Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

KALTGESTELLT

Es ist eine bizarre Zeit, eine Zwischenzeit, die aus dem Rahmen fällt. Die Schneelandschaft noch hell ausgeleuchtet um 17.00 Uhr, während im Hausflur die Bougainvillea sich einen Dreck drum schert und wild austreibt. In so einem verlängerten Winter fühl ich mich schuldig, wenn ich mich am Nachmittag auf´s Bett werfe und lese oder Serien anschaue. Aber die Kälte hält mich drinnen. Und die Selbstvorwürfe rede ich mir aus, dazu war die Therapie immerhin gut. Meine drei Lieblingssänger singen mir abwechselnd, praktischerweise liegen sie auf dem Ipod nah beieinander. Sie verstehen sich gut und bedienen ganz unterschiedliche Stimmungen. Ich hüpfe und woge mit Devendra, Bowie pusht mich und John Grant klagt das wohlklingendste Klagen überhaupt und macht mir bewusst, wie gut ich es als Single habe. Drei Geschichtenerzähler mit ganz unterschiedlichem Vokabular, alle extrem eigen und unverkennbar. Es ist schön, in einer Welt zu leben, die solche Menschen beherbergt. Ticket für John im April ist gebucht, Devendra im Juli geht wohl die Tage in den Vorverkauf. Devendra in Neukoelln, allein schon das ist ein Happening… Und ich hab Juli geschrieben. Juli. Er wird kommen. Der Sommer. Und wir werden diesen leckeren zartrosa Aperitiv trinken. We will.

ENGRENAGES

Momentane Lieblingsserie. Eigentlich ein klassischer Ermittlungs-Krimi mit Kommissaren, Staatsanwalt und Richter, hätte mich „Engrenages“ kaum hinterm Ofen hervor gelockt, aber die Anwesenheit anderen Entertainments und die Vergleiche mit dem Dänischen Klassiker „The Killing“ führten zum Kauf der ersten drei Staffeln. Es war mir fast nicht möglich, die knappen acht Stunden von Staffel 1 nicht gleich hintereinander weg zu schauen. Hoher Suchtfaktor. Als ich gestern um 4.00 Uhr morgens wach wurde, startete ich sofort mit Staffel 2. „Engrenages“ bezeichnet quasi ein Getriebe und die Serie präsentiert die Verzahnung verschiedener Ereignisse und ihre Auswirkungen im Kleinen wie im Großen, was den englischen Titel „Spiral“ erklärt. In Staffel 1 wird am Mord an einer jungen Frau ermittelt. In jeder Folge kommen jedoch auch andere Kriminalfälle zur Untersuchung, Anklage und Verurteilung – manchmal nur in einer Folge, andere mit längerem Bogen. Das Zusammen und Gegeneinander-Spiel von Polizei, Verteidigung und Gericht ist Hauptthema – ähnlich wie in „Borgen“ die Vernetzung von Politik, Medien und Privatmenschen.

„Engrenages“ beschert uns einen charismatischen, aber auch nicht unkomplizierten stellvertretenden Staatsanwalt, einen scharfsinnigen Richter, dem man alles zutraut, ein Kommissariat mit eigenwilliger Besetzung und eine großartig moralamputierte Anwältin, in die ich mich sofort verlieben musste: „La Rousse“

Das einzige, was „Engrenages“ Abzugspunkte einbringt ist das Produktionsdesign – die Blau- und Grüntöne gehen einem irgendwann auf den Sack. Auch ist die Kamera-Arbeit nicht so kinematographisch wie beispielsweise bei „The Killing“. Aber das fällt nicht großartig in Gewicht, denn die Serie unterhält enorm. (Außerdem können Sie Ihr Französisch aufpolieren, wenn Sie sich das, wie ich, im Original mit Untertiteln anschauen.)

PUTTING THE DICK BACK INTO GLAMOURDICK

Und beim Sex – ich mag nicht „Ficken“ schreiben, das wäre zu profan, „Sex“ ist auch schon so ein blödes Wort für gestern Nacht – Liebe machen wäre wieder zu groß/ hoch/ lesarts-gefährlich, anyway: Beim Sex letzte Nacht also immer wieder fast aus dem Konzept gekommen, weil ich alle paar Minuten Kopffotos machen musste. Das sah alles so gut aus, und nicht mal nur pornografisch, sondern so, dass ich´s mir an die Wand hängen würde. Yay.

GLAM LIEST ROLLING STONE

Es fühlte sich etwas seltsam an, vorm Regal. Aber dann habe ich das getan, was ich zuletzt vor geschätzten fünf Jahren getan habe. Und habe eine Zeitschrift gekauft. Ein Druckexemplar auf Papier zum stolzen Preis von fünf neunzich. Aber dafür hab ich jetzt einen Wandschmuck mehr bei diesem Cover:

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Die Artikel über „The Next Day“ waren solide, inklusive Kritik. Der Verzicht auf Bowie-Fotos aus 5 Dekaden zugunsten einer präzisen Rezension und Interviews mit an der Produktion Beteiligten (außer Bowie) brachte Bowie mehr auf den Punkt als die Summe seiner alter egos.

