Archiv der Kategorie: but it refuses to shine

Ich sitze auf seinem Schoß, weil er neben sich ist und ich neben dem, wo er eigentlich sitzt. Wir haben wohl noch nie soviel Zeit miteinander verbracht und so wenig Worte gewechselt, bei ihm rast es und rattert, bei mir ebenfalls, empathisch, weil ich ihn liebe. Ich hadere mit jedem Wort, ich will nichts banalisieren, denn dies ist nicht banal, ich will nicht dramatisieren, denn dies ist bereits Drama. Von einem Tag auf den anderen hat sich sein Leben von Grund auf geändert und ich versuche Gedankenexperimente. Wenn ich ihn morgen oder in einem Jahr erst kennenlernen würde, dann wäre dieses Dings schon passiert und ich würde nicht so mit ihm mitleiden, dann wäre das eine Tatsache wie die, dass er schön ist, innen und außen. Aber das Dings passiert gerade, ich kann das nur schwer ertragen zuzusehen, wie einem so ein Knüppel vor die Beine gehauen wird, weil ich doch helfen will und machen, dass es weggeht, aber das kann ich nicht, und so fahren wir durch den albernen Frühling, durch Autoabgase und welkende Osterglocken und ich hab mich noch nie so hilflos und so ohnmächtig gefühlt, noch nie.

THE NAME OF THE GAME

Es wäre eine so schöne Karrierechance gewesen. Ein gesundes Nahrungsmittel auf Quarkbasis, selbst gefertigt, ohne Konservierungsstoffe, schmackhaft und kalorienarm (oder zumindest Atkins-tauglich). Davon ausgehend eine ganze Reihe von verschiedenen Geschmacksnuancen – so Diane-Keaton-in-Baby-Boom-mäßig. Selbst gefertigte Brotaufstriche, Variationen von Liptauer, Obazda, verschiedene Gemüse und Kräutermischungen. Eine Kette, was sage ich? Eine Brotaufstrich-slash-Dip-Dynastie in the making. Und scheiterte am Namen, denn selbst wenn „Glamour“ davor stünde. Nur ein erschreckend kleiner Teil der Bevölkerung wäre bereit, Geld für Dick-Cheese auszugeben.

GLAM KAUFT EIN OM

Dass ich ungesund gestresst bin merke ich nicht mehr nur am Zähneknirschen in der Nacht sondern auch an der short fuse, die ich beim Arbeiten habe. Mindestens zwei Kollegen möchte ich gerne das Maul stopfen, weil ihr infantiles Geblabber und manisch-hysterisches Hyänengelächter eine Vergewaltigung meiner Aura darstellen. Und selbst einer Lieblingskollegin hätte ich gestern gern die Knuspersnacks gestohlen und entsorgt, weil mir die Essgeräusche physisches Unbehagen erzeugten. (Kindheitserinnerung an säuisch schmatzende Verwandtschaft.) Es hilft nicht, dass das neue Mantra, das Lied, zu dem ich einschlafe und mit dem ich aufwache, von einem fremden Land erzählt, in dem ich jetzt viel lieber wäre. Amok in the making?

GOD IS NOWHERE GOD IS NOW HERE

„And then there´s me, sad little me, living in a dream, staring out the window, never again to find love. With Jason I thought I´d finally played my cards right, and now I´m just one more of those broken, sad people out there, figuring out a year in advance where they can have Easter and Christmas dinner without feeling like a burden or duty to others, cursing the quality of modern movies because it´s so hard to fill weeknights with movies when they´re all crap, and waiting, just waiting, for those three drinks a night to turn into four – and then, well, then I´ll be applying my make up in the morning, combing my hair, washing my clothes, but it´s not really for anyone. I´m alive, but so what.“

Hey, Nostradamus, Douglas Coupland.

