Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

AUF DIE LAMPE GEGOSSEN

Und dann hab ich mich grad so richtig schön abgeschossen – müde, ohne schlafen zu können, wach genug, aber nicht wach genug für Konversation, da klingelt das Telefon und ich geh ran, und es ist eine der Bekannten, die man bundesweit am Vornamen erkennt, und trotzdem sagt sie „Hallo Glam, hier ist“ (Name geändert): „Gloria“ und fügt überflüssigerweise auch den Familiennamen hinzu: (Name geändert) „Swanson“. Sie fragt sich und mich, ob jetzt nicht der ideale Moment wäre, für mich die chinesischen Lampen abzuholen, die sie in der neuen Wohnung nicht einsetzen kann und deshalb mir zugedacht hat. Und ich schäme mich klitzekleines bisschen für meinen krokuskomatosen Zustand und lüge ein klitzeklein wenig – lange Nacht, nur 2 Stunden Schlaf – und denke – Schade dass ich nicht mehr Autofahren kann sollte. Mit der G. jetzt einen Wein trinken und Lampen kieken, das wär´s eigentlich gewesen. Aber noch ein Wein und ich würde einschlafen. Danach ruft Deutschlands ebenfalls nur mit einem Decknamen bekannter Jungautor und Blogger an, weil er sich alleine fühlt. Er wäre derjenige, der für meinen etwas breiten Zustand noch am meisten Verständnis aufbringen würde, entscheidet sich dann aber doch um, auch nicht verkehrt. Dann eine Message von dem jungen Mann mit meinem quasi Lieblingsnachnamen, der aus einem viktorianischen Roman stammt; er ist wohlbehalten in der Wahlheimat angekommen. Mit Nena live auf DVD werde ich wieder etwas wacher und schwalle die Facebooker mit schönen Einzeilern zu, als Rache für die Farmville-Updates, die meine Seite spammen. Vom „Gloomy Sunday“ hatte die G. gesprochen, Carmen MacRae meinend, ich mag aber die Faithfull-Fassung lieber. Und so richtig gloomy war´s eigentlich nicht. Aber ich bin ganz froh, dass jetzt Montag ist und ich dem System Tee und Rivella light zuführe, vielleicht schaffe ich es ja heute sogar, mal wieder etwas zu essen.

KINDERSPIELE, revisited, oder WHEN I WAS A YOUNG BOY, I HAD A LOT OF YOUNG BOYS. WE TAUGHT EACH OTHER DEARLY HOW TO LOVE…*

„So, wenn man als Junge unter Jungs miteinander rumgemacht hat, Doktorspiele – das hatte schon was sehr Aufregendes.“
„Es hatte was, aber rückblickend gab´s da auch ne ziemlich finstere Seite.“
„?“ Bambiblick unter braunem Pony.
„Na, der Typ, mit dem ich immer rumgemacht habe, der hat mich quasi eingewiesen und als ich ihn fragte, wo er das alles gelernt hat, da sagte er, von dem Lehrling, der im Betrieb seines Vaters gearbeitet hat.“
„Wie alt war er damals?“
„So sechs, schätze ich. Damals habe ich das gar nicht gewertet, das fiel mir erst später wieder ein.“ (Ich überlege, die Geschichte vom Missbrauch durch meine schizophrene Großtante zu erzählen, lasse es dann aber, there are secrets too dark to let out, to let go out, wenn man einem bildschönen Mittzwanziger gegenübersitzt, der sparklet und shinet.)

„Der Thrill war für mich in dem, was wir gemacht haben, nicht in der Tatsache, dass wir etwas taten, was tabu war.“
„Das hatte doch auch nen gewissen Thrill, immer damit zu rechnen, erwischt zu werden.“
„Dann bist Du ganz sicher nie dabei erwischt worden.“
„Du?“
Ich nicke.
„War´s schlimm?“
„Es hat mich bis zu meinem 30. Lebensjahr traumatisiert. Ich bin schwer drüber weggekommen. Sex als was Schönes zu empfinden ging nicht – es war halt mit Schuld und Scham verbunden, was ganz ganz Schmutziges. Und wenn man mit so nem Selbstbild durch die Welt geht, dann zieht man nicht gerade die Stecher an. Von 20 bis 30 hatte ich minderwertigen Sex, es gab sogar Zeiten von mehr als einem Jahr, in denen gar nichts lief, heute für mich unvorstellbar. Die potenteste Zeit meines Lebens habe ich ungefickt verstreichen lassen. Big regret. HUGE. Und dann war ich auch so unglücklich in und über meinem Körper – heute find ich Typen geil, die so aussehen wie ich damals.“

Ich schau mir die dünnen, ganz zart beflaumten Oberarme meines Gegenübers an, die schwarzen Haare, die aus seinem T-Shirtkragen lugen und zwinge mich, nicht zu seufzen. Einmal mehr bedauere ich, nicht zehn Jahre später geboren worden zu sein, fuck you God, man hätte mich zu den Klängen von „Wuthering Heights“ aus dem Mutterleib ziehen müssen. Ach was – ziehen – ich wäre herausgefuckingvoguet.

