Einkünfte überleben? Jahrelang umsonst gesorgt. Siehstemal.

EISBERG

Nachher schau ich bei der Frost vorbei und hol mir meinen nächstjährigen Jungbauernkalender ab. Dann steht noch ein nostalgischer Anruf an, PR PR. Im Lauf des Tages wird Prinz Platin eine seiner süßen Nachrichten texten, oder ich zuerst eine an ihn, was mir die berufliche Hochsaison und den damit verbundenen Stress erträglich macht. Sich am Arbeitsplatz beim Lächeln zu ertappen, was noch vor wenigen Tagen anlässlich einer Fotosession nicht so recht gelingen wollte. Berlin im November ist immer ein Tanz mit dem Tod. Und erstmalig und ungewöhnlich für diese Seite stellt das Beschriebene nur einen Bruchteil dessen dar, was der Schreiber gerade durchlebt. Und nicht aus Rücksicht auf den Leser. Dann, irgendwann im Lauf des Tages, werde ich die beiden Briefe aufmachen.

SIND SO KLEINE HÄNDE oder GLIDERS ON THE STORM

Das nette an der Mitbewohnerin: Sie hat den Schornsteinfeger reingelassen. Dazu wäre keiner der vorherigen Mitbewohner fähig gewesen. Zu einem verabredeten Zeitpunkt (zu dem sie normalerweise noch schläft) an einem abgestimmten Ort sein, um eine Pflicht zu erfüllen aus Freundlichkeit und Verantwortungsbewusstsein.
Das nicht so nette an der Mitbewohnerin: sie hat den Briefkasten geleert, den ich erfolgreich zwei Wochen ignoriert habe.

Was ganz anderes: die Frauen, die verschämt fragen „Sag mal Glam, weißt Du wo man so Kondome in XXL bekommt? Der Soundso hat son Riesending, uns platzen immer die Kondome“ sind auch meist die, die ihren Kerlen Nivea zum befeuchten reichen.

HEUTE

sind mal wieder alle Künstler gegen AIDS. Ich ja auch. Noch irgendwer? Und was sagt das AIDS dazu?
Moderiert wird das ganze von dieser Frau, die aus dem ZDF-Fernsehgarten flog (in dem man doch eh gar nicht sein möchte), aber nicht, weil sie sich äußerte, dass sie sich nicht vorstellen könne, ein schwules Kind zu haben, sondern wegen irgend einem anderen Quatsch. Na ja, bei der spart man dann Gage, dann kann man ein Plakat mehr drucken und Judy Winter bekommt ne niegelnagelneue Spendenbüchse.

ENTOURAGE or GLAMMY SANS MICHELE or MISFITS: NICHT SALONFÄHIG

Der Vorteil, wenn man ein Anfang-Dreißiger ist, heterosexuell, attraktiv, weltgewandt, mit social skils und Charme ausgestattet, ist ja, dass man eine Partnerin finden kann, die Anfang 20, schön und heiter ist. Der Nachteil ist, dass die auf ein Party ihre Pussy-Posse mitbringt, die keine der erwähnten Eigenschaften besitzt und nur einen Rahmen für die heitere Heldin des Abends liefert – nämlich ihre Überlegenheit in allen Departments anschaulich zu illustrieren. Dröge Tussis, deren Konversation nur intern von Interesse ist. Fruchtsafttrinkerinnen, deren Gesicht und Namen man schon während man sie anschaut vergessen hat.

So sind Parties, die Singles geben grundsätzlich interessanter, denn da werden die Hexen von Eastwick nicht miteingeladen.

Sorry, Michele, but I couldn´t wait.

THERE´S A LIGHT

„The darkness must flow down the river of night´s dreaming. Flow, morphia slow, let the sun and light come streaming into my life….“

Bis heute habe ich einen wiederkehrenden Traum. Ich bin zufällig in der Stadt in der ich meine Schulbildung aushalten musste, ein junges Mädchen spricht mich an und sagt „Du musst einspringen. Der Typ, der Deine Rolle spielt ist krank.“ Und dann tue ich, wie mir anempfohlen, und weiß nicht wie, aber ich krieg es hin. Mit viel Improvisation, aber es geht. Nicht, dass es sich gut anfühlt, aber es geht. Und der Applaus entschädigt für alles.

