Archiv der Kategorie: Auf der Couch

GLAMNAMBUL oder DAS KABINETT DER LADY MACDICK

„Sleepwalkers engage in their activities with their eyes open so they can navigate their surroundings, not with their eyes closed and their arms outstretched as parodied in cartoons and Hollywood productions. The victims‘ eyes may have a glazed or empty appearance and if questioned, the subject will be slow to answer and will be unable to respond in an intelligible manner.
While sleepwalking itself does not inherently pose a health concern, accidents may happen as the subject is performing actions without the control of conscious mind. If the walker commits a criminal offence while asleep, the defence of automatism may be available (see automatism (case law) for a detailed discussion of the laws in various countries).
A common myth surrounding this disorder is that one should never wake sleepwalkers while they are engaged in the activity. In truth, there is no implicit danger in waking sleepwalkers, though the subjects may be disoriented or embarrassed when awakened. The danger lies not in the fact that something might happen to the sleepwalker, but to the individual doing the waking, as occasionally the sleepwalkers get aggressive when interrupted. Although the majority of the time, nothing happens, it is not unheard of for assaults or even homicide to occur (though the latter is extremely rare). However sleepwalkers are much more likely to endanger themselves than anyone else. When sleepwalkers are a danger to themselves or others, (for example, when climbing up or down steps or trying to use a potentially dangerous tool such as a stove or a knife), steering them away from the danger or even waking them is advisable. It has even been reported that people have fallen out of windows while sleepwalking and died as a result.
While sleepwalking, conductor Harry F. Rosenthal has sat up in bed, conducted, and vocalized instruments, according to his wife.
Sleepwalking is a major theme in the classic silent German Expressionist film Das Kabinett des Dr. Kaligari (English title: The Cabinet of Dr. Caligari) 1919.
In Shakespeare’s famous play Macbeth, Lady Macbeth is mentioned to be a sleepwalker, leading up to her eventual madness and suicide.“

(Quelle: Wikipedia)

Wie psycho ist eigentlich noch vertretbar?
du
MUSST
C A L I G A R I
WÄRRRRDÄNNNN! (keine Angst, only joking.)

WEITERMACHEN, GEMINI

Stellen Sie sich vor, Sie sind 36, haben gerade ihren Job verloren. Der Imageverlust ist beträchtlich. Eine Liebschaft, von der Sie sich viel versprochen haben, ist ziemlich brutal in die Brüche gagangen. Ihr Alkoholkonsum ist alarmierend und trotzdem wird der Alarm von Freunden und Bekannten (zurechnungsfähige Verwandte gibt es nicht) ignoriert. Dazu kommen die anderen Drogen. Alle verschreibungspflichtig. Alle verschrieben von unterschiedlichen Ärzten, die vom jeweils anderen nichts wissen (wollen). Ihr bester Freund ist Ihr Psychoanalytiker. Er führt sie zurück in die Wurzeln ihres Schmerzes: Konfrontieren, widerholt vergegenwärtigen, Exorzieren. Nur dass das mit dem Exorzieren nicht so recht klappen will. Sie sehen ihn bis zu fünfmal die Woche, und auch am Wochenende ist er Tag und Nacht zu erreichen. Auch er verschreibt Choralhydrat gegen die Schlaflosigkeit. Dann ist da noch Ihr Schauspiellehrer, der Ihnen mit Method-Acting zu Ruhm und Anerkennung verhelfen will. Sie tauchen täglich tief in das Elend Ihrer Kindheit, die größtenteils in Pflegefamilien verbracht wurde, bei Pflegefamilien, die dafür eine staatliche Zuwendung bekamen, unterbrochen von dem einen und anderen Aufenthalt im Kinderheim, wenn es mal wieder nicht so recht klappte (Feindseligkeiten mit anderen Geschwistern, Übergriffe durch männliche Familienmitglieder). Ihre leibliche Mutter verbringt die meiste Zeit ihres Lebens in Nervenheilanstalten, ihr Vater ist unbekannt.

strickjacke

Wenn Marilyn wirklich Selbstmord begangen hat (und sie hatte schon aus rein existentiellen Gründen jeden Anlass für eine schwere depressive Episode und Drogensucht), dann ist sie ein Opfer der Psychoanalyse. Ich frage mich, was aus ihr geworden wäre, wenn sie eine Verhaltenstherapie gemacht hätte. Da geht es nicht permanent um die Bewältigung der Kindheit, sondern um´s Umbewerten und Weitermachen.

