Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

GIFTED GLAM

Ich geh dann von diesen Abenden nach Hause, kopfschüttelnd vor Wunder, wieder mal erfahren habend, wie privilegiert ich bin. Und weiterhin kopfschüttelnd über die Idiotie der Berliner Presse, zu schweigen, ganz zu schweigen von der selbstverschuldeten Lethargie so mancher, denen etwas, das man umsonst bekommt, als geringwertig erscheint, so dass man das Geschenk am End gar nicht annimmt. Ein bisschen wie ein Scheck in der Post, den man versehentlich mit der Werbung in den Müll schmeißt.

Weitere Geschenke: „Ship of Fools“ endlich auf DVD. Desweiteren „Boom“ und „Me and my Shadows“. Man muss halt doch manchmal zu Dussmann gehen, wenn man das Gefühl hat, Amazon leer gekauft zu haben.

BIG GLAMMIE

Und wir schauen so „Grey Gardens“ und Jessica Lange steht auf der Terrasse und verschränkt die Arme vor der Brust, und ich denk – Schau mal – dieser Archetyp Mutter-die-Kind-nicht-gehen-lassen-will, das gibt es wirklich nur wenn man so eine Mutter hat, oder eben als Archetyp, aber das, was in der Frau vorgeht da jetzt gerade, wie sie das Kind ziehen sieht und es zerreißt sie, das ist so ur-weiblich, das kann kein Mann, das muss was mit der Nabelschnur zu tun haben.

Und dann ist der Film vorbei, der Nachmittag fast rum, sein Flieger geht bald und wir sagen Tschüss und nehmen uns in dem Arm, und nehmen uns nochmal in den Arm und geben uns einen Kuss, und ich sag „Love you“, und er sagt „Love you too“, und dann drücken wir uns und irgendwo in mir hör ich den Ruf: „Edie? Eeeeedie?!“

Und dann mach ich die Tür hinter ihm zu und verschränke die Arme vor der Brust und fühle keine Zerrissenheit, keine Nabelschnur, weil mit ihm ist es so – wenn er weg ist, ist er weg, wenn er da ist, ist er da. Und man muss es zu schätzen wissen. Das Kind macht schon das Richtige. Er kommt schon klar. Er ist ja erwachsen und es geht ihm gut. Sein zuhause ist anderswo. Und gehe und mach den Schrank auf und nehme mir Cracker und Paté. Gar kein Sektglas mehr da? Ach, das Marmeladenglas tut´s auch.

GLAMBASSY

Den ersten Glamour-Event der Woche überstanden. Wacker. Als ich erfuhr, dass der Abend doch nicht in der Botschaft, sondern beim Gesandten und seiner Gattin zu Hause stattfinden wollte, da wurde ich doch etwas nervös. Bei so ´ner großen Einladung kann man ja immer unauffällig am Rand rumlungern oder sich im Großen Stil daneben benehmen, aber je familiärer, desto mehr Aufmerksamkeit ruht auf einem. Diese Sorge hatte wohl nicht nur ich. Als ich eintraf, waren bereits zwei Menschen da, die ich kannte – einen, den ich in der Vergangenheit schon verabschiedet hatte, und eine, die mir vor etwa einem Jahr vorgestellt wurde. Beide begrüßten mich stürmisch, bei ihm nicht verwunderlich – er hat kein Format und war genau so nervös wie ich auf diesem Terrain. Bei ihr überraschte es mich dann doch, denn sie hatte mich beim Kennenlernen noch mitten im Vorstellungssatz stehen lassen. Gestern hing sie an mir wie eine Klette, bis der Ehrengast erschien und sie nicht länger nur mich hatte. Förmlich unoffiziell verteilten sich ca 20 Menschen über die Charlottenburger Wohnräume, ganz zwanglos flog das fliegende Buffet, wie Monde kreisten die Gäste um mehrere Sonnen – Gesandter, dessen Gattin, Ehrengast. Irgendwann merkte ich, dass es nicht anders war als bei meinem Parties – schillernde Menschen aus allen Bereichen des Lebens, nur dass hier anteilig mehr Wirtschaft und Politik verteten war als bei meinem Parties und es ein klitzekleinwenig förmlicher zuging. Es gab Wein aus dem Land des Ehrengastes, ich hielt mich, wie der Ehrengast, allerdings an den Champagner. Nach ein paar Gläsern war es dann sehr angenehm, mit Fremden mit lustigen Akzenten ins Gespräch zu kommen, wobei ich zugegebenermaßen die meiste Zeit mit Ehrengast und Gatten verbracht habe. Und als es gerade richtig schön war und ich dachte, wunderbar die beiden mal wieder zu sehen, it´s been too long, und unsere Eskapaden der vergangenen zehn Jahre vorm inneren Auge vorbei zogen, da fiel mir ein, dass dies ja erst der Auftakt für zwei glamouröse Wochen ist, dass ich mit dem Auto da bin, und dass ich spätestens Mittwoch wieder in den Genuss der Gesellschaft kommen würde, also bedankte und verabschiedete mich, nahm mir meinen Dolce-Mantel, der für solche Anlässe geschaffen ist, setzte mich in den Wagen und fuhr durch den Nieselregen nach Hause, entlang an Schlössern und Botschaften, Parks, Flüssen und Kanälen, während Herbstlaub durch die milde Luft flog und die Scheibenwischer quietschten.

