„Nach ihrem (Helene Hegmanns) Auftritt (bei Harald Schmidt) habe ich jede Spur Mitleid, die ich bislang für sie gefühlt habe, verloren. Ich habe Helene nie Vorwürfe gemacht. Aber diese Darstellung war schamlos. Ob ich Helene einmal treffen wollte, hatten mich viele in den letzten Tagen gefragt. Nach dieser Sendung nicht mehr.“
Airen im heute erschienenen „Rolling Stone“. Sehr feiner Artikel, ein Tagebuch der Woche des Skandals.
„Die VG WORT freut sich, Ihnen zusammen mit diesem Brief einen Scheck senden zu können. Hierbei handelt es sich um eine Nachausschüttung der Gerätevergütung für sogenannte Multifunktionsgeräte für die Jahre 2002 bis 2007. (…) In diesem Fall hat sich gezeigt, und vor allem ausgezahlt, dass die VG WORT, ein Zusammenschluss von Autoren und Verlegern, bei der Durchsetzung von urheberrechtlichen Vergütungsansprüchen einen „langen Atem“ hat.“
Und: Ja. Es ist wie immer bei einem Tim Burton Film. Bevor man reingeht denkt man – hm. Ich weiß schon genau wie´s aussehen wird. Wie sich´s anfühlen wird. Wie ich mich fühlen werde, wenn ich aus dem Kino komme. Well? SO WHAT? Das war bei einem Hitchcock nicht anders. Und – ja. Die erste Stunde ist wirklich nicht überraschend. Das soll die neue Alice sein? Dafür ist mir zuviel alte Alice dabei – se schrumpft, se wächst, se boxt, se foxt. Aber dann muss man im Hinterkopf behalten, dass wir mit einer alten Geschichte in eine „neue“ Technologie, 3 fucking D eingeführt werden, und wie könnte man das besser machen, als mit einer Geschichte, die schon vertraut ist. Die Weiterspinnung erfolgt dann unter brachialst-genialem Einsatz der neuen Technologie und irgendwann, in vielen vielen Jahren, wird man Burton´s Alice als das frühe Meisterwerk dreidimensionaler filmischer Gestaltung begreifen, das es ist – jedes Bild ein Gemälde, in das man den Finger dippen kann. Tim Burton ist nur mit einem Adjektiv zu beschreiben: ABSOLUT.
So haben Sie hier gerade auf dieser Internetzseite eine Meinung zum Film gelesen, in der auf 15 Zeilen nicht ein einziger Schauspieler erwähnt wurde. Auch neu. Jetzt aber: Mia Wasikowska. Wunderbar – die schattigen Augen, das nicht wirklich schöne Gesicht, aber eine Präsenz, eine Präsenz. Das Natürliche, konfrontiert mit dem Irren – Thema jedes Burton-Films, und je schlichter und schmuckloser die Gestalt, umso größer die Entfaltung – was allen anderen Akteure mittels ihrer Maske erzeugen, muss Wasikowska ohne absurdes Make up schaffen – und es gelingt ihr vortrefflich. Helena, wegen der wir Burton-Fans leider auf Winona verzichten müssen, es war mir ein klein bisschen zuviel Helena. Anne Hathaway, die in der Rolle der Weißen Königin einen Platz in meinem Herzen gefunden hat – wegen ihr musste ich an ein kürzlich geführtes Gespräch mit Herrn Avviso denken, der soviel von mir im Hutmacher sah, wobei ich doch eigentlich immer mit Jack Sparrow verglichen werde, weil wir uns beide abends nie abschminken, denke ich – ich konnte es jetzt dann doch nachvollziehen, er meinte vermutlich die Flashback-Szene; aber die weiße Königin, das ist eine Glamour-Queen deluxe, ich liebte jede Szene, in der sie eine leichte Übelkeit durch unterdrückten Minikotzer hinter vorgehaltener Hand andeutete, großkotzartig, eine herausragende Filmkreatur, voll auf meiner Böse-Hexe-Gute-Hexe-Glamourwellenlänge.
