In der Therapiesitzung merke ich, dass die Stimmung immer nach oben geht, wenn wir übers Schreiben reden. Ich würde ihr gern erzählen, welche Figuren in der Fortsetzung gerade was machen, aber sie ist noch nicht durch mit Teil 1 und ich will ihr das Finale nicht vorwegnehmen. Nach dem disziplinierten Winterschreiben, wo ich fast die ganze Zeit fünf Tage in der Woche am Text saß, bin ich jetzt in einer Phase, wo das Schreiben Luxuszeit ist. Das Finale entwickelt sich noch in mir, jeder Schritt dahin ist sehr vorsichtig platziert.
Die Stimmung ist komplett anders als in „Ashby House“, was an der Grundsituation der Protagonisten liegt, aber auch daran, dass es einen leichten Genre-Wechsel gibt. Es ist kein Kammer-Stück mehr. Die Slashers sind jetzt draußen in der Welt. Und fühlen sich dort quicklebendig, abgesehen von einigen Petitessen und Malaisen, aber das wird schon.
Archiv des Autors: glamourdick
FUCKED
„Guten Tag, ich würde gern einen Termin bei Dr. F. machen.“
„Das geht leider nicht, Dr. F. ist erst wieder ab 21. Mai wieder da. Der früheste Termin wäre der 5. Juni.“
„Dann bei Dr. M.?“
„Die vergibt keine Termine, da kommen Sie einfach so vorbei und bringen Wartezeit mit.“
„Das ist einer der Gründe, warum ich einen Arzt brauche – ich kann es in Wartezimmern nicht aushalten.“
GLAM, BIBLISCH
Recherchen führten mich an unsere kulturelle Wurzel. Wie immer, wenn das passiert – sehr sehr selten – frage ich mich, ob außer mir noch niemandem aufgefallen ist, dass Altes und Neues Testament irgendwie keineswegs zusammenpassen. Die haben in der Fortsetzung wirklich nur die eine Storyline übernommen. Der Erlöser wird kommen. Und in Teil 2 ist er da. Der hätte es soviel einfacher gehabt, wenn er ein bisschen Brimborium-Treatment á la Altes Testament bekommen hätte. Sechsflügelige Seraphim um ihn herum, die nonstop „Hallelujah“ singen. Dennoch. Das Erscheinen, Verschwinden und Wiederkehren-Muster hat sich kulturell tief eingeprägt, ich weiß das, weil ich auch gerade ein Sequel verfasse, das ähnlich operiert.
Wo ich schon bei den Seraphim war, wollte ich auch wissen, was es mit den Cherubim auf sich hat. Und was sucht eigentlich die Putte in der Kunst? Wo flog sie her, was macht sie da überall und was will sie uns sagen? Nachdem ich diese Fragen beantwortet fand, konnte ich meine Recherchen für den Tag abschließen und fand mich am Abend einer Echtleben-Putte gegenüber. Im Kreise von Kitty Koma, Strike, dem J. und Mlle Modeste konnte ich einmal mehr das Kind F. bestaunen, das eine enorme Zufriedenheit und Zuversicht ausstrahlt und mit dieser Ausstrahlung auf seine Umgebung abfärbt. Baby gucken ist das neue „Dancing Queen“ singen.
ANLASS: RIGOROS IM METROPOL
SHAKING IT OUT
Es lässt sich einfach schwer vermitteln, wie sehr die Lebensqualität sich einschränkt, wenn man fast ständig mit Angst vor sich selbst für sich selbst um sich selbst durch´s Leben geht. Sich noch so oft rational klarmacht, dass da nichts ist, wovor man sich fürchten muss außer dem Trivialscheiß, der uns allen passieren kann. Und doch erwischt es mich immer wieder, und ich will es nicht, ich brauch es nicht, es raubt mir die Freude und auch die Geduld, den Glauben an die Therapie. Ich weiß wo´s herkommt, aber das macht es nicht ungeschehen. Ich mach diese blöden Bewertungsspiele, sobald Symptome auftreten – auf einer Skala von 1 bis 10 hat die Attacke heute volle Punktzahl – Herzlichen Glückwunsch! Die ständige Sorge, dass es wieder passieren kann. Permanente Verunsicherung. Adjektive, die man sich mal so richtig vor Augen führen muss. Ständig. Permanent. Verlässlich wie Spam. You get the idea? I so fucking hate it.
