Archiv des Autors: glamourdick

30.5.12

Karstadt (Make-up), Schöner Laden (Lichterkette), Bioladen (Veggie-Zeugs), Klamottenladen auf der O-Straße (Hemd). Ich dachte, ich geb´s mir mal. Aber ich musste auch nirgends anstehen, es waren also erleichterte Umstände. Heute Klamottenladen auf der O-Straße (Hemd umtauschen.)

Zwei Schreibsitzungen. Es stellt sich heraus, dass das Finale selber besser weiß wohin, als ich. Neo-Barock. Ich habe dann gestern auch erst mal aufgehört, nicht, weil mir nichts mehr einfiel, sondern weil es schon jetzt so fett ist, dass ich eine Dosis Melrose brauchte. Heute schreibe ich den Disney-Hexen-Moment. Dann fehlt nur noch das Outro – Epilog steht quasi schon.

TRY SHAKING IN MY SHOES

Gestern dann also die Überwindungsaufgabe, die mir das Leben etwas einfacher machen soll. Ich geh auf den Laden zu und biege kurz davor wieder links ab. Ich habe zwanzig Tropfen Medikament in mir – fünfzehn hatten mir nicht die Anspannung/ Nervorsität/ Petra genommen. Fünf drauf, merke ich, machen wirkungstechnisch auch nicht mehr aus, was die Nebenwirkungen angeht schon. (Ich habe den ganzen Nachmittag geschlafen. So eine Dosierung bremst die Panik auf einer Skala von 1-10 auf 3 runter, aber leider macht sie mich gleichzeitig arbeitsunfähig). Ich hol das Telefon raus und rufe Strike an.
„Marschieren, stramm laufen, zwanzig Minuten, und dann nochmal versuchen.“
Das bedeutet aber auch zwanzig Minuten weiteren quälerischen Sinnierens und Selbstverfluchens. Aber der Rat hilft, selbst, ihn nicht anzunehmen, bzw das Problem doch anders zu lösen, ist dem Vorschlag Herrn Strikes zu verdanken.
Ich gehe in den Laden, außer mir keine Kundschaft, begrüße die freundliche Verkäuferin.
„Du – hast Du mal ne Minute, ich hab zwei Anliegen. Ein echt doofes und ein ganz triviales.“
„Oh. Na dann erzähl mal.“
„Ich hab eine Panikstörung. Ich bekommen in den ungünstigsten und dümmsten Zusammenhängen Panikattacken. Gerne in Läden. Deshalb sag ich´s Dir. Wenn ich zittere oder aussehe, als ob ich gleich in Ohnmacht falle, dann ist das eine Attacke. Kannst Du einfach ignorieren.“
„Klar, kenn ich. Ich hatte mal nen Freund, dem ging das genau so. Mit dem musste ich richtig lernen, wieder raus zu gehen – Essen, einkaufen. Hast Du das schon länger?“
„Ja. Aber so schlimm wie jetzt war es noch nie. Das ist mein erster Einkauf seit Wochen, den ich allein mache.“
„Kein Problem. Und das andere Anliegen?“
„Ich bräuchte für Freitag fünf Kisten von dem spanischen Chardonnay und vier mal Eis. Aber klötzig. Nicht crushed.“
„Machen wir. Kannst Du Dir Freitag abholen!“

Auf dem Weg nach Hause kurze Heulanwandlung aufgrund einer Mischung aus Erleichterung und frisch erlittener Selbstdemütigung. Schwer zu beschreiben, wie auch die Symptome selbst. Man kann versuchen, sie in Worte zu kleiden, aber doch reicht es nicht aus, dieses permanent vorhandene Gefühl von Ausgeliefert-sein, von ständig-weiche-Knie jemandem klar zu machen, der es selbst noch nicht erlebt hat. Nicht dass ich es jemandem wünsche. Doch, vielleicht dem Wichser, dem ich das zu verdanken habe, aber den hat das Leben selbst schon bestraft. Heute alles soweit prima. Habe außer Miete überweisen (done) und Schreiben (next) nichts zu tun. Am Nachmittag vielleicht ein Parkspaziergang und eventuell Abstecher zu Karstadt, Make-up kaufen. Sable-Zeit ist vorbei, Beige Doré for the month of June.