„So, how did you get over it?“
„Ich glaube, die Masse hat´s am Ende gemacht. Als es mit dem Internet für mich einfacher war, Sexpartner zu finden. In nem Gayromeoprofil kannst Du keine Angstpheromone riechen. Und mit 30 setzt ja dann auch die Torschlusspanik ein, da musste ich jede Gelegenheit nutzen. Na ja, fast. And then I got the hang of it. Und mit —– Mitte 30 tickt die Uhr ja noch viel schneller. Wie war´s übrigens gestern in der Sauna?“
Er strahlt.
„Am Anfang waren nur so unattraktive Typen da, aber dann kam dieser geile Türke, und legte sich auf die Bank. Der Typ, mit dem ich da war blies ihm einen and I made out with him and he jacked me off.“

Wieder verkneife ich mir einen Seufzer. Wieder frage ich mich, warum ich immer wieder in die Falle laufe, mir ausgerechnet die Fremden zu ent-fremden, die mir ein Spiegel dessen sind, was hätte sein können. Neulich, als er bei Romeo online war und wir quatschten, erklang die „Sie haben eine Nachricht“-Harfe mehrmals pro Minute.

Aber es ist vielleicht gar keine Falle. Ich hole soziales Leben nach, das ich während der lange währenden Soziophobie verpasst habe. Und, wie beim Sex, tendiere ich dazu, überzukompensieren.

Es hat dann auch etwas sehr Beruhigendes, diese kindness of strangers, dieses Vertrauen empfinden zu können. Mit jemandem, den man vor einer Woche noch nicht kannte, auf Themen einzusteigen, von denen man gar nicht wusste, dass sie noch im Gepäck sind. No fear, no shame.

Ich will nichts mehr verpassen. Ich will dem Leben wirklich jeden precious moment, jede bedeutsame Begegnung abringen. I want to touch the future.

* Devendra Banhart

PINK MINK TROOPERS

„Die Kampfmoral der niederländischen Truppe sei wegen der Anwesenheit schwuler Soldaten zu gering für eine Verteidigung von Srebrenica gewesen, sagte Sheehan am Donnerstag bei einer Senatsanhörung in den USA.“

Spon.

Die waren es sicher auch, die die Nerze in Brandenburg befreit haben. Weicheier. (Wer fährt mit mir Mantelstoff sammeln?)

Endlich mal ne Begriffsklärung…

„Intertextualität heißt, dass Texte nicht aus dem Nichts heraus entstehen, sondern den Einfluss all dessen widerspiegeln, was der Autor gelesen hat und was den ihn umgebenden Diskurs bestimmt – zum Beispiel Werbung, Malerei, Musik und so weiter. Er zitiert daraus, indem er explizite Anführungszeichen setzt – oder eben auch durch ein Plagiat. In jedem Fall ist sein Werk in eine linguistische Umgebung eingebettet.“

Julia Kristeva in der Welt

TRANSIT EUROPA TANGO

Die Autobahn entlang wechselt das Wetter im gleichen Maße wie meine Stimmung. Berliner Winter, graues Licht, Nieselregen, Schmutzwasser, das von den Autos vor mir aufgewirbelt wird. Dann streckenweise gleißendster Sonnenschein, so dass man die matschbraunen Felder in aller Deutlichkeit zu sehen bekommt. Dass Gott sich nicht schämt. Schon längst. Er hätte sich wirklich ein bisschen mehr Mühe geben können. Die Seen sind mit einer dünnen, blassgrauen Eisschicht bedeckt, vereinzelt liegt noch Schnee. Die Strecke ist erstaunlich leer, Samstag Mittag – die meisten Wochenendler haben sich den Freitags-nach-dem-Büro-Stress angetan. Schlauere Menschen haben sich mit ein paar Fernsehserien-Staffeln auf´s Sofa verzogen. Serien gehen bei mir gerade nicht. Mein Hirn ist schon voll genug. Stummfilme gehen. Ich mache sogar die meist alberne Musik aus und sehe erstmals, was der Regisseur vermutlich beabsichtig hatte – eine Geschichte kraft ihrer Bilder vermitteln. Musik ist nur ein Verständnisverstärker für diejenigen, die für Bilder allein zu dumm sind. Bei Pabst jedenfalls. Selbst die Tafeln mit den Dialogfetzen und Zwischenbemerkungen könnte man entbehren.

