Archiv der Kategorie: Glam gruebelt

GLAM MEETS THE GIPSY KING

Der Höhepunkt des Tages, morgens um 10 – eine Spontanerektion angesichts eines Passanten. Mitte, Ende 30, 185cm, langes braunes welliges Haar, schmales Gesicht, Vollbart. Trägt einen schwarzen Anzug (etwas zu groß) und ein weißes T-Shirt. Telefoniert. Erst kommt er mir entgegen, dann dreht er und überholt mich und da geschieht´s. Ständer. Ich würde ihm gern das Handy abnehmen und mich mit ihm schnellen Schrittes entfernen und Sachen tun, wie in meinen Romanen. Inklusive paranormale Aktivitäten vertuschen, aber auch ganz irdisch überirdischen Sex. Aber da ist er auch schon über die Straße und ich erreiche pünktlich (und abgeschwollen) meinen Arzttermin.
„Beim Nervenarzt gehen die Uhren anders“, werde ich begrüßt, „kommse in zwee Stunden wieder. Machense sich n schön Vormittach.“
Leicht gesagt in dieser Gegend… Also stiefele ich lustlos durch die Neukoelln Arkaden, kauf mir einen Roman, einen Kaffee und etwas Geschmacksneutrales, das sich als Tomaten-Mozarella-Stange bezeichnet und setz mich in den Wind vorm Rathaus, wo ich immer wieder (erfolglos) nach dem Gipsy King Ausschau halte. Gegen 12 bin ich zurück in der Praxis. Nach einer weiteren Stunde verlasse ich sie mit einem Rezept in der Hand. Weder das Wartezimmer, noch die Einkäufe haben mich aus der Fassung gebracht, und auch, wenn ich mich im Arztgespräch fühle wie jemand, der sich vorsichtig nach Morphium oder klinischem Kokain erkundigt, es ist ein weiterer recht stabiler Tag. (Was mich nicht davon abhält, das neue Medikament zu testen. Er ist noch sehr fragil, der Status.)

KEATS AND YEATS ARE ON YOUR SIDE, WHILE RILKE IS ON MINE

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Es hat etwas sehr Feierliches, an diesem Wetter-unberechenbaren Sonntag über den Friedhof zu spazieren. Die Stille, Produkt der Abwesenheit von Lärm und Lärmenden, das Unaufgeregte, die in Stein geschlagene Würde, die dieser Ort ausstrahlt. Irgendwo, da, wo die Asphaltierung aufhört, gerät der Friedhof zum Museum. Auf den Dächern von Mausoleen wuchern Bäume. Grapbepflanzungen außer Rand und Band überdecken Grabplatten und beschatten die Beschriftungen. Es ist ein unsagbar verwunschener Ort mit Jesus und Maria-Statuen in allen Stadien des Verfalls. Engel mit geknickten Flügeln. Knochentrockene Grabinschriften.

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Und plötzlich ist man wieder im apshaltierten Bereich, da steht eine Frau, Mitte 60, in schicker Jacke, und weint bitterlich, reibt sich mit einem Taschentuch die Augen. Vor ihr ein frisch und bunt bepflanztes Grab. Und dann bleibt einem nicht nur der Atem stocken, sondern es entfaltet sich die gesamte Wirkmacht des Ortes und erschlägt einen. Ein paar Schritte weiter denke ich, hingehen und in den Arme nehmen und selber ein bisschen mitweinen. Mach es dann aber doch nicht. Es gib ein Alleine, das heißt dann wirklich allein. Da gibt es keinen Trost zu spenden.