UND WO WAREN SIE IM SOMMER 2005?

Aus der Distanz hat es schon wieder etwas sehr belustigendes: ein Saal, in dem 200 Menschen mit den unterschiedlichsten Frühstücksgewohnheiten sitzen und darauf warten, dass der entkoffeinierte Kaffee und die Antidepressva kicken. Das alles noch vor Aufstehenszeit, 7.30 Uhr, denn um 8.15 ist bereits Appell. Da wird dann erläutert, ob Rudern stattfindet oder wegen des Dreckswetters ausfällt (fuckit, wegen des Ruderns habe ich mich für dieses Haus entschieden!), ob Frau Dr. H. wieder gesund ist, und dass um 8.45 Depri in der Aula ist, gefolgt von TSK (Training Sozialer Kompetenz).
Da sitzen sich beim Frühstück also eine brandenburgische Verwaltungsfachangestellte, ein Polizist aus Eberswalde, eine Berliner Karstadtverkäuferin (Karstadt Wedding), ein gestrandeter TV-Schrott-Autor und noch eine Polizistin gegenüber. Reden übers Wetter und ob der Zusammenbruch des neuzugegangenen Vergwaltigungsopfers („Die Finger wollten sie mir abschneiden, die Schweine – mit einer Kneifzange!“) noch in zumutbarem Rahmen war. (Es steht 3 zu 2). Und nach dem Frühstück geht man eine rauchen und auf der Heulbank mit Seeblick werden bereits die ersten Tränen des Tages vergossen. Das ist Monika. Auf Monika ist Verlass. Denkt man. Und dann werden ihre Medikamente umgestellt und eines Morgens strahlt sie mit dem Wolken um die Wette.

GEDULDIG UND FRIEDENSREICH oder GLAM, DAS LAMM, EXPOSED

glamlamb12-3-06

Man nehme einen Tag, keine beliebigen, einen mit besonders viel Stressfaktoren – der Deutschen liebster Einkaufstag, Samstag. Es schneit. Der Schneematsch spritzt, wie es sein Anliegen ist, auf die Trottoirs während Glam und Lucky sich im silbernen Wagen in Tempo 28 durch ausgewiesene 50er Zonen quälen. Doch sie quälen sich nicht. Sie scherzen, fluchen nur manchmal ein wenig, aber sonst wären sie ja wohl auch keine Berliner. Lucky hat ein neues Bad und eine neue Küche – beide wollen möbliert sein. Glam möchte das Alphabet in seine Musiksammlung bringen, dazu benötigt er ein ansehnliches CD-Aufbewahrungssystem, die beiden befinden sich somit auf der Road to Ikea. Der Parkplatz lässt vermuten, dass auch einige Tausend andere Berliner das schlechte Wetter nutzen, um bei Ikea das Bistro zu stürmen, hat es doch mehr Flair als Burger King oder eine Döner-Dependance. Die Mutter-Kind-Parkplätze sind belegt, die schwulen Parkplätze immer noch nicht eingerichtet, also parkt man weit hinten, außen. Plätze, die man keinem Theatergänger verkaufen würde mögen, handelte es sich um ein Theater und keinen Parkpklatz. Durch Schlamm und Modder stiefeln die beiden ins Einrichtungshaus. Dort angekommen müssen sie sich nicht mehr selbst bewegen, sie werden getragen wie in einem Strom. Wäre es jetzt doch ein Theater, dann glitten Lucky und Glam als Stagediver druch die Massen. Das Einkaufswägelchen überfüllt sich mit Zauberhand, die unförmigen CD-Aufbewahrungsmöbel-Pakete verweigern störrisch den Transport, an der Kasse stehen nur ein Dutzend Menschen vor einem, Man ist als nach gut zwei Stunden wieder auf dem Parkplatz, der praktischerwese an einen Baumarkt grenzt. Dort schlägt Glam ein Schnäppchen (Scheibenwaschanlagenwasser mit Frostschutz bis -30° für nur eins achtenfuffzisch.) Und Lucky fällt ein, dass er vergessen hat, sich einen Duschvorhang zu kaufen.
„Macht doch nix. Gehst Du halt nochmal rein. Ich kauf mir am schwedischen Lebensmittelstand eine Flasche Vanille-Vodka, derweil.“
Lucky holt Duschvorhang, Glam Vodka. Glam knabbert an einer Tafel Apfelsinenkrokantschokolade und schaut sich nach attraktiven Männern um. Das Warten macht ihm gar nichts aus, fällt ihm dabei auf. Er steht in einer wabernden Menschenmasse und ist die Ruhe selbst. Und das, obwohl er vor Wochen das Johanniskraut abgesetzt hat.