GLOOMY SUNDAY
Um raus zu kommen einmal über den Maybach-Flohmarkt. Das Flohmarkt-Erlebnis an sich ist das gleiche wie immer, mit dem Unterschied, dass ich nichts von dem will, was dort angeboten wird. Menschen, die zu langsam gehen, unvermittelt stehen bleiben, ihre Kleinhunde und Kleinkinder den Tritten der Flaneure aussetzen. Tatsächlich bekommen ich von einem Säugling im Vorübergehen eine Ohrfeige, was zur Folge hat, dass ich nachts träume, schwanger zu sein, was mich im Traum nervt, weil ich dann ja mit dem Rauchen aufhören müsste. Ein Mädchen verhakt sich mit seiner Handtasche in meinem Kopfhörer-Kabel und nicht einmal für´s „Sorry“ reicht der Anstand. Irgendwann bleibe ich in der Menschentraube stecken und muss mich freischubsen. Ich mache die Musik lauter und gehe wieder nach Hause. Sechs Folgen „Skins“, Staffel 5, bezeugen weiterhin, wie Scheiße die Welt ist und wie machtlos wir sind. Es ins Erwachsenenalter geschafft zu haben bedeutet nicht, dass das Getrampele auf einem herum ausbleibt. Nur die Trampler wechseln. Und man kann nicht mal mehr unbefangen Drogen nehmen, und befangen Drogen nehmen führt dazu, dass man es gar nicht mehr tut, man weiß es schließlich besser. Trotzdem bleibt der ganze Tag wie ein Runterkommen und Wegglitschen.
5.5.12
Dass ich nicht ein halbes Vater-Gen besitze merke ich, als ich dem ca Zweijährigen dabei zuschaue, wie er das Eis (also gefrorenes Wasser, kein Speiseeis), das gerade auf den Boden gefallen ist, aufhebt und – selbstverständlich – in den Mund nimmt. Der Boden ist nicht schmutzig, aber das Café sehr bevölkert. Strike und ich wissen es seit unserer konzipierten und noch nicht realisierten Koch-Show, Arbeitstitel „Dreck reinigt den Magen“: Dreck reinigt den Magen. Also greife ich nicht ein, sondern schaue weiterhin amüsiert zu, wie der Kleine immer zielstrebig den größten Brocken aufklaubt und isst.
Drei Bloggerinnen und ich sitzen auf dem Ecksofa und die Ladies verarbeiten die Eindrücke der Republica, die einmal mehr spurlos an mir vorübergegangen ist. Ich habe das Uni-Feeling noch nie vermisst. Außerdem bin ich ein schlechter Zuhörer, außer bei Gesprächen und Musik. Frau Fragmente fragt mit wie immer wissenschaftlich präzisem Interesse, wie es mir denn eigentlich wirklich geht und möchte einen Bericht. Ich finde ja, dass das eine Frage ist, die man Emo-Bloggern nicht stellen braucht, denn es steht doch so gut wie alles hier. Der Rest zwischen den Zeilen. Connect the dots. Auf einer Geburtstagsparty, denn wir befinden uns auf der Party des geschätzten Bomec, möchte ich nicht auf meinen gegenwärtigen Frustrationen herumreiten, sondern mich einfach stattdessen amüsieren und schon am Nachmittag Wein trinken.
Sydney hat von einer Folge auf die nächste die Haare ab, und das, wo ihr die Sprührfrisuren im Sixties-Style so ausgezeichnet standen. Ich bin ein bisschen schockiert. Ich spule zurück, halte ein paar Großaufnahmen fest und freue mich, dass ich mich über den Anblick eines Menschen so freuen kann.
In der vorletzten Nacht bin ich schlafgewandelt und habe Zahnpasta an die Wand über der Badewanne gekleckst. Das hört sich vielleicht lustig an, aber ist für jemanden mit Kontrollverlust-Besorgnis besorgniserregend. Eine gelungene Panikattacke – also ein Ablauf, der nicht aufzuhalten ist, bei dem mindestens fünf Angst-Symptome gleichzeitig auftreten (Schwitzen, Zittern, Herzrasen, Atemnot, weiche Knie, Übelkeit usw), bildet einen Zeitraum, in dem man keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper hat – ein gruseliges Erlebnis. Mein abgespaltetes Schlaf-Selbst, das nachts durch die Wohnung läuft und mit Zahnpasta kleckst oder „Boycott God“ mit Kajal an die Wohnungstür schreibt – gruselig. Aber alles ich.
IT´S HARD TO DANCE WITH THE DEVIL ON YOUR BACK
Ein klein wenig Petra und dann eine full-blown Monika.
„Man nich so aufgeregt!“ Ist da eine typische Berliner Reaktion, für die ich die Kassiererin eigentlich schätzen müsste, aber im Moment der Panik wenig hilfreich. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal so ein Zittern erlebt haben, das auf den ganzen Körper übergreift, das nicht zu stoppen ist, so dass Sie das Wechselgeld nicht ins Portemonnaie bekommen und der Blick in den Augen der Kassiererin und der Menschen in der Schlange „Was ist denn mit dem?!“ Das ist wie Tourette mit dem Körper. Es lässt sich nicht abschalten. „Komm, rauch eine“, sagt Herr Strike und meint es gut, aber ich kann keine Zigarette in der Hand halten. Shake it out shake it out. Auch eine halbe Stunde später, wo die Scham erst so richtig reinknallt, die Peinlichkeit, so gesehen worden zu sein, merke ich, dass die Attacke noch nicht vorbei ist, sondern lediglich abebbt. Nach wievielen Jahren Therapie? Mir fällt eine Frau aus der Reha ein, die in solchen Situationen in Ohnmacht fiel und ich beneide sie, weil sie dann ja wenigstens nicht mitbekommt, was ihr Körper mit ihr macht.
