Bei drei Jobs zeitgleich reichen zwei Tage Wochenende nicht mehr aus, die Akkus aufzuladen. Die to-do-list für Montag ist bis auf einen Punkt abgearbeitet, aber das ist natürlich der wichtigste Punkt, vor dem ich mich schon wochenlang drücke. Ich baue da auf ein Verständnis, das ich nicht voraussetzen kann, das ich aber moralisch einfordere. Mit ein bisschen Empathie müsste es nachvollziebar sein, dass der Raubbau am Selbst Konsequenzen trägt und nicht mehr nur an mir alles andere als spurlos vorüber geht. Die so erfolgreich verdrängte Frage, wie lang das noch so weiter gehen kann, stellt sich nun auch noch in den Weg der Kapazitäten. Fate, give me a break. Und, wenn ich noch eine Bitte äußern darf, ein neues Handy.
Archiv der Kategorie: but it refuses to shine
CRYPTISCH oder SCHÖNER STERBEN oder DIE TEUERSTE IMMOBILIE DER WELT
Und dann eine Webcam installieren und ne Myspace und Facebook-Seite aufmachen, „Tot mit Marilyn“. Auch der kleinere Geldbeutel hat eine Chance.
MARCEL FEIGE: SPECK oder DASS DAS BUCH NICH SO DOLL IS WAR JA SCHNELL KLAR, ABER…
… dass dann noch Sätze kommen wie folgender:
„Seine Leibesfülle schien Thanner nicht davon abhalten zu können, beeindruckend schnell zu kombinieren.“
Haben Sie das auch immer, dass sich zwischen Betrachtung und Erkenntnis dreist ne Fettwulst drängt? Lästig, oder?
WER NIX WIRD
Ich begrüße das ja, dass an jeder Ecke zwischen Schlesischer und Görlitzer Straße neue Cafés aufmachen, die alle irgendwie gleich aussehen – Sperrmüll und kahle Wände. Dort gibt es Gebäck, das auf nette Art und Weise selbstgemacht aussieht und bestenfalls auch so verursacht wurde und nicht einer Backmischung oder einem Genlabor entstammt. Es gibt dabei sehr gute Cafés mit fantastischem Kaffee und schmackhaftem Backwerk – dieses kleine, das man fast übersieht, in der Wrangelstraße kurz hinter der Skalitzer beispielsweise. Spanischer Name, der mir nicht einfällt. Aber gestern wollten wir auf Nummer sicher gehen, also in den Salon sucré – Kreuzbergs bester Konditor – aber der hatte zu, also sind wir die Görlitzer hoch, aber nicht so hoch, dass man an den Hühnchendämpfen erstickt, und in ein weiß gestrichenes Dings, eine Quiche bestellt.
„Was habt Ihr denn für Weißwein?“ Die Bedienungen schauen sich entnervt an.
„Wir haben welchen hinten, aber ich weiß nicht, ob wir den verkaufen dürfen.“
„?!“
„Der is auch warm.“
„?!. Dann hätt ich gern einen Sekt auf Eis zur Quiche.“
„Sekt ham wa nich.“
„Prosecco?“
Kopfschütteln.
„Dann bitte eine Cola light.“ Da möchte ich eigentlich schon gehen. Sekt auf Eis hätte für die Bedienung vermutlich bedeutet, einen einsamen Eiswürfel in einen Sektkelch zu werfen – ich hätte ihr erklären müssen, wie das geht, und dann hat sich ein Laden eigentlich schon disqualifiziert.
Herr Schmidt bekommt ein Glas Milch (Bio H-Milch!) mit einem Schuss Kaffee und ordert einen Espresso nach, um sich die Latte macchiato herzustellen, die er bestellt hat. Ich muss auf den Frust erstmal rauchen. Die Bedienung bringt unsere Speisen und lässst die Gelegenheit verstreichen, mir einen Aschenbecher auf den Tisch zu stellen. Ich hab aber auch kein Problem damit, den Boden zu benutzen oder eine Untertasse. Die Quiche ist wohl auch Bio. Arm an Geschmack und Gewürz. Die beiden Bediensteten unterhalten sich mit Gästen und allein für ihren Laberton möchte ich der Ische ein Bein stellen. Larmoyante weinerliche Fruststudentin, die glaubt, es mit ihrem Piefcafé geschafft zu haben. Ihr dicklicher Kollege ist auch kein Servicetalent.
