Archiv der Kategorie: Dann sind sie Helden

In the dusk, a chorus line of palm trees vamped against a Bellini sky.*

Ich wollte heute eigentlich vom Goon Squad berichten, dem modernsten radikal-schönsten Roman ever, der sich nach dem Lesen im Kopf sortiert, mit Passagen, die so bildhaft unvergesslich sind, dass der Pulitzer gar kein Ausdruck für die Wirkmacht dieses Werks ist, von dem fantastischen Nachmittag/ Abend beim Strike, der beinahe in seinem Aufzug geendet hätte, mit Couchie Lee und Frau Koma (Der Graf hatte weiserweise die Treppe genommen), aber die Tür ging weit genug auf, um uns Wodka zu reichen, und als der Aufzugsnotdienst, dessen Stimme türkisch und jung war kam, waren wir schon fahrlässigerweise im Auto und was danach geschah war sehr Berlin, aber drogenfrei. Jetzt hab ich keine Schreibzeit, weil ich mich mit meinem Faerie brother in Unterwäsche durch die Wohnung bewegen muss. In Ermangelung von trees huggen wir einander. Wieder so ein Kerl, der binnen Tagen zum Freund geworden ist. Und nachher kommt der Mensch, der immer genau das richtige sagt und tut. Und es fühlt sich nicht nach Hürde an, das zweite Date, weil wir beim ersten schon gefickt haben, das nimmt nämlich den Druck raus. Können Sie so an Ihre Söhne weitergeben. Und jetzt ein bisschen in Unterwäsche im Regen tanzen!

*Allein dieser Satz. Glam so fucking hearts A visit from the Goon Squad by Jennifer Egan, my generation´s voice. Die Frau hat´s.

THE PIPPIGIRL AND THE PAPERBOY or „SENSATIONAL INDIGNITIES“

Sick, dirty, trashy, sweaty, seedy und enorm muschig. I LOVED it and spent the night spamming Facebook mit Nic&Zac-pics. Es ist nicht die Szene, in der Nicole auf Zac pinkelt, die mir am Besten gefallen hat (und die is schon doll!), aber es kommt nah ran – sie tanzen im Regen und er trägt nur Schlüpper. (Zwischendrin verspürte ich den Impuls, mit Nicole Kidman Kinder zu haben: die Zwillinge Norma und Jeane. Mit John Grant als drittem Erziehungs-berechtigten – aber Unvernüftigen im Gepäck würden wir einen 1a Landgasthof aufmachen, mit Singbühne, versteht sich.

BISOUS, BIJOU

Seit vorgestern das erste Mal seit ca vier Wochen die Wohnung wieder für mich. Erst hatte ich den Boyfriend der Tochter meiner Cousine einquartiert, bis seine Wohnung bezugsfertig war, dann gab er den Schlüssel zwei reizenden Mädels (Schwestern) aus San Diego in die Hand, die kamen zu mir weil Mr Flirty Eyes ihnen die Mansion empfohlen hatte. Auch die Erfahrungen mit den Schwestern waren angenehm – sie waren kulturell und historisch interessiert und darüber hinaus auch perfekte Couchies – time spent together and time spent apart war sehr ausgewogen. Als Abschiedspräsent hinterließen sie eine wunderschöne Akelei, die jetzt meinen Balkon bewohnt.

Vorgestern und gestern dann verbrachte ich in diversen Porno-Zyklen mit Bijou-Klassikern. Wenn Sie mir was zum Geburtstag schenken möchten – besorgen sie mir bitte Left-Handed von Jack Deveau. Sie werden mich dann erst mal anderthalb Stunden nicht zu sehen bekommen, aber Spaß muss sein. Das Schöne an 70ies-Pornos ist ja, dass sie noch vorgeben, eine Geschichte zu erzählen. Und die Beteiligten machen Sex vor der Kamera mit Stonewall noch frisch im Kopp – Sex als ein Akt der Selbstverständlichkeit, aber auch der Rebellion. In the face. (Einige der frühen Klassiker liefen in regulären Kinos und wurden von der NY Times oder auch Variety besprochen.) Das ist Porno vor dem Hintergrund der Freien Liebe, eigentlich eine Vorwegnahme von Punk, nur ohne die Wut. (Die Wut war, am Beispiel von Stonewall, Phase 1.) Die Siebziger waren noch rebellisch geprägt, Großstadt-Schwule erschufen sich eine Sex-Infrastruktur, die bis heute nicht totzukriegen ist und, dank Netz, selbst in die hintersten Hinterwaldsdörfer reicht. Ich stelle mir vor, dass sie damals noch etwas aufregender war, so nah am Tabu. Und ich sage nicht, dass das Tabu nicht mehr existiert, das tut es. Wir sind nicht alle gebildet, akzeptierend und weltweise.