In meinen Ohren klingt ein vom Ipod vorgegebener Beruhigungscocktail. Marianne Faithfull, Kate Bush, The Lilac fucking Time, Ingrid Caven. Ein paar Lieder treiben mir Tränen in die Augen – ich bin nicht wirklich zum Ausleben von Emotionen gekommen, es hat gerade mal zum Formulieren derselben gereicht, aber ein Schritt, immerhin. Und keine Träne fällt und die Reste des hartnäckigen Kajals vom Vorabend und einige Glitzerpartkel aus dem geschenkten Lidschatten bleiben am Platz. Von meinen Lidern rinnt keine schwarze Tusche. (Georgette hatte immer „Lieder“ verstanden, was eigentlich mindestens genau so schön ist.)

Junge Männer und schöne Frauen haben in meinem Leben ein paar Gleise umgestellt. Ich saß bei einer Verfolgungsjagd auf dem Beifahrersitz, und es muss sich um eine Rennstrecke gehandelt haben, denn irgendwann war nicht mehr eindeutig, wer wen verfolgt, wir fuhren im Kreis, und es war egal, ob jemand die Runden zählte, was zählte war, auf der Spur zu bleiben. Dass uns das gelungen ist, war eine Feier wert, und sie wurde schön. Es gab viele unterschiedliche Arten von Umarmungen an diesem Abend. Erste Umarmungen, dankbare Umarmungen, erlöstes sich-in-die-Arme-fallen, good-bye-und-bis-bald-Küsschen-Umarmungen. On se téléphonera.

Und dann, in einer Parallelwelt, das Geschenk in Gestalt eines Überraschungsbesuches. Kein Autorennen sondern ein Speedboat-Trip ins Außergewöhnliche, jemand, der einen mitnimmt nach Neverneverland. Wo wir alle nicht altern und die Feen immer nur Zeit für ein Gefühl gleichzeitig haben. Einige sehr komplizierte, sehr schmackhafte Cocktails im Last-Chance-Saloon. Zwei Körper in einer Form von Hingabe, die an den Rand des Auflösens ging. Ich habe ein heimliches Foto gemacht, das ihn schlafend zeigt, im rosa Licht, in weiche Felle gewickelt. In meinem Kopf gibt es noch viel mehr Schnappschüsse, Emo-Polaroids, weiches Licht, sanfte Farben. Aber auch eines im gleißenden Morgenlicht, der erste Tag im Jahr, an dem die aufgehende Sonne das Schlafzimmer aufheizt, in dem zwei Männer fast gleichzeitig eine weiße Flüssigkeit produzieren und aufeinander niederregnen lassen. Maintenant, dansons la fin de ce tango. Et repartons seul a zero. Doch eines Tages, da werden wir uns wiedersehen, nur so, comme ca, zufällig, cosi, zufällig in einer Stadt im Hotel an der Bar. Bestimmt hast Du AIDS. „Hallo wie geht´s“ sagst Du zu mir. Ich werde sagen „Danke. und wie geht es Dir?“

Du wirst sagen „Zu blöd. Das ist ja wie in einem Lied“.

(Tex unter Verwendung von Jean Jacques Schuhls „Trans-Europa-Tango“ und „American Bar“ .)

TOO GREAT EXPECTATIONS

Natürlich ist es auch eine Übersprungshandlung. Am momentan gefühlten Ausgesetztsein lässt sich nichts ändern, das ist eine entfernte Verwandte des Heimwehs, vielleicht ihre Urenkelin. Die beiden sind sich nie begegnet, aber in ihnen fließt dasselbe Blut. Der innere Druck nach Veränderung der Lebenssituation wird oft zum Fallbeil oder eher so nem Seil, an dessen Ende eine Axt hängt, und man wirbel agitiert, und irgendjemanden triffts, vielleicht nicht den, der Schuld hat, sondern jemanden, der weiter hinten in der Schlange steht.

„Wie kann das sein, dass Du meine aktuelle Nummer nicht hast?“
Weil Du sie wieder einmal gewechselt hast, ohne Bescheid zu geben? Keine Rückmeldung ist die Deutlichste.

HÄTSCHELMANN oder INCEST OVERKILL

Gestern Kommunikation mit jemandem aus dem Lager Hegemann. Festgestellt, dass sie nicht selbst Schuld hat an ihren fettigen Haaren. Da haben so viele die Hände drauf, es ist nicht nur ein bisschen eklig.

Jetzt sind sie soweit, den Text schlecht zu reden, der erst im Kontext des Roadkills Kunst sei. Twisted twisted twisted. Und überhaupt – wie kann man es wagen, zu veröffentlichen, wenn man nicht mindestens dritte Generation Volksbühne ist?

Viel charmanter die Unterhaltung mit dem kleinen Kommunisten und seine Begeisterung darüber, dass ich ihm die Schernikau-Biographie leihe. Wieviele Anfang-Zwanziger gibt es schon, die die „Kleinstadtnovelle“ gelesen haben?

EISBEIN MIT GLAM

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„Ungewöhnliche Winter erfordern ungewöhnliche Maßnahmen, Herr Dick. Ich traue mich gar nicht zu fragen, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, das Eis auf Ihrer Terrasse über die Badewanne zu entsorgen?“