„Wollen wir noch zu Kaisers?“
„Na wenn schon denn schon“.
Bei Kaisers ist es nicht ganz so voll, das geht also ruckzuck. Voller Vorfreude auf die Basteleaktion die vor ihm liegt, liefert Glam Lucky zu Hause ab und vergisst über der Vorfreude aufs Möbelschraubem, dass die beiden Benno-Regale in weiß erstmal in den 5. Stock transportiert werden müssen. Aber auch das gelingt ihm, auch wenn danach sein Rücken wieder kreischt wie kürzlich nach Franks Unzug. Es kommt zum schönsten Teil: die erworbenen Hausverschönerungsgegenstände in der Wohnung drapieren, Werkzeug zusammensuchen, Pappe zerreißen und schrauben! Bennos Aufbau ist in einem Pamphlet liebevoll gestaltet und im schraubumdrehen nachvollzogen, da bemerkt Glam, dass die Deckenplatte nicht wie die anderen Platten mit Bohrlöchern versehen ist. Hm. Das sieht ihm aber sehr nach Konstruktionsfehler aus! Denkt er. Aber er schaut noch einmal das kleine Montageheft an, um sicher zu gehen. Packt den zweiten Benno aus, siehe da – das Deckenplättchen Bennos des Zweiten ist intakt. Jetzt müsste eigentlich der Moment kommen, wo Glam austickt und den fast fertigen Benno durch die geschlossene Terrassentür knallt. (Nochmal einpacken, back to Ikea, nochmal durch den Laden, nochmal hochschleppen AAARRRGGHHH) Mais non. Glam kocht einen Kaffee, telefoniert schnell noch einmal mit Frau Frost wegen der Karten für nächsten Sonntag, Glam sucht sich die Ikea-Hotline im Internet und findet sie nicht. Also ruft er die Auskunft an (es ist mittlerweile 18.00 Uhr) und dann den alten Schweden, der ein auffächernd geästeltes System des „dann drücken Sie bitte die Taste 1 – 26“-Antwortgerät am anderen Ende der Leitung hat. Nach gefühlten 17 Minuten dann eine Kundenberaterin. Da Glam noch immer gut gelaunt ist und eine unverschämte innere Zuversicht ausstrahlt, dass diese Dame, an diesem kalten schneematschigen Samstag voller Freude seinen Reklamationswunsch geradezu von Zauberhand und mit Charme, Esprit und Wärme erfüllen wird, tut sie das ganz einfach.
„Es tut mir Leid, Herr Dick, früher konnten Sie das defekte Möbel einfach zu uns zurück bringen. Heute nehme ich Ihre Reklamation auf und wir tauschen das Teil per Post. Sie bekommen es direkt aus Schweden, das kann so zwei Wochen dauern.“
Glam bedankt sich, weil er froh ist, überschwänglich. Pfeift eine kleine schwedische Melodie („Newfound Lover“, Tuva Novotny), setzt sich auf das von Lucky geschenkte rosa Lammfell und fängt schon mal an die CDs alphabetisch zu ordnen.

Tags darauf: Alle CDs sind geordnet und sobald das Benno-Ersatzteil in der Post ist, herrscht hier musikalisch Ordnung! Garland, Gogos, Guns ´n Roses! Und der Ipod spürt, dass es Sonntag ist und kombiniert Hildegard Knef mit Justus Koehncke. So muss es sein.

14, die 2.

Es ist August 1982. Ich bin gerade geboren worden. An meine ersten einundzwanzig Tage habe ich keinerlei Erinnerung. Die setzt erst ein, als mich jemand (wer das war, habe ich vergessen) auf der Straße anspricht.
„Wann kommstn Du wieder zur Schule?“
„Ja, so demnächst.“