Thema großartige Kreaturen. Johnny. Depp. Der Hutmacher. In der Tat so etwas wie mein Vater-Bruder-Liebhaber-bester-Freund-im-Geiste. Losgelöst und in seinem flirrenden Wahnsinn fest geerdet. Augen voller Wunder, ein elektrokutierter Look, Lippen, von denen man etwas zugesäuselt bekommen möchte, etwas Irres, Krankes, bevor man sie küsst. Ich habe mich mal wieder, wie immer, komplett in ihn verliebt. Und wünsche mir von diesem Edward-Ichabod-Sweeney-Hutmacher-Dream-Team noch viel viel mehr fantastische Abenteuer, Grenzgänge, Rauschfilme. Und wenn ich noch eine Drogenempfehlung geben darf, dann wäre „Alice in Wonderland“ ein guter Anlass für Ketamin.
It´s kinda slow. But it speaks to me. Hat vielleicht auch mit „Dog Days“ von Florence zu tun. And of course I just love to watch Julia. Big Plus: the elephant and lots of Italian food.
Erst am Spätnachmittag fängt der Tag an in die richtige Richtung zu kippen. Zunächst waren da nur bad news. Um nur eine zu nennen: Meine von der Mitbewohnerin zerstörte Waechtersbach wird nicht mehr hergestellt. Waechtersbach. Meine. Goldene. Sie sei nicht so gut beim Geschirrspülen, reicht die Mitbewohnerin mir den Versuch einer Entschuldigung entgegen, zu Hause habe sie schließlich einen Geschirrspüler. Dafür möchte ich ihr eine aufs Maul haben, aber der Tag ist kurz, die Liste der Aufgaben lang. Kurz bevor ich den gerade geschenkt bekommenen schwarzglitzernden Lidschatten auftrage (mit dem Geschenk begann die Wendung des Tages zum Guten) checke ich meine Mails. Faerie-Brother. Ob ich nicht Lust hätte, am Wochenende nach Genf zu kommen. Und wie! Und vor allem und wie? Gut, dass ich die Mail erst so spät am Tag lese, 4 Stunden früher und ich hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, nur um dann am Flughafen festzustellen, dass mein Reisepass abgelaufen ist, der ja, wenn ich mich recht erinnere, für einen Trip in die Schweiz erforderlich ist.
Also schmeiß ich meine Taschen in den Kofferraum und steige düster glitzernd in den Wagen. Die Reise geht nicht nach Tegel sondern in die Klosterstraße ins WMF. Es ist viertel vor 8, die ersten Menschen, die ich treffe, sind die netten Menschen vom Blumenbar-Velag, die den Abend ausrichten. Eine kurze Lesung aus Texten von Hunter S. Thompson, dann Deefs Strobo-Show und zum Abschluss Tom Schilling mit Passagen aus dem neuen Roman „I am Airen Man“. Als nächster kommt Frankie, schön wie immer und wir trinken Bier und rauchen während sich der Raum füllt und füllt und füllt. Es ist knackevoll, ohne dass man Beklemmung verspürt. Eine schöne Frau nach der nächsten arrives on the scene. Sarah P. freut sich und strahlt, meine Agentin sieht aus wie Louise Brooks und bekommt nicht mit, dass ich ihr gerade Airen vorgestellt habe, was ich erst spät am Abend erfahre, als sie mir beim Abschied sagt, dass sie ihn so gerne getroffen hätte. Julia und Vivi, die ich erst vor kurzem und auch nur Dank des ganzen Strobo-Trubels kennengelernt habe. Dann freue ich mich über Frau Ruhepuls und endlich lerne ich auch Herrn Nack kennen. Ich bewege mich durch den Raum und sehe freundliche interessierte Gesichter. Tom Schilling läuft mir mit dem ersten Exemplar des „Airen“-Romans über den Weg und zeigt mir die Danksagung, in der ich zu meiner Freude gleich doppelt erwähnt bin – bürgerlich und mit Blognamen. Aufgrund einschlägiger Erfahrung (mit dem Buchmatkt, nicht mit