Halbe Stunde Wartezeit so schrecklich wie eh und je. Die Frau, die neben mir sitzt, atmet durch den Mund und gibt ständig irgendwelche Geräusche von sich, die auf tiefe Ekstase oder noch tiefere Agonie schließen lassen. Alle paar Minuten steht sie auf und geht und holt sich eine Zeitung, einen Becher Wasser, legt die Zeitung zurück, holt sich eine neue usw. Ich hasse sie.
Ärztin 1 erlöst mich, ich erkläre, sie gibt sich geschlagen, weil sie erst zwei Monate in der Praxis ist. Sie möchte gern die Meinung der anderen Ärztin. Zurück ins Wartezimmer, ich darf aber in der Warteschleife vor den Behandlungsräumen sitzen, wo ich allein bin. Noch eine viertel Stunde, dann kommt Ärztin 2. Hört sich alles nochmal an. Schlägt ein Medikament vor, das sich erstmal krass anhört, aber immerhin kein Benzo. Aber etwas, das man bei Bedarf nehmen kann – ich muss mich also nicht auch noch am Abend zudröhnen, abends habe ich ja die Ängste nicht. Wenn ich schon mal hier bin – Blutabnahme und EKG. Die Arzthelferin hat etwas Babuschkaeskes, ist zauberhaft und Wainwright-Fan. Dann wirft Ärztin 2 noch einen Blick auf das EKG und schreibt eine Überweisung zum Kardiologen. Nichts wahnsinnig akutes, aber besser, jemand hat mal ein Auge drauf. Meine letzte sorgfältige ärztliche Untersuchung ist über sieben Jahre her. Ich bin ganz froh, den Schritt gemacht zu haben. Nächster Termin Mittwoch und dann schon wieder nächsten Montag. Dieser Artikel ist übrigens auf Insidon verfasst. Geht also.
Archiv der Kategorie: Glam gruebelt
12., 13., 14.5.12
Der Samstag ganz reizend mit Ex-Roomie und dessem charmanten bald-darf-man-wohl-sagen-boyfriend. Sonntag kalt und langweilig und übellaunig. Versucht, zu schreiben, aber der Text kann ja nix dafür, es also sein gelassen. Die Heizung wieder angestellt. Im MAI. Gute Filme geschaut, aber für schlecht befunden.
Heute um halb 8 von ohrenbetäubendem Vogelgezwitscher aufgewacht. Die Laune etwas besser nach der Mail eines nudistischen Freundes, der es sich gut gehen lässt. Nachher werde ich einen Versuch Wartezimmer unternehmen.
WRITE YOUR HEART OUT
In der Therapiesitzung merke ich, dass die Stimmung immer nach oben geht, wenn wir übers Schreiben reden. Ich würde ihr gern erzählen, welche Figuren in der Fortsetzung gerade was machen, aber sie ist noch nicht durch mit Teil 1 und ich will ihr das Finale nicht vorwegnehmen. Nach dem disziplinierten Winterschreiben, wo ich fast die ganze Zeit fünf Tage in der Woche am Text saß, bin ich jetzt in einer Phase, wo das Schreiben Luxuszeit ist. Das Finale entwickelt sich noch in mir, jeder Schritt dahin ist sehr vorsichtig platziert.
Die Stimmung ist komplett anders als in „Ashby House“, was an der Grundsituation der Protagonisten liegt, aber auch daran, dass es einen leichten Genre-Wechsel gibt. Es ist kein Kammer-Stück mehr. Die Slashers sind jetzt draußen in der Welt. Und fühlen sich dort quicklebendig, abgesehen von einigen Petitessen und Malaisen, aber das wird schon.
GLAM, BIBLISCH
Recherchen führten mich an unsere kulturelle Wurzel. Wie immer, wenn das passiert – sehr sehr selten – frage ich mich, ob außer mir noch niemandem aufgefallen ist, dass Altes und Neues Testament irgendwie keineswegs zusammenpassen. Die haben in der Fortsetzung wirklich nur die eine Storyline übernommen. Der Erlöser wird kommen. Und in Teil 2 ist er da. Der hätte es soviel einfacher gehabt, wenn er ein bisschen Brimborium-Treatment á la Altes Testament bekommen hätte. Sechsflügelige Seraphim um ihn herum, die nonstop „Hallelujah“ singen. Dennoch. Das Erscheinen, Verschwinden und Wiederkehren-Muster hat sich kulturell tief eingeprägt, ich weiß das, weil ich auch gerade ein Sequel verfasse, das ähnlich operiert.
