Archiv des Autors: glamourdick

MATTHEW

matt

Bei der amerikanischen Nachbarin war´s. Und jetzt ist´s wieder bei mir. Gestern noch einmal gelesen, bis zur Hälfte geschafft, immer wieder unterbrochen von Tränenausbrüchen. Es ist wohl das bewegendste Buch. Eine Mutter schreibt über den Mord an ihrem Sohn. Mit einer Klarheit, Offenheit und so voller Liebe und Verständnis, dass es einen zum Heulen bringt. Mitte 30 wäre er jetzt, hätten ihn nicht zwei zugedröhnte Schwulenhasser fast zu Tode geprügelt und an einen Zaun gefesselt über Nacht verrecken lassen. Oktober 1998, Wyoming.

DRUM MERKE, GLAM!

Sendungsbewusstsein runterschrauben, wenn es darum geht, Bücher, die einem wirklich am Herzen liegen, auch zugriffsbereit im Regal stehen zu haben. (Soeben „The Meaning of Matthew“ von Judy Shepard zum zweiten Mal bestellt. Aber vielleicht habe ich es auch nur an einen besonderen Platz gestellt, weil es nicht zwischen andere Bücher ins Regal gepfercht gehört; nur blöd, dass ich diesen besonderen Platz – oder an wen ich es verliehen habe – vergessen habe.)

GO, AKS SHAKESPEARE

Alles soweit ganz gut diese Woche; der Besuch vom Twiggster, fünf Folgen PLL, dreieinhalb Arztbesuche mit Wartezimmer ohne Panik, ich musste nicht mal ein Buch rausholen, was eh nie funktionierte, weil ich das Gelesene sofort wieder vergaß in der Anspannung. Keine Attacken seit der 40 mg Dosierung. Unwohlgefühle ja, mitunter auch Anspannung und in den Furcht-Szenarien fast immer leichte Nervosität, aber keine Attacke.
Frühstück mit Lieblingskollegin und ehemaliger zweitliebsten Kollegin, die jetzt einen Babybauch hat und strahlt und leuchtet, aber trotzdem die alte geblieben ist und nicht völlig schräg hormonell abgeht. Desweiteren endlich „Dark Shadows“ sowie „Contagion“. Gehen beide. Nichts zu meckern, sogar der aufgescheuchte Flow im Office bedingt durch Einarbeitung der Neuen tut gut. Es ist eigentlich echter kein Flow, weil der Arbeitsfluss ständig gehackt wird, aber das ist eine willkommene Herausforderung an meine Konzentrationsfähigkeit. Das Einzige was nervt – diese gruppierten Fragen, die fünf Leute beschäftigen, anstatt, dass sich einer bemüht die Antwort zu finden und nicht den halben Betrieb durchsucht nach jemandem, der die Antwort vielleicht schon hat.

8.10.12

„Und dann klingelte das Handy – unbekannter Anrufer auf dem Display, und ich war auf dem Festnetz und gab es der Kollegin und gestikulierte, sie soll rangehen und sagen, dass ich im Gespräch bin und zurückrufe, und aus dem Augenwinkel sehe ich nur, dass es ein kurzes Gespräch ist, und als ich mit meinem Gespräch zu Ende bin frag ich sie – war´s ein Typ?, weil ich mit einem Anruf vom Twiggster gerechnet hatte, mit dem habe ich mich gestern getroffen, und sie sagt – kann sein, könnte aber auch ne ältere Frau gewesen sein, irgendwas mit der Leitung hat nicht gestimmt. 5 Minuten später klingelt´s wieder und ich geh ran und es ist Ingrid-„
„Wie heißt die noch gleich mit Nachnamen?“
„Caven. Und sie ruft an und bedankt sich für „Ashby House“ – sie hat es schon zur Hälfte durch und findet die Sprache toll und die Story auch und besonders die Bette Davis-Anleihe.“
„Ach, das ist doch schön, dass jemandem, den Du so schätzt, das Buch gefällt. Glaubst Du, dass im Freundeskreis sich nur eine geäußert hätte? Nichts. Nur Frau F., die sagte – hach, das sind ja Schwulis!“
„Nein. Frau F.??“
„Da hab ich gesagt – aber Dein Sohn ist doch auch einer, und dann war sie still.“
„Die Sex-Szene ist doch extra drin, um bei den Leuten was auszulösen. Das Buch soll doch überraschen. Und konfrontieren. Und an der Reaktion kannst Du die Leute echt einstufen.“
„Ist doch überall Sex und Bettgeschichten.“
„Eben. Und nur weil´s da zwei Typen sind, kriegen manche nen Schock oder ekeln sich. Überleg doch mal – ich lese doch auch Bücher in denen Sex zwischen Männern und Frauen vorkommt. Hat mir auch nicht geschadet.“
„Die haben doch dann eher ein Problem mit der eigenen Sexualität.“
„Und da kannste mal sehen, was Menschen wie Frau F. für ein Verhältnis zum eigenen Sohn haben müssen.“
„Ja. schlimm. Ist das Wetter bei Euch auch so schön?“
„Ja. Herrlich.“
„Dann wünsch ich Dir einen schönen Tag. Lass es Dir gut gehen!“
„Du auch. Und grüß´ Papa!“