literarischen Skandalen) hatte ich Airen in den holprigen Wochen unterstützt, was die Auswahl von Verlagen und den Abschluss von Verträgen anging. Jemand mit Entscheidungsgewalt gibt Tom und mir einen Jägermeister aus, dann mache ich Foto von Airens Frau vor Airens Plakat, auf dem die Buchstaben tanzen, wenn man zu lesen versucht. Während der Thompson-Lesung bin ich zu gespannt, um viel aufzunehmen. Wir tigern herum, panthern vielleicht, zwischen dem Lesungsraum, der Bar, den Verlagsräumen, die im gleichen Gebäude sind. Dann übernimmt Deef. Sein Vortrag ist genial verpackt – die Visuals und die sehr passend gewählte Musik fassen einen ganz an und ermöglichen eine Aufmerksamkeit, wie sie bei einer normalen Lesung nicht möglich ist. Trotzdem kann ich mich nicht wirklich konzentrieren und panthere von Gespräch zu Gespräch. Drogenthemen. Immer wieder höre ich den Namen Bomec – von der Bühne und in den Gesprächen. Er ist zwar physisch nicht präsent, aber präsent dennoch. In seiner organfarbenen Jacke ist Airen gut sichtbar, auch er flitzt durch die Räume, von Gespräch zu Gespräch, enthusiastisch darüber, dass sein literarischer Held Rainald Götz anwesend ist.
Angesichts der Tatsache, dass wir eigentlich drei Lesungen auf dem Programm haben ist Deefs Show etwas zu lang. Nach einer kurzen Pause tritt Tom Schilling auf – keine Lightshow, keine Leinwand, keine Musik. Er sitzt seitlich im Zuschauerraum, nur von einem Spot angestrahlt. Und liest. „I am Airen Man“. Und man nimmt es ihm ab. Spätestens beim dritten Text ist er angekommen. Seine Stimme und Airens Worte, das ist Hand in glove. Two steps on the water and not drowning. Walking. Die Bilder von Mexico ertstehen in voller Technicolor-Farbpracht. Da sitzt dieser junge Mensch und man wünscht sich, dass er die Hauptrolle in der Verfilmung von „Strobo“ spielen wird, eines Tages.
Als man beginnt, Mezqual auszugeben, packe ich mich in meinen Mantel und fahre heim. Zu Hause trinke ich einen Rotwein und schaue mir „Das Tagebuch einer Verlorenen“ an. Da gibt es eine Szene in der Erziehungsanstalt, in der Louise Brooks, die die ganze Zeit mit den anderen Schauspielern agiert und dennoch wie in den Film hineingeklebt wirkt, so unsagbar schön ist sie, so krass normal und schlicht menschlich wirken die anderen Darsteller dagegen, in der Louise Brooks jedenfalls von der bösen Heimleiterin ihr Tagebuch weggenommen wird. Die anderen Mädchen entreißen es ihr, werfen es sich untereinander zu, bis sie die Heimleiterin im Griff haben. Das Buch fliegt, wird gefangen, die Heimleiterin greift danach, weiter fliegt es. Schließlich gelingt Louise mitsamt Tagebuch die Flucht, während die Schülerinnen die Heimleiterin verprügeln – zum Schlage des Gongs, mit dem sie zuvor das Leben der Mädchen reglementiert hatte.
(Ca. ab der 5. Minute)
Mit diesen Bildern, die lyrischer nicht illustrieren könnten, was sich in den vergangenen Wochen zugetragen hat, beschließe ich den Tag und diesen Eintrag. Alles Gute, Louise Brooks, alles Gute Airen, alles Gute Tom Schilling.
„Loneliness is my curse – our species´ curse – it´s the gun that shoots the bullet that makes us dance on a saloon floor and humiliate ourselves in front of strangers.“
„I´d never held anyone before. People have weight. They´re warm. You can feel their heart and lungs pumping from within. I don´t know what it was I´d been expecting – a marionette?“