Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

CAN´T YOU SEE I´M BURNING, BURNING

Vielleicht sollte ich doch nochmal einen Erfrischungskurs bei Heidi nehmen – es ist mein ungefähr dritter Urlaubstag (alle schön einzeln) in diesem Jahr. Und ich fühle mich schuldig.

Und so stellt sich mir die Frage – soll ich mal total overboarden und morgen auch noch frei nehmen?

Gesagt, getan.

HOSTEL

Haben Sie den gesehen? Den wo die Testosteron-Backpacker das geile Hostel in irgendeinem Balkanland aufsuchen und dann einer nach dem anderen auf´s Brutalste niedergemetzelt werden? (Müssen Sie nicht gesehen haben, schauen Sie lieber „Eden Lake“.) Was an dem Film klar wird – Backpacker sind mitunter verpeilt, was ich auch während der Fussballweltmeisterschaft gemerkt habe, als die Fernseher vor den Hostels aufgestellt wurden und die Gäste sich auf die Straße gestellt haben, um zuzuschauen. Dann ihre verträumten Blicke, nachdem man zum vierten Mal andauernd gehupt hat, weil man gerne mit dem Wagen an ihnen vorbei möchte. Seit etwa einem Jahr ist meine Nachbarschaft, dank der Eröffnung eines wirklich schicken Hostels, ein Touristenmagnet. Das bedeutet aber auch, dass es zu Begegnungen wie der oben beschriebenen kommt und man für den Kioskbesuch mehr Zeit einplanen muss, weil der türkische Verkäufer erst einmal mit den drei Schwedinnen flirten muss, wofür er tatsächlich einen Englischkurs an der Volkshochschule besucht hat. Reisende bilden. Ja, aber warum beherbergt der Dick dann ständig Reisende, während er sich hier über sie beschwert? Das kann ich Ihnen sagen. Meine Gäste sind schlau. Intelligent genug, Couch zu surfen anstatt Geld für ein Hostel raus zu schmeißen, in dem sie sowieso nur mit anderen Reisenden ins Gespräch kommen und so praktisch nichts Einheimisches erleben.

22.07.2010 oder AT LAST

9.30 Uhr. Der Tag hat noch gar nicht richtig begonnen, aber das Thermostat hat sich schon hochgepegelt. Der Aufwachgedanke – Mmmmmmmmh, ich könnte jetzt im Büro sein, aber nein, ein Tag Urlaub. Der zweite Gedanke ist Schwitzen. Wenig später trifft die SMS von T. ein. Mein aktuell anreisender Couchsurfer liegt im Görli und fragt, wann er vorbei kommen kann. Anytime, Dear, anytime.

Instant sympathy. „If you don´t have any other thing planned, I´d like to show you my favourite part of Berlin, and it´s a place most tourists don´t see. Not Berghain, though.“
Und so pumpen wir die Boote auf, gehen ins Wasser, es ist diesig überm See, angenehm, noch zeichnet sich kein Unwetter ab. Und schippern und reden, liegen im Wasser, er erzählt von seiner Reise, die bereits ein halbes Jahr andauert und noch lange nicht vorbei ist. Einmal mehr bin ich ein Routenpunkt im Leben eines eigentlich Fremden und fühle mich wohl in dieser Rolle. Irgendwann erzählt der von Kate Bush´s „The Line, the Cross and the Curve“ – praktischerweise muss ich ja noch beim Strike gießen und kann die DVD ausleihen. Ein Bier im Minki, dann Balkonzeit. Frankie kommt vorbei, der Mitbewohner setzt sich dazu, und als der Regen zu vehment wird gehen wir rein und schauen Kate, dann Cyndi.

Im Laufe des Nachmittags ereilt mich eine schreckliche Nachricht. Ich habe sie emotional verpackt und in eine Ecke verschoben, aber irgendwann, Frankie ist weg, T. schläft, entfaltet sie sich ungefragt. Aber da sitze ich mit dem neuen Mitbewohner und seinem Problem, das einer Lösung bedarf. Also wird weiter geredet, ich tue mein Bestes, seine Aufregung zu lindern, denke währenddessen den ganzen Tag nochmal, die Schönheit, der Mut, der mir begegnet ist, und auch wenn ich längst schlafen sollte merke ich, wie gut das alles ist, wie ich mir ein Umfeld kreiert habe, das genau so wie es ist richtig ist.

20.07.2010 Teil 2

Noch immer hat mir niemand verraten, was es mit der Rauchwolke auf sich hatte. Indes – es ist mir auch lieber, die Berliner Feuerwehr löscht Brände, als ihre Homepage zu pflegen.