Ich fühle mich an eine Episode mit dem Skailight erinnert. Schlesische Straße, dieses Kaffeehaus mit den arschigen Kellnern.
„Ich hätte gern eine Bloody Mary.“
„Ham wa nich.“
„Haben Sie Tomatensaft?“
„Ja.“
„Haben Sie Wodka?“
„Ja.“
„Dann bringen Sie.“
Der Gedanke des Nachbarschaftscafés ist doch eigentlich ein guter. Preiswert, nahe gelegen, symapthisch, heimelig. Selbst arrogante Bedienungen haben was (hochschwangere Frau im Morena: „Ich hätt gern einen Milchkaffee, könnten Sie etwas mehr Milch hineintun als üblich?“ Kellnerin: „Nö.) Aber wenn Inkompetenz auf Arroganz trifft, dann warte ich doch lieber, bis der Salon sucré wieder aufmacht, denn dort gibt es zur Quiche einen fantastischen französischen Chardonnay, und dann gibt es ja noch die unzähligen anderen neuen Cafés, die es zu testen gilt. Die Konkurrenz. Schläft nicht.
ZWILLING, ASZENDENT WAAGE
Gestern das erste Mal seit vier Jahren auf einer Waage gestanden. Ich habe so ein Gerät nie besessen, es war irgendwie auch nicht nötig. Vor vier Jahren waren es 65 kg bei 1,80m, das waren immerhin 7 kg mehr als ich 20jährig mit nach Berlin brachte, aber damals war ich wirklich knochig. Gestern nun, im Bad bei einer guten Freundin eine Waage sichtend, wollte ich ganz stolz meine Trennkost-Erfolge überprüfen, denn der Gürtel lässt sichein Loch enger schließen, die Zigarettenhose sitzt nicht mehr prall, sondern schlackert um den Oberschenkel, der Ring, der sonst im Sommer kaum vom Finger zu kriegen ist, hat Spielraum und das Gesicht, das mich auf einem Snapshot so erschrocken hat, weil fat fat fat, das kommt auch langsam wieder in Form. Dies Waage nun bescherte mir die Erkenntnis, 5 kg über meinem Gewicht von 2004 zu liegen. Und das NACH drei Wochen Trennkost, in denen ich geschätzte 3 kg verloren habe. Bevor ich nun also das Schnellrestaurant meiner Wahl wieder besuchen werde, sollte ich in Erfahrung bringen, ob es sich bei dem dort verwendeten Käse um Rohmilchkäse handelt. Ansonsten bye bye Käsespätzle.
BERICHT VOM BODEN DES SOMMERLOCHS
Was wohl aus Sandra Dee geworden ist, frage ich mich, Sandra Dee, dem schecklichen Teenager mit Pausbacken, dem Mädchen, das man schütteln wollte, damit die puttige Fassade reißt und in der Tat hat sie irgendwann keine Angebote mehr bekommen und eine lebenslange Anorexie gepflegt. Zum Kotzen. Und bis 2005 durchgehalten. Auch nicht schön, wenn man erinnerungswürdig ist, aber die Erinnerungen so mit Ekel verbunden sind. Sandra Dee. Ürgs. Kollege Strike hat übrigens in einer seiner investigativen Unternehmungen das wahre Sommerloch aufgespürt.
Und ich geh jetzt mal Nokia fragen, ob sie einem Starblogger wie mir den Wechsel von Sony Ericsson ermöglichen möchten. Ich will nämlich kein Iphone, weil es was viel viel Schickeres gibt.
CONSIDERATE?
Done.