I WAS NOT BORN THIS WAY

Ausgezeichneterweise ausgerechnet die beiden nicht defekten Boote aus der Flotte gegriffen und mit Strike auf den See. Zuvor hatte ich die nicht besonders aufwändige Aktion, meinen Wagen umzuparken zu erledigen. Was wieder dazu führte, dass in mir die Panik stieg, beim Gedanken, zu Fuß durch Menschenansammlungen zu gehen.
„Weißt Du, wenn ich mich an die Zeit vor sieben Jahren erinnere, das war alles Pippifax mit der Angst im Vergleich zu heute. Heute erscheint mir die Reha als Quatsch, die Therapie als gescheitert und die Medikamente wirken nicht. Aber weißt Du was? Ich geh trotzdem raus. Das ist doch ein Fortschritt.“
Ich werde mir ein den nächsten Tagen meine Stammläden heraussuchen und einweihen. „Ich leide unter einer Panikstörung. Schlangen, Supermärkte lösen eine irrationale Angst in mir aus. Es kann also sein dass ich zittere. Dann lege ich Ihnen das Portemonnaie hin und Sie nehmen sich raus, was ich zahlen muss.“

Der See war dann, als seien wir nie weg gewesen. Das Paddeln nicht einmal anstrengend. Das Wasser noch ziemlich erfrischend und eine neue Generation Schwan präsentierte sich, wie gewohnt. Kann es sein, dass Prenzlberger Hormonmütter irgendwas mit dem Wasser getan haben? Es waren schrecklich viele Schwanenbabies.

Zurück an Land schleppe ich das Boot über die Liegeweise und es tut nichts mit mir. Keine Angst, alles super, vieleicht sollte ich einfach Wein trinken und auf Waldseen schaukeln, statt Psychopharmaka zu nehmen, die doch nicht wirken. (Ich nehm sie mittlerweile nur noch vor den klassischen Angst-Szenarien.)

Dann sinniere ich gerade wieder über die Emotion Wut, in der ich mich aufgrund der Situation Angst häufig wiederfinde. Letzte Nacht dann wieder ein Familientraum in dem nur so die Fetzen flogen. Das Kind, das damals Ruhe geben musste, seine Geheimnisse wahren und sich verstecken, das ist enorm sauer und lässt jetzt die Sau raus. Bekräftigt wird diese Wut, weil das Trauma, das zu dieser Angst-Störung führte, wirklich dealbar gewesen wäre. Aber es war eine andere Zeit und es wurde zur rechten Zeit versäumt. And now I´ve got to deal with that. And I really really do. Auch wenn das beinhaltet einmal „Fuck you!“ in die Runde zu rufen, was ich hiermit tue.

Großartige Schreierei-Szene auch gerade im Buch. Filmisch ein echter Comedy/Horror-Klopper, aber warum schreibe ich auch Sachen, die große CGI benötigten, die in Deutschland gar nicht machbar ist? Because I refuse to think small. And because I write my heart out. Das wird natürlich wieder alles ein bisschen zuviel sein für die Lesemädchen, die immer nur eine Klangfarbe aushalten und dann verstandstechnisch einfrieren, wenn man eine neue Ingredienz hinzufügt. Heute erlöse ich meine Helden aus ihrer Notlage und dann geht es richtig drunter und drüber.

dämonencontroller

Dieses Gefühl leicht sedierter Unruhe beim Autofahren, dann, beim Durchqueren von Menschentrauben in Mitte die Attacke, die ansetzt; der Versuch, sie niederzukämpfen scheitert, das merke ich, als ich versuche, eine Zigarette zu drehen, während ich mich viel zu nah dran an anderen Menschen an die Straße setze. Also rauche ich eine Lucky und versuche, das Zittern in den Griff zu bekommen, was auch irgendwie nicht gelingt. Dann kommt die G. und ich erläutere meinen Zustand, sie hat mich so noch nie gesehen. Wir laden weitere Picknickutensilien ins Auto und fahren durch die Freitags rush-hour.
An dieser Ecke der Havel war ich bestimmt zehn Jahre nicht, aber ich finde die richtige Seitenstraße von der Heerstraße und dann ist auch schon Wald. So ein Wald, wie er auch schon vor hundert Jahren war, Natur quasi westmittig entlang der Hauptstadt, der Grund, warum es sich hier aushalten lässt. Wir laufen durch Sonne und den Schatten der Bäume, der Fluss ist shiny und sparkly und dann finden wir eine kleine Bucht und einen Platz am Wasser. Die G. betrachtet die Welt immer in großen Zusammenhängen. Sie meint, wo viel Gutes passiert, da steht der Teufel daneben und will sich einmischen. Sie hält auch nicht viel von Horror-Romanen. Als ich ihr die Handlung erzähle, kommt mir alles sehr Freudianisch vor. Da ist diese Gruppe von Menschen, die muss Dämonen wieder dahin bringen wo sie herkommen und dann den Tatort reinigen. Sounds familiar? Und, ja, die existieren nicht nur in den Stunden, in denen ich schreibe, sondern im Zeitraum bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe, über den Schreibprozess hinaus in der Vorstellung, manchmal träume ich von ihnen, was mich meist freut, weil sie mir so vertrauter werden, dann bis das Buch redigiert lektoriert und veröffentlicht ist, als Erinnerung.