John Grant brachte seinen Interviewer mit „Glacier“ zum Weinen (also nicht nur mich, und Rolling Stones-Redakteure sind gestandene Männer, ich seh sie täglich in ihrer Mittagspause.) Der Hitchcock-Artikel war hervorragend. Die Devendra-Kritik kann ich noch nicht beurteilen, die Platte ist mit etwas Glück nachher in der Post. Aber selbst das, was dem Rezensenten als negativ auffiel, hört sich für mich schon wieder spannend und charmant an.

SYNDROM E

Eines dieser Biester, die einen entspannt reinholen und dann nicht mehr rauslassen – so oder so ähnlich hat Anke Groener mal über „Ashby House“ geschrieben und genau so ging es mir mit „Öffne die Augen“ von Franck Thilliez. (Mal wieder ein Buch, auf das ich bei Deadline.com aufmerksam geworden bin.)
Eine Komissarin in Lille wird von einem Freund kontaktiert, der nach Betrachten eines seltsamen Kurzfilms erblindet ist. Sie untersucht den Film und entdeckt subliminale Bilder gewalttätigen und pornografischen Inhalts. Dabei soll es nicht bleiben.

Ein Hauptkommissar und Profiler in Paris wird auf einen Tatort abkommandiert, an dem fünf Leichen gefunden werden, denen man den Schädel sauber geöffnet und denen man Hirn und Augen entfernt hat.

Es dauert nicht lange, bis Zusammenhänge zwischen den Fällen den (übrigens schizophrenen) Profiler und die (übrigens alleinerziehende) Kommissarin zusammenführen. Zudem scheint der Film seinen jeweiligen Besitzern nicht gut zu tun – einer nach dem anderen wird umgebracht. Zu diesem Zeitpunkt wissen die beiden Protagonisten noch nicht einmal von den Mädchen und den Kaninchen…

Die Zeit der klassischen Krimis ist für mich eigentlich vorbei. „Le Syndrome E“ bedient zwar auch die Krimi-Struktur, geht aber darüber hinaus. Schon eingangs interessant, fängt es ab Mitte des Buches an, so richtig abzugehen, sowohl was das Tempo angeht, als auch die überraschenden Wendungen und die immer spannend bleibenden Entdeckungen, die die beiden bezüglich des bizarren Films machen. Die Aufklärung ist schließlich genial konstruiert und wirkt äußerst glaubwürdig. Wenn Sie mit einem satten gut-bedient-worden-sein-Gefühl aus der Lektüre hervorgehen möchten, sparen Sie sich allerdings den unnötigen und ärgerlichen Epilog. Bei dem handelt es sich um einen überflüssigen Trick, der einen in die Fortsetzung hineinziehen soll, so aber das grandiose Finale unangenehm überschattet.

MODERN LOVE oder KEEP THE LIGHTS ON

Der Trailer wird dem Film nicht gerecht. Der ist nämlich tatsächlich eine Komposition, in der jedes Bild stimmt, jede Figur echt ist, und die Art und Weise wie eine schlichte Geschichte erzählt wird schlichtweg vortrefflich umgesetzt ist.

Eine der schönsten, echtesten Liebesgeschichten, die ich je im Film gesehen habe.

Und sonst – hör die neue Bowie, freu mich auf John Grant, der richtiggehend als CD in der Post sein wird und lese französischen Krimi, in dem es (mal wieder, aber mich fasziniert das Thema) um subliminale Bilder in Filmen geht.

BULLY

Wenn man den gesehen hat, wird einem klar, dass Bullying oder Mobbing eben nicht ein Ding ist, durch das man sich durchboxen muss/soll/kann, sondern eine Ausübung von Gewalt, die mitunter Todesfolgen hat. Hilflose Erzieher, unverantwortliche Verantwortliche, Kinder, die sich nicht mehr zur Schule trauen, weil ihnen dort das Leben zur Hölle gemacht wird. Denen der Tod als die bessere Alternative erscheint.

Aktuelle Studien belegen, dass die Anzahl von Erwachsenen mit Panik- und Angststörungen bei denen am Größten ist, die Mobbing von beiden Seiten, also als Opfer wie auch als Täter erlebt haben.

Der Film zeigt die Gewalt und ihre Auswirkungen. Das dazugehörige Buch unterstreicht die Aussagen des Films und liefert darüber hinaus effektive Methoden, mit der Problematik umzugehen. Es kümmert sich dabei ebenso sehr um die Opfer von Bullying, wie auch um die Täter. Der Film macht traurig und wütend. Aber er belässt es nicht dabei, sondern bietet Möglichkeiten, sich gegen Bullying zu organisieren. Hut ab!

http://www.thebullyproject.com