Archiv der Kategorie: ASHBY HOUSE

STAR TREATMENT

Rückblickend festellend, dass das erste Mal seit ich an einem Buch arbeite, der Verlagt etwas TUT, jenseits von „Geben Sie uns das Manuskript, hier ist Ihr Geld.“ Alle anderen Veröffentlichungen, vielleicht mit Ausnahme des „Albums“ von Dee & Truck, kamen so unter „ferner liefen“ heraus. Es gab keine Marketingstrategie, man verließ sich entweder auf den Namen des Zugpferdes, für das ich dann auch noch die Pressearbeit koordinierte, oder auf die Kaufkraft des Schwulen Marktes. Ich kann insofern nicht klagen, als dass ich den sehr angenehmen Job eines Presse-Agenten im Vorbeigehen erlernte und die Position im Schatten von Prominenten, bzw so als Seitenglanz, durchaus genoss.

Erstmalig wird seitens des Verlages spürbar geplant, koordiniert, eine Strategie ersonnen. Ich merke, dass sie das Buch mögen und sich etwas davon versprechen. Der lange Vorlauf führte letztlich dazu, dass es jetzt in der Rubrik „Spitzentitel“ und eben nicht unter „ferner liefen“ erscheinen wird. Ich werde nicht in Frankfurt dabei sein, aber der Verlag wird. In Frankfurt werden die Weichen für Leipzig gestellt. Die machen das alles ganz ganz richtig. Schon jetzt ist da eine Maschinerie am Laufen, die mich verstehen lässt, warum ein Verlag so einen hohen Prozentsatz am Buch mitverdient. Wenn das so weitergeht, kann ich wirklich nicht klagen. (Und ich kann es immer noch nicht fassen, wie genial die Zusammenarbeit mit der Agentur ist, die für sehr wenig Geld mit mir am Ball bleibt. I feel protected and appreciated, and that feels so good.)

GLAM AM STOCK

Also geht´s jetzt los, mit einem Jahr Vorlauf. Das erste Gespräch mit der Lektorin erfreulich. Sie hat Anmerkungen, formuliert diese aber nicht als Kritikpunkte, sondern fragt eher an, ob die bestimmte Wirkung im Leser erwünscht ist, was ich meistens bejahen kann. Es ist ein Schauerroman, da muss man den Leser mitunter befremden. Und da es NEW Gothic ist, erlaube ich mir, dies auch mittels unerwarteter Elemente zu tun.
Beim Cover gehen die Meinungen auseinander – „ein Cover muss nicht unbedingt die Handlung illustrieren“, klar, es ist ein Marketing-Tool, aber es darf auch keine Schummelpackung sein. Ein paar minimale Änderungen könnten maximalen Effekt haben, sie spricht noch einmal mit der Grafik.

Als Autorenfoto hatte ich mein Lieblingsbild, ein Foto der Skulptur, die Katia Kelm von mir gemacht hat, angeboten. Ob es auch etwas weniger verspielt ginge. Geht auch.
„Ich hab da ein Lieblingsautorinnen-Foto. Von Ruth Rendell als Barbara Vine, das würde ich gern nachstellen.“
„Sowas machen Sie gerne, was?“
„Ja.“ Hommage Hommage! „Ist ein schwarzer Lack-Spazierstock zu verspielt?“

Das Vine-Motiv ist es dann doch nicht geworden, aber dies hier ist doch auch ganz schick:

VKLsw
Courtesy of the most wonderful Frank Burkhard.

GETTING INTO THE PICTURE

Irgendwann stellt man sich natürlich die Frage nach dem Cover. Als jemand, der englische und amerikanische Taschenbuchveröffentlichungen für ihre fantasievolle Covergestaltung schätzt und großen Wert auf Äußeres legt, bin ich etwas nervös, wenn es um die Gestaltung von Buchcovern in Deutschland geht, insbesondere, wenn es sich um meinen Roman handelt. Dem Verlag schwebt etwas mit „Gefühl und Spannung“ vor, und bei dieser Formulierung zieht sich etwas in mir zusammen, aber ich lasse mich gern positiv überraschen.

