Archiv des Autors: glamourdick

FREMDE DILEMMAS*

Gegen halb 2 letzte Nacht ein unsittlicher Antrag von jemandem mit dem ich eine lange sexual history habe. Mittlerweile liiert, eheähnlich und ich hab´s ihm nie geneidet. Die kurze Zeitspanne, in der etwas aus uns hätte werden können verstrich ungenützt, und besser so, denn wir brannten brannten brannten wie die fabulous roman candles von Kerouac. Zuviel davon wäre nicht gut gewesen. Über die Jahre immer wieder begegnet, nur für Sex, aber mit zusammen aufwachen. Gestern Nacht dann also wieder eine Message, eine Stunde später gefolgt mit „vielleicht doch keine gute Idee“. Das ist, was ich an ihm so mag – irgendwo ist er doch ein sehr moralischer Mensch. Wobei ich finde, dass ein bisschen fremdficken ja keine Bedrohung für eine Beziehung darstellen muss. Man muss es handeln können. (Und, wie die Roman Candles – bei feierlichen Anlässen. Nicht zur Gewohnheit werden lassen.)

* Dilemmen? Dilemmata?

LOOK FORWARD IN ANGER oder KONTAKTAUFNAHME MIT DEM INNEREN BERSERKER

Erst lernen wir die Angst, dann die Wut. Und wenn Dich die Angst hat, dann wirst Du bestenfalls irgendwann sehr sehr wütend. Wenn Dich die Angst hat, dann ist es schwer, sie zu banalisieren. Sie lässt sich nicht einfach wegreden. In ihrer Nutzlosigkeit ist sie Dein Gegner. Und gegen Gegner setzt man sich zur Wehr. Liebe Nachbarschaft, gewöhnen Sie sich an den Anblick des nicht mehr ganz so jungen Mannes, der mal zwischenzeitlich, in nicht kalkulierbaren Intervallen die Hände zur Faust ballt, alles Muskeln anspannt und dem in diesen Momenten „FUCK OFF FUCK OFF, FUCK YOU DON´T YOU MESS WITH GLAM!“ auf der Stirn geschrieben steht. Denn nur so lässt es sich aushalten die Angst ist unaushaltbar, untolerierbar, sie hat hier nichts verloren, und wenn sie sich wieder einschleicht, und, machen wir uns nichts vor, sie wird, weil sie den Weg kennt und sie sonst keine Hobbies hat, DANN KRIEGT SIE AUF DIE FRESSE. (Es ist schade, dass lautes Brüllen gesellschaftlich geachtet wird, weil es enorm hilfreich wäre, dies bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu tun. )

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„Tom Atkins and I had grown up at a time when we were full of self-hatred for our sexual differences, because we´d had it drummed into our heads that those differences were wrong. In retrospect, I´m ashamed that my expressed hope for Peter Atkins was that he wouldn´t be like Tom – or like me. Maybe, for Peter´s generation, what I should have hoped for him was that he would be „like us“ – only proud of it.“

John Irving: In one Person

TEENAGE WILDLIFE

Eine komplette Woche in der Familie dürfte mindestens ein Jahrzehnt her sein. Wenn ich mal eine Woche da war, dann um das Haus zu sitten oder wenn ein Elternteil im Krankenhaus war. Letzte Woche war also ziemlich ungewöhnlich und dafür ziemlich gut. Es gab mal einen Punkt, wo ich Rückzug brauchte, den nahm ich mir dann und dann war´s auch wieder gut. Ansonsten waren wir zumeist froh, zusammen zu sein. (Sie müssen bedenken, dass ich ein ziemlich kontaktarmes Leben lebe – nach dem Job habe ich selten Lust, noch zu telefonieren, und ausgehen wird auch immer seltener. Wenn ich abends nach Hause komme muss ich mich auf niemanden einstellen, kein Programm abgleichen, keinen Tagesbericht abliefern, nicht zuhören.)