INSELN

Mittag mit Star bei Gravis, Drucker gekauft und bei Espresso zwischen lauter Macs erkundigt sie sich nach „Ashby House“ und ich gewöhne mich langsam an die Interviewsituation, wenn jemand fragt, worum´s in dem Roman geht. Eigentlich über Ghostwriting. Praktiziertes Ghostwriting. Aber eigentlich ist es eben eine Soap Opera, die in einem Haus spielt, wo im Turmzimmer immer Menschen verschwinden, aber das Haus hat gar keinen Turm. Sie macht das gut mit dem Interview, ist mal ein Seitenwechsel für sie. Nach einem schmackhaften Americano, serviert von einem atemberaubenden Lockenkopf, der in einen Sandalenfilm gehört, sind wir dann doch beim „Du“, nach einem halben Jahr der Verweigerung. Nicht plötzlich, sondern ganz amtlich, mit förmlicher Anfrage „Glam, wir können jetzt aber wirklich „Du“ sagen, es sei denn Sie möchten das nicht.“

Am Nachmittag „Shutter Island“ weiter gelesen. Am Abend, nicht weniger begeistert, 4 Folgen „Harper´s Island“ angeschaut. Dazwischen ein Stündchen geschlafen und ein Stündchen mit einem Polen gepoppt.

Schön gewesen.

IM TEE oder HANDLUNGSREISEN oder SAG ZUM ABSCHIED LEISE SERVICE

So Läden, wo man sich immer fragt – wie halten die sich? Wer kauft diesen kranken, aromatisierten, pestisch duftenden Tee und diese Tee-Services? Um dann, vor mehr als zehn Jahren das traumhafteste aller Tee-Services geschenkt zu bekommen. Das mit dem Efeu. Und die Rosen-Teekanne, die wegen häufigen Gebrauchs schnell zu Bruch ging und ersetzt wurde von der zum genau gleichen Geburtstag geschenkt bekommenen Tee-Service-Teekanne in schlicht meets eckig, die ich eigentlich nicht mochte, die mich aber gut zehn Jahre morgens begeitet hat und mir ans Herz gewachsen und heute morgen zu Bruch gegangen ist. Ohne Vorwarnung. Ein Riss ging plötzlich durch sie hindurch. Vielleicht hat sie den Eifel-Vulkan gesehen, ich nicht, ich hatte Essensgäste, einen menschlichen und einen hündischen, beide equally bezaubernd. Ich mag den Anblick von Hundenapf auf dem Flur. Zurück jedoch zum Tee – weiß jemand, ob es noch diesen Teeservice-Laden gibt, unter der Galerie Lafayette? So what, ich muss eh nach Mitte und eine DVD exklusiv offerieren. Persönlich ist persönlicher als am Telefon. Teelefon.