Wo ich schon bei den Seraphim war, wollte ich auch wissen, was es mit den Cherubim auf sich hat. Und was sucht eigentlich die Putte in der Kunst? Wo flog sie her, was macht sie da überall und was will sie uns sagen? Nachdem ich diese Fragen beantwortet fand, konnte ich meine Recherchen für den Tag abschließen und fand mich am Abend einer Echtleben-Putte gegenüber. Im Kreise von Kitty Koma, Strike, dem J. und Mlle Modeste konnte ich einmal mehr das Kind F. bestaunen, das eine enorme Zufriedenheit und Zuversicht ausstrahlt und mit dieser Ausstrahlung auf seine Umgebung abfärbt. Baby gucken ist das neue „Dancing Queen“ singen.
5.5.12
Dass ich nicht ein halbes Vater-Gen besitze merke ich, als ich dem ca Zweijährigen dabei zuschaue, wie er das Eis (also gefrorenes Wasser, kein Speiseeis), das gerade auf den Boden gefallen ist, aufhebt und – selbstverständlich – in den Mund nimmt. Der Boden ist nicht schmutzig, aber das Café sehr bevölkert. Strike und ich wissen es seit unserer konzipierten und noch nicht realisierten Koch-Show, Arbeitstitel „Dreck reinigt den Magen“: Dreck reinigt den Magen. Also greife ich nicht ein, sondern schaue weiterhin amüsiert zu, wie der Kleine immer zielstrebig den größten Brocken aufklaubt und isst.
Drei Bloggerinnen und ich sitzen auf dem Ecksofa und die Ladies verarbeiten die Eindrücke der Republica, die einmal mehr spurlos an mir vorübergegangen ist. Ich habe das Uni-Feeling noch nie vermisst. Außerdem bin ich ein schlechter Zuhörer, außer bei Gesprächen und Musik. Frau Fragmente fragt mit wie immer wissenschaftlich präzisem Interesse, wie es mir denn eigentlich wirklich geht und möchte einen Bericht. Ich finde ja, dass das eine Frage ist, die man Emo-Bloggern nicht stellen braucht, denn es steht doch so gut wie alles hier. Der Rest zwischen den Zeilen. Connect the dots. Auf einer Geburtstagsparty, denn wir befinden uns auf der Party des geschätzten Bomec, möchte ich nicht auf meinen gegenwärtigen Frustrationen herumreiten, sondern mich einfach stattdessen amüsieren und schon am Nachmittag Wein trinken.
Sydney hat von einer Folge auf die nächste die Haare ab, und das, wo ihr die Sprührfrisuren im Sixties-Style so ausgezeichnet standen. Ich bin ein bisschen schockiert. Ich spule zurück, halte ein paar Großaufnahmen fest und freue mich, dass ich mich über den Anblick eines Menschen so freuen kann.
In der vorletzten Nacht bin ich schlafgewandelt und habe Zahnpasta an die Wand über der Badewanne gekleckst. Das hört sich vielleicht lustig an, aber ist für jemanden mit Kontrollverlust-Besorgnis besorgniserregend. Eine gelungene Panikattacke – also ein Ablauf, der nicht aufzuhalten ist, bei dem mindestens fünf Angst-Symptome gleichzeitig auftreten (Schwitzen, Zittern, Herzrasen, Atemnot, weiche Knie, Übelkeit usw), bildet einen Zeitraum, in dem man keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper hat – ein gruseliges Erlebnis. Mein abgespaltetes Schlaf-Selbst, das nachts durch die Wohnung läuft und mit Zahnpasta kleckst oder „Boycott God“ mit Kajal an die Wohnungstür schreibt – gruselig. Aber alles ich.
4616, NIJINSKY FORREST oder CLOWN GOTTES C/O
Tapping into an emotion again, die nichts mit mir zu tun hat. Oder alles. Und die sich auf einmal auch gar nicht mehr gut anfühlt. Wo das Leichte auf einmal vom Schweren abgelöst wird und zunächst Zweifel, dann jede Menge Selbstzweifel aufkommt. Ich kann mich erinnern, dass es beim letzten Mal zumindest ein paar Wochen schön war, einfach nur. Hier ist kaum die Tür aufgemacht, dass ich die Reißleine ziehe. Das Gute: not in too deep, just yet. Wie ein method actor kann ich das letztlich alles benutzen. (Dass auch bei einem method actor dann die Emotion im Moment des Verwertens wieder hochkommt, ist der Preis für die Wahrhaftigkeit.)
