Um 1.00 war ich ein bisschen müde also hab ich´s drauf ankommen lassen, bei der Entscheidung schlafen oder schreiben. Schlafen. Erschien mir nach zwei kaputten Nächten wichtiger. Dauerte lange, mit dem Einschlafen, aber ging. Längere Strecken von Schlaf, ein oder zwei davon beim zwischendurch aufwachen sogar als erholsam empfunden. Ansonsten wieder wie Fieber ohne Fieber. Nur, dass man bei Fieber wenigstens schlafen kann. Schwitzen, gothic dreams. Kringelige Haare, wie eine ganz schlechte Dauerwelle, zeugen vom Kampf mit dem Kopfkissen.
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THE OLDEST EMO-BOY IN THE WORLD oder DIE VERWANDLUNG
Nach einem shaky start verging der Sonntag undramatisch. Das Zurück-Auf-Los-Gefühl trat dem was-jetzt? gegenüber in den Hintergrund. Das „Tapfer-lieben“-Buch kam erst mal in den Giftschrank, nachdem ich angefangen hatte Marilyns Briefe aus der Psychiatrie zu lesen.
Sunday in the park with Strike. Nach der eher enttäuschenden Marilyn-Ausstellung in Schloss Britz, wo wir u.a. eine echte Marilyn-Haarnadel bewundern konnten (!!!), neben totgesehenen Fotos in schlecht präsentierten lieblosen Abzügen, die in nicht entspiegelten Bilderhaltern schon Wellen zu schlagen begannen, ein Spaziergang durch den kleinen Schlossgarten, Parkbank in der Sonne und Kaffee unter Rentnerinnen und solchen, die es bald sein werden.
Um eine richtige Handlung zu verfolgen, bin ich noch zu unkonzentriert, also statt „Dexter“ Teenie-Horror – „Point Pleasant“, dafür hat´s noch gereicht. Um 5 aufgewacht mit einer Kurzgeschichte. Notieren wollen. Auf der Suche nach dem Federhalter festgestellt, dass es die Story schon gibt, nur wird da er zum Käfer und nicht sie zum Reptil.
Für den Horror-Arzttermin, der mir jetzt bevorsteht, fand ich eine Strategie.
„Gute Tag, mein Name ist Dick. Ich habe in ein paar Stunden einen Termin bei Ihnen und wollte Sie nur darauf hinweisen, dass ich Angstpatient bin. Wundern Sie sich also bitte nicht, wenn ich zittere, um Atem ringe, stark schwitze und möglicherweise nicht imstande sein werde, einen klaren Satz zu formulieren oder eventuell einer Ohnmacht anheim falle. Arztpraxen und Wartezimmer stehen ganz oben auf meiner Trigger-Liste, die ich eigentlich schon weggeworfen hatte, nun aber um einen beliebten Berliner Getränkehandel ergänzen konnte.“
Schade, dass ich das nicht in jedem Supermarkt machen kann. Das mit der Nahrungsbeschaffung muss ich noch irgendwie klären. Vielleicht stehle ich einem miesen Kind den Kaufmannsladen und trainiere zu Hause.
MALGRAD
Ohne Worte. Außer vielleicht „Europa“???
DARWINISM begins at school
Zu Hause bleiben ist vielleicht auch nicht die Lösung, aber einen Tag ohne Konfrontation und Trigger habe ich mir gegönnt. Nach jedem solchen Tag wird die Vorstellung, sich wieder draußen zu bewegen schlimmer. Aber siehe oben. Kino war eigentlich der Plan, vielleicht ein Schritt zu weit, andererseits kommt morgen früh als erstes Wartezimmer – früher eines meiner schlimmsten Panikszenarien, und vorhin, als mir der Arzttermin einfiel, ging es sofort los mit Zittern.
Vielleicht sollte ich auch die Berichterstattung über Gay-bullying und bashing nicht weiter verfolgen, aber ich habe das Gefühl, ich muss. Ich bin da an der Wurzel meines Problems. Zwischen meiner ersten Panikattacke (nicht zu verwechseln mit der ständigen Angst zwischen 12 und 18) und dem Entschluss mich in Behandlung zu begeben, habe ich 15 Jahre verstreichen lassen. Soweit lasse ich es nicht mehr kommen. Warum der Rückfall? Midlife, life. Einbruch der Sicherheitszone. Es kommt gerade wirklich alles zusammen. In Marilyns Aufzeichnungen lese ich auch nur einen einzigen markerschütternden Hilfeschrei. Ein Kind, das auf sich allein gestellt ist. Und auch im Freundeskreis ein Mensch einer ganz anderen Generation, der zu einem gewissen Zeitpunkt keinen Ausweg mehr sah. Es ist keine Epidemie, es ist ein Dauerzustand, und alle stehen ratlos da und schauen zu oder weg. Nein, keine Angst, ich bin nicht suizidal, das Gott sei Dank nicht.