Dass das Wochenende dann im Abiball gipfelte war dann auch nochmal herausragend – 600 Gäste, die Schlange zum Buffet mit ca 30 Minuten Wartezeit. Alles ohne Andeutung von Panik, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass ich nicht allein war und mich in der Schwesternfamilie sehr gut aufgehoben gefühlt habe.
„Du warst auf der Party zu meinem 18. Geburtstag“, sagt mir die Mutter der besten Freundin des Patenkindes und ich frage mich, was ich noch alles vergessen habe aus meinem Teenage. In Erinnerung bleibt dieser letzte Sommer nach dem Abi vor dem Wegzug nach Berlin, in dem wir die Nächte zum Tag gemacht haben, tanzten, auf langen Autofahrten von Hannover oder Braunschweig zu The Smiths oder The Cure im Radio mitsangen, wo alles Schwere (die Schule) abfiel oder entglitt, wo für ein paar Wochen alles leicht und heiter und pur gegenwärtig war und die Zukunft um die Ecke wartete, voller Verheißung, aber ohne Versprechen. In Gestalt von diesem Berlin, der Stadt, von der wir uns das Größtmögliche erhofften, ohne einen echten Plan. Es gibt zwei Sachen, die ich anders machen würde. Die Erste – zurückschlagen, auch wenn in der Minderheit. Auf die Weichteile, in die Augen, dahin wo´s wehtut. Wie eine Furie drauf losgehen und nicht aufhören bis der Angreifer am Boden liegt. Und winselt. Und begreift, dass er der Unterlegene ist. Die Zweite: einen Plan machen. Die Zukunft abgleichen mit meinen Fähigkeiten und Vorlieben. Am Samstag hielt der Vertrauenslehrer auf dem Ball eine Rede. Es war gleichzeitig seine Abschiedsrede – er geht nach Ablauf des Schuljahres in Pension. Er hatte schon mich in Mathe unterrichtet (es zumindest versucht) und ist einer der besten Pädagogen, die mir je untergekommen sind. Unterm Strich, empfahl er seinen Schüler, tut das, was Ihr liebt. Unterm Strich bin ich dahin gekommen, über viele unnütze Umwege und über Berge und durch Täler. Aber ein bisschen Planung zur rechten Zeit hätte mir viel Mühe erspart. Der Wunsch, wegzukommen aus diesem Teenage, das erst zum Ende hin eine gewisse Leichtigkeit bekommen hatte, überschattete alles andere.

JUST PUT YOUR PAWS UP CAUSE YOU WERE BORN THIS WAY, BABY

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In einer Sache hat Madonna ja recht. Some of the happiest moments happen on the dance floor. Normalerweise muss man dafür zwischen 15 und 25 sein. Umso schöner, wenn es ca doppelt so alt immer noch möglich ist. Einer der schönsten Momente nicht nur der gestrigen Nacht, sondern meines gesamten Erwachsenenlebens begab sich also letzte Nacht, als die beste Freundin des Patenkindes einmal quer durch den Saal gerannt kam „Los jetzt! Sie spielen es!!“ und mich auf die Tanzfläche schleppte, wo ich mit ihr und dem Patenkind und der erweiterten Familie der nächsten Generation (der quasi-adoptierte homosexuelle Franzose und sein Boyfriend) zum Tanzen kam.* Schade, Madonna, dass Du nicht dabei sein konntest, aber „Born this way“ ist das bessere „Express yourself“.

Der ganze Abend war eine leuchtende Quelle der Inspiration und der Freude. Wow. Angefangen mit dem Einzug der Abiturienten zu „We are young“ über DJ-Aussetzer (Kann man bitte Marianne Rosenberg mit einem Schlag aus allen Setlisten eliminieren?!) bis zum beschriebenen Moment. Danach gab es einfach nichts, was den Abend noch schöner hätte machen können und so konnten wir ruhigen Gewissens ziehen und die Jugend unter sich weiterfeiern lassen. Wahrscheinlich feiern sie noch. Es ist ihnen gegönnt.

*Und, nein, das Photo zeigt nicht den Moment. Wenn ich tanze, dann tanze ich. Dann mach ich keine Photos.

GOD’S PATCHWORK

Heute vor 112 Jahren wurde der Mann geboren, ohne den es mich nicht geben würde. Mein Oppa. Und heute in diesem Jahr ist der Abschlussball des Patenkindes und ich werde das Kurt- Courage-Shirt ausführen, das mir das Patenkind aus New York mitgebracht hat. Auch ohne Kurt-Shirt würde ich das Patenkind sehr liebhaben, so aber noch mehr. Das Patenkind würde es sehr gerne sehen, wenn ich mit Glam-Make-up käme, aber die Utensilien dazu stehen im heimischen Badezimmer. Außerdem ist heute nicht der Tag zu upstagen. Heute bin ich gerne Hintergrund. Mit dabei sein werden die Eltern des Patenkindes, wobei es sich um meine Schwester und meinen Schwager handelt, sowie der Schülerautauschsleiter, der sich hier in einem Nachbardorf verliebte und kurzerhand in die Patenfamilie integriert wurde, damit seine Liebe eine Chance haben konnte. Und das hatte sie, er und sein Boyfriend sind heute abend auch dabei. Coole Familie!