Und als er zurückkam, war er ein neuer Mensch, einer der gestorben und ganz neu wieder geboren war. Mit dem man nicht mehr den blöden Scheiß anstellen konnte, wie mit dem anderen davor. Jemand mit einer mysteriösen Aura, mit Hollywood-Babylonischer Tragik geedelt, mitten im niedrigsten niederträchtigsten Niedersachsen. Jemand, der sein Anderssein jetzt als Aufforderung begriff, es zu kultivieren, es so in den Vordergrund zu stellen, dass alles, was vorher nur ungewollte Angriffsfläche geboten hatte, von nun an die reine pure Aufforderung zum Kampf sein sollte. Face me fuckers! Hate me so I can hate you back*. Und endlich mal machte er den anderen Angst und nicht umgekehrt.
Aber das Kind, das mit 14 Jahren verstorben war, von dem er dachte, dass es nichts mehr mit ihm zu tun hat, das regt sich manchmal noch. Ein Gespenst, das sich schwer abschütteln lässt. Seine eigene Leiche im Keller.
„Und wie denken Sie heute über den kleinen Glam?“
Er tut mir Leid Er tut mir Leid Er tut mir Leid „Er nervt.“
„Aber ein bisschen Mitleid haben Sie schon mit ihm, oder?“

* Die Kommasetzung überlasse ich Judith Holofernes.

GLAM , SPELLBOUND

Psychotherapiesitzungen werden gemeinhin einmal wöchentlich verordnet und das hat einen Grund. Man sagt, dass eine gute Sitzung den Patienten eine Woche lang beschäftigt. Und da ist etwas dran. Also hätte ich gestern besser mal ein bisschen Hausaufgaben machen sollen und die Session vom Mittwoch etwas nachwirken lassen, aber nein, die beiden DVDs „The Simple Life“ waren in der Post und so schaute ich mir lieber 10 Folgen kranken Entertainments pro Abend an, anstatt in mich hinein (böse Zungen sagen jetzt, dass der Blick in mich hinein nichts anderes preisgibt, ich sage dazu „exzentrisches Entertainment“). Hinzu kam ein schweres Essen, das zu nächtlichem Sodbrennen führte (ja, ich bin jetzt in dem Alter). Und tagsüber hatte ich in Truffauts Hirchcock-Buch über „Spellbound“ gelesen, für den Dalí die Traumsequenz gestaltet hat. Wem soll ich jetzt also die Schuld an dem ultraüblen Familienalbtraum geben, von dem ich schreiend aufgewacht bin? In dem Traum hatte mich meine Mutter verstoßen, weil ich durch eine Unachtsamkeit ihrer Firma Schaden zugefügt hatte. Mein Vater hatte pornografische Aufzeichnungen seines Sohnes entdeckt und meine Schwester saß auf dem Beifahrersitz eines fahrenden und leider fahrerlosen PKW und weigerte sich das Steuer zu übernehmen, wähend ich hinten saß und in beiden Händen Portemonnaies hielt, die ich unmöglich fallen lassen konnte. Als ich sie inständig bat, sich doch endlich ans Steuer zu setzen, deutete sie nur auf den Innen- und Außenspiegel, bzw. deren leere Rahmen und sagte – „Ich bin doch nicht bescheuert, das kann keiner von mir verlangen.“ Und dann kam der LKW.
Ich denke, ich verklag jetzt die Hilton.

SOMEWHERE IN BETWEEN THE SLEEP AND WAKING UP

Dieses frühe Aufstehen bekommt mir gar nicht gut. Die Bewusstseinsprogrammierung ist noch nicht gestartet. Habe ich jetzt eigentlich den Süßstoff schon in den Tee getan? Okay, na ja, dann eben heute mal acht. Und heute bin ich auch noch vorm Aufwachen aufgewacht und konnte nicht mehr so richtig einschlafen, weil ich die knappe Stunde, die ich noch vor mir gehabt hätte so bedauernswert kurz fand, dass ich sie dann im Dämmerzustand angemessen bedauerte. Oder weil ich diese blöden Träume hatte, die immer auf eine Therapiesession folgen. Dabei haben wir gestern sehr viel gelächelt und Fortschritte bewundert. Well, what goes down must come up.
„Herr Dick haben sie abgenommen? Ihr Gesicht ist heute so schmal.“
„Das ist nett, dass Sie das sagen. Eigentlich habe ich zugenommen. Vielleicht sind ja die Schultern breiter geworden, dann wirkt der Kopf kleiner.“
„Eine sehr positive Betrachtungsweise!“
„Find ich auch.“

Hatte ich über die Spätfolgen von „Aerial“ informiert? Durch das so intensive Hören hat sich die komplette Platte dermaßen im Bewusstsein (und im Unterbewussten vermutlich gleichermaßen) verankert, dass sie innerlich immer dann läuft, wenn ich eh gerade einen guten Soundtrack brauche. Und wenn man mich rückwärts abspielt singe ich wie ein Vogel, was sich jetzt irgendwie zweideutig anhört, wie es gar nicht gemeint ist. Meiner Therpeutin habe ich die Platte übrigens zu Weihnachten geschenkt und gestern sagte sie noch einmal dankend „Herr Dick, das ist ja mehr als Musik, das ist ja, ein Raum, der sich da eröffnet.“ Die Frau ist einfach gut.