Zum ersten Mal ziehe ich ernsthaft Psychopharmaka in Erwägung, weil die Häufung der Attacken mir das Leben in einem Maße erschwert, die andere zum Anlass für eine Krankschreibung nehmen würden. Aber ich brauche diese Normalität eines Büros, mich jetzt noch weiter zurück zu ziehen wäre falsch. Noch eine Reha? No fucking way. Ich hoffe auf Heidi.
Gestern war nur Emotion freien Lauf lassen, das erste Heulen beim Telefonieren mit der Mutter, die vom Neffen berichtet, der auch gerade in einer Außenseiterposition steht und erste Erfahrung mit Mobbing macht. Dann unter der Dusche. I´m quite a piece of work these days, und es tut mir Leid, aber stellen Sie sich vor, Ihnen würde das passieren, und Sie könnten nicht einfach davon nach Hause gehen, sondern schleppten es immer mit sich rum, Hilfe in Sicht, aber noch nicht da. Marilyn lesen, Musik hören. Helden und Cyndi und Bernadette. Auf der We give a damn Seite gelesen. Putzen, Steuer, Wäsche waschen. Zu viel geraucht, zu viel getrunken. Mir was Gutes tun wollend, die dritte Glee-Folge angeschaut. Da bekam ich genau das, was ich mir letzte Woche so gewünscht hatte – große Gefühle, großes Drama, die Folge für die Chris Colfer für den Emmy nominiert werden wird. Aber es war kaum der Tag für Großes Drama, das letzte was ich brauchte war Burt Hummel im Koma und Kurt in Tränen.
Ich nehme es niemandem übel, der sich zurückzieht, man kann nur so und soviel tragen, und wir sind alle für unsere eigene Stabilität verantwortlich. Ich arbeite dran. Unüberraschenderweise – schon das Aufschreiben hilft.
Der Autopilot ist ausgefallen, und da sitzt man dann auf einmal mit den ganzen Schaltern und Tabellen und Anzeigen und fragt sich „Wie ging das noch gleich?“
Ist es nicht bizarr, dass die schlimmsten Verbrechen, solche, die Dein ganzes Leben prägen, ausgerechnet von Menschen begangen werden, die man nicht dafür belangten kann? Kinder. Kinder treiben Kinder in den Tod. Mein Basher wurde übrigens kürzlich polizeilich gesucht. Er prügelt seine Alte.
GRUND, LOS oder TAPFER LEBEN
Beim aus dem Haus gehen, die 5 Treppen runter, werden die Kniee weich. Angst. Irrational. Weitergehen. Geht doch. Das war doch höchstens ne 10 von 100. Ach was. Ne zwei.
Dann der Stau. Tolle Idee, zum Paul-Lincke-Ufe zu FAHREN, wenn die halbe Türkei unterwegs ist und Soldaten den Kottbusser Damm abgesperrt haben. Allein um das verschissene Tor fahre ich 20 Minuten, und das auch nur, weil ich Wagen mit touristischen Kennzeichen die Vorfahrt nehme und laut FUCK YOU FUCK YOU schreie. Als Bomec zu mir in den Wagen steigt bin ich schon Berserker, in einer Verfassung, in der ich nicht einmal das Geschenk auspacken kann, das er aus Mexico mitgebracht hat. Als wir endlich einen Parkplatz gefunden haben, bin ich immer noch im Schreimodus, der Arme bekommt alles ab, und nein – dies Café geht nicht, die anderen Leute sitzen zu nah, das andere – nein, auch Menschen zu nah dran, schließlich finden wir eins, wo mindestens zwei Tisch Abstand zu Menschen ist, das geht gerade so, und doch denk ich bei jedem Wort – wenn das jemand hört, jetzt biste wieder jemand, dem Du nicht zufällig am Nebentisch zuhören möchtest.