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RELEVANZ

Komisch, dass man mit Mitte 20 überzeugt ist, für immer Mitte 20 zu sein. Die 30 ist dann schon seltsam und man macht sich allerlei blöde Gedanken, dabei ist das eigentlich das (bis auf weiteres) spannendste Jahrzehnt und dann kommt die nächste Etappe und man muss sich plötzlich Identifikationspersonal suchen, Bezugspunkte dafür, dass ein Leben auch dann noch Sinn macht, wenn der jugendliche Schmelz komplett weggeschmolzen ist. Coupland hat mal gesagt, dass man im Kopf und der Selbsteinschätzung so bei 30 hängenbleibt. Bei mir so 35/36, ich war ein Spätzünder. Vielleicht war es auch gar nicht Coupland. Egal wer, es ist was dran. Ich fühl mich nicht gern außen vor. Und halte es mit Dalida und schminke und frisiere misch ein bissschen mähr auf jugendlisch. Pathetisch, ich weiß. Aber ich schaue zurück auf meine Freunde und Bekannte Mitte 20 und vorwärts auf Menschen wie die Lieblingsdänin und andere Großartigkeiten (Jessica Lange) und dann schaue ich auf die Menschen in meinem Alter, mit denen ich mehr oder weniger lange Wege gegangen bin, und die Menschen, die ich jetzt um mich habe, mit denen werde ich gerne – besser. Noch besser. Das Verbuchen von Erfahrungen hört nicht auf. Und in diesem Zusammenhang der neue John Irving, eine sprichwörtlich reife Leistung. Das ist so ein Buch, auf das der Autor nicht stolzer sein könnte. Es ist so weise und so klug und so voller Herz. Und es weist auch irgendwie den Weg. Es mag sein, dass die Jugend vergeht, aber im Alter hat man mitunter, bestenfalls eine gewisse Weisheit auf seiner Seite, und von dieser profitiert auch die Jugend. Das wäre mein größter Wunsch als Autor – eines Tages ein Buch zu schreiben, das festhält, was sich im Lauf eines Lebens verändert, was sich bewährt, was überflüssig war, aber trotzdem mitgenommen werden musste und was relevant bleibt. Relevant bleiben. Das Ziel für die nächsten Etappen.

FREMDE DILEMMAS*

Gegen halb 2 letzte Nacht ein unsittlicher Antrag von jemandem mit dem ich eine lange sexual history habe. Mittlerweile liiert, eheähnlich und ich hab´s ihm nie geneidet. Die kurze Zeitspanne, in der etwas aus uns hätte werden können verstrich ungenützt, und besser so, denn wir brannten brannten brannten wie die fabulous roman candles von Kerouac. Zuviel davon wäre nicht gut gewesen. Über die Jahre immer wieder begegnet, nur für Sex, aber mit zusammen aufwachen. Gestern Nacht dann also wieder eine Message, eine Stunde später gefolgt mit „vielleicht doch keine gute Idee“. Das ist, was ich an ihm so mag – irgendwo ist er doch ein sehr moralischer Mensch. Wobei ich finde, dass ein bisschen fremdficken ja keine Bedrohung für eine Beziehung darstellen muss. Man muss es handeln können. (Und, wie die Roman Candles – bei feierlichen Anlässen. Nicht zur Gewohnheit werden lassen.)

* Dilemmen? Dilemmata?

TEENAGE WILDLIFE

Eine komplette Woche in der Familie dürfte mindestens ein Jahrzehnt her sein. Wenn ich mal eine Woche da war, dann um das Haus zu sitten oder wenn ein Elternteil im Krankenhaus war. Letzte Woche war also ziemlich ungewöhnlich und dafür ziemlich gut. Es gab mal einen Punkt, wo ich Rückzug brauchte, den nahm ich mir dann und dann war´s auch wieder gut. Ansonsten waren wir zumeist froh, zusammen zu sein. (Sie müssen bedenken, dass ich ein ziemlich kontaktarmes Leben lebe – nach dem Job habe ich selten Lust, noch zu telefonieren, und ausgehen wird auch immer seltener. Wenn ich abends nach Hause komme muss ich mich auf niemanden einstellen, kein Programm abgleichen, keinen Tagesbericht abliefern, nicht zuhören.)