NOTE TO GLAM oder WHAT THIS IS ALL ABOUT

Und dann mit dem russischen Patenkind zu skypen, nach diesem Tag, an dem so viel Vergangenes wieder lebendig wurde, das macht den Anker in der Gegenwart aus. I´ve come a long way. Long. Und meinen Wert, den schätze ich. Und jetzt weiß ich, wo. (Insgeheim weiß ich das seit meiner vorletzten Geburtstagsfeier, aber pschhhhhht!)

DeeVD

Und so hatten wir das nicht mal damals, wenn eine neue CD rauskam, das war dann so – na ja, isse endlich da, sieht zu 50% aus wie die D. sie wollte, zu 50 % wie der T. Also so, dass keiner der daran Beteiligten enthusiastisch sein konnte, immer Kompromiss. War dann halt da und ging in den Handel. Nur, dieses Mal ist es anders. Idealistisch, wie in den Anfängen. Scheiß auf den Markt, der nichts will – wir machen trotzdem, wird schon. Scheiß auf den Handel und die Mediamarkthalsabschneiderei – gibt´s halt nur exklusiv, ist ja auch exklusive Ware. Und das ist der Plan, und es fühlt sich gut an. Abenteuer. Morgen isse da. Hier.

Und dass ich da saß, heute morgen, und überlegte, ob ich die Geschichte vom Flughafen-nahen-Lover aufschreiben sollte, und dann klickte ich, was genau vor einem Jahr und vor zwei Jahren hier festgehalten wurde, und da war sie – die Geschichte. Schon geschrieben. Und warum sie mich immer am gleichen Herbst-Tag hauntet – Marilyn knows, I don´t.

Morgen. DeeVd. Freu!

SCORPIO RISING

signing

Unser allererstes Treffen wäre im Adlon gewesen, aber nach einer Stunde des vergeblichen Rumsitzens hatte ich die Segel gestrichen, so dass das Kennenlernen am Telefon stattfand, mehrere Wochen lang tauschten wir Ideen für unser Projekt aus, jeden Tag mehrmals. Das erste Mal gegenüber standen wir uns, als sie in Berlin eine Signierstunde hatte, ich holte sie ab, dann gingen wir Schuhe kaufen, später am Abend aßen wir im Adlon zu Abend. Wie jedes Erlebnis mit ihr erinnere ich den Abend auch nur noch als surreal. Und dass der Chablis köstlich war.
In den nobleren Geschäften rund um Friedrichstraße und Ku´damm kannte man mich dann bald als „den Begleiter von…“ und im Department Store des Quartier 206 wusste man, welches Parfum ihr gefiel, so dass ich mit Geburtstagsgeschenken immer richtig lag.
Im Borchardt hab ich eigentlich immer nur Bratkartoffeln gegessen, sie meist Austern. Die BZ verpasste mir in einer Bildunterschrift einen falschen Namen und unterstellte, ich habe gesagt, sie habe die Austern gewählt „weil die so eine erotisierende Wirkung haben“. Haben wir sehr drüber gelacht. Wie es mit Skorpionen so ist, wurde ich irgendwann abserviert, nur um, wie es mit Skorpionen so ist, wieder aufgegabelt zu werden. Was das angeht, hatte ich keinen Stolz, denn ich hatte sie vermisst. Aber wie es mit Freunden, denen man eine Zeit lang nicht vergeben wollte, so ist – unser Verhältnis hat sich verändert.

Heute fühlte ich mich verkleidet, als ich den Dolce-Mantel aus dem Mottenpapier holte, mir die Botschaftsschuhe kaufte und gleich anzog und Unter den Linden flanierte. Der Mantel fühlte sich an wie eine Behauptung. An sich nicht verkehrt, weiß ich als Autor, denn oft baut man sich seine eigene Realität mit Behauptungen. Das nicht-wissen-wie-man-die-Miete-zahlen-soll-aber-lässig-in-ihrem-Schatten-über-rote-Teppiche-schlendern habe ich jahrelang wacker durchexerziert. Nicht ad nauseam, aber sehr sehr ausgiebig. Die Zeit, in der ich die Teppiche nicht hatte, haben sie mir nicht gefehlt, und wenn, dann habe ich den für mich ausgerollten vermisst, nicht den ihren. Und so nahm ich dann vorhin nach der zweiten Tasse Kaffee mein Mäntelchen, mein Haus, und schlug die Essenseinladung aus. Wahrscheinlich hätte ich auch auf der Karte im Adlon wieder nur Bratkartoffeln gefunden. Anders als früher, möchte ich in Zukunft dort nur mit ihr hingehen, wenn ich sie einladen kann. Der Tag wird kommen.