Bei aller rationalen Analyse, dem Willen und dem Weg, diese Symptome los zu werden – it didn´t work out. Mein „Psycho“-T-Shirt trage ich ohne Ironie. Das ist ein Beipackzettel. Aber ich will nicht als Psycho durch die Welt gehen, sondern unbefangen. Das ist eine Krankheit und ich will endlich ein Medikament dagegen. Mit dem Gequatsche bin ich durch.
Derweil schreibe ich meinen Figuren die größtmöglichen Angst-Szenarien, um sie sofort wieder mit Humor und Emotion zu brechen. Das ist schizoid. Aber ich fühl mich im Märchenwald mit seinen erkennbaren Gefahren gerade sehr viel wohler, als in der normalen Welt, die auf irgendetwas in mir viel viel bedrohlicher wirkt.
4616, NIJINSKY FORREST oder CLOWN GOTTES C/O
Tapping into an emotion again, die nichts mit mir zu tun hat. Oder alles. Und die sich auf einmal auch gar nicht mehr gut anfühlt. Wo das Leichte auf einmal vom Schweren abgelöst wird und zunächst Zweifel, dann jede Menge Selbstzweifel aufkommt. Ich kann mich erinnern, dass es beim letzten Mal zumindest ein paar Wochen schön war, einfach nur. Hier ist kaum die Tür aufgemacht, dass ich die Reißleine ziehe. Das Gute: not in too deep, just yet. Wie ein method actor kann ich das letztlich alles benutzen. (Dass auch bei einem method actor dann die Emotion im Moment des Verwertens wieder hochkommt, ist der Preis für die Wahrhaftigkeit.)
Im Traum hat dann immerhin Sydney angerufen und sich beschwert, dass das Buch noch nicht da sei.
„What would it take, what would it take, to wipe that smile off of your face?“ hat Lloyd Cole völlig gerechtfertigt gefragt.
et pourtant je vais monter sur scene
Menschenleere Straßen kennt man ja, aber eine autoleere L-Straße hatte ich in den ca 15 Jahren, die ich hier wohne, noch nicht erlebt. So sieht das in etwa aus:

Nach Brötchen und Cola-holen einen wunderbar nostalgischen Nachmittag auf dem Balkon verbracht und in der besten aller Nijinsky-Biographien gelesen. Seit der Märchenwaldszene in ODP ging mir der Faun nicht mehr aus dem Kopf (und fand den Weg an meine Arbeitswand – er sitzt mir auf Augenhöhe gegenüber und ist irgendwie dabei, sowas von. In einem Buch, in dem es letztlich um Musen geht – das haben Sie bis Oktober 13 bitte wieder vergessen – ist er die Muse aller Musen. Er macht einen tollen Job, und ich warte sein Kommando ab, bevor ich mich ans Finale schreiben mache. Er muss einfach nur die Augen aufmachen, dann weiß ich, dass es soweit ist.) Neben Marilyn und Kate war Nijinsky der mein Teenage prägendste Charakter. Unbewusst habe ich viel von ihm in Mr Steerpike einfließen lassen. Und so ein Nachmittag mit Faun ist ja fast so schön wie ein rosa glitzerndes Pony mit frisierbaren Haaren zu treffen. Das passiert einem eben so selten, wie einen Charakter aus einem Buch zu treffen, das man gerade veröffentlicht hat, aber genau dies war es, was dann noch geschah. Es war mir jedenfalls nicht klar, dass Steerpike einen kleinen Bruder hat, der in Berlin lebt und den ich demnächst wohl etwas besser kennenlernen werde.
Dann las ich von der großartigen Pavlova und ihrem New Yorker Gastspiel im Jahr 1917. In einer grandezzomatischen Revue, neben 400 Minstrel-Sängern und einem Eisballett gab sie das „Dornröschen“. Im Lauf der Spielzeit reduzierte sich das Ballett dann auf 18 Minuten runter und ihr schlichtes, klassisches Bakst-Kostüm war bei der letzten Vorstellung dann ein Glitzerfunken-dass-es-Dir-die-Augen-wegsprengt-Bob-Mackie-bevor-es-ihn-gab-Schmackes-Fetzchen, damit es mit den anderen Acts mithalten konnte. Ich sah sie vor mir, greinend, ihre Kostümbildnerin auffordern „Märr Strass, Olga! Es mjuss strallen wie Sonne über Wolga an Tag onne Wolke am Himmäl!“
Und, als ob das nicht alles schon schillernd und schön genug gewesen wäre, dann noch dies:
Das ist für mich mehr als eine Preisverleihung. Das ist ein – wenn-Kate-auf-diese-Bühne-gehen-kann-ganz-nervös-und-dann-so-wunderbar-dabei-ist, dann what the fuck, muss es doch möglich sein, der Monika und Petra und-ich-weiß-nicht-wie-die-von-Kate-heißt, Hildegarde vielleicht, öfter mal in den Arsch zu treten.
Also war das ein Tag, der 1. Mai 2012, an dessen Ende ich gesagt habe, „Lieber Gott, thank you for having me. Und Danke, dass ich in diesem Alter noch first-times erlebe!“