ALICE LEBT HIER WIRKLICH NICHT MEHR LANG

Vor ca 14 Tagen: diverse Hin- und her-Mails zwischen Alice und mir, in denen es mal wieder darum geht, mit mehr als einem Mac Zugriff auf mein Wlan zu bekommen. Bevor man eine Antwort bekommt, erhält man erstmal eine Mail folgenden Inhalts: „Innerhalb der nächsten Tage erhalten Sie von uns eine E-Mail, in der wir Ihre Fragen gerne beantworten.“ Die Antwortsversuche, die dann vier Tage später folgen, haben selten mit den gestelllten Fragen zu tun, es ist als ob man im Laden eine Tafel Schokolade erbittet und man bekommt eine Flasche Duschdas, da zählt dann wenig, ob sie gern oder ungern verfasst wurden: „Wir stellen jedem Kunden kostenfrei ein DSL-Modem zur Verfügung.Daher ist immer nur eine Einwahl möglich. Welches Gerät allerdings verschickt wird, ist abhängig vom Lagerbestand zum Versandzeitpunkt. Dies kann aus organisatorischen Gründen leider nicht beeinflusst werden.“ Wenn sie manchmal ganz nah an die Antwort herankommen, dann liest sich das so: „Die Drahtlosverbindung mit mehreren PC ist gleichzeitig möglich, die Einwahl ins Internet muss jeder Rechner selbst durchführen. Laut AGB ist nur eine Einwahl zulässig. Um unseren Anschluss mit mehreren PC über eine Einwahl gleichzeitig nutzen zu können, ist ein Router notwendig.“ Darauf folgt in der Regel ein nutzloser Textbaustein wie dieser: „Unser persönlicher Tipp für Sie: Nehmen Sie Optionsänderungen bequem über die Alice Lounge vor. Melden Sie sich dazu einfach in der Alice Lounge an, klicken Sie oben auf Mein Alice und dann auf Mein Produkt. Hier können Sie zum Beispiel die Anzeige der eigenen Rufnummer ändern oder Ihren Tarif komplett mit ausführlicher Preisliste ansehen.“ Gerne irgednwann mal. WENN ICH ENDLICH MIT DEM ZWEITEN RECHNER ONLINE GEHEN KANN, VIELLEICHT.

„Welcher Router kommt für meine Mac-Rechner in Frage?“ war dann meine letzte Email-Frage, auf die ich zunächst keine Antwort kam, bis am Sonntag ein freundlicher Herr von Alice anrief (!) und mir erklärte, dass er mir gern das passende Gerät kostenfrei zusenden würde.
„Ist die Installations-Software auch für Mac OSX dabei?“
„Ei freilich! Und falls nicht – rufen Sie einfach die Kollegen von der Hotline an.“ Da rührte sich das Haupt der Schange des Pessimismus, der hielt ich etwas Poppers vor die Nase/gespaltene Zunge und sie schoss pflitzebogenartig davon.

Ich hatte Hoffnung. Ich hab´s mir eingeredet und schöngeredet. Dieses Mal wird alles gut. Alice hat sich bestimmt in Höchstform gebracht, mit tiptop geschulten Mitarbeitern, die mit leistungsstarken Headsets und Nerven aus Stahl ausgerüstet sind. Sie hattes es doch sogar geschafft, das neue blitzweiße Modem an eine von der Rechnungsadresse abweichende Lieferanschrift zu versenden, normalerweise ein garantierter, vorprogrammierter Stolperstein!

Well. Immerhin: keine von den vier männlichen Alicen, die ich in den nächsten ZWEI Stunden verschliss, fing an zu weinen. Das Höchstmaß an Pampigkeit war
„Da kann ich Ihnen nicht helfen, da müssen Sie zu Apple gehen.“
„Apple verkauft Computer und keine Modemkonfiguration, da müssen schon SIE Ihren Job beherrschen.“
Oder der Kollege, der am Längsten ausgehalten hatte, dessen Vorgesetzten ich gerne sprechen wollte, nachdem er nicht mehr ein noch aus wusste – ich meine, ich war tough drauf, ich würde nicht aufgeben, bis die kleine Torte oben rechts am Kopfmenu in stolzem Schwarz sämtliche Verfübkarkeits-Symbolbalken präsentierte. „Das geht nicht. Ach, warten Sie – ich habe hier noch ne Nummer für besondere technische Probleme!“ Eine 98-Cent/Minute-Nummer, in der ein Kollege abnahm. der mir erklärte, dass er mir auch nicht helfen könne, seine Hotline befasse sich mit Alice-Kunden mit Fremdgeräten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass der Alice zuvor der Annahme war, ein Mac sei ein „Fremdgerät“.