Dass das Wochenende dann im Abiball gipfelte war dann auch nochmal herausragend – 600 Gäste, die Schlange zum Buffet mit ca 30 Minuten Wartezeit. Alles ohne Andeutung von Panik, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass ich nicht allein war und mich in der Schwesternfamilie sehr gut aufgehoben gefühlt habe.
„Du warst auf der Party zu meinem 18. Geburtstag“, sagt mir die Mutter der besten Freundin des Patenkindes und ich frage mich, was ich noch alles vergessen habe aus meinem Teenage. In Erinnerung bleibt dieser letzte Sommer nach dem Abi vor dem Wegzug nach Berlin, in dem wir die Nächte zum Tag gemacht haben, tanzten, auf langen Autofahrten von Hannover oder Braunschweig zu The Smiths oder The Cure im Radio mitsangen, wo alles Schwere (die Schule) abfiel oder entglitt, wo für ein paar Wochen alles leicht und heiter und pur gegenwärtig war und die Zukunft um die Ecke wartete, voller Verheißung, aber ohne Versprechen. In Gestalt von diesem Berlin, der Stadt, von der wir uns das Größtmögliche erhofften, ohne einen echten Plan. Es gibt zwei Sachen, die ich anders machen würde. Die Erste – zurückschlagen, auch wenn in der Minderheit. Auf die Weichteile, in die Augen, dahin wo´s wehtut. Wie eine Furie drauf losgehen und nicht aufhören bis der Angreifer am Boden liegt. Und winselt. Und begreift, dass er der Unterlegene ist. Die Zweite: einen Plan machen. Die Zukunft abgleichen mit meinen Fähigkeiten und Vorlieben. Am Samstag hielt der Vertrauenslehrer auf dem Ball eine Rede. Es war gleichzeitig seine Abschiedsrede – er geht nach Ablauf des Schuljahres in Pension. Er hatte schon mich in Mathe unterrichtet (es zumindest versucht) und ist einer der besten Pädagogen, die mir je untergekommen sind. Unterm Strich, empfahl er seinen Schüler, tut das, was Ihr liebt. Unterm Strich bin ich dahin gekommen, über viele unnütze Umwege und über Berge und durch Täler. Aber ein bisschen Planung zur rechten Zeit hätte mir viel Mühe erspart. Der Wunsch, wegzukommen aus diesem Teenage, das erst zum Ende hin eine gewisse Leichtigkeit bekommen hatte, überschattete alles andere.

ALLES WÄR DRIN UND ALLES DANEBEN UND ES WÄR GUT

Die Durchgangsstraße auf dem Dorf ist deutlich lauter als die Seitenstraße in der Hauptstadt. Wach um halb 7, aber ist okay. Draußen wirkt schon alles sehr geschäftig. In B um die Zeit ist es noch totenstill. Außer Lesen in den vergangenen Tagen – Beach-Ball mit den Neffen, Obst geerntet und Marmelade gekocht. Manuskriptändrungen ins Typescript übernommen. Blumen gegossen. Gekocht. Die Lösung gefunden, falls die Helden nicht von mir zitiert werden wollen – dann singt Magda eben Rilke, der hat nichts (mehr) dagegen (einzuwenden).

Ständig schwarze Fingernägel vom Sauerkirschen ernten/ waschen/ entkernen/ verarbeiten. Vielleicht sollte ich die morgen zum Abiball lackieren. (Gerade eben erscheint der Abiball des Patenkindes noch weit entfernt und mehrere Nummern zu groß.)

Gedanken über eine Figur in ODP. „Darf man das?“ frage ich mich. Die Lieblingskollegin hat die Frage beantwortet mit „Er hätte ja bei Dir bleiben können.“ Die betroffene Person hat natürlich einen differenzierteren Blick und ich vollstes Verständnis.

Ich weiß nicht, was zutrifft, sollte ich den Satz beginnen „Längst hätte ich wissen sollen, welche Dinge ich bewusst tue und welche unbewusst.“ Oder hieße es doch treffender „Es war mir noch nie klar, wann meine Taten auf bewussten oder auf unbewussten Entschlüssen fußen.“
In beiden Fällen habe ich mir jemanden auf Distanz geschrieben, bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt. Meine Art, einen Aspekt der Beziehung endgültig zu beenden war für die Beteiligten ein Happy End zu schreiben. Deshalb nennt man das Genre ja auch Fantasy.

„Seltsam, die Wünsche nicht weiter zu wünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen.“

GLAMBERRY oder CHERRY CHERRY BOOM BOOM

Der gestrige war Kirschen und Johannisbeeren gewidmet, zunächst der Ernte derselben, dann der Reinigung und schließlich der Verarbeitung zu Marmelade. Heute steht Gemüsefond für Kartoffeln Berichonne auf dem Programm. Da ist auch ein Nachmittag schnell rum. Ansonsten lese ich den neuen Irving, dessen erste Seiten mit langen Diskussionen über Ibsen nerven, aber ich hab Lesezeit und geb ihm eine Chance. Dann müssen noch die Redigierungen nach Agentinnen- und Spezialistenkritik vom Manuskript ins Typescript übertragen werden. Eigentlich hatte ich auch noch einen Shopping-Trip vor mir, weil ich ein Oberteil für Samstag brauche. Aber die Abiturientin, die es dann zu feiern gilt, ist mir zuvorgekommen! So ein Patenkind wünschen sie sich sicher auch, gell!