Steh ich also so in der Raucherecke mit meinen coolen Rauchereckenfreundinnen und wir rauchen cool unsere Benson und Hedges und da kommt eine aus der Zwölften und hat den Kopf so gesenkt, traut sich nicht so richtig, mir in die rauchenden coolen Abi-Augen zu schauen und sagt „Ich bin die B. und wir machen von der Theater AG dieses Jahr in der Aula die Rocky Horror Show und wir wollten Dich fragen, ob Du mitmachst.“
Es macht klick, es macht klack und ich hebe ihr Kinn, schaue ihr in die schüchternen Augen und sage: „Ihr müsst Euch einen anderen Frank suchen, Schätzchen. Wenn ich mitmachen soll, dann bin ich RiffRaff.“ Und so kam es, dass meine Eltern mich kurz vor meiner Bundeswehrflucht Emigration nach Berlin noch auf einer niedersächsischen Bühne zu sehen bekamen. Mit Laserpistole und in Strapsen. Time fucking WARP. Den RiffRaff habe ich geliebt, den Richard O´Brien, wenn er Haare gehabt hätte, hätte ich begehrt. Diese Underdog-Rolle, diesen Glamourisierungs-Nazi-Prozess zum Schluss, das war für mich die Teenage-Katharsis deluxe. Ihr-Wichser-die-Ihr-mich-all-die-Jahre-drangsaliert-habt-Euch-spring-ich-in-die-verklemmte-Fresse-Dick-first. Wenn jemand mein Leben als Roman schreiben müsste, dann würde er mich im Schulabschlussjahr den RiffRaff spielen lassen und es wäre übertrieben. Und genau so war es. Eben-noch-mit-Leberwurstbrötchen-im-Schulbus-beschmissen-und-jetzt-auf-Eurer-Showbühne-als-Show-Schwuchtel.

Sitze ich also in der zehnten Reihe und denke, na ja – ist n Stück, das ist kaum tot zu kriegen. Sogar ich bin hier, und ich geh ja sonst nicht ins Theater. Aber es findet in dem Theater statt, wo ich meist nach der Pause gehe. Dann kommt Magenta raus und singt, was eigentlich RiffRaff gehört. Science Fiction Double Feature. Und mein Geist reist zwanzig Jahre zurück. Aber was ich sehe, ist einfach gut gemacht und es zieht mich immer wieder zurück in den Saal.

Brad, Janet, schlaue Rückprojektionen, solides Spiel und dann der antizippppppppppierte Moment, in dem Frank auftaucht. Hab ich erwähnt, dass Frank N. Furter mich nie vom Sockel gehauen hat? Ich mochte weder Tim Curry, noch den Typen mit den fisseligen Haaren, der ihn in der Schulinszenierung gespielt hat. Zweite Wahl nach mir. Aber hier, im Admiralspalast, mit Marlene-Perücke präsentiert sich ein Zuckerstückchen mit Monsterstimme. Ich bin von der ersten Sekunde an hingerissen. Ich möchte ihn ablecken, aber nicht ohne vorher mit ihm in Fellen und Seide gekleidet den Time Warp getanzt zu haben. Forget Tim Curry. Quickly. Wenn die Produktionsfirma es geschafft hätte, pünktlich zur Preview die Programmhefte am Start zu haben könnte ich Ihnen jetzt sogar den Namen des Darstellers mitteilen. Schade. Hm. Und der Rocky! Walt Disney´s Hercules come to life. A big blond booby baby. Was der Film-Rocky an früh geborener Verstörtheit hatte, gestaltet der Berlin-Rocky mit freudiger Naivität. Er verkörpert nichts Geringeres als Joi de Vivre. Beim Auftritt von Little Nell denke ich an Bianca, die eine der langsamstsprechenden Schülerinnen meines Jahrgangs war, außer, als sie die Little Nell in den Aulabühnenboden steppte wie eine Adèle-Astaire-Dildo-gefickte Tanznudel. DIe Erinnerung an Bianca ist das letzte, was mich vom Rocky-Horror-Schauen noch ablenkt. Ich überlege ob ich sie mal über eine dieser Schuljahrgangssuchseiten recherchieren sollte und dann schon bin ich nur noch im Stück. Es rockt, es glamt, es glitzert und schwippt, es packt, enthusiasmiert. Es ist sweet, sexy, silly. Die Floor-Show floort das Publikum. We are entering Grand Glam, Dahlings. Here come the FEATHERS!

Überrasche mich, wie sehr die Rocky-Horror-Show noch funktioniert. Für Spießer, die einfach ooch mal Glitzer im Haar haben möchten; für Elternmenschen in meinem Alter, die Kinder haben, die jetzt in dem Alter sind von Kerlen, mit denen ich ficke; für Leute, die mal RiffRaff gespielt haben; für alle, die sich von Judy G.´s ewig gültiger Maxime unterhalten lassen: a laugh, a cry and a tap to the foot. Wenn Sie sich einen fetten, glammen Abend geben wollen, liebe Leserinnen und Leser, go see Rocky at Admiralspalast. It´s worth every fucking penny. Dafür hat der liebe Gott die Theatersaison für den Herbst anberaumt: damit ein Stückchen Glitzer sich durch die Finsternis und Kälte stiehlt, unser Herz durchbohrt, entflammt, und uns wie mit Engelsflügelsfedern bepinselt die Friedrichstraße hinabweht. There IS a light.