(KEIN) ABSCHIED VON ROXANA

„Ach, jetzt ist es schon wieder sehr spät geworden, da müssten wir die Feedbackrunde für Herrn Dick vielleicht mit dem Schlussblitzlicht zusammenlegen, wenn das für Sie okay ist.“
Als ob wir das jetzt noch ändern könnten. Sylvia aus Pankow hat 73 Minuten lang über das Verhältnis zu ihrem Vater berichtet. Wie schon letzte Woche. Und zwei Wochen davor. Aber ich steh eh nicht so gern im Mittelpunkt – deshalb bin/war ich ja hier. Werde gewesen sein. Gott sei Dank sind wir heute nur zehn und nicht neunzehn, wie neulich.
„Tja Herr Dick.“
Ich lächele in die Runde.
„Soll ich jetzt sagen, wie ich das ganze hier erlebt habe?“
Der Therapeut lächelt ein wenig mystisch zurück.
„Also, ich möchte mich bei allen bedanken, dass sie immer so nett und so ehrlich waren und ich bin etwas aufgeregt, denn in Zukunft kann ich Donnerstags zum Beispiel ins Kino gehen anstatt mir traurige Geschichten anzuhören, aber ich möchte niemanden verletzen, das ist schon okay, wenn man seine traurigen Geschichten hier loswerden möchte.“
Die Runde schut mich an. Manche lächeln. Mandy schaut nach unten und nestelt an einem Zewa-Softi. Der traurige Hans-Joachim starrt aus dem Fenster.
„Sie haben enorme Fortschritte gemacht, Herr Dick. Und Sie haben eine echte Bereicherung für die Gruppe dargestellt.“
„Dankeschön.“
„Ick finde, Du hast hier immer frischen Wind reinjebracht. Und jute Laune.“
„Ick wünsch Dir allet jute für die Zukunft.“
„Du wirstma fehln. Und ick hoff, det es Dir weiterhin juut jeht.“
Ich starre zwischendurch an den Zettel an der Wand, auf dem eine Selbsthilfegruppe für Austherapierte um Mitglieder wirbt. Das ist was für die Therapiejunkies, die selbst nach Klinik und Einzel und Gruppentherapie noch immer mit ihrem Elend verheiratet bleiben wollen. Einige der Anwesenden hüten ihre Gemütskrankheit wie einen teuren Schatz. Sekundärer Krankheitsgewinn nennt man das.
„Du hast immer allet aufn Punkt jebracht.“
„Für Dein Weiterleben nach der Gruppe wünsche ich Dir alles Gute.“
„Wat soll ick sagen? Ick kenn Dir ja nich. Na ja. Allet Jute.“
„Ick – ick ick kann nich.“ Mandy legt mir die Hand aufs Knie und schluchzt. Seit Roxana wieder auf Bonnies Ranch ist hat die Depression sie wieder voll im Griff. Erst gestern musste sie nach einer Fress-Attacke wieder brechen.
Der traurige Hans-Joachim sagt als letzter Adieu. „Es macht mich – – – traurig, dass du gehst, Glämma. Es macht mich traurig.“
Und in seinen immer noch nicht leergeweinten Augen blitzen Tränen.

Mandy und Sylvia nehmen mich in den Arm. Das erste mal, dass eine Geste des Vertrauens und der Zuneigung physische Form annimmt. Kurz überlege ich, ob ich nicht vielleicht doch meine Telefonnummer da lasse. Nö.
„Vielleicht läuft man sich ja mal über den Weg?“
„Ich wollte grad nochmal dem Therapeuten Danke sagen.“
Gehe zum Therapeute, reiche ihm die Hand, sage: „Danke!“

Im Lift lächeln wir uns alle zuversichtlich an. Hans-Joachim ist schon weg. Ich halte den Damen die Tür auf, wir winken uns noch einmal zu und dann verschwinden sie im Dunkeln.