Stunde später betrete ich meinen Stamm-Getränke-Hoffmann und mach den langen Weg zur Coke Light Lemon und da geschieht es wieder, Knie weich, nicht nur Knie, alles in mir geht irgendwie SLACK, dann, als ich den Weg von der Light Lemon zum Nuviana mache, setzt das Herzrasen ein, Zittern durch den ganzen Körper, die Erkenntnis, dass eine 70 im Anmarsch ist, eine komplett aufgerüschte Panikattacke, mit allem drum und dran und Kerzen drauf. Es wird dann doch eine 75 (10 unter in Ohnmacht-fallen) und ich schmeiß das Wechselgeld einfach in die Tasche, weil die Hände so zittern, dass sie das Portemonnaie verfehlen würden. Draußen ringe ich um Luft, hasse mich, schäme mich, all das, was so auf eine Attacke folgt. Frage mich, wie ich es jahrelang gemanagt habe, kenne das Rüstzeug nicht mehr, weiß, dass es die Lebensumsände sind, die Aushöhlung, slippage.
Montag: Arzt. Heidi anrufen, ob sie einen Platz frei hat. Und wenn nicht, dann nehm ich Luckys Angebot an, eine Heidi-Sitzung an mich abzutreten.
Der Tag vergeht mit Frustration und Scham, die ich rational nicht spüren sollte. Scham ist die hässliche Cousine von Selbsthass, ihre Mutter aber die Lieblingsschwester der eigenen Mutter. In meiner Familienaufstellung also die böse L. Sie hat hier nichts verloren.
20.30 Uhr. Ich schließe das Tor zum Haus auf. Weiche Knie. Ich geh in den Hof, merke, dass es wieder losgeht, das gab es noch nie, der Heimweg war immer sicher, ich geh die Treppen hoch, eine 10 wird zur 15, als ich in die Wohnung komme bin ich bei einer 20, die schrecklich ist, weil meine Wohnung eigentlich immer saftey zone war, aber das hat sich vor knapp einer Woche offenbar geändert. Ausweitung der Panikzone, Willkommen daheim.
Montag: Arzt. Heidi anrufen. Und Dank an die, die das alles gerade mitaushalten, Bomec, Lucky, Roomie. Love you.
Ihr Startvolumen ist fast voll. Bitte löschen Sie einige Dateien.
1999-2004.
RIP.
LOVE BRAVELY, BRIEFLY
Auf der Suche nach dem historischen Drag-Foto mit mir in schwarzen Pailletten und Herrn Strike in Goldlamé finde ich aus Versehen das toxische Album. Der Marocco-Urlaub. Und zeige Roomie den Mann von damals. Heute schaue ich noch einmal genauer auf die Bilder. Ja. Er war der schönste Mann, mit dem ich je zusammen war. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wenn ich „schön“ in Bezug auf Männer definieren müsste, würde ich immer noch ihn beschreiben. Und ich liebe das Foto, das uns beide zeigt, wie ich ihm die Haare raufe, und ich, Anfang 30, sehe aus wie 20, höchstens, und das war am Anfang der Beziehung, in seiner Küche, als er mich seinen Freunden vorstellte.
Im Rahmen des Tagebuchvergleichs vor ein paar Wochen, hatte ich das Tagebuch gefunden, in dem der Zeitraum beschrieben ist, in dem ich mich in ihn verliebte und die Beziehung und ihren weiteren Verlauf dokumentierte. Das erste „ich hab Dich so wahnsinnig lieb“, musste ich aufschreiben, weil ich es nicht fassen konnte, dass er es sagt.
Die Marocco-Bilder, da – slippage. Mein Horror vor Menschenansammlungen, da entglitt alles. In stinkigen Bussen neben kotzenden Maroccanern. Ich dachte, wie gut, dass Du jemanden hast, dem Du Dich zeigen kannst, wie Du bist, dann die Feststellung, dass er mich lieber anders hätte, stärker, angstfrei. Und schon war Schluss. Er hat noch einen Satz Fotos von mir, die ich nie gesehen habe. Ich liege auf irgend einem blöden nordafrikanischen Felsen, vermutlich mit dem gleichen bitteren Blick der Erkenntnis, den ich auf den anderen Fotos habe.
Zehn Jahre später ist da immer noch ein Gefühl von Bedauern. Dass ich nicht einmal stark genug war, selbst Schluss zu machen oder etwas für mich zu tun – Therapie. Für uns – reden.