Ich glitzere immer noch.

(Aber der arme RiffRaff litt unter der Inszenierung und konnt nicht so komplett schimmern wie ich damals. „Glamour Dick als RiffRaff: Bizarr, mystisch diabolisch“ schrieb meine geliebte Werte-und-Normen-Lehrerin Frau Tsch. in der Bad-Käseburg-Tageszeitung und meine Mutter hat es nicht gerahmt, vermutlich wegend des Straps-Fotos. Und ich wünschte, ich hätte Fotos. Wir wissen doch alle, dass Riff der Star ist. Muss man dem Regisseur vielleicht mal sagen. Und der Musical-Schulen-ausgebildeten Magenta das Intro-Lied wegnehmen. Bitte bitte.)

ZWEI TAGE IM LEBEN VON FELICITAS WOLLKEHEGENBARTH

Es ist Nacht, der Arbeitstag war lang. Die Jungschauspielerin Felicitas Wollkehegenbarth hat unaufhörlich ihre neue Vorabendserie promotet. Als nächstes Projekt steht ein kleiner Hoschschulabsolventen-Erstlingsfilm an, der leisere Töne anschlägt und in dem die Jungmimin für einen Bruchteil der gewohnten ARD-Gage ihr Talent unter Beweis stellen kann.
„Ich habe nie eine schauspielerische Ausbildung genossen.“
„Ist das möglicherweise der Grund, warum Ihr Spiel von Kritikern als so natürlich bezeichnet wird?“ möchte Jörg Pilawa Hubertus Meyer-Burckhardt Alida Gundlach oder diese quirlige Blonde von ihr wissen, die Hand am Kinn, ein Blitzen in den Augen, das Interesse spiegeln könnte, aber auf die Einnahme von zwei Kapseln Wick Daymed zurück zu führen ist. Felicitas gewährt uns nun Einblicke in ihre harmonische Kindheit. Ballettunterricht, theater AG, Bundesjugendspiele.
„Der Erfolg kam völlig unerwartet, weil ich damit gar nicht gerechnet habe.“

Die TV-Kritiker sind sich einig, was Felicitas Wollkehegenbarth angeht. Sie hat mit ihrem kecken Wesen Wind in ein angestaubtes Genre – die Berliner Vorabendserie gebracht. Felicitas Wollkehegenbarth ist im Grunde der neue Pfitze. So sitzt sie am Ende des langen Arbeitstages in der NDR-Talkshow und berichtet davon, wie sie entdeckt wurde, wie gut das Catering beim Dreh einer Berliner Vorabendserie ist und wie sie von ihren Kollegen das eine oder andere gelernt hat.

Der nächste Tag wird lang. Felicitas promotet ihren neuen Film und gibt unzählige Interviews, in denen sie keck aber auch ernst über ihr Leben als unausgebildete Schauspielerin spricht und großen Eindruck auf junge allein erziehende Mütter machen wird. Ihre Mangerin bringt zwei Briefe Fanpost mit Autogrammanfrage, die sie keck unterschreibt, ein Herzchen über die „i“s in Felicitas malend. Nach einem langen Arbeitstag sitzt sie in der NDR-Talk-Show und berichtet von ihrem langen Tag, der mit Interviews-geben, Autogrammanfragen und Verhandlungen über Auftritte auf dem Riverboat und bei 3 nach 9 randvoll war. Trotz all der Arbeit schafft sie es noch, keck zu wirken, gleichzeitig bodenständig. Nie abgehoben.

Zu Hause setzt sie sich mit ihrem Freund P., mit dem sie schon in Hameln, Lemgo oder Peine zur Schule gegangen ist an den Esszimmertisch (Flohmarktfund!) und trinkt ein Glas unüberteuerten Rotwein. Der P. erkundigt sich neugierig danach, wie ihr Tag war. Sie berichtet ehrlich und vom Kecksein erschöpft, wie hart das Leben für eine unausgebildete Jungmimin ist, die in einer unerbittlichen PR-Maschinerie gefangen ist. Die beiden reden nach dem Abendgebet kein Wort mehr und gehen schlafen. Felicitas träumt von der NDR-Talk-Show, zu der sie am nächsten Tag eingeladen ist. Der P. träumt von Lemgo, Peine oder Hameln.