Nichtsdestotrotz – die Buch-Cover mit denen ich am zufriedensten war, waren immer auch die, wo ich die Sachen in die eigene Hand genommen, bzw. in talentierte Hände abgegeben habe. Also rief ich Frank Burkhard an, der mir schon bei zwei Veröffentlichungen die Cover-Fotos geliefert hatte.

Ein Portrait-Foto spielt in „Ashby House“ eine entscheidede Rolle. Um dem Verlag das Motiv schmackhaft zu machen und ihm den Erwerb des Original zu ersparen, stellten wir das Bild nach.

Es dauert mehr als drei Stunden, mich in diese Figur zu verwandeln. Den Großteil der Zeit verwendet meine Stylistin Betsy darauf, mir sorgsam die Augenbrauen abzukleben. Noch einmal mindestens soviel Zeit verbrachte Frank mit Photo-Shopping, ich würde in diesem Fall aber lieber von Retouche sprechen, das passt besser in die Ära. Und bei aller Orginaltreue – die Addition des Polarfuchskragens, den es auf der Vorlage gar nicht gegeben hatte, rundete das Portrait aufs Vortrefflichste ab.

Dass der Verlag das Motiv ablehnte, traf mich, aber nicht so hart, wie man es sich angesichts der Mühe und Sorgfalt und dem Einsatz freiwilligen, unbezahlten Talents vorstellen könnte. Ich bin zuversichtlich, dass das Bild in irgendeiner Form noch Verwendung finden wird. Und manchmal ist vielleicht wirklich der Weg das Ziel, denn, mit der Verwandlung des Autoren in eine Romanfigur, die auf einer historischen Person beruht, schloss sich ein ziemlich langer Kreis. Hm. Eigentlich muss man sich das eher wie eine eliptische Spirale vorstellen und manchmal befindet man sich auf einem Punkt dieser Spirale, schaut nach oben und unten, und sieht das gleiche Thema, das gleiche Ereignis, nur hat man es erfolgreich in eine andere Form gebracht.

A LOT TO BE LEARNED bzw SIMPLY LONELY

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– „There is a lot to be learned from beasts.“

– „It was that night that I discovered that most things you consider evil or wicked are simply lonely or lacking in social niceties.“

– „Sometimes being a bitch is everything all a woman has to hold hang on to.“

SIGNED AND DELIVERED oder VOM GHOSTWRITING ZUM GHOST WRITING

Im Oktober 2009 verbringe ich eine Woche auf dem Land, in der ich nichts zu tun habe, als das Elternhaus zu hüten und mit dem ADS-Hund meiner Schwester Gassi zu gehen. Ob die Zeit reicht, das Buch in Verlags-Akquise-Verfassung zu bringen? Ich fliege hindurch. Das Gefühl, dass der Roman, den ich vor fast 5 Jahren zum ersten Mal beendigt habe, nicht verjährt ist, dass er nicht nur den Ansprüchen meiner Agentin, sondern auch den eigenen genügt, überrascht mich. Es stellt sich heraus, dass „Ashby House“ gewissermaßen mein erstes erwachsenes Werk ist. Mein älteren Bücher, insbeondere die, die ich als Ghost schrieb, scheue ich mich ein bisschen, in die Hand zu nehmen. Aber vielleicht traut man sich rückblickend immer weniger zu und denkt, dass man aktuell immer besser, weiser und versierter ist, als man es vor ein paar Jahren war.

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse kann ich meiner Agentin die (vorläufige) Endfassung mailen. Und Svea macht sich auf den Weg und nimmt die Fährte auf. Ich hätte sie gerne dabei gesehen, ich kann mir nur vorstellen, wie sie ihren Job gemacht hat. Aber ich sehe sie sehr plastisch vor mir, in Gesprächen mit Lektoren und Ressortleiterinnen, Verlagschefs und anderen Agenten. Wenn man Svea einmal gesehen hat, dann vergisst man sie nicht wieder. Und das ist eine Stärke und Qualität, für die man als Autor seiner Agentin dankbar sein kann. Da steht nicht irgendein Zwischenhändler, sondern eine charismatische Persönlichkeit, die aus Begeisterung agiert. Eine Begeisterung, die nicht besonders gut bezahlt wird, es sei denn, das Buch wird irgendwann ein Bestseller oder verfilmt. Eine Persönlichkeit, die Monate lang an dem Projekt festhält, obwohl die Umsatzbeteiligung schlimmstenfalls einzig auf den Verlagsvorschuss fällig wird, der sich zur Zeit in überschaubaren Grenzen hält.