Und jetzt – Pimmel-Content:

"Left-Handed" by Bijou Classics.

„Left-Handed“ by Bijou Classics.

TRAGÖDIE 8017 – eine Versuchsaufstellung. *$* Allen entführten Gefangenen zu-geDacht */$*.

Kürzlich mit Strike rauchend am Fenster und großen Spaß mit Vor- und Nachnamen-Kombis.

Orpheus Schulze.
Aphrodite Kusanke.
Odysseus Meussling.
Medea Lehmann.
Perseus Weinhaus.
Kassandra Knappik.
Scylla Müller.
Elektra Schock.
Eurydike Lüdicke.

Ich möchte sofort ein Stück schreiben. Es muss in Reinickendorf oder Lichtenberg spielen. So ganz roh und ohne Schnörkel und TamTam außer eben schtronge Gefühle, Folter, Inzest, Fisten, Tiefkühltruhen galore und in die Ausstattung darf nichts, was es nicht im Tik oder Taco gibt. Ich seh das im Prater.Titel siehe oben.

JENNIFER EGAN: „A VISIT FROM THE GOON SQUAD“

Structural Incompatibility: a powerful twice-divorced male will be unable to acknowledge, much less sanction, the ambitions of a much younger female mate. By definition, their relationship will be temporary.

Structural Hatred: A single woman in her forties who wears high-collared shirts to conceal the thready sinews of her neck will structurally despise the twenty-three-year-old girlfriend of a powerful male who not only employs said middle-aged female but is paying her way on this trip.

Jetzt, wo man Bret Easton Ellis nicht mehr ernstnehmen, geschweige denn lesen kann, ist Jennifer Egan die richtige Wahl, wenn man etwas in Richtung zynische Weltsicht und haarscharfe Charakterisierung lesen möchte. Sie benötigt auch nicht Momente des Absurden, weil sie die Absurdität des Schicksals begriffen hat. Außerdem ist ihre Sprache wundervoll: erudite, möchte man sagen, weil eloquent einfach nicht ausreicht. 100 pages into A Visit from the Goon Squad bin ich gerade ein wenig vom Personal überfordert. Aber vertraue darauf, dass sich das legen wird.
Der Besuch vom Schlägertrupp (so die wörtliche Übersetzung) erzählt aus verschiedenen Perspektiven und in wechselnden Zeitfenstern vom Untergang der Musikindustrie. Von der Zeit, als Produzenten-Mogule das Kommando über verdrogte Punks übernahmen und sie in der Sonne zum Schmelzen brachten, bis zur heutigen Zeit, in der Musik ihren Wert verloren hat, weil sie gratis downloadbar ist. Produzenten, Musiker, Groupies, Personal Assistants, all deren Freunde und Familien – Prismen, die das Thema aus ihrer Sicht und Position reflektieren. Ein vielschichtiges, großes Buch, für das es nicht umsonst den Pulitzer-Preis gab.