1985/2012

Sitze in meinem ehemaligen Kinderzimmer, wo ich 1985 erstmals „Running up that Hill“ gehört habe, damals auf Vinyl auf einer Anlage, die ich mir vermutlich vom Konfirmationsgeld geleistet habe. Heute kommt dasselbe Lied aus einer kleinen Kiste, die in einer Art magentafarbenem Knochen steckt und in der kleinen Kiste wohnen noch tausende andere Lieder. Hätte ich damals nicht gedacht, dass es so eine Technologie einmal geben würde und macht mir Hoffnung, zu Lebzeiten noch per Teletransportation reisen zu können. (Die Reisemusik kommt dann vermutlich aus einer Wolke.) Noch ne Klammer: (Schellack ist auch noch im Familienbesitz, aber das dazugehörige Gerät ebenso funktionsunfähig wie der Vinyl-Schallplattenspieler.)

Und was hat Rainer Maria zur Geburt der Musik zu sagen?

Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos
wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene
Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.

(Ebenfalls aus der ersten Duineser. Musik entstand demnach aus der Klage um den Verlust eines Halbgottes. Trost spendet hier Ralph-Waldo: „Heartily know, when Half-Gods go – the Gods arrive.“ Das hat mir auch schon über so manche Durststrecke geholfen. Derweil singt Judith auf der ODP-Playlist „Lonely planet, lonely planet – oh this is lonely planet Germany“. Und wenn nicht Neo Barock mein nächster Künstlername wäre, dann Ralph-Waldo-Maria Rilke-Emerson.)

ALLES WÄR DRIN UND ALLES DANEBEN UND ES WÄR GUT

Die Durchgangsstraße auf dem Dorf ist deutlich lauter als die Seitenstraße in der Hauptstadt. Wach um halb 7, aber ist okay. Draußen wirkt schon alles sehr geschäftig. In B um die Zeit ist es noch totenstill. Außer Lesen in den vergangenen Tagen – Beach-Ball mit den Neffen, Obst geerntet und Marmelade gekocht. Manuskriptändrungen ins Typescript übernommen. Blumen gegossen. Gekocht. Die Lösung gefunden, falls die Helden nicht von mir zitiert werden wollen – dann singt Magda eben Rilke, der hat nichts (mehr) dagegen (einzuwenden).

Ständig schwarze Fingernägel vom Sauerkirschen ernten/ waschen/ entkernen/ verarbeiten. Vielleicht sollte ich die morgen zum Abiball lackieren. (Gerade eben erscheint der Abiball des Patenkindes noch weit entfernt und mehrere Nummern zu groß.)

Gedanken über eine Figur in ODP. „Darf man das?“ frage ich mich. Die Lieblingskollegin hat die Frage beantwortet mit „Er hätte ja bei Dir bleiben können.“ Die betroffene Person hat natürlich einen differenzierteren Blick und ich vollstes Verständnis.

Ich weiß nicht, was zutrifft, sollte ich den Satz beginnen „Längst hätte ich wissen sollen, welche Dinge ich bewusst tue und welche unbewusst.“ Oder hieße es doch treffender „Es war mir noch nie klar, wann meine Taten auf bewussten oder auf unbewussten Entschlüssen fußen.“
In beiden Fällen habe ich mir jemanden auf Distanz geschrieben, bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt. Meine Art, einen Aspekt der Beziehung endgültig zu beenden war für die Beteiligten ein Happy End zu schreiben. Deshalb nennt man das Genre ja auch Fantasy.

„Seltsam, die Wünsche nicht weiter zu wünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen.“

EIN JEDER ENGEL IST SCHRECKLICH

Halb durch mit dem Irving and love love loving it. Und wenn er dann mit Rilke kommt, da haut‘ s mich aus den Latschen. Die erste Duineser Elegie. Ach!

Eines dieser Bücher, wo man danach ratlos ist, was man jetzt noch lesen kann. Aber Rilke geht. Rilke geht ja immer. Und wenn jemand Rilke so einbaut, dann verdient er vielleicht sogar, dass man sich nochmal die Romane vornimmt, die man damals nicht mochte. „Son of the Circus“ vielleicht.