Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

EHRLICHE FINDER, EHRLICH RATLOS

Das Fremdhandy klingelt. Auf dem Display steht Laurent.
„Hey Laurent, hier ist immer noch Glam, Michael hat das Handy noch nicht abgeholt.“
„Ach, hatte ich total vergessen. Alles klar. Bye.“

Einige Stunden später. Das Fremdhandy quengelt. Es will entweder andere Akkus oder sofort Strom. Da die einzige Verbindung zu Michael via Fremdhandy via Laurent geht, rufe ich dort nochmal an, bevor das Handy den Geist aufgibt.

„Hi Laurent, hier nochmal Glam. Michael war immer noch nicht da und vielleicht hat er sich meine Nummer oder die Adresse falsch notiert, ich geb sie Dir nochmal durch.“
„Okay – ich hol mir mal nen Zettel.“

Eine Stunde später. Das Fremdhandy klingelt – ich überlege ob ich mich mit Sekretariat Michael melden soll, es ist Laurent.
„Du, ich hab den Zettel mit Deiner Nummer verlegt, kannst Du sie mir bitte nochmal durchgeben?“

Heute morgen ist das Fremdhandy platt. Keine Nachricht auf dem Glam-Handy. Ich brauch eigentlich gar kein Zweit-Fon. Vielleicht hat er das absichtlich liegen gelassen?

SUNDAY IN THE BED WITH GLAM

Zwischen zwei Regengüssen morgens durch Kreuzberg. Der Großteil Kreuzbergs schläft noch. Zur Bank, weil gestern alles Geld ausgegeben, ohne Reue. Dieses italienische Pärchen im Roses hatte meine volle Aufmerksamkeit, so dass ich gar nicht zum Cruisen kam. Geldautomat, warum nicht noch in die Videothek? Vier Filme erstanden, dann in eine dieser Bäckereien, die aussehen, als könnten sie tatsäschlich schmackhaftes Gebäck herstellen.
„Tach´chen – was sind denn das da für Körnerbrötchen?“
„Das sind Künstlerbrötchen.“
„Dann bitte zwei davon und zwei Schrippen.“

Als die Wohnungstür hinter mir zugeht, setzt der Regen ein. Frühstück. Inklusive Eier und Kerzen. Ein Georgette-Gedächtnis-Frühstück – Frühstück ist heilig. Roomie Spiegelei und ich ein gekochtes. Die Künstlerbrötchen sind eine Offenbarung, die Schrippen eine Enttäuschung. Die Suche nach dem perfekten Bäcker wird weitergehen. Was wohl die amerikanische Nachbarin macht?
„Ich geh gleich wieder ins Bett.“
„Dann komm in meins, ich hab Filme gekauft.“

In Felle gehüllt lassen wie den langweiligsten Harry-Potter-Film über uns ergehen, dann Indiana Jones, es ist schließlich Sonntag nachmittag. Ein freundlicher Inder bringt uns Essen. Dann wollen die beiden eine Romantic Comedy, nach Möglichkeit mit Reese Witherspoon und ich schummle ihnen „Skagerrak“ unter. Natürlich ein Treffer. Die Nachbarin geht dann in ihr eigenes Bett und Roomie und ich schauen Eurythmics-Videos und das Diva-Video von Annie Lennox. Auf VHS! Kurz bevor die Weinvorräte erschöpft sind bin ich es auch, und schon ist der Tag vorbei. War schön!

DES DICKS ALTE KLEIDER

Wieviele Handtücher braucht ein Mensch, meine Güte! Bei den T-Shirts runter zu reduzieren war eigentlich einfach, trotzdem sind es immer noch 30, die Sentimentalitäts-Shirts nicht mitgezählt, die ich wirklich nie wieder tragen werde, aber ich kann nichts wegschmeißen, wo Marianne Faithfull draufsteht oder was mich an ein wirklich atemberaubendes Madonna-Konzert erinnert. Ein paar Klassiker gefunden, die nicht mehr passen und hoffe, dass der Mitbwohner sie in Ehren tragen wird. Dolce, Cavalli, Costume National. Hach. Das waren Geschenke von Dolly B. und Lagerverkaufs-Schnäppchen in Düsseldorf. Überhaupt Düsseldorf. Ich muss an Marilyn denken – „she spent money like a drunken sailor“. Prä-Rezessions-Kleidung.

Meine allererste Dolce & Gabbana-Hose weggeschmissen. Der D&G-Wollpulli, der so patchworkmäßig gestrickt ist und ganz schön bunt und mit Gold drin – ein oder zweimal angehabt, der war einfach ZU schön. Der bleibt. Völlig vergessen, dass ich ein Megapuss-Shirt besitze, prompt angezogen. Jetzt kommt als nächstes das Schrankabteil mit den Wohlfühl-Sachen. Siehe oben – wieviele Schlafshirts braucht ein Mensch? Nur was schön ist bleibt. (Gilt leider nur für Schränke.)

TEXTILIEN STATT TEXT oder TRAVELLING LIGHT

Ich hatte in diesem Frühjahr mal einen gefüllten Koffer in der Hand, der auf den perfekten Reisenden hinwies. Er war leichter als eine durchschnittliche Einkaufstüte. Der Reisende war jeden Tag stylish gekleidet und trug auch nie dasselbe Hemd zweimal. Der Trick – leichte Stoffe. AmApp ha solche Materialien und bei H&M gibt es sie mittlerweile auch. Ich fand das sehr beeindruckend, und auch wenn ich wenig verreise fand ich den Gedanken verlockend, nur noch so angenehm leichte Stoffe zu kaufen. Die nehmen nämlich auch im Schrank keinen Platz weg, trocknen nach der Wäsche schnell und fühlen sich auf der Haut sehr gut an.