Wie, um zu zeigen, wie schön und harmlos diese Welt ist, tapert eine Gruppe Baby-Enten auf uns zu und belagert uns. Flaumig befederte Leichtgewichte huschen über meine Beine auf die Picknickdecke und schauen, ob noch etwas für sie da ist, aber wir haben alles aufgegessen. Wir beobachten Angstlosigkeit pur. Die Enteneltern stehen etwas alarmiert abseits, der Vater ziemlich aufgeplustert.

Den Sundowner nehmen wir auf der „Alten Liebe“, auch so eine WestBerlin-Institution. Ich schaue hinab auf schwarzes Wasser, das exakt aussieht wie in Katias Glam-Skultptur. Die G. trinkt Riesling, ich ein Radler, es gibt Spargel. Dann ist die Sonne hinterm Wald versunken und binnen zwanzig Minuten sind wir zurück im Herz der Hauptstadt mit seiner verkalkten Arterie, der Friedrichstraße, wo sich auch nach Sonnenuntergang die Autos stauen. Es liegt wirklich alles sehr nah beieinander.

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HOLIDAY

Erster von 10 Urlaubstagen und auch so richtig Urlaub, mit ausschlafen und schreibfrei (morgen geht´s weiter) und jetzt gerade Veggie-Klöpschen mit Zwiebel und Äpfeln angebraten, leider kein Joghurt mehr für Minz-Dip im Haus. Egal. Flasche Wein kalt, Picknick-Körbchen gepackt und gleich mit Lieblingsdänin raus an die Havel.

Ab morgen wieder schreiben. Aber, falls mich jemand in den Urlaubstagen treffen möchte – ab ca 15/ 16h stünde ich zur Verfügung. See you!

BRIAN McGREEVY: „HEMLOCK GROVE“

„The lone wolf howls to rejoin the pack from which he is separated. But why does the pack howl when no wolf is lost?
Isn´t it obvious?
Because there is no other way to say it.“

(Aus der Reihe Erste Absätze, die sich gewaschen haben. Wow. Bzw. Whohooooooo!!!

ALL RIGHT? OKAY? YOU WIN?

Es ist ein wenig zermürbend, sich nicht einer so simplen Aufgabe stellen zu können, wie in den Supermarkt zu gehen, insbesondere wenn der Kühlschrank leer ist. Es ist keine diffuse Angst, sondern eine ganz konkrete und leider, erfahrungsgemäß, berechtigte – die vor der Panikattacke in der Öffentlichkeit. Das Medikament zeigt keine Wirkung, auch höher dosiert nicht.

Ich mache mir Gedanken über die evolutionäre Funktionalität einer Attacke. Was bezweckt sie? Sie ist doch irgendwie die unterste Schublade aller Angstsymptome. Schwitzen soll uns im Kampf mit dem Gegner schlüpfrig machen. Erhöhtes Adrenalin in Flucht-Energie bringen. Aber die Attacke, veredelt mit heftigem Zittern und weichen Knien, mitunter Übelkeit, immer Herzrasen lähmt den Körper, es ist ein Overkiller, der zum Shutdown führt. Nächste Station Ohnmacht. Soll die Attacke, die ja sehr sichtbar ist für´s Gegenüber, einfach nur sagen „Ich habe Angst vor Dir, weil Du mächtiger und stärker bist“? „Von mir geht keine Gefahr aus, schau nur, wie ich zittere?“ That´s so fucking low. I don´t want to be that.