Aber er tippt doch im Internet! Was hat er denn und regt sich auf? fragen Sie sich. Nun. Er hat was ganz dolles entdeckt. So eine Art Plastikschlauch, durch die jetzt mein Wlan fließt. Mein Ethernet-Kabel! Wer sagt denn, dass das Internetz durch die Luft kommen muss, wenn man eine sexy Steckverbindung herstellen kann?! Einen Hotline-Anlauf werde ich noch in Angriff nehmen. Ich meine, Sie lesen hier einen Mann, der in einer Woche seine Steuerschulden bezahlt hat! (Es dauerte wegen meines Überweisungslimits pro Tag tatsächlich so lange und dass ich keine Steuerschulden mehr habe heißt auch nur, dass ich jetzt anderswo Schulden habe, aber immerhin – der Mut morgens diese Überweisungsformulare auszufüllen, diese Summen zu sehen, Geld, das man für so schöne Dinge ausgeben könnte und dann tippt man Finanzkasse in die Empfängerzeile, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie fertig mich das macht und doch auch stark.) Und wenn das nicht klappt, dann schick ich Alice ihre ganze verschissene Elektronik zurück und geh zurück zur Telecom, wo die Inkompetenz wenigstens einen Traditionshintergrund hat und nicht auf Sparmaßnahmen beruht.

EVERYBODY WAS KUNG FU FIGHTING oder AUS DER RUBRIK „WHEN LIFE STOPS BEING A BROADWAY MUSICAL“

Ich fand das eigentlich immer ganz schön, dass die Kampfsportschule im Erdgeschoss mit Musik arbeitet, die Kerle in ihren weißen Anzügen, wie sie sich elegant und energisch die Füße ins Gesicht schmeißen, und es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass die Musik aus der Tanzschule darüber kam.

COLD, CLEVER AND ULTIMATELY PARASITIC

Am Weinhachtsmorgen des Jahres 1996 wurde in Boulder, Colorado ein sechsjähriges Mädchen als vermisst gemeldet, nachdem seine Mutter einen Erpresserbrief im Haus vorgefunden hatte. Die Entführer forderten für die Rückgabe des Mädchens 118.000 Dollar, was genau dem Bonus entsprach, den der Familienvater in diesem Jahr von seiner Firma erhalten hatte. Schon acht Stunden nachdem die Entführung zur Anzeige gebracht worden war, fand man die Leiche des Mädchens im Keller des Elternhauses. Eine Obduktion ergab, dass sie mit einer Garrotte erdrosselt worden war. Außerdem wies ihr Schädel Verletzungen auf und auch ein sexueller Übergriff konnte nicht ausgeschlossen werden.

Den ermittelnden Beamten schien es naheliegend, dass die Familie für den Mord verantwortlich zu machen sei. Der bizarre Erpresserbrief, die niedrige Lösegeldforderung, der Fundort der Leiche – alles deutete darauf hin, dass mittels der inszenierten Erpressung ein Mord oder Totschlag vertuscht werden sollte, mehr schlecht als recht. Bei einer so klaren Sachlage ermittelten die Beamten nur lustlos. Da der Täter festzustehen schien, wurde beim Sammeln forensischer Daten geschlampt. In den folgenden Monaten und Jahren wurden die Ramseys in den Medien als Mörder ihrer Tochter präsentiert, auch wenn sie des Verbrechens nicht überführt werden konnten.

Dass JonBenét Ramsey eine Kinderschönheitskönigin war, die von ihrer ehrgeizigen Mutter von Wettberwerb zu Wettbewerb durchs Land begleitet wurde, verlieh dem Fall eine perverse, unheimliche Note, die dafür sorgte, dass der bis heute ungeklärte Mordfall sich im amerikanischen Kollektivbewusstsein verankert hat und zu einem amerikanischen Archetyp geworden ist. Dass dieser beunruhigende Fall auch Einzug in die Kultur halten würde, war eine Frage der Zeit.

Die Titanin der amerikanischen Gegenwartsliteratur, Joyce Carol Oates, nimmt sich in „My Sister, my Love“ nicht erstmals eines historischen Falles an, um ihn in Fiktion zu verweben. In „the Mysteries of Winterthur“ sind es drei Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts. In „Black Water“ geht es um den Autounfall Robert Kennedys und den Tod seiner Assistentin Mary Jo Kopechne, die er im Wagen zurückließ. „Blonde“ macht aus der Biographie Marilyn Monroes ein Stück moderner Schauerliteratur. In „My Sister…“ lässt J.C. Oates den Bruder des Mordopfers, das hier Bliss Rampike heißt und keine Schönheitskönigin sondern Eisprinzessin ist, zu Wort kommen. Zehn Jahre nach der Tat, jetzt 19, nähert er sich schriftlich dem Leben und Sterben seiner kleinen Schwester an.