„Washing Machine… washing machine… wa-shing ma – chiiiiiiiiiiiiine…“

GLAM, MANDY + ROXANA UND ANDERE IN: DIE SCHRECKEN DER ROXANA

…also beschlossen, aus der Gruppe auszusteigen.“
Erst wird sie blass, dann lindgrün, dann setzt das rosa ein und intensiviert sich zu O´Hara-würdigem scharlach.
„Dit JLOB ick nich, dit KANNSTE nich machn! Wat JLOBSTE eijntlich wer de bist, verdammteSCHEISSEnochma. Hältst dir woll für watt bessret oder wie? Mit dene Dulci und Gabana-Täschken und deen Jlanzhaarspräh. ICK SEH DOCH DESSDE SPLISS HAST!“
Der Dick starrt entsetzt den befehlhabenden Therapeuten an, der muss doch EINGREIFEN, verdammt. Doch der betrachtet ganz interessiert und auch irgendwie beleidigt seine Fingernägel.
Zwischen Mandys Augen entsteht eine Sorgenfalte. Mit großer Vorsicht legt sie Roxana die Hand auf den Unterarm.
„NimmdieflossenweckschlampeabersowattvonZACKICH!“
Mandy gehorcht und fängt an zu weinen.
„Der einzje Mann hier und zieht den Schwanz ein, so hab ick mir dit vorjestellt.“
„Aber Roxana – ich habe doch-„
„Ruhe, Schwuchtel, jetz red ICK! Jrad wo ick mir an dir jewöhnt hab machste dir vom Acker? Verjisset! So leicht kommste mir nich davon, det kann ick dir vasichan-„
„Frau Roxana, merken sie es? Merken sie es? Halten Sie diesen Moment fest. Was sehen Sie? Ihr Verhalten auf die Kündigung von Herrn Dick, würden sie das als angemessen bewerten? Ist Ihre Gefühlsexplosion nicht schon bei ihrem Exmann und Sandro, dem LKW-Fahrer aus Zieh-äsar auf taube Ohren gestoßen? Glauben Sie, dass sie Herrn Dick halten können, wenn sie ihn als Schwuchtel bezeichnen?“
„Fresse Fettsack, dir nehmickma später vor.“
Fettsack chucklt, es gibt kein deutsches Wort dafür. Er chucklt auf Wienerisch.
Mandy springt auf und verlässt den Raum. Hans-Joachim zögert, steht schwankend auf und folgt ihr mit einer Packung Zewa-Softis.
„Hastedir EINMAL überlecht, dassde hier vielleicht ne wichtje Rolle spielst, Schwuchtel? Mann, ick fand dir irjendwann richtje schau! Und dit obwohlde dir in Arsch -„
„Bitte Frau Roxana, das muss nun wirklich-„

Die traurige Trina holt das Handy raus und ruft den Notarzt an. Fettkloß liegt auf dem Boden und reibt sich den schmerzenden Magen. Es hat sich ausgechucklt. Vom Flur dröhnt ein Geräusch, als schlüge jemand seinen Schädel wiederholt gegen eine Rigips-Wand. Das liegt daran, dass jemand wiederholt seinen Schädel gegen die Rigipswand schlägt (Hans-Joachim), dann hören wir Mandy draußen brechen während Roxana wie ein Tiger durch den Raum tigert und sich an den Haaren zieht. Annalena mit dem Waschzwang hält sich die Augen zu und Monika, die Manische lacht glockenhell.
„Und die Beiträje von dir, dit hatte immer Haut und Haar und du hast dit hier immer so richtje aufjelockert mit diese lockere Art und die kesse Sprüche. Sollick jetzt hier mit die Frustköppe alleene sitzen und mir dit Jejammer anhörn? Dit kannste vajessen, Schwuchtel, abschminken, vastehste! Nichmitmir, nich MIT MMIIRR!“
Herr Dick nickt und schluckt. Dann fliegt der Stuhl durch den Raum, knallt an die Wand und stürzt auf Fettsack. Er jault auf. Esther, die klaustrophobische Fleischereifachverkäuferin aus Kladow, geistesgegenwärtig!, hechtet los, erwischt Roxana von hinten und bringt sie zu Fall.
„OOOOUUUUARRRRGGGGHHHH! Ick brech dir die Beene du schlabbrige Altweiberf-„

Als die Polizei und der Notarzt ankommen und ihn böse anschauen, merkt Herr Dick, dass er sich eine Zigarette angezündet hat. Er drückt sie auf einer Wick Hustenbonbonschachtel aus, wirft einen Blick auf die Entgleisung und fühlt sich stark und gesund. Nur noch zweimal, sagt er sich. Nur noch zweimal.