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PRETTY LITTLE THIEVES oder GLAM LÖST URHEBERRECHTSDEBATTE

Noch 3 Folgen bis zum Finale und jetzt sind alle verdächtig, sogar Spencers Vater und ihre blöde Schwester. Der Kleinstadt-Cop, die blinde Jenna (in Kombi mit dem Kleinstadt-Cop mangels eigener Zielsicherheit). Alisons Bruder sowieso. Schlau schreibt man der kleinen Mona auch noch eine Bedrohung durch -A. Leider hatte Ashley zu wenig Screen-Time in dieser Staffel. Ich hoffe, das ändert sich in der nächsten. Aber sehr schön die Szene, in der Hannas Rechtschaffenheit wieder hergestellt wird und ihre intrigante Stiefschwester inklusive ihrer Mutter (2nd wife of Ashleys husband) einen vor den Latz bekommen.

Festgestellt, dass es das Ebook von AH jetzt auch 100% gratis und ebenso illegal als Download gibt. Sie sehen mich inmitten der Urheberdebatte und ich gehöre zu denen, die mit Abmahnung drohen, bzw erledigt das mein Verlag. Eine faire Vorgehensweise meines Erachtens: Die Schlecker-Mitarbeiter und Innen umschulen auf Internet-Ordnungsamt. Illegaler Download sollte doppelt soviel kosten wie das illegal geladene Digitalprodukt. Keine absurden Abmahnkosten, einfach Strafzettel mit Zahlungsaufforderung. 50/50-Teilung zwischen den Schleckers und dem Verlag. Das finde ich fair gegenüber beiden Seiten – dem Downloader und dem Urheber. Und den Schleckers. Aber ich gehöre noch der Generation an, die die Zeiten vor dem Netz erlebt hat und nicht annimmt, dass es alles was es im Laden gibt auch irgendwo gratis im Netz geben muss. Die Tatsache, dass da nicht rechtzeitig eine gesetzliche Regelung gefunden wurde hat tatsächlich zu einer Art Freibeuterei geführt. Eine Partei, die sich schon namentlich als Dieb bezeichnet kann ich nicht ernst nehmen, dann doch wirklich lieber die Tierschutzpartei. (Andererseits wäre es vielleicht begrüßenswert, wenn Parteien sich wirklich thematisch benennen würden. „Die Hupfdohlen“, „Die Koksnasen“ oder einfach mal ganz selbstlos – „Die Unfähigen“.)

24.6.12

Bis zum frühen Nachmittag so rumredigiert. Es war schon beim Schreiben klar, dass dies eher ein Buch wird, wo ich nachträglich noch aufstocke und nicht, wie bei AH, kürze. Die Agentin meinte, mehr Innenansicht der Heldin würde dem Ganzen gut tun. Daran also gefeilt, aber auch Erklärung dafür gefunden, warum sie ab einem gewissen Punkt keine Fragen mehr stellt und keine Zweifel äußert – es passiert alles so schnell, die Arme hat gar keine Zeit. Die schwächste Passage, die mich schon beim Schreiben etwas nervte, gestrichen und mit etwas Substantiellerem ausgetauscht. So wird die Welt nun nicht erfahren, warum Mrs Slasher Mozarts Klaviersonate KV 331 so schätzt, und die Welt wird dadurch keine schlechtere als sie ohnehin bereits ist.

Am Nachmittag den dtv-Kollegen-Buchtipp-Februar angefangen. „Die Flüsse von London“. Sehr amüsant. Aber, ehrlich gesagt, der März-Tipp gefiel mir besser.

Neue Lieblingssuchanfrage: Negerblockbuster. Der erinnert mich an diesen TV-Werbespot, den ich mal hörte und nicht sah, wo Dolly Buster Saucen angeboten wurden. Beim Hinschauen dann gemerkt, dass es sich um B+ertolli Pasta Saucen handelte. Siehe auch hier.

Gästezimmer für Couchsurfer klargemacht. Verschiedene Sachen gegessen, die im Kühlschrank nebeneinander noch gut aussahen. Dann beim Essen leider kurzes gleich-kotz-ich-Gefühl – vielleicht sollte ich mich doch konsequent vegetarisch ernähren, Fleisch löst das bei mir manchmal aus. Ärgerlich war´s für die meergesalzten fruchtigen Tomaten, die mit dem Fleisch in den Müll wanderten. Dann ein gnadenlos köstlicher weißer Bordeaux, 2008, den Hoffmann gerade ausverkauft, bedauerlicherweise. So ein goldenes, vollmundiges Getränk, ich werde mir die letzten Flaschen sichern.

Eine Folge „Pretty little Liars“, absolutely gorgeous, dann durch´s TV-Programm gezappt und immer wieder über HD-Qualität gestaunt. Schicke Sache.