Skyler Rampike liefert das Bild einer amerikanischen Horror-Familie. Eine blind ehrgeizige Mutter, deren einziges Ziel das gesellschaftliche Emporkommen ist und in dem die Tochter als Mittel zum Zweck dient, der testosterongesteuerte stiernackige Vater, Traum jeder High-School-Schönheit, der mit seiner Familie nichts anzufangen weiß. Zwischen diesen sich zerreibenden Erwachsenen die beiden Kinder – „Bliss“, die als angemalte aufgerüschte Eisprinzessin die Massen (und die Pädos) begeistert und Skyler, der vom Glanz der kleinen Schwester, die ihn abgöttisch liebt, überstrahlt wird. Zu dem sie kommt, wenn sie mal wieder ins Bett gemacht hat. So, wie Oates diese Menschen schreibt, denkt man, sie zu erkennen. Es ist die uramerikanische Alptraumfamilie, der man bei ihrem derangierten „pursuit of happiness“ zuschaut. Es sind Stellvertreter. Ein wenig zu echt, um als Abziehbild zu gelten, aber dennoch mythische Figuren in einem verzerrten Spiel.

Mit dysfunktionalen Familien kennt sich Oates aus, sie sind ihr Lieblingsthema. Anhand dysfunktionaler Familien zeichnet sie ihr finsteres Bild von Amerika. Zynisch blickt ihr 19jähriger schwer geschädigter Erzähler auf seine Welt und zeichnet die Möglichkeiten auf, wie es zur Tat gekommen sein könnte. Egal, wie der Roman ausgeht – eines wird klar. Für Oates sind alle schuldig. Der dominante Testosteronvater, die dem Alkohol nicht abgeneigte Eislaufmutter. Und der Sohn, der im Schatten seiner Schwester stand. Und genau das macht aus dem in der Realität verwurzelten Roman eine Farce, eine boshafte Satire. Darf man das?

Seit ich 1997 das erste Mal über den Fall Ramsey las, hat er mich bewegt. Wie die meisten (und dank eines ausführlich recherchierten Artikels im amerikanischen Vanity Fair) hielt ich die Eltern für schuldig. Der Mord an einem Kind, das man zuvor als Zirkuspferd ins Rennen um die Gunst des Publikums geschickt hat, wirkt jedoch unschlüssig, schwer nachvollziehbar. Warum soll eine Mutter so etwas mitverschuldet haben, sei es dadurch dass sie den Täter im Familienumfeld schützen wollte? Die Fragen, die der Fall aufwirft, machen seine anhaltende Nachwirkung aus. Aus einem bestürzendem Vorfall entwickelt sich ein Mysterium, das natürlich Chronisten und Geschichtenerzähler auf den Plan ruft, so auch die große Schreibkünstlerin Joyce Carol Oates. Im Juli 2008, nachdem es durch neue Methoden in der DNA-Analyse möglich geworden war, eine DNA-Probe, die man der Wäsche des Kindes entnommen hatte, zu überprüfen, wurde offiziell eine Beteiligung eines Familienangehörigen im Mordfall JonBenét Ramsey ausgeschlossen. Fast zwölf Jahre, in denen die Familie öffentlich vorgeführt und angeprangert worden war. Patsy Ramsey, JonBenéts Mutter, starb im Juni 2006 an Krebs. Im Februar diesen Jahres wurden die Ermittlungen erneut aufgenommen.

Timesonline schrieb: „(Joyce Carol Oates) has also “solved” the murder, coming up with a solution that makes sense of Skyler’s agonised self-loathing but seems likely to cause further grief to surviving members of the Ramsey family. Some readers might consider that too high a price to pay for this cold, clever and ultimately parasitic novel.“

Parasitisch indeed. Und richtig peinlich wird das ganze durch folgenden „Disclaimer“, den Frau Oates dem Roman voranstellt:

„Though „My Sister, my Love: The Intimate Story of Skyler Rampike“ has its genesis in a notorious American „true crime mystery“ of the late twentieth century, it is a work of the imagination solely and lays no claim to representing actual persons, places, or historical events. This includes all characters in the Rampike family, their legal counsel, and their friends. Nor is its depiciton of „Tabloid Hell“ intended to be a literal depiction of media response to the crime.“