In Frankfurt kann sie Interesse wecken, aber das Buch ist noch nicht verkauft.

Im Februar 2010 bekomme ich einen Anruf von Airen. Der Copy-and-paste-Skandal bricht über ihn herein. Auf einmal übernehme ich für ihn eine Art Agenten-Tätigkeit, weil er nicht allein in Interviews oder Verhandlungs-Gespräche gehen mag, aus Angst, über den Tisch gezogen zu werden. Eines Tages bekommt er ein Angebot vom Blumenbar-Verlag. Dort begrüßt mich Henriette Gallus, die Presse-Chefin des Verlags mit den Worten „Ihr Buch hat mir sehr gefallen!“ Es stellt sich heraus, dass Henriette die Kollegin Svea Kutschkes in der Agentur Simon war, die nach der Lektüre mit einem satten Grinsen ins Büro kam und so grünes Licht für meinen Vertrag mit der Agentur gegeben hatte, und vor kurzem zur Blumenbar gewechselt ist. Ich erzähle ihr nicht, dass Blumenbar, damals noch in München ansässig, eine der ersten Adressen war, an die das Ashby-Manuskript gegangen ist. Hier geht es jetzt um Airen. „Ashby House“ ist in sicheren Händen. Und bei aller Wertschätzung für das Programm und die Verlags-Crew (Vertragsabschluss, Lektorat und Pressekamapagne für Airen kommen mir im Nachhinein vor wie ein Happening, an dem es ein großes Vergnügen war, beteiligt zu sein) – meine Agentin fand den perfekten Verleger für mich.

„Eine gute und eine schlechte Nachricht. dtv will das Buch. Aber sie haben ein paar Probleme.“
Zunächst vermute ich, der Arschfick auf Seite 34 muss raus, aber Svea spricht von einer maßgeblichen Änderung, die erwünscht wird.

Ich versuche, mich nicht zu martern, während ich auf den Anruf von dtv warte. Und noch etwas warte. Und noch etwas länger warte. Eine kleine Probe auf das, was kommen wird. Als der Anruf kommt, setzt große Erleichterung ein. Der Background einer zentralen Figur sei vielleicht für den deutschen Markt problematisch. Ich komme nicht umhin, ihr zu zu stimmen. Es ist vielleicht ein bisschen viel Glamour für den Normalgeschmack. (Nein, keine glitzernden Vampire.) Noch während des Telefonats fällt mir eine Lösung ein und eine weitere Überarbeitung beginnt.

Im Sommer 2010 ist Vertragsabschluss mit dtv. Zwischen „Ashby House“ und meinen vorhergehenden Veröffentlichungen liegen Welten, also beschließe ich, dem ein Zeichen zu setzen, indem ich meinen Autorennamen um ein Initial bereichere. Als Hommage an meinen Vater, dessen Namen ich viel lieber getragen hätte, aber bei meiner Namensgebung hatte sich meine Mutter durchgesetzt, sie wollte keinen Karl, den 4. Meine sehr bodenständigen Eltern haben meine seltsame Berufswahl, meine Karriere, deren Verlauf und Verfall und mein Ackern am Existenzminimum immer besorgt betrachtet, oft versucht, mich auf den rechten Weg zu bringen, aber auch immer an mich geglaubt, was das Schreiben angeht. Völlig ungeachtet dessen, was passieren wird, wenn das Buch erscheint – es endlich bei einem der besten deutschen Verlagshäuser unter Vertrag zu haben, ist für uns alle ein Meilenstein.