Er war der Schönste. Ist es vermutlich dank seiner Knochenstruktur immer noch. Aber gepasst hat es nicht. „The numb pain of rejection & hurt at the destruction of some sort of idealistic image of true love.“ Schreibt Marilyn. Viele Sätze, die weh tun, in diesem Buch, weil es rohes Seelenmaterial ist.
„Während Menschen mit geringer Sensibilität und Intelligenz dazu neigen, anderen Schaden zuzufügen, neigen Menschen mit großer Sensibilität und Intelligenz dazu, sich selbst Schade zuzufügen“ steht im Vorwort. Ist es so einfach? Ich glaube, nein.
In ihrer nervösen Schönschrift, nicht dem betrunkenen, panischen Gekrakel: „There is nothing to fear but fear itself.“
DAMN or ATONEMENT REQUIRED
Sie sprechen von einer Epidemie. Das ist falsch. Vorher hat einfach niemand Anteil genommen, kein Promi hat sich eingesetzt, keiner Nachrichtensendung war der Selbstmord eines in den Tod gehassten schwulen Teenies eine Meldung wert. Ich vermute, dass die Anzahl schwuler Selbstmörder über die Jahrzehnte konstant ist, eben nicht epidemisch. Was nicht heißt, dass die Öffentlichkeit nicht darauf hingewiesen werden sollte. Der Skandal ist, dass dies erst jetzt geschieht. „Es wird besser“ sagt Darling-Chris, und hat Recht. Wenn man das Mobbing überlebt hat, kann man sich irgendwann einen Lifestyle erschaffen, in dem man sich wohl fühlt, in dem man sich mit Menschen umgibt, die einen schätzen. Was einem niemand wiedergeben kann, was man sich selbst hart erkämpfen muss und was es letztlich nicht gibt (hier würde ich gerne Rilkisch „giebt“ schreiben) – ein Grundvertrauen in Akzeptanz, die nicht vorhanden ist. Einige tolerieren, einige akzeptieren, noch viel zu viele – und das wird sich nicht ändern – hassen. Wie schön wäre es, wenn es ihnen einfach egal wäre?
Wenn ich im Supermarkt eine Panikattacke bekomme, dann, weil irgendwas in mir darauf wartet, angeschrien zu werden, beleidigt, gedemütigt. Weil ich mich zutiefst verunsichert fühle, heute noch. Was mich ein bisschen beruhigt – das Arschloch, das damals den Krieg gegen mich angezettelt hat, hat auch kein schönes Leben. Ja, das freut mich.
Und deshalb werde ich nicht aufhören, Matthew Shepard zu erwähnen, Cyndi Laupers „We give a damn“-Clips zu posten und würde gern noch viel mehr tun, um Kids dieses Leid zu ersparen, denn es geht weiter, selbst wenn die Lebensumstände sich verändert haben. Wenn Du wie worthless shit behandelt wirst, gequält, vorgeführt, dann glaubst Du es irgendwann selbst und es braucht eine Armee von Elefanten, Dich da raus zu holen.
DU WEISST, DASS SAISON IST, …
… wenn Du im Traum die Frage hörst „Darf ich Dich kurz was fragen, Glam?“, weil Du weißt, dass „kurz“ in diesem Fall eine glatte Lüge ist, weil die Adressierende nicht in der Lage ist, eine KURZE Frage zu stellen, weil Du weißt und sie weiß, dass die Antwort auf ihre KURZE Frage auch Google oder ein Kollege oder das dafür angelegte Intranet bereit hält und Du weißt, dass es sie nicht abhalten wird im Lauf des Tages noch unzählige weitere KURZE Fragen an Dich zu richten, und Du weißt, dass Saison ist, weil diese Frage und dieses dazugehörige Gesicht Dich aus dem Schlaf hochschrecken lässt, um kurz vor neun und es dir vorkommt wie halb sechs.
BAD ROMANCE, INDEED oder LEHRGELD
Die Versicherung zahlt nur bei EINBRUCH-Diebstahl. Wenn man den Dieb selbst reingelassen hat, ist man auch selbst Schuld.
(Eigentlich auch logisch, wenn Versicherungen zwar Bltzschlag abdecken, nicht aber Defekt elektronischer Geräte entstanden durch Schwankungen in der Leitung, verursacht durch einen Blitzschlag.)