Nein nein. Natürlich nicht. Nur fragt man sich, was das Buch dann eigentlich soll, da hätte Oates sich ja etwas einfallen lassen können, was einem historischen Fall unähnlicher gewesen wäre, ausreichend Vorstellungsvermögen hat sie ja. Dass das Manuskript des unlängst erschienenen Romans bereits beim Verlag war, als im Juli vergangenen Jahres die Familie Ramsey durch die DNA-Analyse letztendlich entlastet werden konnte, ist anzunehmen. Dass man sich dafür entscheidet obigen Disclaimer einzubauen und so alle Parallelen von sich zu weisen ist nicht nur peinlich, sondern von einem kapitalistischen Zynismus geprägt, der aus einem Roman von Oates stammen könnte. Die Diffamierung der Familie (und auch noch durch die Hohepriesterin der amerikanischen Literatur) ist ein Krönungsschlag der Medienhetze, der die Familie länger ausgesetzt war, als ihre Tochter an Lebensjahren erlebte. Wuchtiger, tut mir leid Joyce Carol, hätte es nur aus Oprahs Mund kommen können.

Mit einem Funken Anstand ausgestattet, hätte Joyce Carol Oates das Manuskript zu „My Sister, my Love“ zurückziehen müssen. Bedauerlich, dass dieser einst so großen Moralistin dieser Gedanke nicht gekommen ist. Das sind die Momente, in denen ich mir Angela Carter zurücksehne. Die hätte zweiffellos das Richtige getan.

OLD AGE AIN´T NO PLACE FOR SISSIES

Bein Annie Lennox hatte ich ja schon vor Jahren die Hoffnung aufgegeben, dass sie nochmal irgendwas Relevantes produzieren würde. Das ist gut, denn so konnte ich eines besseren belehrt werden. Also bleibt die Hoffnung, dass Morrissey irgendwann im Greisenalter etwas Schickes singen wird. Die aktuelle CD ist jedenfalls schon wieder runter vom Ipod. Boring shit.

A DOLPHIN TOOK MY BABY!!

dolfi

Wundert es mich überhaupt nicht, dass so ne Mutti am Alex, konsumorientiert und modebewusst, möchte dass ihr kleener Racker auch so modisch frostblau aussieht. Und was liegt da näher als die Tiefkühltruhe? Nicht ohne Hintergedanken hat der studierte emphatische Schaufensterdekorateur dem kleinen Adolphin einen Rettungsring um die Füßlein gelegt, weiß er doch auch, dass die große Schwester Kesslien, die jetzt vielleicht noch mitgeht zum Kinderfasching der Arbeiterwohlfahrt Weißensee schon im Sommer mit einer Flasche Tannenzapfenbier und Pall Mall Lights quarzend vorm Alexa auf und ab tigern wird bis Kevin-Janik endlich mit dem neuesten Spice-Abklatsch auftaucht und die beiden sich im Buswartehäuschen verkriechen können.

Aber jetzt mal ganz realistisch betrachtet – würden Sie Ihr Kind als Aso-Delphin gehen lassen? Bei Karstadt-Hermannplatz habe ich superniedliche Hulk-Kostüme für 3-4jährige gesehen. Das passt doch auch viel besser.

DAS ROTE GRAUSEN oder WAS HAT SIE?

Wer keine Erwartungen hat kann auch nicht enttäuscht werden. Sehr wohl aber entsetzt. Und das, wo ich die besten Absichten hatte, einer deutschen Entertainerin Tribut zu zollen, wenn Bernadette Peters es einfach nicht gebacken kriegt, ihre Löckchen mal durch den Berliner Schnee zu schaukeln. Sind wir also zu Katja Ebstein, die hat auch rote Haare, und ins Konzerthaus wollte ich auch schon immer mal, nicht zuletzt, weil die Kassenkräfte einen legendären Ruf genießen.