Es ist vielleicht nicht ganz so schlimm wie in Grey Gardens, aber, wie die Beales, trenne ich mich nur ungern von Besitz. Der Zeitpunkt, wo Regale und Schränke voll sind, aber weiterhin Kleidung, Literatur und Filme gekauft werden, ist längst überschritten. Seit Jahren stapeln sich Bücherberge, DVDs, füllten sich zwei Kleiderstangen wie von Zauberhand und es ist durchaus von Vorteil – da mein Stilempfinden auf klassische Schnitte ausgerichtet ist, krame ich mitunter aus den unteren Schichten Hemden und Shirts hervor, für die ich bewundernde Worte bekomme. Nichtsdestotrotz, es ist mittlerweile zu viel. Im Zimmer des Mitbewohners steht noch eine befürchtete Kleiderstange und da es so aussieht, als würde der junge Mann länger bleiben, werde ich ein verregnetes Wochenende mit Aussortieren verbringen. Vielleicht hole ich mir einen Assistenten, der mir die Sachen aus den Händen reißt, an denen ich hänge, die aber gar nicht mehr gehen. Aber der zweireihige Versace-Anzug bleibt. Seine Zeit wird wiederkehren. Mit der Lederjacke, die ich mit 18 gekauft habe, hat das ja auch geklappt.

TODAY IS ANOTHER DAY

Und sitze mit Roomie über vegetarischem Cowboy-Dinner (Baked Beans, mashed potatoes und Soja-Bratwurscht) und er erzählt von einem Ort, der sehr sehr spooky ist, und ich schreib mir den Namen auf und sitze heut früh so und recherchiere, und es wird immer besser. Nicht nur spooky, sondern auch noch ein spannender wissenschaftlicher Aspekt in der Geschichte. Und ich glaube, heut kaufe ich mir ein schönes dickes neues jungfräuliches Notizbuch.

ONE MAN GUY

Nach kürzlichem Tagebuch-vergleichen mit dem 23jährigen Mitbewohner im eigenen Tagebuch 1998 auf Passagen gestoßen, die das Elend eines abgeschlossenen Lebenszeitraumes wieder sehr plastisch gemacht haben. Allerdings, so, dass ich ihn mir anschauen konnte, wie ein Ausstellungsstück. Hinter Glas. „Gott, bin ich froh, dass ich in keiner Beziehung bin!“ dachte ich. Weshalb nicht ich Schluss gemacht habe damals, sondern er – bestimmt nicht, weil die Dee mir mit Prügel gedroht hat, wenn ich diese Geschichte vermasseln sollte. Zum Vermasseln gehörten zwei, zusammen haben wir den Job sehr erfolgreich erledigt. Ich habe nicht die ganze Geschichte nochmal nachgelesen. Den Anfang, das Kennenlernen, diese wunderbar verstrahlte Verliebtheit beidseitig. Den Mittelteil, wo meine Sozialphobie eine wichtige Rolle zu spielen begann, mein Unvermögen, mit dem er nicht umgehen konnte, dann schnell das alte Spiel von Nähe und Distanz. Das Ende war mir noch sehr präsent, das musste ich nicht nachlesen. Das war feinster Beziehungs-Psychoterror.

Alle weiteren Versuche, eine Beziehung zu haben, verliefen weniger traumatisch, aber erstreckten sich auch auf kürzere Zeiträume. Auch fiel der Trennungschmerz eine Nummer kleiner aus, was darauf zurück zu führen ist, dass während dieser Beziehungsversuche keine vorsätzliche Schmerzzufügung stattfand.

Die letzte Verliebtheit war von vorn herein so unrealistisch und abwegig, dass es nicht einmal zu einer Beziehung reichte. Affäre wäre schon fast ein zu großes Wort. Das Ende war schon angekündigt bevor wir das erste Mal Sex hatten. Dass es dann mehrfach dazu kam, war schön. Dass er jetzt weg ist – schade. Ich hätte gern mehr gehabt. Aber es bringt mich nicht um.

„I should have known enough to travel light, because no one could really come with me on my trip. I fought this knowledge for years, but now I face it squarely.“
(Bette Davis)

Well, I´m still fighting. And I wouldn´t call my autobiography „The Lonely Life“ because, just because I´m unmarried, I´m das Gegenteil von einsam.

RAINDROPS

Dem Sommer noch einen Besuch am See abgerungen. Das Gewitter zog links an uns vorbei, und im Falle unseres Gastes tobte es innen. Ein paar Regentropfen, dann wieder gleißende Sonne, ein paar Tränen im Nachbarboot, Dämmern, dieser Moment, in dem man gerade einschläft und wieder zurück geholt wird. Gegen Regentropfen und auch Tränen kann man wenig tun. Höchstens aussitzen. Im Fall der Regentropfen hat das geklappt.

Als ich im Wäldchen stehe und das Boot auf Kofferraumformat präpariere ist es schon ziemlich dunkel und noch nicht mal 20 Uhr. Gaga singt laut, ich fliege die Stadtautobahn entlang auf meine Terrasse.

Kurz vorm Einschlafen höre ich draußen den Regen und steh noch mal auf, lege mich unter den Baldachin der Hollywoodschaukel und lasse mich vom Klang der Tropfen auf das Dach in den Schlaf träufeln.