KNIETIEF IM KLISCHEE oder THANKS FOR THE MEMORY

Ja. Die Frage stellt sich natürlich, wenn es soweit ist. Früher hat man sich darüber lustig gemacht oder war etwas konsterniert, wenn es im Bekanntenkreis dazu gekommen ist, oder als beispielsweise Demi Moore sich Ashton Kutcher geschnappt hat – da steh doch ein Haltbarkeitsdatum drauf! Aber, so hat sich das vermutlich auch Demi gedacht – who gives a fuck? Wenn Dich ein Anfang-Zwanzigjähriger mit einem verliebten Blick anschaut – was machst Du? Ich habe jedenfalls nicht auf Haltbarkeitsdatum verwiesen, sondern es lediglich im Hinterkopf behalten und genossen, was zu genießen war. Einen Mensch mit großen Ideen statt vielen Erfahrungen. Enthusiasmus statt Abgeklärtheit. Expermientierfreudigkeit statt Routine. Erfahrung, Routine, Weisheit und Verlässlichkeit sind alle wunderbar (uund vom Leben ganz zackig auch mal aus der Bahn geworfen), aber, boy habe ich eine geile Zeit mit Young Mr Flirty Eyes. Ich komme mir keinesfalls wie ein Daddy vor, auch wenn der junge Mann vermutlich noch nicht alle Brusthaare hat. Ich fühle mich aber auch nicht plötzlich Jahrzehnte jünger, eher im Gegenteil. Der Spirit 22 kommt und geht, und ihn live zu erleben zeigt mir, dass ich, was das angeht, mittlerweile an einem ganz anderen Platz bin. Ich sehe ihn auch nicht als einen Tadzio – ich kann mir sehr gut vorstellen, wer er sein und wie er aussehen wird, wenn er in meinem Alter und meiner Situation ist. Da wird er sich an die paar Frühlingstage in Berlin erinnern und an die damalige Rollenverteilung. And Wednesday – no tears, no fuss. Hooray for us! Awfully glad I met you, cheerioh and toodle-doo!

(Als er aus der Tür ist gehe ich zurück ins Schlafzimmer und ganz reflexartig rieche ich meine Finger, sie riechen nach ihm. Dann rauche ich eine, und als ich danach noch einmal rieche, riechen sie nach Rauch.)

JENNIFER EGAN: „LOOK AT ME“

Charlotte Swenson, Mitte 30, Model (mehr so Werbung als Mode) verliert ihr Gesicht bei einem Autounfall. Selbst nach sorgfältiger und erfolgreicher Rekonstruktion – sie sieht aus wie neu – gibt es ein Problem. Charlotte sieht nicht mehr aus wie Charlotte, selbst Freunde und ehemalige Mitarbeiter erkennen sie nicht mehr. Ihre in Illinois lebende Jugendfreundin Ellen hat andere Probleme – ihr Sohn hat eine schwere Krebserkrankung hinter sich, nach einem Jahr wird sich zeigen, ob der Krebs wirklich besiegt ist. Seine unscheinbare sechzehnjährig Schwester (ebenfalls) Charlotte erlebt ihr sexuelles Erwachen mit Michael West, einem Mathematiklehrer, den sie sich krallt und der nicht so recht weiß, wie ihm geschieht. Aber geschehen lässt er´s. Indirekt ermutigt (er weiß nicht, dass Charlotte in einen 30jährigen verliebt ist) wird Charlotte durch ihren Onkel Moose, einem gestürzten College-Professor:

„You´re young,“ he said. „Go enjoy yourself. Grab pleasure wherever you can find it.“
„But what if people turn against me?“ she said, standing very near him under the trees. „What if they laugh?“
„Then leave them behind,“ Moose said, rising to his feet. „Don´t let them shame you; shame is the world trying to break you, and you have to resist. You have to resist.“

Dann gibt es in einer gelungenen (und gar nicht nervigen) Noir-Hommage den Detektiv Halliday, der Model-Charlotte kontaktiert, auf der Suche nach einem mysteriösen Mann, Z, mit dem sie vor dem Unfall liiert gewesen ist. Und es stellt sich die Frage, was Charlotte nun mit ihrem Leben anfangen soll. Ein verlockend lukratives Angebot kommt von dem jungen Unternehmer Tim, der Charlottes Geschichte für ein multidimediales Reality-Projekt gewinnen möchte.

Look at me von Jennifer Egan ist ein sprach- und gedankenmodellgewaltiges Buch aus dem Jahr 2001, unlängst neu veröffentlicht, das mit großen amerikanischen Themen arbeitet. Identität, Selbstfindung, the pursuit of happiness. Ein Roman, der sich und seinen Figuren den Raum und die Zeit gibt, die sie verdienen. Die vernetzten Schicksale der Protagonisten fügen sich unaufdränglich zu einem großen, ziemlich kaputten Ganzen zusammen. Absolutes Lesevergnügen, geziert auch noch vom vielleicht besten Cover, das man sich für dieses Buch wünschen könnte.

Vor über 10 Jahren zuerst veröffentlicht*, zeichnet der Roman ein erschreckend zutreffendes Bild unserer heutigen Medien- und Netzrealität.

Dringend lesenswert!

Look-At-Me-

Danke an http://leseglueck-berlin.de für die Empfehlung!

*Vermutlich neu veröffentlich wegen des großen Erfolges von (und Pulitzer Preis! für) A Visit from the Goon Squad.