Kaum, dass wir in den heiligen Hallen angekommen sind, schlägt uns der Duft des Alters entgegen. Franzbranntwein, Kölnisch Wasser und Haarspray, sowie eine Prise Muff aus den hinteren Bereichen des Wäschekorbs. Damen und Herren, hauptsächlich Damen, in allen Schattierungen der Vergreisung von gepflegt bis Pflegestufe. Man Frau drängelt sich vor der Kasse.
„Sind Sie Eltern der Kinderchorkinder?“ werden die Damen und der vereinzelte Herr hinter uns in der Schlange gefragt. Warum fragt mich das niemand? ärgere ich mich und schicke einen strafenden Blick.
„Sind Sie Gast von Frau Ebstein?“ Nein. Ich habe für das Vergnügen bezahlt. Die Fragenden können sich meine Anwesenheit hier ebenso wenig erklären wie ich mir selbst, aber das Skailight hat entschieden. Zwei kesse Ommis kennen so etwas wie eine Abkürzung und wollen sich in der Schlange nach vorne schummeln, haben aber die Rechnung ohne den Altenhasser Glam gemacht.
„Stellnse sich aber sofort wieder dahin wo sie herkommen!“
„Der junge Mann hat aufgepasst.“
Genau, Glam kennt keine Gnade für Fremde ab 70.
Die Kassiererin raunzt die Kartenabholervor uns an und ich schenke ihr ein breites Lächeln, das sie verschwörerisch erwidert. Zero tolerance. Insbesondere für „Anrechtsinhaber“ – Abonnent durfte man in der DDR nicht sagen, das war zu französisch. Dreistellige Anrechts-Kundennummern deuten auf eine ehemals hohe Funktion hin, aber ich lass mich nicht rumschubsen.
„Ich habe ein Anrecht!“
„Du hast kein Anrecht, Du hast einen Platz in der Schlange, Du alte Stasi!“
It´s dog eat dog an der Kasse vom Ebstein-Konzert. Die meisten Anstehenden haben sich schon lange nicht mehr so behende bewegt wie jetzt im Endspurt auf dem Weg zu Katja. All die Jahre, die sie fürs Fernsehen mittem Fahrrad durch den Osten geradelt ist haben sich bezahlt gemacht – in einer treuen, verschworenen Ost-Anhängerschar.

Endlich im zweiten Rang angekommen, geht das Konzert auch schon bald los und wir befinden, dass wir uns im falschen Saal befinden. Ein Kinderchor singt ein Lied, in dem es ungefähr heißt „Mit D-Mark auf zu Mahler geht“. Ich verstehe, warum die Karten so günstig waren. Weil man hier kein Wort versteht. Nach weiteren gefühlten 8 Kinderchorbeiträgen kommt dann endlich die straffe Katja auf die Bühne und steigt gleich mit einem Höhepunkt ein. Ein Lied von einem jungen brisanten Komponisten über eine Nationalheldin aus dem Süden Amerikas. „Wein nicht um mich Argentinien.“ Das macht sie sehr gut und man versteht fast jedes Wort. Dann kommen Hits aus der Feder Heinrich Heines und all ihrer Liedermacherfreunde von einst „die auch heute noch nichts an Brisanz verloren haben“. Na ja. Lieder für die Kinder dieser Welt. Und dann eine ganz verschärfte Rockfassung von „Was hat sie, das ich nicht habe“, leider versteht man kein Wort, wie auch schon bei den anderen „Songs“ (ja, sie bezeichnet ihre Lieder, ganz Kosmopolitin, als „Songs“. Bei „Was hat sie…“ werde ich sauer. Da ist dieser geile Satz drin, in dem sie über eine Frau berichtet, die f§
„für 20 Mark Schminke“ im Gesicht hat, den hab ich schon als Kind so geliebt. Und jetzt dürfen ihn nur die hören, die direkt vor der Katja sitzen. Ich meine, hab ich nicht auch ein Anrecht??“

Ich bin hin und hergerissen zwischen Langeweile, Lachanfällen, Angstschüben (Ist Alter ansteckend?) und Zynismus und Verzweiflung. Ich hatte mir so sehr vorgenommen, die Katja richitg toll zu finden, aber es will mir partout nicht gelingen. Nach einer knappen Stunde schließlich erhört Gott mein Gebet und die Katja macht eine Pause. Wir nehmen diese zum Anlass, dem Konzerthaus den Rücken zu kehren. Erst eine Stunde später haben wir Teile unserer Fassung zurück, die es uns ermöglicht, ein Gespräch zu führen. Immerhin – es ist kaum 13.00 Uhr und wir haben schon das Schlimmste des Tages überstanden.