Dieses lange Warten auf die Veröffentlichung ist mehr als zwiespältig. Ich hätte Zeit, den Nachfolger zu schreiben. Aber ich versuche, am Ashby-Ball zu bleiben – das ist einer der Gründe, warum ich über die Entstehung schreibe. Ich will nicht mitten in einem neuen Stoff stecken, wenn das Buch erscheint. Oder doch? Dieser Prozess, von Abgabe bis Veröffentlichung, wird wohl im Sommer in die heiße Phase geraten. Lektorat, weitere Überarbeitung, Autorenfoto, Cover. Das Baby ist nicht mehr in den eigenen Händen und das macht mich ein bisschen nervös. Besser formuliert – es ist aufregend. Und ich bin ungeduldig. Aber alles in allem – es fühlt sich sehr sehr gut an. Dafür sorgen auch die etwas abseitigen Aktionen, die im Hintergund laufen, die von meiner Agentin Hanne Reinhardt, die Sveas Nachfolge angetreten hat, seit diese sich auf ihr eigenes Schreiben konzentriert, begeistert unterstützt werden. Ich hatte selten das Gefühl, dass so viele und so talentierte (und darüberhinaus hochgradig attraktive) Menschen mich bei dem unterstützen, was mir vorkommt, wie mein Romandebut. Ein Debut ist es nicht, nur stand auf diversen anderen Romanen nicht mein Name drauf.

Als ich, vor fast 6 Jahren, mit dem Bloggen anfing, war das eigentlich eine pure Trotzreaktion. Wenn keiner meinen Roman veröffentlichen will, dann schreibe ich jetzt eben für umsonst. Ein Umweg ist auch ein Weg. Halt länge als der direkte. Aber auf diesem sind mir wunderbare Menschen begegnet, unter anderem auch die Frau, der „Ashby House“ seine Veröffentlichung zu verdanken hat – Svea. Der Weg bis zur Veröffentlichung erscheint mir jetzt gerade auch noch sehr lang. Aber mit der Truppe, mit der ich ihn bestreite – Hanne, Frank, Betsy u.a. – , wird es ein vergnüglicher.

THE ROAD TO ASHBY HOUSE: AN AGENT CALLS

Ich hatte einen Anfang, das Ende, einen üppigen Fundus aus Hollywood-Mystery-History, zwei Lieder, wovon eines den Rahmen herstellte, das andere das Herzstück des Romans bildete und – und es fällt schwer, zu beurteilen, welche der Zutaten die wichtigste war – eine Heldin. Wie? Kein schwuler Roman? Nein, denn ich wollte einen Roman schreiben und keine Autobiographie.
Ein veröffentlichter Blogger-Kollege fragte mich einst bestürzt: „Wieso schreibst Du bloß einen Schauerroman, Glam? Warum nichts Richtiges?“
Meine Antwort war ein zitroniges Lächeln. Realität bilde ich im Blog ab, aber ich wollte ein Buch schreiben, das ich mir dann vielleicht eines Tages mal als Film anschauen würde können. Etwas Buntes, Fantastisches, keinen Berliner Januar, sondern etwas, das einen den Berliner Januar vergessen lässt. Ein bisschen Eskapismus, aber nicht ohne Substanz, also mehr (Coppola´s) Dracula und weniger Twilight. Vielleicht eine Art Dracula light, aber ohne Vampire. Mit einer rothaarigen Antiheldin, die man eigentlich nicht mögen darf, aber irgendwie kriegt sie einen trotzdem rum.
Und, um nicht als Closet-Homo rüber zu kommen: die erste Sex-Szene ist man-on-man-action, deshalb wollte ich auch nicht, dass meine Mutter das Manuskript auf ihrer Geburtstagsfeier ihren Freundinnen zeigt, Arschfick und Kaffee-Tafel, man muss das lernen, zu trennen. In gewissen Kreisen.