MANN MANN MANN

Vom samstäglichen Nachmittagsschlaf um Mitternacht aufgewacht, wagemutig durchs Programm gezappt und bei „Die Manns“ hängengeblieben und festgeschaut. Ca 2001 gedreht erzählt er die wirklich spannende Lebensgeschichte(n) der Schriftsteller-Familie, die Filmhandlung wird immer wieder unterbrochen von dokumentarischen Bildern und Interviews mit den Kindern Thomas Manns. Das Ganze ist dann auch mit allen deutschen Schauspielern besetzt, aber ohne Inge Meysel aber mit Veronica Ferres. Und auch mit Sophie Rois, Armin Mueller-Stahl, Sebastian Koch und Monica Bleibtreu, aber auffallend ohne Iris Berben, die vermutlich zur gleichen Zeit eine Kaffeeplantagenbesitzerin in Südafrika spielte, die in Bedrängnis ist, weil böse Mächte (Banken, Nachbarn, Horst Frank, ihre Mutter Hannelore Elsner usw.) ihrer Plantage den garaus machen wollen und ihre schwarze Köchin lässt immer flugs die Voodoo-Puppe in der Kekdose verschwinden, wenn Iris dort morgens erscheint, um erstmal mit dem Finger über die Kommodenflächen zu reiben, auf der Suche nach Staub, der nicht gewischt wurde, und der Boy, der eigentlich eine Ausbildung zum weißen Massai hatte machen wollen, wetzt nächtens das Messer an einem heiligen Stein, weil er sich nicht Besserers vorstellen kann, als es der Iris mal so richtig zwischen die Rippen zu heften, um sich ein Zubrot damit zu verdienen, die Zähne der Iris auf dem Elfenbeinschwarzmarkt feilzubieten. Nach Teil 1 der „Manns“ versuche ich, den Schlaf zu finden, im Liegen, was mir nicht gelingt, also mach ich den Fernseher wieder an und erwische noch die letzte halbe Stunde von Teil 2. Eine rotzblöde Zeit fernzusehen und trotzdem – wenn schon, denn hättense doch Teil 3 gleich heute morgen um 5 zeigen können und nicht morgen um 1.10 Uhr. Ärgerlich zappe ich weiter und verbring die Zeit bis 5 mit Johnny Depp, gebe dann dem Schlaf einen neuen Versuch, was sich jedoch als schwierig gestaltet, denn jetzte frage ich nicht nur nach Inge Meysel und Iris Berben, jetzt frage ich mich auch ernsthaft – wo war Heino Ferch? Wo die Loos? Wo die Sawatzki? RobertStadloberAugustDiehlTomSchilling? Nee, Moment, die Sawatzki war dabei, ich kann mich erinnern, wie sie eine Tasse Tee trank. Das lässt mir jedenfalls alles keine Ruhe und ich schwitze ganz stark, spüre, wie meine Haare sich in Korkenzieherlockenform hochspiralisieren und jetzt werd ich auch noch hornig und überlege, das mit dem Schlaf ganz sein zu lassen und stattdessen mal zu checken, wer am Sonntag um halb 6 nach Sex sucht, denk dann an den ziemlich monströsen Pickel fast direkt auf meiner Nasenspitze und dass der a) hässlich aussieht und b) bei allen Aktivitäten, die mir nun vorschweben, auf die mein Körper bereits mit einer verstärkten Blutzufuhr in die glamouröse Region reagiert, im Weg sein würde. Und irgendwo bin ich ja auch müde und alles. Zusammenfassend siehe oben.