Anderthalb Stunden des gestrigen Tages wurden darauf verwendet, Blumen zu gießen. Die des Herrn Strike, die dessen langjährigen Mitbewohners und am Abend die eigenen. Nach den vormittäglichen Begegnungen, die mich sonnig stimmten, dann die abendlichen, ebenso sonnig. Bomec ruft pünktlich zum Arbeitsschluss an, weil er ein Geschenk für mich hat und bringt es vorbei. Es handelt sich um ein Badelaken in meinen Lieblingsfarben, auf dem nicht Marilyn Monroe, sondern eine andere Dame abgebildet ist. Wenn wir die Schlampenverkäuferin in Brüssel ausfindig gemacht haben, gibt es schlimm auf die Fresse. Sie hat eine elaborate „Ah mais oui, la fameuse Marilynne Monreux-Coca Cola-Werbungs-Legende“ erfunden, nur um ein auch ohne Marilyn zauberhaftes Badelaken an den Mann zu bringen. Times is hard, aaaaaber bei Marilyn-Legenden hört der Spaß auf. Auf die Fresse also.

Später am Abend kam dann noch der neue Mitbewohner dazu und wir tranken den üblichen spanischen Chardonnay und redeten Leben und Tod zu schöner Musik. Es gibt ja so Tage, wo alles schön ist und man gesellig, und plötzlich ist es zu viel und man muss dringend allein sein. Gestern war das Gegenteil davon.

Ich trau mich noch nicht, ihn wieder aktuell zu verlinken, weil ich nicht weiß, ob er´s durchzieht, aber im intimen Kreis verrate ich – Bomec hat sein Blog wieder in Betrieb genommen.

21.07.2010

Wo denn die Stars beim Schlagerfestival auftreten. Andrea Berg? Aufm Berg. Tony Marshall? Gendarmenmarkt. Judy Winter? Erst im Dezember. Mary Roos? Botanischer Garten.

Aus dem Mitbewohnerzimmer klingen die Stimmen der Beales, auf dem Weinglas bilden sich Kondens-Perlen, morgen ist frei, what a Glam wants, what a Glam needs. Patenkind wohlbehalten zurück aus Hollywood. Lindsay eingeknastet – I love this summer! Und wer mit will – morgen so ab 12. Der übliche See. Anrufen. Boats galore.

20.07.2010

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In 36 sitzen die Herbergskinder abends vorm Spätkauf, morgens vor der Bäckerei.

Das Finanzamt Kreuzberg ist eingerüstet, doch hinter der Folie wird emsig gearbeitet. Im Eingangsbereich liegt einer der bezauberndsten Junghunde, den ich je gesehen habe. Ein blondes Baby mit bernsteinfarbenen Augen.

Vor der Bäckerei in der Großbeerenstraße steht ein Obst-Stand. „Wir waren auch in Erdbeer´n und Kirschen“, begrüße ich meine Verabredung. Während wir reden bringt die Bäckereiverkäuferin der Dame, die das Obst verkauft einen Espresso und zwei feine Stück Kuchen. Die Obstverkäuferin bedankt sich zuvorkommend.

Die Bäckereiverkäuferin kommt heraus, setzt sich und raucht eine Zigarette.

Durch die Straßenschlucht der Großbeerenstraße sieht man am Himmel den Ausflugsballon, der täglich in Mitte aufsteigt. Jetzt zieht eine kleine schwarze Wolkenfahne in seine Richtung. Wenige Minuten später sind es große schwarze Wolkenberge. Sie hüllen den Balkon zeitweise vollständig ein.

Den ganzen Vormittag konzentriere ich mich darauf, Menschen mit Manierismen zu studieren, die man vielleicht irgendwann einmal literarisch verwenden kann.

In der kleinen Grünanlage, die die Yorckstraße teilt, nahe an der Ampel, steht ein attraktiver schlanker Schwarzer mit Glatzkopf. Er trägt Sonnenbrille und Kopfhörer und seinen Schwanz aus der Hose, während er mit einem Ausdruck größtmöglicher Zufriedenheit in die Rabatte pisst.