AND IT CAME UP, ON THE HORIZON oder MEISTENS IST ES GUT

Es ist dunkel draußen. Über der Straße, die wegen der riesigen Bäume auch im Sommer nie so richtig hell wird, kreisen Krähen. Das liest sich nicht nur gut, das ist auch so. Ich habe gerade mit einem Teil meiner Porno-Vergangenheit aufgeräumt, indem ich eine Serie Schwulenpornos, für die ich die Titel stiften durfte, im Sex-Shop abgeliefert habe. Statt 30 Euro durfte ich mir dann zwei neue DVDs mitnehmen. So kondensiert sich alles irgendwie gerade runter. Viel Schrott gegen etwas Qualität.
Ich trete meine Kippe aus, schau nochmal nach oben zu den Krähen und nehme den Lift in den sechsten Stock.
„Sehen Sie die Krähen? Ich habe eine Patientin mit einer Phobie vor Vögeln, das war hier die reinste Konfrontationstherapie für sie. Ich weiß auch nicht, warum die sich im Winter hier so zusammenrotten.“
Unsere Gesprächsstunde beginnt mit einer Diskussion von Hitchcocks „Die Vögel“, dann landen wir zwangsläufig bei Kate Bush – Birdsong als Musik.
„Ach – die Kate Bush. Ich wusste gar nicht, dass die noch singt. Ich habe auch eine Platte von ihr. Sogar auf CD.“
Irgendwann kommen wir zum eigentlichen Thema – meiner Woche. wie sie war. Gut, alles wird besser. Wir arbeiten heraus, woran das liegt, sie zeigt mir, dass ich tatsächlich neue Bewertungsmaßstäbe entwickle und mit alten Mustern breche. Ich denke und fühle um. Etwas beschäftigt mich jedoch schon die ganze Woche. Ich bin gespannt, wie sie reagiert.
„Frau H., ich bin mittlerweile so sozial unterwegs, und exponiert und ständig in Kommunikation, dass ich absolut keine Lust mehr auf die Gruppentherapie habe. Die Leute da – ich kann die Geschichten nicht mehr hören, ich werde nur noch aggressiv, wenn ich sehe, wie sehr die alle an ihrem Elend festklammern. Ich würde gerne mit der Gruppe aufhören.“
Sie lächelt, weil sie sich freut, dass die Gruppe mich WÜTEND macht. Nicht ÄNGSTLICH, nicht TRAURIG.
„Ich glaube, Sie haben sich bewiesen, dass Sie in einem sozialen Umfeld funktionieren können. Sie sind jetzt einen großen Schritt weiter.“
Jetzt lächeln wir beide.
„Was für ein Gefühl haben Sie, wenn Sie sich vorstellen, der Gruppe zu sagen, dass Sie aussteigen?“
„Kein Schlimmes. Wenn ich absage muss ich noch an drei Sitzungen teilnehmen, das nervt ein bisschen.“
„Wo man Sie sicherlich thematisieren wird. Und macht Ihnen das Sorgen?“
„Eigentlich nur, weil ich überlege wie ich sagen soll „Ihr kotzt mich an“ ohne jemanden zu verletzen.“
„Da werden Sie schon die richtigen Worte finden, Herr Dick.“
Und weil ich so in Stabillage bin, nähern wir uns den schwarzen Tagen Wochen Monaten des Zusammenbrechens in denen ich vor etwa einem Jahr steckte, der Frage, wer ich damals war und warum. Und es tut nicht weh. Die große Erleichterung, die ich seit einigen Wochen verspüre, zieht sich auch durch diese Analyse der Umstände. Auf einmal sehe ich ziemlich klar, welches die Faktoren waren, die mich fast zerquetscht haben und stelle fest – ich habe sie fast alle aus meinem Leben geräumt. Und nicht umgekehrt. Und freue mich über so manche Wut.
In unserer Entwicklung lernen und erleben wir zuerst die Angst, erst später die Wut. Und wenn ich vielleicht auch manchmal eine emotionale Überforderung für mich selbst bin, weil auf einmal alles im Fluss ist – lieber so, als das andere. Been there done that, next please, thanks.