BADESCHIFF
Die Gastgeberin hat es mit der Spezifierung in der Einladung (Badeschiff 14.00 bis 20.00 Uhr) ziemlich genau genommen. Kurz nach 20.00 Uhr gelingt es mir gerade noch, sie zu begrüßen, dann hat sie die Party auch schon verlassen. Der zweite Gastgeber bemüht sich, in der halböffentlichen Anlage von versprengter Partygruppe zu versprengter Partygruppe zu fliegen wie eine Biene von Blüte zu Blüte, dabei ist er selbst die schönste Blume in gelb, orange und lila. Ein paar bekannte Gesichter, die man aus dem Umfeld des Gastgebers kennt, Menschen, mit denen man schon in vergangenen Jahren nie ins Gespräch gekommen ist – warum nach all den Jahren mit Moderationsversuchen beginnen? – und warum also heute, und außerdem der Chill-Vorsprung: die hängen schon seit Nachmittag ab, ich komme gerade aus dem Büro. Gott sei Dank ein paar Felsen in der Brandung, Herr Strike, der es vernünftig mit Hochprozentigem angehen lässt, Frau Koma, die an keinem Gewässer vorbei gehen kann, ohne ein paar Runden darin zu ziehen. Und Herr Schmidt, der Wiedergefundene, mit dem ich mich nach einer mehrjährigen Pause nahtlos gut verstehe. Zu Bier gehören Kohlehydrate und unter neidischen Blicken ergattere ich die letzte Portion Potatoe-Slices. Ein zweifelhafter Sieg, sie liegen schon etwas länger herum, sind kalt und flatschig.
Es wird dunkel über der Spree, auch nach dem zweiten Bier stellt sich kein Wohlgefüh ein, die Künstlichkeit des Badeschiffs ist nichts für mich, ich mag meine Gewässer ohne Chlor und auch nicht von unten beleuchtet. Was sich an und auf dem See weit verteilt, kauert sich hier in Grüppchen zusammen, belagert die Bar, so dass man selbst zur Rückgabe der Pfandflaschen eine viertel Stunde ansteht. Dunkelbraune Szenetypen, Hautkrebskandidaten, Mädchen, deren Vorbilder Gaga und Miley heißen, mit zu dünnen Augenbrauen und herabgesackten Mundwinkeln, weil Jonas oder Leon sie wieder keines Blickes gewürdigt haben. Knabenhafte Knaben und hühnenhafte Hühnen sowie hühnenhafte Knaben aber keine knabenhafte Hühnen sonnen sich im Blick der Umherstehenden, während sie sich unter der Dusche abspritzen lassen, um dann wahrscheinlich rebellisch ins Chlorwasser zu pinkeln. Alle sind zusammengehalten in kleinen Grüppchen und blitzen nur manchmal nach rechts und links, wenn wieder eine feuchte Schönheit durch den Sand tappt, mit einem Trendfläschchen in der Hand oder ohne, viele durchaus ohne, denn bei den Getränkepreisen und wenn man ständig die Pfandgläser verliert, wird so ein Tag am Badeschiff teuer, selbst für eine Abiturientin aus Dahlem, die es nach Mitte zöge, hätte sie nicht die smarte Einliegerwohnung bei Ma und Dad.
Das Badeschiff ist wie ein Ballermann für Besserverdienende nur ohne die Stimmung. Der urbane Charme erschließt sich mir nur ästhetisch, nicht aber emotional. Und, so denke ich, nach zwei Corona kannst Du noch fahren und musst morgen nicht durch ganz Kreuzberg spazieren, um Dein Auto abzuholen, also stell ich mich eine viertel Stunde an, um meine Pfandflasche abzugeben und mach mich auf dem Heimweg.
Der Ipod wählt sich „Schwarz zu blau“ und Herr Fox singt von Szeneschnöseln auf verzweifelter Suche nach der Szene. Ich denk, ich hab sie gefunden. Und ich brauch sie nicht.