THERE ARE HEROES IN THE WORLD, PRINCESSES AND HEROES IN THE WORLD

Der Arschlochhund vom Nachbarn, der so bekloppt ist, dass er letztens mit mir die Treppe hoch ist, nicht mit seinem Besitzer in den lichtverschonten Seitenflügel, mich dann, als sein Besitzer ihn ruft, senil anschaut und verärgert bellt, bellt jetzt gerade den Müllmann an, der in Neonorange durch den Hof geht und sich in dem Moment des Angebellt-werdens den Sack kratzt. Irgend jemand im Hinterhaus macht „We don´t need another hero“ an, was mir immer die Frage aufwirft „Warum eigentlich nicht?“ und ich stell Bernadette Peters lauter, ach, Bernadette Peters am morgen, das wird in Tränen enden. Im Bad läuft die Waschmaschine, weil meine wunderbare Mitbewohnerin so wohlerzogen ist, die Bettwäsche zu waschen, bevor sie nachher ihre Rückreise ins bayrische Bayern antritt. Sie wird mir fehlen, ist mir in den verganenen Monaten ans Herz gewachsen.

Gestern fragt mich eine Fee, ob ich mich zu den Radical Faeries zählen würde.
„Mir mangelt es an Spiritualität.“
„Das ist doch nur eine Frage der Definition.“
„Mein Blog ist eine Radical Faerie“, fällt mir ein, „aber ich bin ja auch mein Blog.“ Und natürlich habe auch ich Sehnsucht nach etwas Göttlichem, nach heiligen Momenten.
„Meine spirituellsten Momente sind die, in denen ich mit den Menschen, die ich liebe zusammen bin und wir gemeinsam Liebe generieren. So oder so.“
„Du BIST eine Faerie.“
„Aber ich umarme keine Bäume. Oder nur sehr selten.“ Ich lasse mich von klarem Waldseewasser tragen und bin dann Eins bis mir die Luft ausgeht und ich wieder auftauche. Und dann wieder eintauche. Meine Heart Circles geschehen ohne Therapiegespräche. Wenn die Herzen zirkulieren auf Basis von Verständnis, das nie toleriert, sondern akzeptiert. Ich habe solche Momente nicht selten. Die Diskrepanz von menschlichem und finanziellem Reichtum in meinem Leben ist außerordentlich, aber den menschlichen kann man sich nicht kaufen, also ist es vielleicht nicht so schlimm, wenig Geld zu haben. Als ich mehr hatte, ging es mir nicht besser, sondern schlechter.

Jetzt ist die Mitbewohnerin mit dem Staubsauger unterwegs. Draußen zeigt sich die Sonne, und ein wunderbarer Windhauch geistert durch die Wohnung. Ich muss an die symbolischen Zwillinge aus dem Film gestern denken. Frage mich, losgelöst von allen anderen Überlegungen dieses Vormittags, wie das wäre, wenn man ein fast identisches Gegenüber/Miteinander hätte. Beschließe, in meinem nächsten Leben doppelt auf die Welt zu kommen, dann hat man mehr davon, und beide selbstverständlich stockschwul und stolz.

Dann umarme ich die Mitbewohnerin, ihre Koffer sind gepackt, und muss ein bisschen weinen.

Bernadette Peters singt „There won´t be trumpets“. Who needs trumpets? Und ich denk nur Barbra – people who need people are the luckiest people in the world. Das muss man erfahren, um es zu begreifen.

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DANKE, GUT

Neben mir am Tisch die einzigen anderen, die nicht auf den Bildschirm schauen.
„Ich krieg immer Panik, wenn die kreischen, wenn ein Tor fällt“, sagt der Lockenkopf und ich lese weiter im „Film Club“. Nach ein paar Minuten kommt das Spätzle und bringt mir mein Take-away, lächelt sein Lächeln, „Lass es Dir schmecken und ich wünsch Dir einen schönen Abend!“
Dann klappse ich der Elfennachbarin auf den Po, sie steht vor der wohl am Übelsten betitelten Bar in meiner Nachbarschaft und schaut mit den anderen. Sie weiß Bescheid und fragt „Und was schaust Du?“
„Nip/Tuck.“
Nickt und widmet sich wieder dem Geschehen auf dem Bildschirm.
Ich flipfloppe um die Ecke, sehe, dass ich die Autoschlüssel in der Wagentür habe stecken lassen, gut, dass mein Auto so hässlich ist. Angesichts des Fußballspiels hätte es aber auch ein Porsche sein können. Auto klauen interessiert die Meisten in diesem Moment wie mich Fußball.
Dann und wann ein Gröhlen, ich hänge Wäsche auf. Irgendwann, es ist dunkel, das Spiel ist aus, kommt die Mitbewohnerin mit Gästen (der Cousin mit Freundin), Begrüßung, lange nicht gesehen (sie arbeitet an ihrer Dokumentation mit bewundernswerter Disziplin). Und auch wir reden kein Wort über Fußball. Noch eine Folge Nip/ Tuck und ein verschwendeter Gedanke daran, ob mein Land morgen am Rad drehen wird.