BESONDERS WERTVOLL

Pierrot Lunaire. 12-Ton-Musik. Atonal. Eine ziemliche Herausforderung. KunstPunkPunkKunst. Sehr unwahrscheinlich, dass ich mir den mit Behagen anhören würde. Aber so ziemlich genau 100 Jahre nach seiner Uraufführung kam es dazu, dass der Herr Strike und ich in der 5. Reihe des Berliner Ensembles saßen, weil niemand anderes als Ingrid Caven ihn auf die Bühne bringen würde. Eigentlich kein leichter Abend, aber sie meisterte ihn nicht nur mit Bravour, sondern der ihr eigenen Selbstironie und mit meisterhafter Finesse. Zugegeben konnte ich mit dem zweiten Teil des Abends mehr anfangen – Raben, Schuhl, Fassbinder, aber ist es nicht fanatstisch, dass es diese Frau gibt, der es eine Freude ist, beim Krächzen und Juchzen, Kieksen, Wispern, Nuscheln und Brummen zuzuhören und zu schauen?! Heute übrigens noch einmal, selber Ort.

An meiner Zeit in der Musikndustrie hat mir das Networking am Meisten Spaß gemacht. Und ich freue mich, dass die beiden Musikerinnen, die ich gestern einander vorgestellt habe, sich verstehen. Sie kommen aus unterschiedlichen Sparten, aber eines verbindet sie – sie sind Vollblutmusiker. Und Fassbinder war Fan von beiden.

KIKI?? OUI OUI!!

Am Samstag komm ich gerade aus dem Kiosk, da ruft mir die amerikanische Nachbarin zu „Hey Glämmiiiiii!“. Da meine Psychopharmaka-Einnahme gerade zwei Stunden zurückliegt bin ich wenig erzählfreudig, muss ich auch gar nicht, sie hat selbst genug zu erzählen. Und ich denk noch, boah, das hört sich aber alles nicht gut an. Am Nachmittag kommt der Lieblingsfotograf. Nicht zum Fotografieren, sondern wie man das früher halt so gemacht hat – jemanden besuchen. Da gab es einen Todesfall im Familienkreis und da der sich shakespearianisch auffächert, sowohl als auch, reden wir maßgeblich über diesen Tod und diese Familie. Dann kommt das Skailight und mit ihm zwei eindrucksvolle Frauen. Die eine ist in der Stadt, weil sie ihren Vater beim Sterben begleitet hat und dann die Beerdigung. Die andere, weil sie eine gute Freundin ist und ihr beistand. Zwei Stunden oder so berichtet sie. Es fließen ein paar Tränen, aber zwischendurch wird auch gelacht. Habe ich erwähnt, dass die beistandleistende Frau atemberaubend schön ist? Like? Granate?! Jetzt hab ich. Als ich wieder allein bin denke ich, das war aber ziemlich hochdosiert, war das jetzt zuviel? Und befinde Nein. Und denke an Leute, denen ich zuviel geworden bin und bin ganz stolz darauf, dass ich ganz schön was aushalte.

Am Sonntag will ich Roomie anrufen (Ex-Roomie ist er ja eigentlich, aber das hört sich doof an) und fragen, ob er Lust auf ein Kiki hat, denn Skailight und Lieblingsfotograf hätten gern eines. Da kommt aber schneller, als ich zum Telefon greifen kann eine SMS von Roomie und er fragt, was ich heute vorhabe. Dann ist er da und wir reden über das Reden über die Krankheit und das Sterben, alle haben wir gerade diese Geschichten, und binnen Kürzester lachen wir hysterisch und laut und ansteckend und dann sind auch die anderen Jungs da, einer geht Nachschub-Riesling beim Spaetzle-Express holen, und dann kochen wir aus dem, was da ist, Blätterteigtaschen, Veggie meat balls in Zwiebel und Apfel, sowie einen Gurken-Tomaten-Salat und hören Musik und lachen und reden und freuen uns und schauen „Cabin in the Woods“, halt ein Kiki, das sich gewaschen hat. Derweil stellt sich noch heraus, dass der blöde zugekokste Typ, den ein ehemaliger Bekannter mal mit auf die Party beim Strike gebracht hat der Ex vom jetzigen Mann von Roomie ist und ihn an diesem Tag koksend mit dem jetzigen Mann von Roomie betrogen hat. Gleichzeitig war er auch mal der Kellner, der zu nahe an einen ran kommt beim Aufnehmen der Bestellung. Also wieder son Shakespear – so saßen auf dem gepflegten Dinner an einem Tisch der damalige Gatte von Roomies Gatten, und in Gestalt von Roomie – der zukünftige Gatte. Und wussten nichts voneinander. Ich kann Ihnen so Kikis nur empfehlen. (Darüber hinaus habe ich noch einen Cocktailtisch für Roomie erbeutet, der jetzt aber erstmal hier zwischengeparkt ist und an dem wir gestern unsere Dinner genommen haben.)

2012-09-30_20-15-38_956