GLAMALTRUISM oder REQUIEM FOR KARSTADT
Kostet eigentlich noch irgendetwas das, was es wert ist? Ich will mich nicht als Moralapostel aufspielen, schließlich gehöre auch ich zu denjenigen, die den günstigen Dollar und das Pfund ausgenutzt haben, um sich die Regale mit DVDs und Büchern vollzustopfen, aber immerhin – ich hab den Kram nicht illegal aus dem Netz gezogen. Und klar freu ich mich, dass ich eine CD für n 10er bei Itunes kaufen kann und nicht drauf hoffen muss, dass ein arroganter Plattenhändler sie für mich ordert. Aber in den letzten zehn Jahren hat dieses Konsumentenverhalten zu Geschäftseinbrüchen und Pleiten geführt und wirkt zurück auf die Unterhaltungsindustrie, die nun vorsichtiger mit ihrem Geld umgehen muss, was zu einer Schrumpfung des Angebots führt. Ich mein – Bebe hat nicht einmal nen Clip auf Youtube für „La Bicha“, das geht doch eigentlich gar nicht. Wenn die Entwicklung in der Filmindustrie ähnlich verläuft, dann bekomme ich Angst.
Und dann das – Karstadt. Ich komme vom Dorf, die erste Anlaufstelle, wenn ich ein Buch oder eine Schallplatte kaufen wollte – Karstadt in der Nachbarkleinstadt. Bei Karstadt bekamst Du alles. Und jetzt ist Karstadt in derselben Situation wie ich manchmal – sie können die Miete nicht zahlen.
Karstadt Hermannplatz ist in all den Jahren, die ich Berlin lebe mein Lieblingskaufhaus gewesen. Fuck Galerie Lafayette, forget KaDeWe, ignore Department Store. Elektrogeräte, DVDs, irgendwelcher Haushaltsquatsch, von dem man nicht weiß, wo man den kaufen soll – Karstadt wird das schon haben. Und zwei Jahre Garantie ohne wenn und aber. Die Lebensmittelabteilung war in den besten Jahren des Kaufhauses ein lukullischer Tempel, und das bereits in Zeiten, als es die Mauer noch gab. In manchem heißen Sommer habe ich, um meine 45°-Einzimmer-Wohnung in Neukoelln nicht betreten zu müssen, ein paar Stunden bei Karstadt verbracht und die Air Condition genossen. Mich von Fachpersonal beraten lassen, welche Waschmaschine und welchen Allesreiniger ich erwerben soll. In den schlimmsten sozialphobischen Zeiten gab es nur zwei Läden, die ich ohne Panikattacke betreten konnte: Karstadt Hermannplatz und Dussmann.
Karstadt kam mir immer auch etwas altmodisch vor, aber auf eine ganz angenehme Art. Bürgerlich, gepflegt. Wie Verwandtschaft, mit der man wenig zu tun hat, die man aber trotzdem gerne trifft. Im letzten Winter ist es mir aufgefallen – es waren fast nur noch alte Omis mit Frisuren wie Teppichmuster, dafür aber im Pelzmäntelchen aus den 80ern unterwegs, die am Butter Lindner-Stand ihre Witwenpension verjubelt haben. Selbst Samstags um 13.00 Uhr konnt man bequem sein Wägelchen durch die leeren Flure schieben. Ich erinnere mich an Studentenzeiten, wo man noch ganz schnell vor Ladenschluss (damals 13.00 Uhr, wenn ich mich recht entsinne) zu Karstadt musste, um Lutter & Wegner für´s Wochenende zu besorgen. Die Schlangen an den Kassen waren legendär und das Cruising fing damals schon mittags an, als man noch die Spuren von Freitagnacht im Gesicht trug.
Nun denn, wie ungeil Geiz ist sieht man jetzt. Karstadt kann die Miete nicht zahlen, weil selbst der letzte Rentner seinen Scheiß bei Ebay ersteigert. Das Geld, das sich auf dem Konto dieser letzten reichen Rentnergeneration stapelt, daraus macht man Schulterpolster für´s Totenleibchen, denn die Beerdigung hat man schon beim Sargdiscounter arrangiert.
Ich war am Samstag jedenfalls noch einmal in der Lebensmittelabteilung und habe mir Avocados, Maracuyas und Feigen für 2 Euro das Stück gekauft. Was nützen mir die Billigsupermärkte in walking-distance, in denen ich zwar Spargel für 99 Cent bekomme, wo aber Sauce Hollandaise nur in Tetrapacks angeboten wird?
Wenn Karstadt den Bach runtergeht, dann ist auch eine Ära vorbei. Mir wird sie fehlen.
Nichts, was man mit einem Trost wieder einrenken könnte.