„The lunatics have taken over the asylum“, so amüsierte sich im Jahre 1919 die noch recht junge Filmindustrie, als vier der berühmtesten und beliebtesten amerikanischen Filmtätigen beschlossen, sich nicht mehr dem Studiosytsem zu unterwerfen und eine eigene Filmproduktion zu gründen. D.W. Griffith, Mary Pickford, Douglas Fairbanks und Charles Chaplin gründeten die „United Artists“. Sie waren die ersten Künstler, die gegen die Auflagen der etablierten Filmemacher, deren Berufshintergrund häufig wenig künstlerisch und eher im Teppichhandel oder Bootlegging anzusiedeln war, rebellierten. Dass so etwas nur schiefgehen kann schien vorprogrammiert. Zugegeben, UA war nie so erfolgreich wie andere Produktionsfirmen, aber es war auch nicht das Ziel der Betreiber, es den anderen Studios gleichzutun. Sie hatten hauptsächlich das Anliegen, in Filmen zu spielen, die sie selbst aussuchen, schreiben, in Szene setzen konnten. In späteren Jahren sollten andere Stars ähnliche Pläne umsetzen: Gloria Swanson suchte sich Joe Kennedy als Produzenten für „Queen Kelly“, der von Erich von Stroheim so provokant und verschwenderisch inszeniert wurde, dass er nie fertiggestellt wurde und Glorias Karriere beinahe beendete. Bette Davis verklagte in den 30ern die Warner Brothers weil sie Mitspracherecht bei der Auswahl von Filmstoffen verlangte. (Ein Filmstudio hatte das Recht, einen Schauspieler für das Ablehnen eines Drehbuchs zu suspendieren und seine Vertragszeit um die Ausfallzeit zu verlängern – so ruinierte Hitchcock die Karriere von Tippi Hedren noch in den 60ern: indem er sie unter Vertrag hatte, aber nur in zwei Filmen einsetzte). Bette verlor den Prozess – Olivia DeHavilland setzte sich in den 40ern vor Gericht durch, gewann und ebnete den Weg für künstlerische Selbstverwirklichung, der es u.a. auch Marilyn Monroe ermöglichen sollte, ihre eigene Produktionsfirma zu gründen.
„United Artists“ ist ein Firmenkonzept, das immer wieder Künstler inspirierte, die Verantwortung für und die Kontrolle über ihr eigenes Schaffen zu übernehmen und im marxistischen Sinne das Produkt der Arbeit vom Konzept bis zur Auslieferung zu betreuen. In Zeiten als der producer-credit noch keine reine Investitionsangelegenheit war (Bsp.: Melrose Place, Executive Producer: Heather Locklear), verstand sich die Künstlerproduktionsfirma nicht nur als Rebellionsmodell gegen die großen Konzerne, sondern als eine Möglichkeit, künstlerische Freiheit zu praktizieren. Heutzutage sind es Künstler wie Herr Pitt, Frau Bullock und Miss Foster, die zum Teil liebevolle Indie-Produktionen mit Rücksicht auf Verluste produzieren.
Warum schreibt Glam nun über eine Filmfirma aus den 20ern? Zunächste einmal, weil er zehn Jahre lang ein Indie-Music-Label als Manager betreute, das recht erfolgreich im Schatten der Majors koexistierte, manchmal sogar aus ihm heraustrat. Wenn Sie jemals den Begriff des „Neuen Deutschen Chanson“ gehört haben, dann hat das etwas mit Glamscher PR-Arbeit im Feuielleton-Bereich zu tun. Der zweite und aktuelle Grund: weil soeben bekannt gegeben wurde, dass die UA einen neuen Betreiber hat. MGM, die sich die UA einverleibt hat, hat soeben einen Vertrag mit Tom Cruise unterschrieben, der die United Artists übernimmt und in den Dreck treten wird. Charles Chaplin fällt vor Schreck der Bart ab und Mary Pickfords Korkenzieherlocken erschlaffen. Douglas Fairbanks holt den Degen aus dem Schrank und D.W. Griffith hält die Stummfilmkamera drauf. Und Scientology ist entzückt, endlich eine Filmfirma ganz für sich allein zu haben.