Im Traum hat dann immerhin Sydney angerufen und sich beschwert, dass das Buch noch nicht da sei.
„What would it take, what would it take, to wipe that smile off of your face?“ hat Lloyd Cole völlig gerechtfertigt gefragt.
SPIDERMEN
So ein Tag, wo ich denke – wär das schön, wenn man jetzt deligieren könnte, so im Netten. „Machst du schon mal den Balkon, dann geh ich einkaufen.“ Oder „Bleibst Du kurz im Auto sitzen, dann kann ich in der Einfahrt halten.“ Oder „Fasst Du mal mit an?“ Oder – besonders aktuell, aus gegebenem Anlass, während ich nackt und nass und mit Shampoo im Haar die handtellergroße Spinne über mir in der Dusche entdecke „HILFÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHHHHHH!!“ Und dann kommt er und setzt die Spinne auf dem Balkon aus, wo sie es eh viel schöner hat. Und, ja, man kann das auch alles selber machen und ist ganz unabhängig und muss sich nichts vorschreiben lassen und hat auch sonst viele Vorteile, aber manchmal denk ich eben auch so.
HARISSA
Als wir aus dem Parkhaus kommen hat es sich das Wetter zwischendurch anders überlegt, aber jetzt scheint die Sonne wieder. Die Straßen sind nass. Rudel von Menschen haben sich über die Kreuzkoelln-Cafés hergemacht, aber wir erwischen noch ein paar köstliche pastries hinter der blauen Tür.
Am Spätnachmittag fangen wir mit dem Kochen an. Ich koche eine Sauce aus Beeren, süß-salzig, die gibt man über filettierte Avocado. Das Skailight zaubert ein marokkanisch angehauchtes Linsengericht (die marokkanische Komponente siehe Überschrift), und ich fertige Gnocchi aus seltenen französischen Kartoffeln, festkochend, mit frischem Muskat. Das passt ganz wunderbar zusammen, veredelt mit einem Joghurt mit frischer Minze. Yum Saturday.
LOCAL HERO and the side effects.
Immer häufiger zeigt mein Telefon, dass unbekannte Anrufer aus der Vorwahlregion meines Geburtstorts versucht haben, mich zu erreichen. Ich denke immer automatisch, es sei jemand gestorben und man wolle mich in Kenntnis setzen, aber dann sind es Leute, die in der Lokalzeitung über mich gelesen haben. Das gibt dann oft ganz süße Gespräche. Mit der Frau meines verstorbenen Patenonkels beispielsweise. Oder gestern mit der Mutter eine Schulfreundin. Bizarr allerdings, dass ein paar ehemalige Mitschüler mich zum Abitreffen einladen wollen, obwohl ich ja sitzengeblieben war in der Zehnten, und ich mit einem anderen Jahrgang meine Schullaufbahn beschloss, aus dem ich auch einen Großteil meines Freundeskreises rekrutierte. Ich muss mir nicht einmal eine Ausrede einfallen lassen, der Termin fällt auf den Tag des jährlichen Autorenfests meiner Agentur. Und wenn es Juni ist, und ich Gelegenheit für eine Party am Schlachtensee habe, dann nutz ich sie. (Dieses Mal muss ich allerdings emotional einen Event abschütteln, der sich an diese Tag jährt.)
14.-15.4.12
Karstadt Lebensmittelabteilung. So der opulentere Einkauf, knackevolles Band. Hinter mir huscht eine gepflegte Rentnerin zur Kassiererin und hält ihr eine Schachtel Pralinen hin.
„Bin ich jetzt dran?“
„Na, nee. Erstma muss ick den jungen Mann bedienen, sonst verscherz ick es mir mit dem.“
„Dabei habe ich heute meine Tarnkappe gar nicht auf!“
Und dann lachen wir alle drei ein bisschen.
Den Protagonisten Zeit zum Atmen gegeben. Wenig geschrieben, aber schön. Wenn ich denen so eine Insel kreiert habe, wo sie sich mal wohlfühlen können, mitten in der Horror-Handlung, lass ich sie gern einen Tag dort und stell sie mir vor und freu mich mit ihnen.
Das erste Mal seit langem wieder was gelesen. Kästner. Geht grad nur Lyrik. Kästner möchte ich immer auf die Schulter klopfen und sagen „Hast ja Recht“ und hinzulügen „Aber wird schon!“ Ich mag den Mann sehr gern.
Norwegischer Horror-Film. „Hidden“. Fast zu atmosphärisch, aber schön.