2005 also war die erste Fassung von „Ashby House“ fertig. Probeleser Strike, die amerikanische Nachbarin und Frank Burkhard hatten wichtige Kritikpunkte geliefert, die in der weiteren Bearbeitung Berücksichtigung fanden. Ich drückte ein Exposé meiner damaligen Agentur in die Hand ud bekam ein paar Monate später einen Zettel mit den Namen der Verlage, die das Buch abgelehnt hatten. „Ashby House“ legte sich in einer Schublade in einen Winterschlaf, der 5 Jahre dauern sollte. Wenn ich mich nicht irre, aber ich kann es nicht beschwören, stand auf der Liste auch der Name des Verlags, der sich ein paar Jahre und Überarbeitungen später für das Buch entschieden hat.

Im September 2009 bekam ich eine Email, von der jeder literarisch ambitionierte Blogger träumt. Svealena Kutschke, die damals in der Agentur Simon arbeitete, hatte sich ein paar Blogs angeschaut, festgelesen und eine namhafte Bloggerin und mich kontaktiert. Wir trafen uns in einem Café am Paul-Lincke-Ufer.
Ich war instantly begeistert von der Frau mit den Louise Brooks-Haaren, und dem quietschgelben Trench. Ketterauchend saßen wir in der Spätsommersonne und tranken Milchkaffee.
Ob ich mir denn vorstellen könne, ein Buch-Projekt zu realisieren.

Damals gab es in der Tat den Plan für ein Buch – eine Zusammenarbeit mit mehreren Bloggerinnen und Bloggern, eine Art prosaisches Großstadtgedicht, zusammengestellt aus den Blogs von der Spreepiratin, Bomec, Airen, Lucky Strike, Tod Spango, Frau Fragmente und Glamourdick. Ich hatte bereits ein copy-and-paste-Exposé gebastelt, in dem ich unsere Texte gegen und miteinander schaltete. Ich hatte große Freude daran, aber zwei Dinge sprachen damals gegen das Buch: die Veröffentlichung von Airens „Strobo“ stand kurz bevor, somit waren seine Texte bereits bei einem anderen Verlag, und dann war da der unglückliche Nimbus des Bloggers-an-sich. Blogger können keine Journalisten sein und Autoren schon gar nicht. Damals war ein Blogger NUR ein Blogger, egal wie gut oder schlecht, die Blogsphäre galt als ein Kosmos für Nerds, etwas Beachtenswertes würde dort nicht entstehen können.
„Und sonst so ? Haben Sie vielleicht schon etwas in der Schublade?“
„Tja. Da wäre mein Ausflug in die Welt des Neo-Gothic.“

Zwei Wochen später bekomme ich einen Anruf.
„Also ich finde „Ashby House“ fantastisch, aber ich musste noch die Meinung meiner Kollegin abwarten. Und die kam eben mit dem Manuskript und einem breiten Grinsen ins Zimmer.“

BUILDING ASHBY HOUSE

Die älteste Datei von „Ashby House“, die ich auf dem Mac habe, datiert vom 27. April 2005. Das heißt aber nicht, dass das der Tag war, wo ich mit dem Schreiben begonnen hatte, denn vor ein paar Monaten habe ich die Jahre 1999 bis 2004 ausgesiedelt, um mehr Speicherplatz für alle möglichen Glee-Soundtracks undsoweiter zu bekommen. Im April 2005, da bin ich mir ziemlich sicher, lag die erste Fassung bereits vor. Seinen Anfang genommen hatte das Buch geschätzte neun Monate zuvor. Der erste in einer langen Reihe von Mitbewohnern hatte seinen Hund und seine Styroporkostüme, Orangenkistenmöbel, von der Straße aufgelesenen fast-wie-neuen Teppiche, Second-Hand-Hemden und Eisennägel gepackt, und nach einem Exorzismus strich ich das nun fast leere Zimmer in den Disney-Farben Puder und Sternenstaub. Darin befanden sich eine lindgrüne ostdeutsche Kommode mit drei Schubladen, die – erstaunlich für ein DDR-Möbel – von prunkhaften Diamant-Imitationsknaufen aus reinstem Plastik geziert wurde, ein bequemes Bett und ein rosa gestreiftes Sofa, (bedeckt mit Decken voller Elefanten-Illustrationen), das die amerikanische Nachbarin einst von einer mittlerweile vestorbenen deutschen Serien-Schauspielerin erworben und mit mir gegen die Küchen-Korbstühle von Georgette Dee eingetauscht hatte. Auf diesem Sofa schrieb ich eines Tages einen kurzen Text, der mit den Worten begann „Im Turmzimmer waren schon immer Menschen verschwunden.“ Der Satz kam von selbst, die folgenden Seiten ebenfalls. Automatic writing.
„Und wie geht´s Dir so – allein in der Wohnung?“ fragte mich der kürzlich Ausgezogene.
„Du, gut. Ich hab mit einem Text angefangen, und ich glaube, da wird mehr draus.“
„Ein Roman?“
„Ein Schauerroman.“
„Und worum geht´s?“
„Um ein Zimmer, in dem Menschen verschwinden.“