HAST DU´S AUF DEM SCHIRM, DANN HOL DIR DEIN STÜCK KUCHEN

Im Supermarkt dem Heuchler über den Weg gelaufen. Er stand vorm Marmeladenregal (Fruchtbrotaufstrichregal muss man jetzt wohl korrekt sagen) und wenn ich einen Einkaufswagen gehabt hätte, wäre ich nicht an ihm vorbei gekommen. Er ist jetzt so fett geworden, amerikanisch fett, dass er wahrscheinlich nicht mehr seinen Schwanz sehen kann, außer er stellt sich auf einen riesengroßen Spiegel. Aber der würde in tausend Scherben springen also war´s das für ihn mit dem eigenen-Schwanz-sehen-können. Der Heuchler war mal ein attraktiver Mann, aber je alkoholabhängiger seine Frau, die Böse L., wurde, desto christlicher wurde er, und desto größer sein Hunger. Unstillbar, wie man jetzt an ihm sieht, denn er muss wohl immer mehr essen, er weiß nicht mehr, wie es ist, satt zu sein. Es gibt in seinem Teil des Dorfes einen Supermarkt, der ist noch billiger als dieser hier, und der hat auch all diese Familienpackungen, rieeeesengroß mehr drin für weniger Geld, was sucht also der Sack in meinem Supermarkt?
Ganz christlich erkundigt er sich nach meinem Wohlbefinden und ich heuchle mein Teil, und dann lädt er mich zum Abendessen ein. (Ich rede seit ein paar Jahren nicht mehr mit der Bösen L., weil die mich aus Gründen der Etikette von einer Feier ausgeladen hatte, zu der der komplette Rest der Familie eingeladen gewesen war, selbst die Familienmitglieder, für die man sich nun wirklich schämen muss.)
„Das wäre doch schön, wenn Du vorbeischaust, die L. holt nachher auch die M. und den D. vom Bahnhof ab! Wenn Du magst kann ich Dich auch abholen!“ (Es sind ungefähr sieben Minuten zu Fuß!)
„“Ach, Heuchler, lass mal. Ich muss mir heut abend die Zehennägel schneiden, sonst ruinieren sie mir noch die Socken, vorne. Und dann hab ich noch eine deiviertel Staffel „Veronica Mars“ vor mir. Ist wie der neue Melrose Place und Twin Peaks und ein bisschen OC. Eventuell wollte ich mir auch noch nen Fick klarmachen, aber das ist ja in dieser Region nicht ganz einfach, wenn die Kerle in den Harzer Blauen Seiten alle übergewichtig sind, oder so komische Vorlieben haben, oder schlechte Haare. Und, ehrlich gesagt fühle ich mich wieder wie mit 15, bei dem Gedanken im Haus meiner Eltern schwulen Sex zu haben. Aber das ist eine Grenze, die man auch mal einreißen kann – ich meine, warum soll ich der einzige sein, der in diesem Haus keinen Sex haben darf, wir sind doch mittlerweile alle erwachsen, außer ich in Bezug auf Deine Alte. Die ist wirklich sooo Scheiße, dass ich nie nie nie eine Essenseinladung zu ihr annehmen würde, zumal der billige Fusel, den sie von Deiner Rente kauft, gar nicht geht. Mit der setze ich mich nur an einen Tisch, wenn es gilt, das Familienidyll optisch zu wahren. Aber meine Eltern sind ja nicht da, also brauch ich ja meinen Teil nicht zu heucheln.“
„Na, dann wünsch ich Dir einen schönen Abend, und wenn Du es Dir anders überlegst, dann rufst Du einfach an!“
„Das mach ich, auch wenn das so unwahrscheinlich ist, wie dass ich morgen aufwache und plötzlich Britney Spears bin und als Britney auf einmal meine Karriere rumreiße. Aber Danke.“