Das war erst einmal noch nicht viel. Aber das Turmzimmer ließ mich nicht los und so baute ich ein Haus drum herum und bevölkerte es mit Figuren, in die ich alle etwas verknallt war. Mit Versatzstücken aus Filmen, Romanen, Liedern, bei denen es mir ähnlich ging – lange vor der Copy-&-Paste-Debatte, als ein Zitat noch ein Zitat und eine Referenz eine Referenz war, als es noch etwas gab, das man als künstlerische Befruchtung ansah und nicht als Diebstahl. „Ashby House“ hat eine außerordentlich lange Danksagung, in der alle Referenzen, derer ich mir bewusst bin, Erwähnung finden. Eigentlich schade, denn es beraubt den Leser um den detektivischen Aspekt, aber seit Hegemann/Airen wohl leider nicht mehr anders machbar.

Ich schrieb, wie eigentlich bei fast jedem Buch-Projekt, zunächst neun Monate. Es hätte vielleicht bei diesem Buch länger gedauert, wenn ich nicht in Herrn Strike einen ungeduldigen Erstleser gehabt hätte, der ein Kapitel gemailt bekam, sobald es fertiggestellt war. Ich begriff auf diesem (Arbeits-)Weg, wie spannungsförderlich es für den Roman es ist, in der „Serial“-Form verfasst zu werden, wie sie üblich war, als Romane zunächst Kapitel für Kapitel in Zeitschriften im Wochen- oder Monatsrhythmus veröffentlicht wurden. Die eingebauten Cliffhanger am Ende eines Kapitels machten sowohl mir, als auch Herrn Strike Vergnügen. Ich kannte das Ende, ich hatte einen Einstieg und obwohl im Vorfeld einiges geplottet war, überraschte ich mich mitunter selbst mit, bzw vor Wendungen, die die Geschichte nahm, weil der Cliffhanger des vorhergehenden Kapitels mir mitunter Erstaunliches abverlangte, aber um´s Erstaunen geht es ja in einem Schauerroman. Insofern hat mir kein literarisches Projekt mehr Vergnügen bereitet als die Arbeit an „Ashby House“. Das Haus und die Bewohner und Besucher hielten viele Überraschungen für mich bereit. Bei all dem Vergnügen möchte ich dennoch darauf hinweise, dass es sich um Arbeit handelt, einen Roman zu verfassen. Man schöpft und ist erschöpft.

Einen Erstleser regelmäßig zu beliefern hat auch zur Folge, dass man unter dem Zwang steht, das Buch fertig zu stellen. So ist, was die Entstehungsgeschichte von „Ashby House“ angeht, Herr Strike der Erste, dem ich zu danken habe.

(Dieser Text und die neue Rubrik „Ashby House“ ist so eine Art Probe-Forum für die im Verlauf des Jahres zu bastelnde Website zum Buch. Falls Sie das Buch ab Februar 2012 dann gerne mal lesen möchten, werde ich mich zurückhalten, was den Inhalt angeht, aber die Entstehungsgeschichte ist interessant genug, insbesondere für schreibende Menschen, wie der Großteil von Ihnen es ja ist.)